Wieviele Gedanken habt ihr euch schon über das Thema Autofahren beim Film gemacht? Ich bisher ziemlich wenig, aber Marie Leuenberger hat das jetzt zum Glück geändert. Wir haben nicht nur über ihre Fahrkünste in der Realität, sondern auch am Set gesrochen. Der Grund: Sie spielt in „Verbrannte Erde“ die Fluchtwagenfahrerin und Autotesterin Diana.
Im Interview mit Marie Leuenberger ging es aber nicht nur um Autos, sondern auch um das, was viele von uns beschäftigt: Einsamkeit, zuviel Zeit am Handy und eins meiner Herzensthemen: Authentizität. Ein ehrliches Gespräch über einen wichtigen Wert in unserem Leben.
Was bist du im echten Leben für eine Autofahrerin?
Marie Leuenberger: Eine ruhige. Ich habe tatsächlich großen Respekt vorm Autofahren und fahre deswegen sehr ruhig. Nicht zu schnell, nicht zu langsam. Ich fahre nicht so gern lange Autostrecken, da werde ich müde. Dieses Brummen und Rumsitzen, das hat alles eine einschläfernde Wirkung auf mich.
Du spielst Diana, eine supergute Autofahrerin. Ich freue mich über jede Figur, die gegen das Klischee der schlechten Autofahrerin anspielt.
Ich habe beim Film wirklich Respekt vor dem Autofahren, weil es ja immer Autos sind, die man nicht kennt. Man steigt am Drehtag in Autos ein, die länger und breiter sind als das eigene, schneller bremsen oder Gas geben, und man hat kaum Zeit, sie kennenzulernen, sich darauf einzulassen.
Bei meinem allerersten Autodreh für einen Film, bei dem es um Blitzeis ging, habe ich keine gute Erfahrung gemacht. Meine Figur musste ganz schnell von A nach B, war gestresst und musste schnell fahren. Die Schnellstraße, auf der wir gedreht haben, war natürlich abgesperrt und ich habe Gas gegeben. Trotzdem war da irgendwo ein Bordstein, den ich gestreift habe.
Für mich war das ein echter Schockmoment, weil ich mich, weil wir beim Film sind, in dieser Sicherheit gewogen habe, dass alles abgesperrt ist, wenig passieren kann. Aber ich kenne diese Straße nicht, ich spiele, dass ich in Eile bin, dass es um Leben und Tod geht und muss trotzdem die Straße im Blick haben. Als Schauspielerin bin ich in diesem Moment in einer anderen Realität, ich spiele etwas, das nichts mit mir zu tun hat. Das geht, weil wir am Set sind, weil alle wissen, dass wir schauspielern. Aber Autofahren ist immer in der Realität. Da treffen für mich dann zwei Welten aufeinander.
Ich war froh, dass ich bei „Verbrannte Erde“ schon erfahrener war, denn im Berliner Nachtverkehr mit der Kamera im Auto hinten jemanden verfolgen, das ist nicht so einfach. Wir spielen ja im normalen Verkehr, ich soll schnell sein, darf aber nicht abrupt bremsen, muss mich da reinfinden und die coole Fluchtwagenfahrerin spielen. Es hat mir großen Spaß gemacht, aber ich hatte auch eine gewisse Anspannung in mir.

Danke, dass du so ausführlich davon erzählst. Ich glaube, vielfach gibt es die Vorstellung, dass Schauspielende gar nicht selbst den Wagen steuern.
Das gibt es natürlich auch, aber wenn wir selbst am Steuer sitzen, dann sitzt der Kameramann schräg hinten auf der Rückbank, meist mit einem riesigen Kissen auf dem Schoß, weil die Kamera zu schwer ist und zusätzlich über Seile auch noch gesichert werden muss. Hinter mir sitzt dann noch der Tonmensch, der sich ziemlich verbiegen muss, um einen guten Ton zu bekommen. Und dann noch ein anderer Schauspieler, wenn ich einen Beifahrer habe, der ja auch noch mit ins Bild soll. Das ist alles sehr gedrängt und die ganze Technik muss möglichst unsichtbar sein, während ich dann auch noch Auto fahren muss.
Wir spoilern nichts, wenn wir sagen, dass es in „Verbrannte Erde“ um ein geklautes Gemälde geht. Welches Kunstwerk würdest du klauen, wenn du es müsstest?
Eines von Mark Rothko, ich glaube, es ist ein blaues mit einem roten Rand. Ich habe es in der Fondation Beyeler in Riehen in der Schweiz gesehen. Ich stand davor und mir kamen die Tränen. Ich weiß nicht warum, es ist ja eigentlich nur eine Farbfläche. Aber mich hat das Bild tief berührt, deswegen würde ich mich für dieses Bild entscheiden.
