Netzlehrer Bob Blume über Schule im Interview mit Andrea Zschocher

Bob Blume: „Ich glaube an die Kraft der konstruktiven Zumutung“

Neulich habe ich mit Bob Blume übers Lesen und die Liebe zum Lernen gesprochen. Schon da war direkt klar: Das kann nicht unser letztes Gespräch gewesen sein. Weil es einfach noch so viel ungefragtes, ungesagtes, gibt. Und weil Bob als Lehrer einen ganz anderen Blick auf Schule hat, haben wir uns erneut getroffen.

Es hat natürlich auch geholfen, dass er ein weiteres Buch „Wie kommt mein Kind gut durch die Schule“* geschrieben hat, so dass ich mich damit auf unser Gespräch vorbereiten konnte. Und auch wenn ich, wie Bob, davon überzeugt bin, dass wir Schule doch ewtas viel zumuten, ich finde auch, dass sich vieles grundlegend ändern muss. Wie seht ihr das? Wie kommen eure Kinder und ihr durch die Schulzeit?

Lass es mich etwas provokant formulieren: Warum ist Schule so scheiße?

Bob Blume: Weil sie einer der wenigen Orte ist, wo alles abgeladen ist, was gesellschaftlich als Zwang definiert wird. Und weil jede Form von Institution zwar versucht, Neues aufzunehmen, aber es nicht hinkriegt, dafür etwas anderes wegzulassen. Das führt dazu, dass dieser Ort so überladen ist. Ich finde das als pauschale Aussage aber auch schwierig!

Ich kann unterschiedliche Formen von Kritik an Schule nachvollziehen, aber man muss sich auch immer fragen, wieso da so viel abgeladen wird. Denn Schule ist ja nicht darauf angelegt, den Schülern zu schaden. Sie ist zu einer Institution geworden, die unheimlich viel übernehmen muss und es nicht schafft, an den richtigen Stellen Raum zu geben.

Das führt dann dazu, dass Kinder und Eltern absolut gestresst von Schule sind. Und je mehr man fundamental kritisiert und sich damit auseinandersetzt, umso mehr muss man auch erkennen, dass man an einigen Stellen ja auch selbst etwas verändern kann.

Du schreibst aber in „Wie kommt mein Kind gut durch die Schule“* auch richtig, dass man das als Eltern zwar erkennen kann, aber die freie Zeit fehlt, sich noch mehr ins Schulthema einzuarbeiten.

Es ist, wenn man so will, der dreifache Widerspruch meines Buches, den ich versucht habe zu lösen. Erstens sage ich im Buch, dass ich Impulse und Strategien an die Hand geben will, was ja aber meistens bedeutet, dass man mehr machen muss. Zweitens will ich mein Augenmerk auf den Perspektivwechsel legen, der dazu führt, dass sich Dinge ändern, eben ohne, dass man mehr machen muss. Und drittens will ich darauf hinweisen, dass man Dinge ja gemeinsam mit seinen Kindern verändern kann, wenn diese einem nicht besonders sinnvoll erscheinen.

Man kann als Elternteil z. B. nicht sagen: Noten finde ich blöd, ich weiß, dass das keinen Menschen ausmacht, und dann trotzdem nur auf die Noten meines Kindes achten. Sonst verstärke ich ein System, das ich eigentlich nicht mag. Ich will mit meinem Buch zeigen, welche Aspekte von Schule ich schwierig finde, und biete gleichzeitig Wege, wie Eltern damit umgehen können. Der wichtigste Punkt ist, eine Perspektive einzunehmen, die vielleicht erst mal kontraintuitiv erscheint, die einem dann aber hilft, ohne noch mehr Arbeit die Kinder und die Schulzeit besser begleiten zu können.

Netzlehrer Bob Blume über Schule im Interview mit Andrea Zschocher
© Oliver Forstner

Aber diesen angesprochenen Perspektivwechsel muss man durchaus ja wollen. Sonst lohnt es sich vermutlich nicht, dein Buch zu kaufen, oder?

Wer sich und seine Situation nicht verändern will, der muss mein Buch natürlich nicht lesen. Das ist ja wie bei einer Psychotherapie. Wenn man die nicht will, dann bringt die auch nichts.

Es ist wichtig zu verstehen, dass ein Perspektivwechsel ein Prozess ist. Man liest nicht etwas und ändert seine Haltung. Meine Grundüberzeugung, mit der ich immer gut gefahren bin, ist, dass man sich immer ändern kann. Und echte Veränderung dauert lange.

