Im Interview mit Ulrike Kriener geht es um die schweren Themen des Lebens. Die, wo wir alle immer hoffen, dass wir vielleicht besser verschont bleiben, dass wir uns mit denen gar nicht auseinandersetzen müssen. Denn wer redet schon gern über den Tod, das eigene Sterben. Über Demenz. Und über Lebensmüdigkeit. Die kann es aus ganz unterschiedlichen Gründen geben, aber es ist ein Fakt, dass es sie gibt.
Wie immer bei diesen Themen, die ich wichtig finde und über die wir nicht schweigen sollten, gilt auch hier: Lest es nur, wenn es euch gut geht. Und wenn ihr Hilfe braucht, weil ihr lebensmüde seid, wenn ihr Suizidgedanken habt, dann ruft u.a. die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 an. Hier könnt ihr anonym und kostenlos rund um die Uhr mit jemandem sprechen.
Wie stehen Sie zum Thema Sterbehilfe?
Ulrike Kriener: Das Bundesverfassungsgericht hat 2020 festgestellt, dass es ein Grundrecht auf ein selbstbestimmtes Sterben gibt. Das empfinde ich auch als richtig.
Niemand kann das Ausmaß des Schmerzes, die Lebensmüdigkeit eines anderen nachvollziehen, und deshalb sollte dem Einzelnen auch das Recht auf Entscheidung zustehen. Aber die Frage bleibt schwierig zu beantworten. Es gibt hier keine Strukturen wie in der Schweiz, kein Suizidhilfegesetz. Es sind weiterhin viele Fragen offen.

Sterbehilfe ist auch nicht nur ein Thema für die Betroffenen selbst, sondern auch für die Hinterbliebenen..
Das Leben kann eine Freude sein, aber es kann auch eine Last sein. Ich habe im Freundeskreis Suizide erlebt. Das ist einfach furchtbar, und es ist schwer, das zu verstehen und zu akzeptieren.
Und wie schwer muss es erst sein, die Entscheidung eines geliebten Menschen mitzutragen? Es bleibt ja immer die Frage, ob es gar nichts gab, was die Entscheidung hätte verhindern können. Hätte man selbst noch etwas tun können? Für die Hinterbliebenen ist es unheimlich schwer, damit umzugehen.
Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?
Ich habe mich vor allem damit beschäftigt, welche Krankheit meine Luise hat, was sie an diesen Punkt, zu dieser Entscheidung treibt. Ich wollte sie verstehen.
Meine Vorbereitung bestand vor allem darin, das Wissen über Alzheimer und Demenz zu vergrößern. Der Verlust von Fähigkeiten, die Angst und Unsicherheit, die Einsamkeit … damit habe ich mich beschäftigt. Das Thema Sterbebegleitung habe ich nicht in den Mittelpunkt gerückt.

Ich finde, dass man bei Demenz unweigerlich mit der Frage konfrontiert wird, was uns eigentlich zum Menschen macht. Denn was bleibt, wenn man alles vergisst?
Am Ende bleibt doch, dass wir alle Erinnerungen sind. Und wenn man die nicht mehr miteinander teilen kann, dann verstehe ich die Frage, was uns zum Menschen macht, sehr gut. Dann wird es sehr einsam. Und wer sind wir, wenn wir nicht mal mehr in den Erinnerungen anderer existieren? Nichts? Eine Antwort darauf habe ich nicht.
Ihre Luise sagt: „Ich verstehe doch, was hier passiert, ich weiß doch, dass mir da etwas wegrutscht”. Diese tiefe Verzweiflung, die das in Menschen auslöst, die kann man, glaube ich, nicht nachvollziehen, wenn man nicht selbst betroffen ist.
Den Satz habe ich eingebracht, weil ich ihn nach der Beschäftigung mit diesen Themen so wichtig fand. Denn zu Beginn merken die Betroffenen ja, dass etwas nicht stimmt. Und da beginnt ein einsamer schwerer Weg mit Hilflosigkeit, Wut, Scham und Angst. Und am Ende kann es sein, dass die betroffene Person nicht mehr weiß, wie sie „sich benimmt,“ was sie tun soll. Auch zivilisatorische Schranken und Regeln gelten dann nicht mehr. Das zu ertragen ist schrecklich, für alle Beteiligten.
Es gab mal den Fall, da ist jemand im Krankenhaus davon aufgewacht, dass die demente Person aus dem Nebenbett sie gewürgt hat. Sowas möchte man nicht erleben. Die zivilisatorischen Schranken gelten bei Demenz irgendwann nicht mehr, die Menschen wissen nicht mehr, was sie tun.

