Wenn ihr euch mal maximal gestresst fühlt, möchte ich euch ja sehr gern ein Gespräch mit Hannes Ringlstetter ans Herz legen. Weil das nicht immer möglich ist, macht doch das zweibeste und hört seine Musik, in der er euch zum Nachdenken und zur Ruhe einlädt. Oder schaut ihm beim Spielen zu, u.a. bei „Hubert ohne Staller“ als beinahe zwielichtiger Yazid. Oder lest dieses Interview und denkt mal drüber nach, wie ihr gerade aufs Leben schaut. Alles gute Ansätze, über die ihr euren Stress hoffentlich vergessen könnt.
Warum ich euch nun ausgrechnet Hannes Ringlstetter gegen Stress empfehle? Weil ich seine Lebensklugheit in stressigen Zeiten wertvoll finde. Weil viele von uns den Gedanken ans „nicht gut genug“ sein teilen und er darauf eine Antwort hat, die ich erdend finde. Und weil ich seinen Ansatz, ins Machen zu kommen, so wichtig finden.
Die Autowerkstatt von deinem Yazid in „Hubert ohne Staller“ heißt: „Ich mache alles“. Und so wie ich dich wahrnehme, machst du auch sehr viele unterschiedliche Dinge. Wäre das also auch ein Lebensmotto für dich?
Hannes Ringlstetter: Nein! Ich mache nicht grundsätzlich alles, sondern nur das, was mich interessiert. Das, wo ich denke, dass es mir Spaß machen könnte. Ich liebe es, mich dabei selbst zu überraschen. Ich habe wenig Angst, Sachen auszuprobieren, die ich nicht kann. Neugierig zu sein, ist doch was Tolles.
Die Sachen, die ich mache, die will ich auch alle richtig gut machen, es geht ja nicht darum, nur irgendwas auszuprobieren. Ich möchte dann schon an den Punkt kommen, dass ich dann etwas kann, was ich vorher nicht konnte.
Früher habe ich alles gemacht, was mir jemand angeboten hat. Einfach, weil es nicht gereicht hat, um nur mit einem Bereich über die Runden zu kommen. Ich hatte keinen Job und habe geschaut, was ich so kann. Jetzt bin ich der klassische Entertainer, ich mache von Musik übers Schreiben bis Schauspiel alles.
Vielleicht war ich auch nie wirklich gut genug, um als Schauspieler allein bestehen zu können. Mit der Musik hatte ich einen Hit und inzwischen ist das, was aus der Not heraus entstand, eine große Lust geworden. Wie cool ist das denn, dass ich z. B. mit vier verschiedenen Projekten auf Tour sein kann?

Denkst du manchmal: Das ist aber doch ganz schön viel?
Ich habe mir das im Kalender angeschaut und mich gefragt, ob ich eigentlich vollkommen irre bin. Da komm ich nach Hause, habe zwei Tage frei und dann geht’s mit einem anderen Projekt direkt weiter. Aber diese Gedanken habe ich nur, wenn ich zuhause bin. Unterwegs genieße ich das sehr, weil ich merke, wie frisch mich das auch im Kopf hält.
Es gibt keine Routinen, ich bin jeden Tag aufs Neue gefordert. Mir gefällt das. Gleichzeitig sind Routinen aber auch was Tolles, weil sie Sicherheit in unsicheren Zeiten geben. So eine Serie wie „Hubert ohne Staller“ macht mich auch unendlich dankbar.
Du hast gesagt, dass du vielleicht auch nicht gut genug warst. Ich würde da gern reingehen, denn offensichtlich hast du ja deinen Frieden damit gemacht. Wie gelingt das?
Ich strebe nicht nach Perfektion. Das interessiert mich gar nicht. Ich kann besser mit dem Scheitern, mit den Zweifeln umgehen. Mir sind auch Menschen im Austausch angenehmer, die nicht perfekt sein wollen.
Dieses Nicht-gut-genug-Sein, das kommt ja auch von außen. Ich habe massive Selbstzweifel in meinem Leben gehabt. Das kommt auch heute noch ab und zu vor. Aber für mich ist das ein Antrieb. Ich weiß, es gibt Zweifel, die einen lähmen können, so dass man nichts mehr macht oder ausprobiert. Und es gibt Zweifel, die motivieren. Ich habe nie lähmende Zweifel erlebt, sondern mich immer reflektiert und dann etwas verändert.
