Barbara Pachl-Eberhart im Interview mit Andrea Zschocher

Barbara Pachl-Eberhardt: „Verbraucht eure Kraft nicht fürs Hadern. Wenn ihr es sowieso nicht ändern könnt, nutzt eure Kraft für andere Dinge!“

Das Interview mit Barbara Pachl-Eberhardt anlässlich des Films „Vier minus drei“ habe ich während der Berlinale geführt, weil der Film hier Premiere gefeiert hat. Wenige Wochen vorher hatte ich mit Simon Verhoeven ebenfalls über den Tod gesprochen. Und ja, kurz dachte ich: Ganz schön morbide, mein Jahresanfang. Und gleichzeitig war da aber auch der Gedanke: Wie schön, dass Tod und Trauer endlich auch Raum bekommen. Denn nach all euren Nachrichten in den letzten Monaten und Wochen weiß ich: Viele trauern und haben das Gefühl, sie sind damit allein. Aber das sind wir nicht.

Auch wenn wir vielleicht nicht alle so bewundernswert damit umgehen, wie Barbara Pachl-Eberhardt. Ihre Geschichte bildet die Grundlage für den Film „Vier minus drei“, den ihr ab sofort im Kino sehen könnt. Und durch die ihr dem Thema Trauer noch mal ganz anders begegnen könnt. Ich finde es so hilfreich zu sehen und zu lesen, dass wir alle unterschiedlich trauern. Wie Barbara es so richtig forumliert: Wir sollten nicht denken, dass wir alles über Trauer wissen.

Barbara, gehen wir gleich direkt rein: Wie gehen wir deiner Meinung nach gut mit Trauer um?

Barbara Pachl-Eberhardt: Das ist eine super gute Frage. Wahrscheinlich gibt es nur nicht die eine Antwort darauf. Für mich geht es bei Trauer um Offenheit und Öffnung. Dazu müssen wir über Trauer erstmal gar nicht so viel wissen. Können wir auch gar nicht, weil wir nie fühlen können, was die Betroffenen fühlen.

Wir sollten nicht denken, dass wir alles über Trauer wissen. Wir kennen nur das Dunkle und Grausliche und Schwarze, alles andere können wir uns gar nicht vorstellen. Vielleicht ist unser Hirn dazu gar nicht in der Lage, sich in der Trauer die kleinen Momente des überraschenden Glücks oder der tiefen Dankbarkeit oder einer allumfassenden Verbundenheit mit der Welt, Gott und den Toten vorzustellen.

Wenn wir mitten in der Trauer stecken, dann wissen wir auch nicht, welche Gefühle uns in der Nacht heimsuchen werden. Ich habe so viel unglaublich Erhebendes geträumt, meine verstorbenen Menschen haben mich besucht, ich habe aber auch gar nichts geträumt, oder ganz Düsteres. Wenn ich aufgewacht bin, wusste ich manchmal gar nicht richtig, wo ich war.

Wir können als Gesellschaft noch so viele Trauertheorien und Thesen aufstellen, es bleiben alles nur Bilder. Überleg doch mal, wie viele Jahrzehnte das Konzept von Elisabeth Kübler-Ross alles dominiert hat. Inzwischen sind so viele Bilder dazu gekommen, alle sind anders, ergänzen sich. Wir müssen da einfach auch genauer hinschauen. Jeder Freundeskreis, der einen Trauernden begleitet, wird seine eigene Sprache, eigene Bilder, eine eigene Trauerkultur entwickeln. Und das ist wichtig.

Vielleicht ist ein guter Umgang mit Trauer die Poesie, die Kunst und all das, was nicht ganz eindeutig ist, aber wo alle Gefühle Platz haben.

Interview Vier minus Drei

Ich erinnere mich an die erste Zeit nach dem Tod eines geliebten Menschen gar nicht mehr. Ich kann nicht sagen, was da passiert ist, außer, dass immer wieder der Kommentar kam, es müsse doch jetzt auch mal gut sein.

Nicht darüber reden zu können ist schlimm. Darüber schweigen zu müssen ist noch schlimmer. Wenn man das möchte, kann das helfen. Ich bin damals viel mit meinen besten Freunden spazieren gegangen und habe einfach eine halbe Stunde geschwiegen. Aber weil ich das wollte, nicht, weil mir das jemand vorgegeben hätte.

Meine Freunde haben mich umarmt, haben sich einfach mit mir hingesetzt und so lange aufs Wasser geschaut, bis die Tränen gekommen sind. Es gibt dieses Lied, „Schweigen mit dir“ von Daniel Wirtz, das beschreibt es für mich ganz gut.

Eine Freundin von mir hat mal gefragt, warum wir überhaupt glauben, etwas Richtiges sagen zu müssen. Denn das, was passiert ist, das ist so falsch, dass man doch auch ganz viel Falsches sagen kann. Es ist doch egal. Hauptsache reden und im Gespräch bleiben. Oder nicht darüber reden, aber trotzdem im Gespräch bleiben.

Im besten Fall hat die tiefe Trauer immer auch einen kleinen Funken, der sich nach und nach alchemistisch in Dankbarkeit und eine Art Verbundenheit mit dem Verstorbenen verwandelt. Die Arbeit, die wir dabei selbst tun können, ist, diese Trauer zuzulassen, bis sich die Wunde, die wir haben, in Dankbarkeit verwandelt hat.

Nicht alle haben deinen Weg verstanden oder akzeptiert. Ich war schockiert von dem, was ich teilweise über dich gelesen habe. Warum richten Menschen so über jemanden, den sie doch gar nicht kennen?

