Die Arbeit von Regisseur Gregor Schnitzler ist mir vor allem aus einem Grund bekannt: Die Schule der magischen Tiere! Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich den ersten Teil hier angesehen habe (nicht ganz freiwillig, aber das habt ihr euch sicher schon gedacht). Jedenfalls habe ich mich auch deswegen sehr aufs Interview mit ihm gefreut, weil er meiner Meinung nach mit diesem Film das Kinderfilmgenre aktuell schon sehr geprägt hat. Und nun kommt mit „Bibi Blocksberg – Das große Hexentreffen“ ein Film in die Kinos, der nicht nur eine Figur, die wir alle aus der Kindheit kennen, feiert, sondern ihr auch einen neuen Twist verleiht.
Im Interview mit Gregor Schnitzler ging es aber nicht nur um Kinderfilme, sondern auch um Solidarisierung von und unter Frauen, Hoffnungen für unsere Kinder und warum das mit der Schule immer noch so schwierig ist.
Was ist deine persönliche Lieblingserinnerung an Bibi Blocksberg?
Gregor Schnitzler: Ich habe mich immer dafür begeistert, dass sie hexen und mit dem Besen fliegen kann. Da habe ich für mich immer gedacht: Es wäre das Tollste, wenn ich das auch könnte.
Jetzt bist du ja leider ein Mann und wirst das nie können, ein Schicksal, das du mit Bernhard Blocksberg teilst.
Aber man ist ja, egal mit welchem Geschlecht man sich identifiziert, fähig, sich da reinzudenken und sich damit zu identifizieren. Das ist doch überhaupt kein Problem. Gut, ich kann keine Hexe werden, das sehen wir im Film auch. Aber da reinträumen kann man sich ja trotzdem.
Und in „Bibi Blocksberg – Das große Hexentreffen“ gibt es ja diesmal auch nicht nur Bernhard, sondern z. B. auch Star.
Wir wollten auch unbedingt diesen liebevollen Kontrast zwischen Frauen und Männern haben, dass Bernhard z. B. sagt, dass er gar nicht willkommen ist. Es ist natürlich klar, dass die weibliche Fraktion den ganzen Film führt. Das war schon immer so und das wollten wir auch nicht ändern.
Ich kann auch schon sagen, dass wir im zweiten Teil noch weniger männliche Anteile haben.

Bleiben wir doch noch kurz bei dem Thema, dass du als Mann jetzt diesen Kinderfilm gemacht hast.
Ich bin total geehrt, dass ich diese beiden Filme machen durfte. Es gab natürlich auch Regisseurinnen, die man dafür im Blick hatte. Am Ende hat man sich dafür entschieden, dass ich der Richtige dafür bin. Ich bin diesbezüglich sehr demütig. Wenn ich ehrlich bin, sehe ich da mein Geschlecht nicht so im Fokus. Ich bin mit einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, ich habe selbst zwei Töchter, mir ist das alles sehr vertraut.
Ich finde es total wichtig, dass sich die Welt verändert, dass Frauen zusammenfinden und gegen die Rückschritte der Emanzipation eintreten. Wir brauchen mehr Frauen in Führungspositionen, wir brauchen mehr Frauen überall. Deswegen war es mir auch so wichtig, „Bibi Blocksberg“ zu machen. Da ist das, was ich gerade angesprochen habe, natürlich nicht so geballt, aber die Kraft dahinter, die spüren die Kinder hoffentlich.
Du klingst ein bisschen wie Friedrich Merz. Ich nehme dir das aber ab, dass du dich wirklich für Frauen einsetzt.
Diese ganze Welt ist aktuell so rückläufig. Ich sehe da wirklich eine große Gefahr für die Frauen. Wenn der amerikanische Verteidigungsminister Pete Hegseth sagt, dass Frauen nicht mehr wählen sollen, da frage ich mich: Was passiert denn hier in der Welt?