Ich glaube, perfekt ist nur das, was die Natur sich ausgedacht hat. Das kann ich mir gut anschauen, das hat Wucht. Aber ich möchte selbst keine Perfektion erreichen. Auch jetzt beim neuen Album habe ich gedacht: Ich könnte das mit der Produktion und KI sicher perfekt machen. Aber ich will, dass es rough, menschengemacht und authentisch klingt. Es sollte das Gegenteil von Perfektion sein.
Und doch glaube ich, dass Menschen deinen Berufsweg anschauen und denken: Der hat so viel richtig gemacht.
Ich glaube, dass Menschen wieder verstehen müssen, dass wir alle immer nur einen Ausschnitt sehen. Wir vergessen das, weil Social Media uns immer mit perfekten Bildern aus dem Leben anderer füttert. Ich verstehe gar nicht, was daran erstrebenswert ist, diese ganzen gemachten Menschen, die einen mit leeren Augen durch die Kamera anschauen, zu bewundern. Das, was man da zu sehen bekommt, das ist doch nicht die Realität.
Ich bewundere Leute, die im Kleinen etwas gefunden haben, was sie wirklich zufrieden und vielleicht sogar glücklich macht. Da kann mich tatsächlich der Neid befallen, wenn ich, um ein Beispiel zu nennen, einen Waldbauern dabei beobachte, wie der sein Vollmondholz schneidet und dabei ein Grinsen im Gesicht hat, weil das, was er macht, funktioniert. Sowas rührt mich.

Dich treibt die Neugier an. Was macht das mit dir?
Ich muss erstmal festhalten, dass es ein Privileg ist, der Neugier nachgeben zu können.
Es ist mein Wesen, neugierig zu sein. Das habe ich nicht gelernt, das war schon immer da. Und oft ist das, was ich neu ausprobiert habe, auch gar nicht gut gegangen. Aber ich habe mich davon nie aufhalten lassen, sondern bin immer weiter gegangen.
Ich kann Menschen, die Angst vor Veränderungen haben, nur bedingt verstehen. Ich versuche, das liebevoll zu begleiten, weil ich weiß, dass wir alle unterschiedlich sind. Manche Menschen brauchen mehr Sicherheit als andere. Ich denke, das hat auch etwas mit der eigenen Kindheit zu tun.
Wie meinst du das?
Ich glaube, in der Kindheit gibt es zwei Optionen. Entweder du hast Sicherheit gespürt, oder du musstest dir selbst die Sicherheit geben. Ich war jemand, der sich selbst Sicherheit gegeben hat. Wer das nicht kennt, wer mit Sicherheit von außen groß geworden ist, der kennt den Mangel daran ja nicht. Und der strebt dann immer danach, will vielleicht wenig Neues kennenlernen. Weil das erstmal auch beängstigend sein kann.
Ich glaube auch, dass das in der Generation vor mir noch normal war. Da waren alle auf Sicherheit bedacht. Die Neugier und der Wunsch nach Selbstverwirklichung, das war damals die große Ausnahme.
Jetzt kommen viele in ihrer Biografie an einen Punkt, an dem sich, einfach dadurch, wie die Welt gerade ist, verunsichert fühlen. Und dann mehr nach Sicherheit strebend. Aber wir müssen auch verstehen, dass diese gefühlte Sicherheit in Wahrheit nur Glück ist. Glück, wo und wie man geboren wurde, wie man gerade lebt. Deswegen lohnt sich die Frage doch, was man eigentlich mit dem eigenen Leben so anfangen möchte.
Ist diese Frage nicht auch daran gebunden, ob man sich selbst als mit Talenten gesegnet empfindet? Denn die Frage: Was kann ich eigentlich, um daraus Zufriedenheit zu schöpfen und materiell abgesichert zu leben, die stellt sich ja schon.
