Philine Schmölzer im Interview zu "Garmisch-Krimi" mit Andrea Zschocher

Philine Schmölzer: „Mich inspirieren Leute, die trotz unseres sehr leistungsorientierten kapitalistischen Systems das Feine und Menschliche suchen“

Philine Schmölzer sucht die Herausforderungen. Zumindest im Beruf. Deswegen spielt sie im „Garmisch-Krimi“ auch eine Polizistin, die so ganz anders sie, als sie selbst. Gut so, denn ihre Daphne ist ein wahrlich eigener Charakter. Natürlich mussten wir im Interview über diese Figur sprechen. Und über gute Drehbücher, spannende Frauenfiguren und Wunschprojekte.

Mehr darüber, was Philine Schmölzer antreibt und wer sie inspiriert, lest ihr im Interview.

Was magst du an deiner Daphne?

Philine Schmölzer: Daphne und ich sind sehr unterschiedlich. Das mag ich sehr gern. Wenn wir das mal rein äußerlich betrachten: Sie hat lange Gelnägel, Strähnchen im Haar, trägt Pastellfarben. Sie ist trotzdem sehr professionell, lässt wenig ihrer Persönlichkeit durchscheinen. Sie liefert ehrliche Ermittlungsarbeit, auch wenn sie dabei gegen Wände läuft. Ihr ist das wichtiger als alles andere.

Daphne bleibt dran, macht sich nicht klein. Das gefällt mir. Sie ist natürlich auch ein bisschen absurd, wie sie da mit ihren Gelnägeln in dem Wolfskörper rumwühlt und keinerlei Ekel verspürt. Sie hat einige Widersprüche in sich, und das mag ich auch.

Philine Schmölzer im Interview zu "Garmisch-Krimi" mit Andrea Zschocher
© ZDF/Linda Gschwentner

Ihre Kleidung und auch ihr Äußeres führen einen schon auf eine falsche Fährte. Ich mag das, mit meinen eigenen Klischees so konfrontiert zu werden.

Ich mag das auch. Daphne hat wirklich Charakter, tut manchmal unvorhersehbare Dinge, das hat mich sehr abgeholt. Ich mag es, wenn Rollen, die ich spiele, nicht linear sind, wenn die auch mal eine 180°-Wendung vollziehen. Wir haben das schon sehr oft im deutschen Fernsehen, dass man Drehbücher liest und schon vor dem Umschlagen der nächsten Seite weiß, wie es weitergeht.

Bei Daphne ist das nicht so, und das habe ich auch der Regisseurin  Saralisa Volm zu verdanken. Ich konnte Daphne mit ihr entwickeln. Dazu gehört auch, dass wir beide unterschiedliche Visionen von ihr hatten. Wir haben uns dann irgendwann in der Mitte getroffen, und das war wirklich toll.

Was war denn deine Vision? Denn Daphne ist ja auch der Gegenpol zu Ira [gespielt von Lavinia Wilson], die auch ein ganz eigener, starker Charakter ist. Ich fand auch Ira super, weil sie Härte verkörpert, schwarz trägt, wo deine Daphne dann eher mit Pastell um die Ecke kommt.

Die Idee mit dem Pastell kam tatsächlich von der Regisseurin. Ich hätte ihr vielleicht eher eine Brille aufgesetzt und eine Wollstrickjacke angezogen. Ein bisschen leiser eben. Kennst du die junge Ermittlerin bei „Fargo“? Ein bisschen habe ich mich daran orientiert, weil ich sie toll finde. Sie ist ganz lieb und bleibt immer dran.

Ich wollte auch etwas Humor reinbringen, denn Daphne ist ja vielschichtig. Sie geht am Wochenende bestimmt mit ihren Mädels Cocktails trinken und tanzen. Sie unterwirft sich niemandem. Ich mag auch die Beziehung zu ihrem Angestellten Patrick Wams, gespielt von Michael Kranz. Diese beiden Figuren sind so lustig miteinander. Wir drehen hier den Spieß einfach mal um, auch wenn man erst mal natürlich denkt, dass Daphne die Zarte, das Mäuschen ist. Michael spielt den auch so super und mit einer Würde.