Ich kann nur versuchen alle Frauen zu animieren, sich zusammenzuschließen und eine klare Haltung zu haben. Äußert euch und seid mit vollem Recht überall dabei. Das muss so sein! Wenn ich z. B. höre, dass Frauen für den gleichen Job nicht gleich bezahlt werden, da frage ich mich, in welchem Jahrtausend wir eigentlich leben?!
Bibi geht da ja auch ein Stück weit mit. Sie erklärt ihrer Mutter ja auch, dass sie ein Recht hat, mitzureden, wenn es um ihre Zukunft geht, statt dass nur für sie entschieden wird.
Bibi trägt dieses kraftvolle, feminine, dieses selbstverständliche Selbstbewusstsein schon als Figur in sich. Ich finde das toll und wollte das unbedingt fördern. Im Film gerät sie dann auf einen Schlingerkurs. Aber der Film sagt ja auch: Probier dich aus, mach deine Fehler, geh die Probleme an und lerne daraus. Bibi schafft eigentlich immer, was sie will. Und sie plädiert auf ihr Recht.
Das geben ihr die Erwachsenen ja nicht immer. Ihre Mutter spielt das auch runter, weil wir Erwachsene immer dazu tendieren zu sagen: „Ja später, irgendwann mal.“ Bibi reagiert da ganz anders. Sie sieht ein Problem auf sich zurollen und stellt alles infrage. Sie versucht auf ihre Art und Weise, etwas dagegen zu tun. Dabei wird sie erst nicht erkannt und muss erst rausfinden, wie sie mit der Verantwortung zurechtkommt. Aber sie schafft das.
Sie schafft es aber nicht allein. Sie sucht sich Verbündete, etwas, das ich auch ganz wichtig finde. Denn gerade Mädchen und Frauen wird ja nach wie vor gesagt, dass es nur eine geben kann. Da fällt das Verbündete-Suchen, über das wir vorhin gesprochen haben, ja schwer, wenn man dieses Konkurrenzdenken eingepflanzt bekommt.
Absolut! Du beschreibst das sehr treffend. Es ist auch wichtig, dass man sich durchaus auch Typen suchen kann, die da helfen können. Es müssen nicht nur Frauen sein. Man muss es nicht allein schaffen, auch ein Bernhard Blocksberg kann seinen Beitrag leisten. Es ist doch so: Auch Männer müssen, wenn sie es können, mitmachen. Man sollte das nicht so isoliert betrachten, es ist immer besser, man schafft es zusammen. Niemand sollte allein sein.
Du hast auch den ersten „Die Schule der magischen Tiere“-Film gemacht, der hier rauf und runter lief. Ich finde tatsächlich, dass man jetzt bei Bibi Parallelen zu diesem Film sieht. Das ist schon deine Handschrift, die sich da erkennen lässt. Wie fühlt sich das an, dass du das Kinderfilmgenre der aktuellen Zeit so entscheidend geprägt hast mit diesem Film?
Ob ich da jetzt was geprägt habe, ist mir nicht so wichtig. Viel wichtiger ist, dass ich die Kinder erreiche. Das macht mich glücklich. Zu wissen, dass ich denen was mitgegeben habe, das ist mir wichtig.
Den zweiten Teil habe ich aufgrund terminlicher Schwierigkeiten damals nicht gemacht und Sven [Unterwaldt] hat übernommen. Aber die Grundidee, die Liebe zu den Tieren und auch das mit den Songs, das kam alles natürlich von mir.
Ich habe meiner Tochter damals die Bücher vorgelesen und dann rief meine Agentin an und fragte, ob ich mir vorstellen könnte, da Regie zu führen. Sie hatten erst jemand anderen angefragt, aber das kam dann nicht zustande. Mich hat das sofort interessiert. Ich hatte noch nie so einen Film gemacht, aber ich wollte das unbedingt, eben auch, weil ich es ja meiner Tochter gerade vorgelesen hatte.