Als ich z. B. den Familienrat mit Katia Saalfrank gemacht habe, habe ich verstanden, dass das Verhalten eines Kindes eigentlich immer nur der Ausdruck eines Grundbedürfnisses ist, das nicht befriedigt wurde. Das bedeutet: Wenn ein Kind sich auf eine bestimmte, vielleicht auch verletzende Weise ausdrückt, dann meint es nicht mich persönlich, sondern dann wird da ein Grundbedürfnis nicht erfüllt.

Das muss man aber erst mal verstehen und darf dann trotzdem sauer sein. Vielleicht nicht mehr ganz so sehr, wie wenn man das Verständnis nicht hätte. Und umso mehr man das versteht, umso mehr kann man von, sagen wir mal, Karate auf Tai Chi wechseln und das Kind dann fragen, was eigentlich wirklich los ist. Und genau das ist ein Prozess.

Ich glaube an die Kraft der konstruktiven Zumutung. Man kann sich Sachen anhören und dann für sich das mitnehmen, was einem gerade hilft. Wenn man nichts ändern will, dann muss man das ja auch nicht. Aber wenn es in der Familie Themen wie „kein Bock auf Schule“ oder Hausaufgaben, die immer eskalieren, gibt, warum dann nicht mal neue Dinge ausprobieren? Man kann ja entscheiden, was für einen selbst da nun das Richtige ist. Wenn man Disziplin wichtiger findet als Raum geben, dann kann man das ja so handhaben und trotzdem neue Denkanstöße bekommen.

Ein Thema, das die meisten Eltern berührt, ist das Thema Mobbing. Und dazu gibt es super viele Ansätze und Ideen, und alle sagen irgendwie was anderes. Wie geht man denn gut mit dem Thema um?

Ich selbst habe massive Mobbingerfahrungen gemacht, bis hin zu Gewalt, und das hat mich geprägt und prägt mich auch immer noch. Ich gehe da im Buch auch drauf ein. Das Hauptproblem ist, dass Mobbing immer auch individuell ist.

Der Umgang mit Mobbing ist eher eine Frage der Prävention als der Intervention. Es gibt keine Schule, an der es kein Mobbing gibt. Das Problem ist, wenn eine Intervention aus dem Bauch herauskommt, kann man sehr viel falsch machen, gerade auch, wenn man das Mobbingopfer wieder ins Licht stellt und es dann zusätzlich gemobbt wird.

Im Buch schreibe ich über verschiedene Programme, die es schulseitig gibt und die man auch vorschlagen sollte.

Ich weiß, dass das als Eltern dann total schwierig ist, deswegen würde ich mich da immer zusammenschließen und dafür sorgen, dass man Selbstwirksamkeit erzeugt, sich gar nicht nur auf diese Mobbingsituation fokussiert.

Man kann mit dem Klassenlehrer sprechen und auch eine Ebene höher gehen, wenn da nichts passiert. Alles bis zur Schulleitung ist gut. Gleichzeitig ist es wichtig, die einzelnen Schritte einzuhalten, sich nicht abwimmeln zu lassen. Ich weiß, dass das oft relativiert wird, aber Mobbing ist kein Kavaliersdelikt!

Ich habe im Podcast mit Norman Wolf darüber gesprochen, der erzählt hat, dass er sich immer minderwertig gefühlt hat, bis hin zu suizidalen Gedanken. Und es hilft nicht zu sagen: „Wenn sie dich mobben, ignoriere sie“. Man muss stattdessen überlegen, wie Kinder Selbstwirksamkeit erleben. Die Perspektive muss so verschoben werden, dass das Kind merkt, was es kann, dass es sozial eingebunden ist. Ich weiß, dass das nicht immer leicht ist, weil man das manchmal auch gar nicht alleine leisten kann, aber Eltern können und dürfen sich da Unterstützung suchen.

Netzlehrer Bob Blume über Schule im Interview mit Andrea Zschocher
© Oliver Forstner

Mobbingsituationen sind für Kinder und ihre Eltern schlimm. Auch, wenn das eigene Kind andere mobbt. Das will man ja nicht.

Auf jeden Fall. Deswegen geht es im Buch auch so viel um Mobbing, Cybermobbing und auch generell um die Frage der Mediennutzung. Wenn man als Elternteil weiß, dass es dem Kind nicht gut geht, weil es mit einem darüber spricht, dann hat man schon sehr viel richtig gemacht. Mobbing ist immer schambesetzt, und wenn das Kind diese Scham überwindet und mit dir spricht, dann ist das viel wert.