Philine Schmölzer im Interview zu "Garmisch-Krimi" mit Andrea Zschocher
© ZDF/Linda Gschwentner

Daran sind natürlich auch die tollen Requisiten schuld. Dieser pinke Trinkbecher, diese Winkekatze … Da gibt es ganz viel im „Garmisch-Krimi“ zu entdecken.

Nach dem Becher wurde wirklich lange gesucht! Es war immer nicht der passende, Saralisa Volm ist eine sehr genaue Regisseurin, ihr war dieses Detail sehr wichtig. Wir haben dieses Riesenteil erst kurz vor knapp von der Ausstattung bekommen.

Ich mag, dass Daphne natürlich genau weiß, was Männer über sie denken, wenn sie mit ihrem pinken Becher daherkommt. Die glauben, sie sei nicht fähig im Job, sie könnten sie klein halten. Vielleicht verdrehen sie auch die Augen hinter Daphnes Rücken. Aber ihr ist das egal. Sie macht trotzdem einfach weiter und glaubt an sich, an ihre Arbeit und an ihre Qualitäten. Solche Frauen brauchen wir doch.

Auf jeden Fall. Und du hast ja schon in „Crystal Wall“ mit Ylva eine Rolle gespielt, die ein bisschen anders und total spannend war.

Das freut mich, dass du das sagst, danke. Ylva ist wirklich nicht so richtig zu kategorisieren. Über die kann man sich schon ab und zu wundern.

Philine Schmölzer im Interview zu "Garmisch-Krimi" mit Andrea Zschocher
© ZDF/Linda Gschwentner

Aber das ist ja okay. Ich wundere mich hier in Berlin oft über Menschen. Und trotzdem kann ich die gut so sein lassen und akzeptieren.

Absolut! Ich lebe auch in Berlin und weiß genau, was du meinst. Ich mag, dass es solche Rollen im Fernsehen gibt, wenn auch viel zu wenig. Wir brauchen doch Figuren, die überraschen. Ich will nicht immer nur den Status quo erhalten, damit ich Leute nicht verärgere. Ich möchte Rollen spielen, die mich inspirieren, keine, bei denen ich mich frage, was ich daraus machen soll, weil man das alles schon so oft gesehen hat.

Es gibt so viele tolle Regisseurinnen und Regisseure, die große Lust auf Veränderung haben. Und bei den Drehbuchautorinnen und -autoren gibt es die auch. Aber allen sind die Hände gebunden, wenn das dann nicht gewünscht wird. Ich finde, man muss dem Publikum mehr zutrauen. Wir können nicht immer nur mehr vom Selben machen.

Jetzt haben wir viel darüber gesprochen, was wir uns nicht wünschen. Welche Frauenfiguren reizen dich denn?

Ich würde gerne eine Superheldin spielen. Ich fürchte, dass das im deutschen Fernsehen eher schwierig wird, aber vielleicht im Kino oder Streaming. Ich will auf jeden Fall auch kein Bondgirl sein, sondern Jane Bond. Ich möchte Genderklischees gern umdrehen, darauf habe ich große Lust.

Was ich auch gern spielen möchte, ist eine extrem emotionale Rolle, jemanden, der durch eine ganz tiefe emotionale Krise geht. Ich möchte trotz allem den Humor in der Figur suchen, gleichzeitig aber die Krise nicht aus den Augen verlieren.

Diese zwei Rollen in Kombination mit einer guten Regie, guten Kolleginnen und einer Produktion, die offen und mutig ist, das wäre ein Traum.

Philine Schmölzer im Interview zu "Garmisch-Krimi" mit Andrea Zschocher
© ZDF/Linda Gschwentner

Ich glaube, der letzte Part ist extrem wichtig. Denn das Drehbuch kann so gut sein, wie es will, wenn in der Produktion Menschen doch wieder auf Sicherheit aus sind, dann verändert sich deine Rolle ja direkt wieder.