Ich durfte bei diesem Film auch sehr viel bestimmen, was da passiert. Ich fand die Vorstellung, dass meine Tochter ein Tier haben könnte, mit dem sie leidenschaftlich spricht – diesen besten Freund – toll. Margit Auer hat das in ihren Büchern so gut getroffen.
Ich bin ein großer Fan von dem, was Detlev Buck mit den „Bibi & Tina“-Filmen gemacht hat, gerade auch mit den Songs. Das ist nicht ganz mein Stil, das ist viel bunter und krachiger, als ich das mache. Aber das mit den Songs fand ich toll, deswegen wollte ich das bei „Die Schule der magischen Tiere“ auch unbedingt machen. Und jetzt eben auch bei Bibi. Ich habe bei Kiddinx tatsächlich gesagt, dass ein Traum für mich in Erfüllung gehen würde, wenn Peter [Plate] und Ulf [Leo Sommer] die Songs machen könnten. Joshua [Lange] kam dann noch dazu und sie haben es gemacht.
Was du ansprichst, ist diese Machart, dass es nicht ganz realistisch, sondern auch ein bisschen magisch ist, wie eben bei „Die Schule der magischen Tiere“. Wir hätten das ja auch komplett im Alltag spielen lassen können, Margit Auer hat das ja auch so angelegt. Aber wenn die Kinder sprechende Tiere haben, dann darf es schon ein bisschen magischer werden. In dem Fall waren die Frage also: Wo drehen wir? Wie sieht es da aus? Wo findet das statt? Und genau das kann man jetzt bei „Bibi“ auch sehen.
Ich habe natürlich mit den Hörspielen und den Comic-Strips gelebt, aber es war auch klar, dass es mein Ding werden muss. Es sollte anders sein als die letzten „Bibi“-Filme. Die haben mich ehrlicherweise nicht so angesprochen, auch wenn die sehr gut gelaufen sind und viele Kinder bewegt haben. Es ist nur nicht die Form von Kinderfilm, die ich gut finde.
Ich muss aber sagen, deine Beobachtung stimmt schon. Auf eine Art ist „Bibi“ für mich schon so eine Art Fortsetzung vom ersten Teil von „Die Schule der magischen Tiere“. Ich wollte das gar nicht konkret, aber es ist durchaus so, dass von einem selbst eben doch auch viel in solch einem Film lebt.
Ist ein guter Kinderfilm ein Film, der sich nur an die Kinder richtet oder auch Erwachsene abholt?
Also im Prinzip richtet sich ein guter Kinderfilm auch an Erwachsene, weil Konfliktstrukturen besprochen werden, die auch bei den Erwachsenen noch da sind. Insofern ist es bei meinen Filmen schon so, dass ich hoffe, dass die Erwachsenen ihr inneres Kind wieder finden. Deswegen flippen bei „Bibi“ die [erwachsenen] Hexen ja auch so aus. Bei all dem Stress, den sie so haben, sollten Erwachsene das Kind in sich nicht vergessen. Das ist für mich wahnsinnig wichtig.
Und dann kommt hinzu, dass Kinder Konflikte wälzen, die auch die Erwachsenen betreffen. Wenn die Eltern also den Film mitgucken, dann finden sie sich sicherlich in einer Barbara Blocksberg auch wieder.
Ich bin erwachsen und ich habe mit meinen Kindern angefangen, Kinderfilme zu schauen. Jetzt mache ich sie selbst. Ich liebe es, mir Kinderfilme anzugucken, mich interessiert das total. Diese Filme sind so reich in bestimmten Belangen, da können wir Erwachsene auch noch so viel lernen. Zum Beispiel, dass die Welt nicht in Stein gemeißelt ist, dass man sie auf den Kopf stellen kann.
Was mich bei Kinderfilmen oft ärgert, ist das Entertainment, was für Eltern mitgedacht wird. Das geht oft in zweideutige Anspielungen, die für Kinder einfach total uninteressant sind. Das kommt bei deinen Filmen überhaupt nicht vor, es ärgert mich aber immer wieder bei anderen Produktionen.