Es ist natürlich nicht gut, dass Mobbing stattfindet, aber wenn es ein Gespräch gibt, dann gibt es eine Basis, von der aus man starten kann. Dann kann man überlegen, wie man das hinbekommt, wie man Zusammenhänge schaffen kann, die das Kind stärken.

Jetzt hast du die Mediennutzung schon angesprochen. Ein Thema, bei dem ich das Gefühl habe, dass viele Eltern sich auch wegducken und denken: Das läuft schon irgendwie. In der Klasse eines meiner Kinder hat ein Kind 14 Stunden Screentime an einem Tag angesammelt. Wie gehen Eltern gut mit Medien um?

Ich verstehe den Druck, den die Eltern haben, aber ehrlich gesagt ist Mediennutzung Teil der Erziehung. Um es mal etwas überspitzt zu sagen: Wenn das Kind anfängt zu trinken oder plötzlich mit Waffen spielt, dann würde man doch auch nicht sagen: Tja, schade, alles verloren. Erziehung bedeutet eben auch, Grenzen zu setzen. Und manche Grenzen dann auch umzusetzen. Das heißt: von 0 bis 3 gar keine Screentime, von 4 bis 7 nicht mehr als eine halbe Stunde.

Dein Beispiel ist schon sehr krass, aber ich habe mal mit Clemens Beisel im Podcast darüber gesprochen, dass eine seiner Schülerinnen 800.000 WhatsApp-Nachrichten in einem Jahr hin- und hergeschickt hat. Die Mediennutzung von Kindern liegt bei über 60 Stunden die Woche. Das ist alles nicht feierlich! Genau deswegen sind Grenzen wichtig.

Es braucht Regeln, so etwas wie: kein Handy neben dem Bett und auch nicht beim Essen. Das ist superwichtig. Und man muss diese Regeln eben auch durchsetzen. Gleichzeitig darf ein Handy kein Sanktionsmittel sein. Im Buch führe ich das etwas länger aus, hier in Kürze: Ein Handy hat für Kinder unterschiedliche Funktionen. Mein Kind nutzt es z.B., um Minecraft zu spielen. Es schaut sich vorher Videos an und baut das nach. Das ist für mich eine kreative Arbeit, bei der ich dann nicht sage: Lass das jetzt und geh raus.

Das ist mir übrigens auch wichtig, neben den Regeln und Grenzen, dass man sich für das interessiert, was das Kind da macht. Man muss sich ja nicht mit allem auskennen, man kann sich das auch vom Kind zeigen lassen.

Es geht darum, eine Vertrauensbasis zu etablieren, so dass man als Elternteil der erste Ansprechpartner ist, wenn der Nachwuchs Fragen zum Medienkonsum hat. Und zwar nicht nur, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist und der Nachwuchs Sachen gesehen hat, die er besser nicht gesehen hätte. Oder von Männern – und die Realität ist nun mal, dass es meistens Männer sind – angeschrieben wird. Es sollte kein Umfeld entstehen, in dem das Kind sich nicht mehr traut, Mama oder Papa anzusprechen, weil es fürchtet, dass es mit Handyentzug bestraft wird. Denn dann kommt das Kind gar nicht erst und bleibt mit den Sorgen allein.

Bob, ich habe noch ein paar große Fragen im Gepäck. Beginnen wir mit: Wie viel in unserem Leben hängt wirklich an der Schule?

Wow, das ist eine extrem komplizierte Frage. Eltern haben ja oft eine klar definierte Haltung zu Dingen und zur Welt. Und innerhalb der Schule gibt es ganz unterschiedliche Meinungen. Da haben wir eine Pluralität an Meinungen, und das Kind ist denen ausgesetzt. In meiner Zeit als Lehrer war ich eine Zeit lang der Einzige, der sich gegen rechtsextreme Äußerungen von Kindern gewehrt hat. Ich habe das eingeordnet, diskutiert, Poster entwickelt, NPD-Kleber abgekratzt, die da auf dem Schulhof hingen.