Natürlich. Allein die Tatsache, dass wir Gedanken in Sprache formulieren können, ist aber schon ein Talent. Wir können aufschreiben, was uns bewegt und damit unser eigenes Coaching betreiben. Fangt doch an, Sachen aus der Kindheit aufzuschreiben, schaut, wie ihr emotional darauf reagiert. Seid neugierig auf euch selbst.
Vielleicht merkten einige, dass sie sich über Musik ausdrücken wollen. Oder über Gedichte. Man kann an sich ja immer neue Seiten entdecken. Aber man muss das auch wollen.

Du stellst dich auf die Bühne und singst. Empfindest du dich als mutig?
Darüber denke ich nicht nach. Ich weiß nicht, wo das herkommt. Ich denke schon manchmal, dass meine kindliche Suche nach Liebe und Anerkennung so groß war, dass sie diese Angst, sich vor Menschen hinzustellen und vielleicht durch Kritik emotional vernichtet zu werden, weggezaubert hat.
Denn ganz ehrlich: Wieso tut man sich das an, sich ständig zur Disposition zu stellen? Ich bin permanent dem Urteil von Menschen ausgeliefert. Warum mache ich das?
Dann lass mich die Frage stellen: Warum tust du dir das an?
Ich bin jetzt Mitte 50 und mache das alles schon wirklich lange. Und reflektiere immer wieder über diese Frage. Und ich glaube, die Antwort ist gar nicht so einfach, wie manche vielleicht glauben. Ja, mein Ego ist stärker als die Angst vor Ablehnung und Kritik.
Ich will geliebt werden, ich will Anerkennung, also scheiße ich auf die Angst und stell mich auf die Bühne. Ich will’s allen zeigen und erreichen, dass man nicht an mir vorbeikommt. Aber das ist nur ein Teil der Antwort. Denn irgendwann habe ich begriffen, dass ich auf dieser Egonummer nicht hängen bleiben kann. Ich habe verstanden, dass es gar nicht um mich geht, sondern dass ich als eine Art Medium fungiere, um Gefühle bei Menschen zu erzeugen. Ich bin dankbar für mein Talent, aber es geht nicht um mich. Es geht darum, mich für die anderen herzuschenken.
Ich will nicht hinterfragen, ob die anderen mich wirklich gut finden, ich will das Gefühl genießen, dass ich am richtigen Platz im Leben bin. All dieser Popanz, der gibt mir nichts, das Adrenalin nach den Auftritten, das ist irgendwann weg. Aber das Gefühl, die eigene Bestimmung gefunden zu haben, das ist unbeschreiblich.
Ich glaube, das macht diesen ganzen Künstlerberuf auch aus, das Gefühl, mit dem Talent, das einem gegeben wurde, das man gehegt, gepflegt und gezüchtet hat, sich der Welt zu schenken.
Ist es dir wichtig, dass die Leute verstehen, wie viel Arbeit hinter dem Künstlerdasein steckt?
Nein! Denn mich interessiert die Arbeit eines Ingenieurs auch nicht, wenn ich ein Auto kaufe. Da freue ich mich doch nur darüber, dass alles läuft.
Ich mag diese Überempfindlichkeit von Künstlern nicht. Mich muss nicht jeder verstehen. Man darf sich aus meinen Liedern nehmen, was man möchte. Sie sind in der Welt und gehören mir nicht mehr. Ich muss nicht verstanden werden. Leute müssen mir auch nicht sagen, dass sie mein Leben anstrengend finden, weil ich so viel unterwegs bin.
Ich habe 20 Jahre lang daheim gehockt, weil mich niemand gebucht hat. Ich bin froh, dass ich jetzt so viel unterwegs sein kann. Ist das manchmal für mich anstrengend? Ja. Aber wenn ich mir andere Berufe anschaue, stelle ich mir die deutlich anstrengender vor.
Ich höre da eine große Demut deinem Leben gegenüber raus. Für mich ist Demut extrem wichtig, Wie ist es bei dir?
Mich nervt das sehr, wenn manche Künstler mit großem Ego zum Set kommen und sich nicht mal die Schuhe selber binden. Was stimmt denn da nicht? Die müssen sich doch auch mal hinterfragen, ob sie wirklich jemanden brauchen, der sich da vor sie kniet und die Schnürsenkel bindet. Sie haben es ja auch irgendwie ans Set geschafft. Diese Attitüde, mit der kann ich nicht gut umgehen.