Das verstehe ich. Für mich geht’s bei einem Kinderfilm darum, Kinder zu erreichen. Die haben so ein offenes Herz, sind viel sinnlicher als wir, gucken genauer hin und kriegen so viel mit. Und das will ich mit meinen Filmen einfangen. Auf Premieren merkt man das immer, ob Kinder sich von Filmen abgeholt fühlen. Für mich gilt immer: Kinder first!
Ich habe gerade in Wien gedreht und auf einer Parkbank stand sinngemäß der Satz: Alle Kinder, die geboren werden, sind gleich und ihnen allen gebührt der nötige Respekt. Das ist doch total wahr. Egal welcher Couleur, wo auch immer ein Kind geboren wird, sie alle verdienen es einfach, gut behandelt zu werden. Man muss Kinder immer ernst nehmen. In jeder Situation.
Das passiert aber so selten. Wir sagen das, aber dann gibt es immer Ausreden von uns Erwachsenen. Ich will anderen Eltern immer zurufen: Nehmt doch die Persönlichkeit eurer Kinder wahr, lasst die mal wachsen, lasst sie entstehen, statt immer nur zu bewerten. Man kann sich doch nur zu etwas entwickeln, jemand in einer Gesellschaft werden, wenn man erstmal sein darf. Das ist doch wichtig fürs Miteinander.
Du reißt hier offene Türen bei mir ein, Gregor. Das Problem ist doch aber, dass man als Elternteil dem Kind Möglichkeiten zum Wachsen geben will und dann kommen sie in die Schule und es geht nur ums Zurechtbiegen. Ums bestmögliche Reinpassen in die Gesellschaft. Könntest du nicht darüber mal einen Film machen?
Ich bin absolut deiner Meinung. Ich weiß aber auch, dass Eltern kaum die Kraft haben, diesem System etwas entgegenzusetzen. Das ist so hart. Kinder werden so standardisiert und das ist furchtbar. Sie sind so fantasiereiche Wesen, die alle ihre Eigenarten haben. Und plötzlich müssen die alle in eine Schublade passen. Das ist ja nicht gesund!
Es ist nicht gesund für unser Land, denn wie sollen wir Neues erfinden und weitergehen, gerade im internationalen Kontext, wenn wir diese Fantasien einschränken? Ich verstehe nicht, wieso unser Schulsystem auf diesen veralteten Strukturen beharrt, obwohl sich die Welt doch so viel schneller dreht inzwischen.
Ich habe mal gehört, dass in den Schulen in Japan in den ersten drei, vier Jahren nur soziales Miteinander gelehrt wird. Das ist doch ein richtiger Ansatz. In den Waldorfschulen lernt man erstmal, sich zu artikulieren, auszudrücken, wer man ist, wie man auf die Welt blickt. Es muss doch nicht gleich Noten geben. Es muss nicht jeder zurechtgestutzt werden, wenn er oder sie vermeintlich nicht richtig lernt. Dieses Drohen mit der Hauptschule… Ich bin von mehreren Filmschulen abgelehnt worden und habe es trotzdem geschafft. Noten können doch kein Wertemaß für alles sein.
„Bibi Blocksberg – Das große Hexentreffen“ läuft ab dem 11.12.2025 in den Kinos. Und ja, es wird hier sehr viel gesungen und getanzt. Ich war ein bisschen überrascht, weil ich vor dem Schauen angenommen hatte, dass sich der Film eher an Grundschüler*innen richtet, immerhin ist Bibi selbst ja 13 Jahre alt.
Beim Gucken merkte ich dann aber: Der Film richtet sich eher an eine jüngere Zielgruppe (was nicht heißt, dass Bibi-Fans jeden Alters nicht auch Spaß haben werden). Wenn ihr also mit euren Vorschulkindern mal ins Kino gehen wollt, Bibi Blocksberg bietet sich an (und ihr habt hinterher mindestens einen Ohrwurm, versprochen)

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