Man wird dann in seiner Kreativität total beschnitten! Ich spiele ja für die Zuschauenden, ich biete denen etwas an. Aber wenn direkt gesagt wird, dass das wieder eingefangen wird, weil man das Leuten nicht zumuten kann, das darf doch nicht sein. Ich finde, man muss Leuten viel mehr zumuten.

Das Leben mutet uns doch auch wahnsinnig viel zu.

Du hast total recht. Das ist die Essenz von allem, was wir hier besprechen. Es muss was passieren im deutschen Fernsehen, vielleicht auch im deutschen Kino. Ich gehe so wahnsinnig gern ins Kino, schaue mir Filme aus aller Welt an und gehe da verändert wieder raus.

Filme zeigen neue Sichtweisen, zeigen mir Charaktere, die ungewöhnlich sind, in denen ich mich und andere erkennen kann. Ich kann dann überlegen, in welchen Aspekten wir übereinstimmen oder auch ganz anders sind. Natürlich ist das bei mir als Schauspielerin auch irgendwie eine Berufskrankheit. Ich gucke immer, wie andere spielen, was andere machen.

Welche Filme magst du denn? Wir hätten uns bei der Premiere von „The Change“ nämlich fast getroffen, und irgendwie passt der Film für mich sehr gut zu unserem Thema.

Ich mag mutige Filme. An „The Change“ hat mir zum Beispiel total gefallen, dass im Kleinen, an dieser Familie, die großen gesellschaftlichen Veränderungen gezeigt wurden. Das war bedrohlich, hat einem Angst gemacht. Gleichzeitig war ich ziemlich geflasht von dem Film und habe noch lange darüber nachgedacht. Ich finde es gut, solche Dystopien zu zeigen. Das ist vielleicht manchmal auch ein bisschen einfacher, eine utopische Zukunft zu zeigen, gerade im Film. Wenn da am Schluss die Welt untergeht, dann denke ich aber schon auch: Wir sind alle im Arsch.

Vielleicht ist das auch eine Krankheit meiner Generation, dass wir so oft denken, wir sind am Arsch. Und deswegen dann eher YOLO, you only live once, dann machen viele, was sie wollen, weil es scheinbar eh egal ist. Was haben wir denn für eine Zukunft? Schau dich um: Trumps Amerika, der Rechtsruck in Europa – wie weit sind wir von der Dystopie aus „The Change“ denn noch entfernt?

Ich mag Grenzerfahrungen im Film, auch wenn mir das gleichzeitig schnell zu krass wird. Aber es ist eben das, was ich vorhin gesagt habe: Es braucht mehr Mut. Wenn ich jetzt Filmemacherin wäre, würde ich solche Filme machen. Und sie vielleicht doch mit einem Ausweg enden lassen.

Philine Schmölzer im Interview zu "Garmisch-Krimi" mit Andrea Zschocher
© ZDF/Linda Gschwentner

Eine letzte, wirklich große Frage: Was inspiriert dich?

Mich inspirieren Menschen, die eine klare Haltung haben und sich anderen, die eine andere Haltung haben, trotzdem annähern. Filmisch inspiriert mich Giorgos Lanthimos. Auch seine Filme sind sehr dystopisch.

Jane Goodall inspirierte mich als Aktivistin. Ich höre sehr viel Musik und lasse mich auch da inspirieren. Neulich war ich auf dem Konzert der amerikanischen Rapperin Ashnikko.

Vielleicht lässt es sich so zusammenfassen: Mich inspirieren Leute, die trotz unseres sehr leistungsorientierten kapitalistischen Systems das Feine und Menschliche suchen. Ich mag Menschen, die miteinander sprechen, die ein Verständnis für andere Menschen, für Tiere und die Umwelt haben. Ich finde Menschen inspirierend, die sich selbst nicht immer in den Mittelpunkt stellen.

Ihr könnt Philine Schmölzer in ihrer Rolle aus Daphne Meindl gemeinsam mit Lavinia Wilson als Ira Zach den neuen „Garmisch-Krimi“ führt, ab sofort in Web & App des ZDF schauen. Premiere feiert der Film am 28. Februar um 20:15 Uhr im ZDF.


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