Ich glaube, viele Menschen haben mir damals nicht geglaubt. Jetzt, nach 18 Jahren bin ich vielleicht doch der lebende Beweis, dass man das alles schaffen kann. In den ersten Jahren dachten die Leute, ich rede mir einfach was ein und knalle halt irgendwann auf den Boden.

Ich habe immer davon gesprochen, dass jeder Mensch durch Resilienz die Möglichkeit hat, einen Schicksalsschlag zu überwinden. Oder, weil ich das Wort schöner finde, zu integrieren. Man kann einen Schicksalsschlag in sein Lebens- und Weltbild und auch in sein Liebesbild hineinnehmen. Da bin ich mir genauso sicher, wie ich an das Naturgesetz glaube, dass wenn ich einen Ball aus meiner Hand fallen lasse, er zu Boden fällt.

Es gibt Menschen, bei denen das nicht gelingt, die diesen heilsamen Prozess nicht durchgehen, die sich Unterstützung beim Psychologen holen. Und über solche Fälle wird dann geschrieben, weswegen wir glauben, dass es immer so sein muss. Aber vielleicht waren diese Menschen vorher schon nicht so gut aufgestellt, hatten nicht so viele Ressourcen, die sie unterstützen.

Wenn ich nicht so einen stabilen Freundeskreis gehabt hätte, der viel aus rührigen, umsichtigen Freiberuflern besteht, die sich auch wirklich Zeit nehmen konnten, mir zu helfen, hätte es anders laufen können. Ich hatte auch einen Arbeitgeber, der mich erstmal finanziell unterstützt hat. Ich habe also Freunde und Zeit gehabt und mit dem Buchprojekt* auch sehr schnell eine Aufgabe, die mir ein Gefühl von Sinn gab. Das alles waren für mich sehr hilfreiche Faktoren. Hätte ich das nicht gehabt, ich weiß nicht, wie mein Trauerprozess dann ausgesehen hätte.

Und, auch das ist wichtig: Ich hatte das Riesenglück, dass wir uns im absolut guten, friedlichen und fröhlichen verabschiedet haben. Es gibt diese Fälle, in denen vorher gestritten wurde. Dann fährt er weg und ist fünf Stunden später tot. Solche Faktoren machen es viel schwerer, mit denen hat man Jahre, manchmal ein ganzes Leben lang zu tun. Ich hatte in diesen Punkten in all der Tragik viel Glück. Und genau deswegen habe ich mich immer dagegen gewehrt, als Vorbild hingestellt zu werden.

Barbara Pachl-Eberhart im Interview mit Andrea Zschocher
© Nina Goldnagl

Und doch wirst du von vielen genau so wahrgenommen – als Vorbild. Wie gehst du mit dieser Zuschreibung um?

Ich glaube, das Einzige, worin ich Vorbild sein könnte, und auch das habe ich mir nicht ausgesucht, auch wenn ich sehr stolz darauf bin, ist, dass ich als Clown gelernt habe, an nichts festzuhalten. Ich halte an keinen Konzepten fest, ich hadere nicht, wenn mir etwas weggenommen wird. Ich drehe mich um und gehe weiter. Das ist vielleicht etwas, das ich Menschen mitgeben kann. Verbraucht eure Kraft nicht fürs Hadern. Wenn ihr es sowieso nicht ändern könnt, nutzt eure Kraft für andere Dinge!

Wie ist es für dich, eine Version deiner Lebensgeschichte jetzt im Kino zu sehen?

Dieser Film erzählt eine Geschichte und es ist meine Geschichte. Aber es ist auch die Geschichte vieler anderer. Das Thema, um das es geht, die Räume, die sich dadurch öffnen, die vielen Schichten, die der Film anspricht, die haben alle eine Botschaft: Jeder geht anders mit Trauer um. Die Geschichte, die erzählt wird, ist so viel größer als meine eigene. Es ist eine Geschichte der Hoffnung, der Offenheit und der Bereitschaft hinzuschauen und füreinander da zu sein.

Interview Vier minus Drei
© Alamode Film / Polyfilm / Nikolett Kustos

Es ist auch eine Geschichte der Liebe zwischen Barbara und Heli, von ihrer Unterschiedlichkeit und ihren Problemen miteinander. Eine Liebe, die größer ist und länger dauert als der Tod. Für mich ist das eigentlich das Wichtigste, zu zeigen, was Heli für ein Mensch war. Er war jemand, der der Welt wirklich etwas zu geben hatte, der etwas zu sagen hatte. Der sehr radikal ein Bild vom Leben und Menschsein vermitteln wollte. Heli trug eine große Freiheit in sich. Als lebender Mensch ist es dem Heli in manchen Bereichen gelungen, all das zu zeigen. Aber die ganz große Bühne, die er gern gehabt hätte und auf der er gut aufgehoben gewesen wäre, die bekam er nicht. Durch den Film bekommt er sie jetzt. Das ist für mich das absolut Schönste an diesem Film überhaupt. Ich wünsche mir wirklich, dass sein Funke und sein Augenzwinkern und seine wahnsinnige und warmherzige Art auf ganz viele Menschen überspringt.

„Vier minus drei“ könnt ihr ab 16. April im Kino sehen. Und es lohnt sich, auch wenn das Thema an sich unfassbar schmerzhaft ist. Aber sich vor der Trauer wegducken, lässt sie ja nicht verschwinden. Und ich glaube, ein schöneres Begräbnis als in diesem Film, habe ich selten gesehen. Vielleicht lohnt es sich, nach dem Schauen darüber ins Gespräch zu kommen, wie ihr eigentlich beerdigt werden wollt.

Das Interview mit dem Regisseur Adrian Goiginger zu „Vier minus drei“ findet ihr ebenfalls hier.


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