50 Marathons in 50 Tagen, 120.000 Höhenmeter und acht Länder: Klingt das wie ein Unterfangen, dass ihr euch für euer Leben vorstellen könnt? Ich finde es total faszinierend, was Menschen alles schaffen können. Denn Magdalena Kalus und Susi Lehmann haben sich auf den Weg gemacht, diese Alpenüberquerung zu schaffen. Wie kommt man da drauf, was macht das mit einem und was muss man vielleicht schon mitbringen, um solch eine Idee in die Tat umzusetzen. All das wollte ich im Interview von Magdalena Kalus wissen.
Magdalena, wie kamt ihr auf die Idee zu „Running Via Alpina“?
Magdalena Kalus: Susi und ich sind schon in der Vergangenheit verschiedene Laufevents zusammen gelaufen. Das, was man im Team machen kann, das haben wir gemacht. Und dann haben wir überlegt, was wir als Nächstes machen können, weil wir beide nicht mehr so große Lust auf diese Wettkampfsituationen hatten. Da ist zeitlich ja sehr viel vorgegeben und wir wollten uns lieber selbst organisieren.
Wir sind dann nach einiger Recherche bei den längsten Alpen-Tracks gelandet und haben festgestellt, dass die Via Alpina, von der wir vorher nur mal am Rande gehört haben, von Triest nach Monaco geht und fast direkt bei uns an der Haustür vorbeigeht. Ich fand die Idee super, dass wir acht Länder durchlaufen werden, und so war die Idee geboren.
Ok, die meisten würden vermutlich schon bei „acht Länder durchlaufen“ zusammenzucken. Wie groß war diese Challenge für euch?
Wir haben ja genau diese Herausforderung gesucht! Wir challengen uns gern, wir loten unsere Grenzen aus, und da hat das einfach supergut gepasst. Wir sind auch schon mal 300 km am Stück gelaufen, ohne wirklich eine Pause zu machen. Da muss man sich selbst zur Pause zwingen und sagen: Ist gut für heute!
Uns war also bewusst, dass die Via Alpina eine krasse Herausforderung wird. Wir wussten nicht, ob wir das logistisch hinbekommen, ob wir überhaupt wirklich so weit laufen können und wollen, und da war es doch logisch, dass wir gesagt haben: Das versuchen wir! [Sie lacht]

Und woher wusstet ihr: Hier ist eine Grenze? Denn es ist ja klar, dass ihr körperlich an Grenzen kommt. Aber was ist für euch ein Indikator, bei dem ihr sagt: Jetzt geht’s einfach nicht mehr!
Ich hatte einige Tage, bevor wir bei Kilometer 600 bis 700 angekommen sind, schon Schmerzen in meinem rechten Unterschenkel. Erst habe ich gedacht, dass es nicht so schlimm ist, aber es stellte sich raus, dass ich ein vorderes Kompartmentsyndrom hatte. Alle Strukturen meines vorderen Unterschenkels waren entzündet. Ich war beim Arzt, bei der Physio, habe alles Mögliche probiert.
Mit jedem Tag, den ich da 50 km draufgelaufen bin, ging es mir immer schlechter. Ich hätte eine Woche Pause machen müssen und dann erst wieder weitermachen. Ich habe mein Bein einfach total überlastet. Für mich war das aber eine ganz neue Erfahrung. Ich hatte das vorher noch nie, dass ich sagen musste: Ich kann jetzt nicht mehr weitergehen.
Ich habe dann immer tageweise geguckt, wie die Strecke ist, wie viel ich laufen kann. Ich hatte wirklich extrem starke Schmerzen und habe auch gemerkt, wann es nicht mehr ging. Ich hätte mich mit krassen Schmerzmitteln vollpumpen können, und ich habe natürlich auch versucht, das einzudämmen. Aber am Ende geht’s um meine Gesundheit. Und da muss man irgendwann die Reißleine ziehen.
Wir mussten entscheiden, ob wir unser Ziel retten wollen oder eben ein paar Tage länger brauchen, dafür aber die Gesundheit nicht komplett riskieren. Auf Dauer diese Schmerzen zu unterdrücken, das ist ja nicht gesund. Mein Körper hat mir ganz klar gesagt, dass ich eine Pause brauche. Und an dieser Grenze lässt sich auch nichts verschieben.
Ich war an sich ja fit, ich konnte nur einfach nicht mehr weitergehen. Es waren ja nicht nur die extremen Schmerzen. Wenn du mit solch einer Verletzung läufst, dann gehst du ja auch in eine Fehlhaltung. Da hätte garantiert auch irgendwas anderes angefangen weh zu tun. Der Sinn der Sache war für uns ja nicht, rumhumpelnd das Ziel zu erreichen. Wir wollten Spaß dabei haben, eine tolle Zeit haben und nicht bei jedem Schritt leiden.
Mein Kopf war da gar nicht das Problem, es war wirklich der Körper. Mein Kopf ist sehr stark, ich habe da keine Blockade. Das gibt es ja auch manchmal. Wir haben schon mal einen Lauf nach 300 km abgebrochen, weil wir einfach keinen Bock mehr hatten. Da kann man schon sagen, dass der Kopf nicht mitgespielt hat. Wir wollten es damals nicht genug.#