Diese Sachen kommen nicht aus den Kindern selbst, die geben wieder, was sie von zu Hause mitbekommen. Und in manchen Dörfern ist es halt ziemlich braun. Ich kann aber als Lehrer auch nicht jede Stunde darüber sprechen, warum Demokratie wichtig und richtig ist. Ich hatte lange Zeit das Gefühl, allein auf weiter Flur zu stehen, denn was richtet meine eine Studie Demokratiebildung in der Woche aus gegen den Rest der braunen Familie?

Aber Aufgeben ist auch keine Option. Deswegen ist mir Erziehungspartnerschaft so wichtig. Die Schule kann nicht alles reparieren. Die Eltern haben einen extrem starken Einfluss auf die Haltung gegenüber der Schule, gegenüber dem Lernen. Und da sollten Eltern sich hinterfragen, überlegen, ob ihre Kommentare wirklich hilfreich sind. Klar fühlt es sich gut an, sich mit dem Kind zu solidarisieren, ihm mit auf den Weg zu geben, sich nicht von allen etwas sagen zu lassen. Aber hilft das am Ende wirklich weiter?

Natürlich kann man dem Kind signalisieren, dass man den Schulfrust versteht. Aber man sollte auch nachfragen, was genau denn so frustrierend ist. Wenn es darum geht, dass z. B. Hausaufgaben nicht kontrolliert wurden, obwohl das Kind sie gemacht hat, dann kann man doch auch besprechen, wie sehr sie dabei geholfen haben, das Thema zu verstehen. Positive Verstärkung in Bezug auf Schule ist natürlich sehr anstrengend, aber es lohnt sich auf lange Sicht deutlich mehr, als ein „Wir gegen die Schule“ zu etablieren.

Wenn man Kinder in der Schule hat, kann man das eigene Schulerleben ja trotzdem nie so ganz außen vor lassen.

Das stimmt. Ich habe ja schon von meinen Mobbingerfahrungen erzählt. Und gleichzeitig,  und das mag ein bisschen widersprüchlich klingen, habe ich meine Schulzeit selbst als total sinnstiftend empfunden. Mich hat es dann später total geschockt, dass Noten so eine große Rolle spielen.

Ich glaube, Eltern sollten sich fragen, wie sie die Schulzeit ihrer Kinder begleiten wollen. Ist es ein „Das hat mir auch nicht geschadet, jetzt stell dich nicht so an, da müssen wir alle durch“? Oder fragt man sich, vielleicht auch mit eigenen negativen Vorerfahrungen, wie man es fürs eigene Kind besser hinbekommt?

Niemand ist frei von seinen Erfahrungen, und im Buch schreibe ich ja auch darüber, dass unser eigener Rückblick uns manchmal auch betrügt. Nehmen wir mal das Abitur. Da kann man sagen: Ich habe selbst Abitur gemacht, deswegen konnte ich studieren, deswegen bin ich jetzt erfolgreich. Also muss mein Kind auch Abitur machen. Aber so linear ist ja kein Weg. Man vergisst, dass man zu jedem Zeitpunkt in seinem Leben auch eine andere Entscheidung hätte treffen können. Und nur weil man selbst diesen Weg gegangen ist, muss das Kind den doch nicht auch gehen. Es kann auch ganz anders glücklich und erfolgreich werden.

Ich wünsche mir da schon mehr Offenheit und Neugier in Bezug auf das eigene Kind. Denn die Stärken und Interessen, die das Kind hat, stimmen nicht unbedingt mit den eigenen überein. Klar beeinflussen wir Eltern unsere Kinder, aber wie oft hatte ich im Gymnasium Schüler vor mir sitzen, die gesagt haben: „Eigentlich möchten wir gar nicht hier sein, wir werden mehr oder weniger von unseren Eltern genötigt.“ Klar kann man sagen, dass das nur zum eigenen Besten ist. Aber es gibt so viele Wege, glücklich zu werden. Mein Buch soll letztlich ein Plädoyer für ein bisschen mehr Gelassenheit im Umgang mit der Bildungsbiografie sein.

Netzlehrer Bob Blume über Schule im Interview mit Andrea Zschocher
© Oliver Forstner

Aber genau diese Gelassenheit fehlt im Schulsystem selbst ja auch. Wenn ich an den Druck denke, den es hier in Berlin gibt, wenn nach der sechsten Klasse der Schulwechsel auf die weiterführende Schule ansteht … Wann hältst du diesen Wechsel eigentlich für sinnvoll: nach der vierten oder nach der sechsten Klasse?