Das Geschenk der Kunst ist ja, dass sie einen fesselt, berührt, verwirrt oder abstößt. Kunst hat diese große Kraft.

Beim Schauspiel ist es ähnlich, auch eine Kunst. Was möchtest du mit deiner Kunst bei Menschen auslösen?
Ich möchte Leute durch Filme berühren. Ich selbst gehe ins Kino, weil ich verändert rauskommen möchte. Ich möchte etwas erleben, was nichts mit meinem Alltag zu tun hat. Ich mag es auch, zu weinen, im Kino finde ich das großartig. Und genau dafür braucht es gute Schauspieler. Mich interessiert beim Film generell die Authentizität der Figuren.
Das heißt, du gehst regelmäßig ins Kino?
Es gibt bei mir immer Kinophasen, in denen ich wirklich ganz viel gucke. Das hat natürlich immer auch mit meiner Zeit und Verfügbarkeit zu tun. Aber ich finde es großartig, in diesem dunklen Raum vor einer großen Leinwand zu sitzen, alle haben die Handys aus und sind in diesem Moment.
Ich liebe auch Filme mit Überlänge, denn da ist dann noch mehr Raum für Geschichten. Das ist wie einen guten Roman lesen, nur habe ich für den Film mehr Ausdauer.
Ich wünsche mir immer, dass die Handys im Kino ausbleiben. Bei den Pressevorführungen ist das natürlich auch so, aber bei den normalen Vorstellungen erlebe ich das leider immer weniger.
Handys im Kino nerven, da kann man gar nichts dagegen sagen. Aber ich erinnere mich, wie während der Pandemie immer mehrere Plätze leer bleiben mussten und ich dann bei den Lockerungen total genervt war, als um mich herum dann Leute Popcorn gegessen und geraschelt haben. Dann habe ich nachgedacht und entschieden: Nein, es ist toll, dass ich nicht mehr mit fünf, sondern mit 50 Leuten im Kino sitze und einige da vor sich hin rascheln. Lass sie doch, ich bin wenigstens nicht allein hier. Das ist ja das Schöne im Kino.
Die Streamingdienste haben in der Zeit unglaublich aufgeholt, es ist ja wahnsinnig bequem, abends auf dem Sofa einen tollen Film anzuschauen. Aber es geht nichts über die große Leinwand.
Das habe ich bei „Verbrannte Erde“ gedacht. Den habe ich auf der Berlinale verpasst und ihn jetzt auf meinem Laptop geschaut. Dabei ist das ein Film, der auf der großen Leinwand sicher ganz anders wirkt.
„Verbrannte Erde“ ist ein Film fürs Kino! Der ist langsam, am Anfang dunkel, er spielt viel in der Nacht. Die Musik hat im Kino eine unglaubliche Wirkung, was ich großartig finde.
Für den Film muss man ein bisschen runterkommen, durch das langsame Tempo muss man auch erst mal reinkommen. Und gleichzeitig nimmt er in seiner Langsamkeit Fahrt auf, ein typischer Film fürs Kino.
Man braucht einen Moment, um sich darauf einzulassen. Und dann ist man total drin. Es gibt eine Szene, in der zwei miteinander telefonieren und ohne, dass jemand ein Wort sagt, ist da eine wahnsinnige Spannung, die einen total mitreißt. Das kommt im Kino sicher noch viel deutlicher zum Ausdruck.
Gerade die Szene, von der du sprichst, hat eine große Anspannung. Da ist ganz viel Lauern. Die Figuren, die Thomas Arslan da kreiert hat, das Lauern aufeinander und gegeneinander. Die Vereinsamung in der Gesellschaft, aber auch in jeder einzelnen Figur, das nimmt einen mit. Die versuchen alle auszubrechen, haben eine große Sehnsucht und Menschlichkeit in sich. Niemand ist da hohl oder taub für die eigenen Gefühle und die Außenwelt, sie alle spielen miteinander. Es geht dabei allerdings ums Überleben.
Es gibt in „Verbrannte Erde“ kein Happy End, aber ich kann sagen, dass es als Trilogie von Thomas Arslan geplant war. Der dritte Teil ist im Prozess.

Wir sehen im Film Kriminelle, und doch sind sie ein Spiegel unserer Gesellschaft. Denn alle Menschen brauchen Verbindung und die Figuren sind alle sehr einsam. Ich glaube, wenn man einsam ist, kann man sich diesen Film gar nicht so gut anschauen.
Ich habe noch nie darüber nachgedacht. Es gibt ja einen Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein. Ich sehe bei mir im Hinterhaus jeden Abend eine Frau auf ihrem Bett liegen und in ihr Handy starren, stundenlang. Für mich ist das ein wahnsinnig trauriges Bild. Ich würde ihr gern sagen: Leg das Handy weg und geh mal raus.