Du sagst, ihr wolltet die Via Alpina aus Spaß und Freude laufen. Wie bist du da hingekommen, dass Ultratrailrunning ein Teil deines Lebens ist?
Inzwischen ist das schon auch ein Nebengewerbe, das ich neben meinem Teilzeitjob im Family Office ausübe. Und ich war einfach schon immer sehr gern in der Natur unterwegs. Alle Sportarten, außer dem Tanzen, die ich gemacht habe, hatten immer etwas mit den Bergen zu tun. Ob Wandern, Snowboard fahren, Hindernisläufe, Klettern, Skifahren, es ging immer um Fortbewegung in der Natur.
Ich habe festgestellt, dass ich relativ ausdauernd bin und mir das relativ leichtfällt. Ich hatte noch nie das Gefühl, dass ich mir gewünscht habe, ich wäre bald da, ich will jetzt auf der Hütte sein. Ich hatte schon immer Spaß daran, lange draußen unterwegs zu sein. Irgendwann habe ich festgestellt, dass ich ein Talent dafür habe, mich schneller und länger am Stück draußen fortzubewegen als andere. Ich ziehe da viel Kraft und Freude daraus, mich über lange Strecken zu Fuß fortzubewegen.
Ein Traum für alle Eltern mit Kindern. Hast du einen Tipp für alle Eltern, deren Kinder so gar keine Lust auf Bewegung haben?
Ich glaube, man sollte intrinsisch motiviert sein. Man muss das einfach gerne machen, dann springt der Funke ganz automatisch über. Es gibt ganz viele Leute, die jetzt mit Ultraläufen anfangen, die Triathlon ausprobieren. Macht das alles gern, aber überlegt, ob euch das wirklich Spaß macht oder ob ihr das macht, weil es gerade Trend ist.
Denn wenn man es aus den falschen Gründen macht, sich da eigentlich total quält und nur einen Plan verfolgt, dann bringt das doch keinen Spaß. Wenn eure Talente und Interessen ganz woanders sind, warum dann einem Trend hinterherrennen?
Ich zum Beispiel fühle Fahrradfahren gar nicht. Ich habe mir während Corona ein Fahrrad gekauft, weil hier alle Gravelbike gefahren sind. Aber es bockt mich einfach nicht. Ich fahre gern Fahrrad, weil man da viel sieht und den Fahrtwind hat, aber ich habe auch Schiss, hinzufallen. Ich habe Schiss wegen der Autos und mir tut irgendwann mein Po weh. Das ist einfach nicht meins und das ist doch auch okay.

Mir würde bei dem, was du so über das Ultratrailrunning sagst, allerdings auch alles weh tun, deswegen lasse ich es vielleicht gleich.
Mir tut da ja auch alles weh, aber ich will das eben auch. Vielleicht ist das die Lektion fürs Leben: Finde den Sport, der dich wirklich glücklich macht! Das kann ja auch eine Ballsportart oder Kampfsport sein. Oder Tanzen, irgendwas Spielerisches. Es muss ja auch gar nicht als Sport deklariert sein. Man kann mit Freunden Fußball spielen oder Handball, einfach so. Da braucht man auch kein Talent für, nur Freude an der Bewegung.
Was sagst du Leuten, die sagen: Was Magdalena kann, das kann ich auch.
Sie können das natürlich versuchen, aber es braucht jahrelange Vorbereitung und Training und viele, viele Kilometer in den Beinen, bevor ich da war, wo ich jetzt bin. Man macht nicht einfach mal so eine Alpenüberquerung. Ich bin der Meinung, dass Leute groß träumen sollen. Wer die Via Alpina machen oder quer durch Deutschland laufen möchte, der soll das unbedingt probieren. Wenn man die körperlichen Voraussetzungen hat, kann man das auf jeden Fall erreichen.
Ich bin ja auch nur ein Mensch. Warum soll es bei jemand anderem nicht auch klappen? Aber man kann das nicht aus dem Nichts schaffen. Man braucht Vorbereitung, Training. Wenn Leute mir sagen, dass sie ihren ersten Halbmarathon ohne jede Lauferfahrung nach sechs Monaten laufen wollen, dann ist das meiner Meinung nach zu schnell.
Ich habe noch nie einen Trainingsplan gehabt, auch für die Via Alpina nicht. Es war viel Krafttraining, viel draußen unterwegs sein und, auch wenn mir das nicht besonders viel Spaß macht, ins Gym gehen. Man braucht die Tiefenmuskulatur. Man kann langsam die Intensität steigern, herausfinden, was einem taugt und sich immer weiterentwickeln.
Manchmal glaube ich, dass das mein Purpose ist, Leute dazu zu inspirieren, an sich zu glauben. Denn darum geht es letztlich ja.