Ich finde die Geschichte, die in „Nichts wie weg” erzählt wird, so wichtig. Und habe mich über diese tumben Polizist*innen, die da vorkommen, wirklich geärgert. Sie haben da keinen Einfluss drauf, aber waren die wirklich nötig?
Wir wollten damit dem Ganzen die Schwere nehmen und es trotzdem unsentimental erzählen können. Ich finde es lobenswert vom ZDF diesen Versuch zu ermöglichen. Die Autorin hat auf diesem schmalen Grat zwischen Drama und Komödie für mich ein sehr überzeugendes Buch geschrieben. Deshalb habe ich auch zugesagt, die Luise zu spielen. Denn natürlich gibt es im Zusammenhang mit an Demenz erkrankten Personen auch viele witzige Situationen. Die muss man doch erzählen können.
Die Zuschauer*innen sollten eine Frau kennenlernen, die zu keinem Zeitpunkt bedrohlich für andere ist. Sie vergisst Dinge, reagiert eruptiv, sie geht, ohne zu bezahlen, stellt aus dem Zusammenhang gerissene komische Fragen, zieht sich seltsam an. Aber abgesehen davon hat man noch nicht das Gefühl, dass sie dringend ins Heim müsste. Und das muss sie letztendlich auch noch nicht. Sie könnte sich auch zuhause betreuen lassen.

Es gibt den Abschied zwischen Luise und ihrer Tochter. In dieser Szene lag soviel Schmerz und auch Endgültigkeit. Wie geht man damit gut um?
Diese Szene war für mich das Schmerzhafteste an der ganzen Arbeit. Wie macht man das: Sich umarmen und wissen: Das ist das letzte Mal. Die Mutter weiß es, die Tochter weiß es. Aber die Enkelkinder wissen es nicht. Und der Schmerz, der daraus folgt, der muss ausgehalten werden. Ich finde das eigentlich unvorstellbar.
Wir wollen den Menschen, die wir lieben, nah sein. Wir wollen Verbindung. Am leichtesten geht das über eine gemeinsame Sprache. Aber manchmal reicht auch ein Blick, ein gemeinsames Lachen, um sich nahe zu fühlen. Auch mit ganz fremden Menschen, irgendwo auf der Straße. Ein kleiner Moment kann dafür sorgen, dass wir uns mit der Welt verbunden fühlen. Und dieses Gefühl brauchen wir, immer. Wenn diese Verbindungen abreißen, dann sind wir allein. Wenn diese Verbindungen abreißen, dann sind wir allein. Deswegen sind Trennungen so fürchterlich schwer, z. B. bei Scheidungen oder auch in Freundschaften.
Ich konnte die Frau, die ich spiele, gut verstehen. Sie äußert sich vor allem über ihre Musik. Die Musik ist ihr wichtiger als alles andere, auch als ihre eigene Tochter. Sie liebt ihre Tochter sehr, aber was sie als Mensch ausmacht, ist ihre Fähigkeit, sich über Musik zu äußern. Sie gibt darüber sich selbst und ihre Liebe. Sie veräußert sich in Musik. Und das wird mit ihrer Krankheit irgendwann nicht mehr gehen, das weiß sie. Sie hat aber keine andere Möglichkeit, in Kontakt zu treten. Ihre Seele sitzt in der Musik. Was also kann sie tun?
Luise Dobertin jedenfalls hat ihre Entscheidung getroffen.
Wenn es euch nicht gut geht und ihr reden möchtet, könnt ihr euch u.a. an die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 wenden. Hier könnt ihr anonym und kostenlos rund um die Uhr mit jemandem sprechen. Auch die Deutsche Depressionshilfe bietet Informationen und Anlaufstellen.
„Nichts wie weg“ könnt ihr am 09.November um 20:15 im ZDF anschauen. Alternativ dazu findet ihr den Film auch in Web & App vom ZDF.

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