Vielleicht würde sie diesen Film schauen und sich selbst erkennen. Ich weiß es nicht.
Die Hürde, rauszugehen und sich weniger einsam zu fühlen, die ist aber sehr hoch. Denn nur rausgehen macht nicht automatisch weniger einsam.
Ich denke da gerade auch viel drüber nach. Ich sehe so viele Menschen auf der Straße, zu zweit oder allein und alle sind am Handy. Ich finde es erschreckend, wie normal es innerhalb von ein paar Jahren geworden ist, das Leben am Handy zu verbringen. Ich bin davon überzeugt, dass es Menschen gut tut, mehr mit anderen zu machen, in einem Verein zu sein. Echte Begegnungen zu erleben. Denn es ist etwas anderes, sich im Café gegenüberzusitzen oder nur miteinander zu chatten.
Es ist eine komische Zeit, in der wir leben. Wenn ich Dokumentarfilme von früher schaue, dann sieht man die Menschen, die ohne Handy zusammensitzen und sich austauschen. Oder man sieht, wie sie damals getanzt oder miteinander geredet haben. Das ist viel individueller als heute. Heute sprechen wir weniger miteinander, lassen uns weniger aufeinander ein. Da möchten die meisten nur eine Show abziehen und wer da nicht mitmacht, der zieht sich zurück. Das bringt doch aber nichts.
Das bringt uns zurück zur Authentizität. Die fehlt ganz oft und wird in den sozialen Medien vorgegaukelt. Wie oft ich da schon hinter die Fassade geguckt und mich erschrocken habe.
Es wird immer schwieriger, authentische Menschen zu finden. Aber ich behaupte, dass die Sehnsucht danach bleibt.
Letztes Jahr lief der Film „Mother Baby“ im Wettbewerb auf der Berlinale. In diesem großartigen Drehbuch geht es um eine Frau, die einen dringenden Kinderwunsch hat. Nach unzähligen gescheiterten Versuchen klappt es, die Geburt ist schwierig, das Kind wird ihr weggenommen. Sie bekommt es wieder und zweifelt daran, dass es ihr Kind ist.
Im Film geht es um ihr Zweifeln, ihre Ängste und Sorgen, darum, wie die Familie damit umgeht und wie einsam und allein sich die Mutter fühlt. Es passieren wirklich komische Sachen und ich habe mich gefragt, wie man so ein Drehbuch schreiben kann. Wie kommt man auf so eine Idee?
Ich habe dann mitbekommen, dass die Autorin eine traumatische Geburt erlebt hat, sie sagte selbst, dass sie sich wie auf einen anderen Planeten geschossen gefühlt hat. Nichts war so, wie sie es sich vorgestellt und gewünscht hat. Sie hat versucht, mit dem Leben mit dem Kind, mit dem Muttersein, mit ihren Gefühlen klarzukommen und hat diese Geschichte aufgeschrieben.
Bei dem Drehbuch wird man berührt und irritiert, es hallt lange nach. All das, weil es einen echten Kern hat. Viele Filme, die wir feiern, haben ihr Wurzelwerk in der Menschlichkeit. Wir haben bei all der Oberflächlichkeit ein tiefes Bedürfnis nach Authentizität.
Interessant finde ich auch, dass das Wort so schwierig auszusprechen ist. Man kann es fast nicht authentisch sagen. Vielleicht ist das Absicht? Man muss Pausen machen, um es auszusprechen, muss überlegen, wie man es sagt. Das ist doch auch spannend.
Was inspiriert dich?
In erster Linie Menschen. Begegnungen mit ihnen, Erfahrungen, die ich mit ihnen mache. Wenn ich mich einem Thema nähere, suche ich nach Geschichten, nach Bildern, nach Stofflichkeiten. Dabei hilft mir auch die Fantasie. Die kommt aber nur, wenn man Sachen erlebt.
Es gibt diese Phasen, in denen der Alltag relativ uninspirierend ist. Aber Begegnungen mit Menschen überraschen mich immer wieder. Ich liebe Überraschungen. Und Humor, den liebe ich auch. Aber Humor ist letztlich auch genau das, man wird überrascht von einer Denkweise. Wenn Menschen echt sind, sind sie für mich immer inspirierend. Das kommt leider, wie wir schon besprochen haben, zu selten vor.
Mir macht es sehr viel Spaß, durch die Stadt zu laufen und Menschen zu beobachten. Ich wünschte, ich könnte mich dafür ganz klein machen, so dass niemand bemerkt, dass ich sie oder ihn beobachte. Ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich liebe es, Menschen zu beobachten. Wenn sie sich unbeobachtet fühlen, sind sie nämlich auch authentisch.
Die WDR Kinokoproduktion „Verbrannte Erde“ könnt ihr ab sofort in der ARD Mediathek sehen.

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