Was hast du auf der Via Alpina über Freundschaft gelernt? Denn es gibt ja durchaus stressige Situationen, in denen der Ton vielleicht nicht ganz so perfekt ist. Wie bleibt man da trotzdem befreundet?
Wir sind nach wie vor befreundet, wenn du das wissen willst. [Sie lacht]
Natürlich braucht man ein bisschen Ruhe voreinander, nachdem man drei Monate zusammen in einem Van gewohnt hat. Wir waren zwischendurch schon mal getrennt voneinander, als ich eben nicht mitlaufen konnte. Aber während Susi dann allein war, saß bei mir im Van ja trotzdem noch jemand daneben.
Susi und ich haben schon einige wirklich harte Challenges zusammen gemacht, wir sind durch extrem tiefe Täler gegangen und können beide extrem unemotional sein. Gleichzeitig sind wir ganz unterschiedliche Typen. Während Susi Dinge noch eher aufregen oder mitnehmen und sie den Kopf vielleicht nicht so frei kriegt, bin ich jemand, der da extrem realistisch und auch sehr optimistisch rangeht. Ich überlege immer, was der most positive outcome sein wird.
Wir sind meistens super miteinander ausgekommen. Wir haben viel durchgemacht und da weiß man gegenseitig auch so viel voneinander. Nach solchen langen Läufen nimmt man Dinge nicht so ernst. Wenn man sich da anpflaumt, dann weiß man, dass das nicht so gemeint ist.
Es gab nur eine Situation, da war die Stimmung aufgrund von Dauerregen und meinem Bein schon seit Tagen auf dem Tiefpunkt, da waren wir beide ein bisschen ätzend zueinander. Aber wir haben uns dann ausgesprochen und dann war es auch wieder okay.
Manchmal sind die Bedingungen einfach hart. Wir hatten uns vorgestellt, wir laufen im Sommer mit kurzer Hose und dann hat es dauernd geregnet. Das zerrt an den Nerven, ist ja auch menschlich. Wir sind ja nicht perfekt. Und dann sagt die eine etwas, das die andere nicht so gerne hören will oder man hat mit den eigenen Dämonen zu kämpfen.
Viele Leute denken sich Sachen nur und sprechen sie nicht aus. Das ist bei uns anders. Das ist total cool. Ich mag das, wenn man mir Dinge direkt sagt, weil ich dann weiß, woran ich bin. Ich bewerte solche Streits um „Du stinkst gerade“ oder „Räum deine Socken aus dem Weg, die liegen hier überall rum“ auch nicht über. Es ist eine extreme Grenzsituation und solche Ausbrüche sind nur menschlich. Damit sagt man ja nicht, dass man den anderen generell blöd findet, sondern nur, dass man gerade möchte, dass der Scheiß mal zur Seite geräumt wird.
Ist das eine Haltung, die dich generell durchs Leben trägt? Weniger Dinge persönlich nehmen?
Ich glaube, meine große Stärke ist bedingungsloser Optimismus. Als das mit dem Fuß passiert ist, war ich natürlich ein paar Tage lang echt geknickt. Aber es wird schon einen Sinn für mein Leben gehabt haben. Am Ende ist es doch immer genau so richtig, wie es kommt.
Und so gehe ich auch mit Menschen um. Ich akzeptiere, wen die Welt mir schickt, und anstatt mich ewig über jemanden aufzuregen oder traurig darüber zu sein, wie sich jemand verhält, denke ich: Es ist alles okay, ich muss mir nicht annehmen, was die andere Person gerade von sich gibt.
Es ist vollkommen normal, nicht einer Meinung zu sein. Man muss sich immer vor Augen halten: Man ist man selbst und die andere Person ist jemand anderes mit einer ganz eigenen Wirklichkeit und Realität.
Wo kommt diese Einstellung denn her?
Das zieht sich schon immer durch meine Familie und meinen Werdegang. Ich bin so viele Stunden draußen unterwegs und setze mich mit mir selbst auseinander, da kann ich mich viel fragen, wie ich mit der Welt umgehe, was ich priorisieren will in meinem Leben. Was will ich gewichten, was will ich loslassen?
Das Loslassen ist nicht immer so leicht, klar, aber ich kann mir ja bewusst überlegen, an welchem Teil ich arbeiten möchte, wie ich genauer hinschauen will.
„Running Via Alpina“ könnt ihr ab sofort im Kino schauen. Es gibt auch eine Kinotour, die bis Ende März durch Deutschland geht. Die Tickets könnt ihr hier kaufen und dann den Film mit den Ultratrailrunnerinnen gemeinsam schauen.
Ich würde von euch würde gern wissen: Welchen sportlichen Traum traut ihr euch noch nicht zu, hegt aber insgeheim ein bisschen Hoffnung darauf? Ich verrate euch meinen: Den Marathon des Sables, allerdings in der sehr sehr soften Variante, in der man sich eher auf sich selbst und die 20km vor einem konzentiert, nicht die kompetetive Variante, für die ich vermutlich nie fit genug sein werde.

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