Jetzt fragst du mich nach einer Utopie. Denn im Vergleich der europäischen Schulsysteme liegen bei PISA all die vor uns, bei denen der Wechsel noch viel später geschieht. Da lernen Kinder neun Jahre lang zusammen, und dann wechselt man hinsichtlich seiner eigenen Schwerpunkte und Interessen. Mein Rat wäre also tendenziell der, länger zu warten, weil man sich dann noch besser finden kann.

Andererseits ist es eine totale Typfrage. Es gibt Kinder, die den Wechsel nach der vierten Klasse super schaffen, keine Probleme haben. Mein Rat: Immer auf das eigene Kind und sich selbst schauen. Grundsätzlich ist es so, dass diese sehr frühe Auswahl und Selektion es für Kinder sehr schwierig macht, eine zweite Chance zu bekommen. Es muss ja gar nicht schlecht sein, auf die Realschule zu kommen statt aufs Gymnasium. Dieser Weg kann wunderbar sein.

Und noch eine Anmerkung, die mir wichtig ist, weil ich im Buch auch darüber schreibe: Manche Bundesländer haben verbindliche Tests für die weiterführende Schule. Das setzt Familien zusätzlich unter Druck. Schule sollte doch ein Ort sein, wo man Bock hat hinzugehen, weil klar ist: Ich mache das hier für mich, ich kann hier lernen und ich lerne jeden Tag etwas Neues. Es sollte nicht der Ort sein, wo ich dauernd kategorisiert und selektiert und irgendwo hingeschickt werde, ohne selbst entscheiden zu können.

Aber genau das ist ja die Utopie! Es gibt dieses System ja. Wie es auch Noten gibt. Ich sage meinen Kindern immer, dass mir Noten nicht wichtig sind. Aber das sagt sich sicherlich auch leichter, wenn die Kinder eben nicht nur mit Fünfen und Sechsen nach Hause kommen.

Genau darüber schreibe ich im zweiten Kapitel. Wenn man will, dass das Kind gute Noten hat, dann sollte man sich weniger auf Noten konzentrieren!

Noten sind so wenig aussagekräftig. Sie sind Ausdruck davon, dass eine bestimmte Tagesleistung geschafft wurde. Wenn man da als Elternteil falsch drauf reagiert, begibt man sich in eine Negativspirale. Jedes Kind macht doch irgendetwas gut, und das kann man auf ganz unterschiedliche Art und Weise loben. Gute Noten mit Kommentaren wie „Du bist super intelligent“ zu loben, bringt wenig. Denn wenn das Kind dann mal keine gute Note bekommt, denkt es sofort, es sei dumm. Wenn man stattdessen Anstrengung und Strategie lobt, dem Kind also vermittelt, dass es etwas noch nicht kann, aber das lernen wird, dann aktiviert man ein Growth Mindset.

Auch wichtig: Wenn das Kind anbietet, dass man sich den Test oder die Hausaufgaben anguckt, immer Ja sagen. Mir ist das wichtig, weil ich meinem Kind nicht vermitteln möchte, dass mir egal ist, was es macht, dass es mir nur auf die Noten ankommt.

Und wie verzeihe ich mir, wenn ich eben nicht so aufmerksam bin, wie du es beschreibst, sondern eben auch mal nicht so zugewandt auf die Noten meiner Kinder reagiere?

Da gibt es gar nichts zu verzeihen. Niemand ist perfekt, ich ja auch nicht. Ich bin ein leidenschaftlicher Lerner und versuche deswegen, alles, was ich als sinnvoll erachte, auszuprobieren. Auch mein Buch macht ja nur das Angebot zur Selbstreflexion. Jeder kann sich fragen: Will ich das mal ausprobieren? Ist diese Idee etwas für mich? Wenn ja, dann super. Und wenn nein, dann ist das auch völlig in Ordnung.

Keinen Druck machen, wenn doch die Schule Druck macht, ist gar nicht so leicht. Welches Umfeld sollten Eltern schaffen, damit es für die Kinder leichter wird?

Boah, Andrea, das ist eine wahnsinnig schwierige Frage. Der Druck kann ja aus ganz unterschiedlichen Richtungen kommen. Im Buch schreibe ich über die unterschiedlichen Typen, die Kinder sein können. Das kommt nicht von mir, das haben Rebecca Winthrop und Jenny Anderson untersucht, die 70.000 Kinder und Jugendliche nach ihren Schulerfahrungen befragt hat.