Ich weiß, dass viele Schauspieler ihren Beruf auch gewählt haben, damit sie nicht sie selbst sein müssen. Wer solch ein Talent hat, dass er alle anderen Figuren spielen kann, der leidet vielleicht irgendwann auch darunter, dass niemand ihn in seinem Wesen erkennt. Aber wer sich selbst nicht kennt, kann auch von anderen nicht erkannt werden.
Ich nehme an, dass das nicht dein Thema ist. Du wirkst, als wüsstest du sehr genau, wer du bist.
Ich habe immer Sachen gemacht, die extrem nah bei mir waren. Mir macht das auch keine Freude, mich artifiziell neu zu erfinden.

Dein Song „Kassiopeia“ vom neuen Album „Bellavista“ von Ringlstetter & Band war für mich ein sehr tröstliches Lied. Was gibt uns in diesen Zeiten Trost?
Vielleicht genau das, um was es in dem Lied geht. Ich glaube, dass wir Menschen gerade eine Möglichkeit haben, Altgeglaubtes loszulassen. Wir dachten 200 Jahre lang, wir sind groß und müssen immer größer und immer bedeutender werden.
Aber ist unsere Chance nicht, dass es uns mental besser geht, wenn wir uns kleiner machen? Wenn wir erkennen, dass wir in diesem Universum gar keine Rolle spielen? Dass wir nur die kleinen Dinge in der Hand haben und versuchen können, Gutes zu tun?
Für mich ist das der Schlüssel. Ich verstehe die Verzweiflung, dass wir am großen Rad der Welt nichts ändern können. Aber im Kleinen können wir das doch. Jeder von uns kann mit der eigenen Ausstrahlung die fünf Quadratmeter um sich herum verändern und zu einem angenehmeren Ort für andere machen.
Bevor ich in die allgemeine Weltdepression mit einstimme, schaue ich doch lieber, was ich verändern kann. Und ich vertraue. Genau darum geht es in „Kassiopeia“ ja auch. Sich zu erinnern, dass wir alle aufgehoben sind.
Aber wie schaffen wir das? Ich glaube, sich aufgehoben in der Welt zu fühlen, fällt manchmal gar nicht so leicht.
Wir leben in lauten Zeiten. Wir streiten, diskutieren, analysieren und das ist alles oft so wahnsinnig laut. Wir vergessen, dass wir nicht ohne Grund auf der Welt sind. Wir sind hier behütet. Wir haben nur verlernt, uns mit spirituellen Fragen auseinanderzusetzen. Dabei ist das wichtig. Dann erkennt man nämlich auch, dass man nie fertig ist. Und kann dann diesen Druck loslassen, dass man gut genug sein muss, um mal an den Anfang unseres Gesprächs zurückzukommen.
Wir sind nie fertig. Würden wir in einem halben Jahr wieder sprechen, wären meine Antworten auf die gleichen Fragen vermutlich auch ein bisschen anders. Und das ist ja auch okay. Ich will keine auswendig gelernten Kalendersprüche aufsagen, sondern über meine Gedankenwelt sprechen. Alles ist im Flow, man muss nicht jede Antwort kennen. Ich jedenfalls kann super gut damit leben, dass das Leben aus vielen offenen Fragen besteht.
Ihr könnt Hannes Ringlstetter in „Hubert ohne Staller“ als Yazid erleben. Die neuen Folgen werden aktuell immer um 18:50 Uhr in der ARD ausgestrahlt. Alternativ findet ihr sie auch in der ARD Mediathek (auch ältere Folgen, um in die Serie reinzukommen, wenn ihr sie bisher nicht kanntet).
2027 geht Hannes Ringlstetter mit Band auf „Bellavista“-Tour. Tickets könnt ihr u.a. hier kaufen. Aber Achtung, mehrere Termine sind bereits ausverkauft.
Mehr über die Tour und seine Arbeit erfahrt ihr auf Hannes Ringlstetters Website.

Schreibe einen Kommentar