Unter den Kindern gibt es sogenannte Passenger, Kinder, die mental eher so auf Autopilot mitfahren und die eigentlich gar nichts so richtig juckt. Dann gibt es die Resistoren, die sagen: alles scheiße, ich bin unter Druck und wehre mich aktiv dagegen. Das ist auch eine Form der Selbstwirksamkeit, vielleicht ist das für Eltern ja auch wichtig zu hören. Dann gibt es die Achiever, die sich massiv unter Druck setzen und immer nach Leistung streben, die ihr Lernen aber auch stark darauf ausrichten. Bei denen kann man überlegen, welche Möglichkeiten es gibt, dass sie sich selbstwirksam erleben.

Ich schreibe immer wieder über die Theater-AG. Weil das der Ort ist, wo ganz viele von den Dingen, die ich so wichtig finde, zusammenkommen. Im Theater lernst du ganz nebenbei Resilienz. Denn wer die ganze Zeit mit anderen Menschen auf der Bühne durch die Gegend hüpft, der fühlt sich irgendwann unbesiegbar. Das dauert bei manchen länger als bei anderen, aber es passiert. Und dann können diese Leute plötzlich Referate ohne Angst halten, frei reden, sich einbringen.

Wenn jetzt Achiever sagen, dass sie ja eigentlich gern bei der Theater-AG mitmachen wollen, aber keine Zeit haben wegen des Notendrucks und der ganzen anderen Fächer, dann kann ich nur sagen: Euch entgeht was. Das Mehr, das ihr an der einen Stelle in Kauf nehmen müsst, führt gleichzeitig dazu, dass ihr weniger Stress habt.

Ich hatte auch zehn Jahre Gesangsunterricht und habe immer gemerkt: eine Stunde Gesang, und man guckt ganz anders auf die Welt.

Wenn du dir eine ideale Schule bauen könntest, was müsste da auf jeden Fall dabei sein?

Das Wichtigste sind Lehrerinnen und Lehrer, die richtig Bock darauf haben. Im besten Fall sind es alles Nerds, die leidenschaftlich gern lernen und lehren. Die Leute müssen ja die Kinder und Jugendlichen mit ihren Themen anzünden, etwas in ihnen entfachen.

Schule muss als Ort auch einfach schön sein. Jeder, der da reinkommt, muss als ersten Gedanken haben: „Boah, hier würde ich gerne arbeiten.“ Es braucht viele Möglichkeiten für Teilhabe und Partizipation. Angebote, wohin das Auge reicht: zum Springen, Klettern, Bewegen, zum Musizieren, zum Malen. Und all die Räume, um das zu tun. Und diese Ausdrucksformen sollten nicht benotet werden.

Es braucht Mitspracherecht für Schülerinnen und Schüler, damit sie nicht das Gefühl haben, die ganze Zeit ohnmächtig zu sein. Keine Noten, viel mehr Auswahlmöglichkeiten in Bezug auf die Fächer, sobald die basalen Grundfertigkeiten für alle stehen. Das wären schon mal so ein paar Grunddinge, die gleichsam genial und sehr utopisch sind.

Letzte Frage: Wie kommen Eltern gut durch die Schulzeit ihrer Kinder?

Mit Gelassenheit. In der ersten Klasse muss man nicht wissen, was die Abiturthemen sind. Mit Gegenwärtigkeit, mit Vertrauen und mit Freude. Indem man sich nicht diesem thematischen Druck unterwirft, sondern mit dem Shrug-Emoji: ¯\_(ツ)_/¯

Im Grunde also mit der Einstellung: Ja, ist manchmal schwierig. Aber wir kriegen das gemeinsam hin. Es wird schon klappen. Das ist ja auch das, was ich ans Ende des Buchs schreibe: „Das wird gut.“

Wie kommt mein Kind gut durch die Schule“* ist ab jetzt überall erhältlich. Das Buch begleitet euch, wie der Name schon sagt, durch die gesamte Schulzeit, nicht nur während der ersten Klasse. Ihr könnte es als Vorbereitung auf die Schulzeit eures Kindes lesen, oder eben auch, wenn gerade ein Übertritt ansteht, es aktuell Sorgen und Probleme gibt, oder ihr überlegt, wie ihr Schule zum Positiven verändert könnt. Und wie Bob so schön sagt: Nicht alles aus dem Buch müsst ihr anwenden. Sucht euch das raus, was für euch sinnvoll und machbar erscheint und geht das an. Gemeinsam sind wir Eltern und Schulkinder nämlich doch ganz schön viele.

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