Kennt ihr die 1999er Verfilmung von „Der talentierte Mr. Ripley“ noch? Ich habe sie irgendwann entdeckt und immer gedacht: Irgendwann les ich mal das Buch von Patricia Highsmith. Und obwohl ich ja wirklich viele Bücher lese, habe ich das Versprechen dann doch nicht eingelöst. Aber jetzt. Denn es gibt einen Film, der, sehr fiktiv, mit ihrem Leben verknüpft ist. Und mit Tom Ripley, ihrer berühmten Romanfigur.
Ich habe den Regiesseur des Films, Anton Corbijn, zum Interview getroffen und zwar nicht nach seinem „Ein Talent fürs Morden“ gefragt, aber über Fotografie, Inspiration und Stolz gesprochen. Ich mochte den sehr ruhigen Vibe im Interview sehr. Vielleicht erzeugt man den automatisch, wenn man wie Corbijn das Arbeiten mit Bands gewöhnt ist und mehr als eine beeindruckende Karriere hingelegt hat. Was denkt ihr?
Haben Sie das Theaterstück gesehen, bevor Sie sich an den Film gewagt haben?
Anton Corbijn: Nein, ich habe das Bühnenstück vorher weder gelesen noch gesehen. Ich kam mit dem Stoff erst in Berührung, als er bereits als Drehbuch vorlag.
Ich habe nicht nach dem Theaterstück gesucht, weil ich mich nicht beeinflussen lassen wollte. Denn egal, ob man das, was man sieht, mag oder ablehnt, man wird davon beeinflusst. Ich wollte frei an den Stoff herangehen.
Was inspiriert Sie?
Ganz viele unterschiedliche Dinge. Es kann etwas sein, das ich höre, von dem ich lese, das ich sehe. Inspiration kann von überall herkommen. Und dann ist es auch nur genau das. Ich stehle nichts, was schon da ist, aber vieles hat Einfluss auf mich.
Ich möchte nichts nachahmen, aber natürlich lasse ich mich beeinflussen. Was genau mich inspiriert, lässt sich nicht planen, das kommt aus sich selbst heraus. Es kann auch sein, dass ich etwas wahrnehme und es dann, unterbewusst, jahrelang in mir schlummert. Und irgendwann erschaffe ich etwas ganz Eigenes daraus. Diesen Prozess kann man schwer beschreiben.
Vermutlich ist die Natur meine größte Inspiration. Sie hat auf alles, was ich tue, auch auf meine Fotografien, einen großen Einfluss. Wir konkurrieren immer mit der Natur und werden doch niemals etwas so Schönes, Perfektes erschaffen können wie sie. Aber es ist doch ein großartiges Ziel, das wenigstens zu versuchen.
Sind Sie jemals gedanklich satt und können keine neuen Inspirationen mehr aufnehmen? Sie machen so viele unterschiedliche Dinge, da frage ich mich, ob es Momente gibt, in denen nichts mehr inspirierend für Sie ist.
Vielleicht gibt es das. Es ist ja immer der eigene Verstand, mit dem man sich beschäftigt. Das kann ermüdend sein. Aber hier können wir alle auch jederzeit Bilder heraufbeschwören.
Ich mag es zum Beispiel, große Dinge anzufertigen. Die Bühnendesigns für Depeche Mode oder Herbert Grönemeyer sind riesig, da gehe ich komplett drin auf. Auch die Regie für einen Film wie „Ein Talent fürs Morden“ zu übernehmen, ist groß.
Und gleichzeitig mag ich ganz kleine Dinge. Eine Briefmarke zu gestalten oder kleine Zeichnungen anzufertigen. Solange ich visuell arbeiten kann, bin ich zufrieden.

Ihr Film bewegt sich an der Grenze zwischen Realität und Fiktion. Wie würde Ihr Leben in so einer Welt aussehen?
Ich glaube, ich lebe schon halb in einer Fiktion. [Er lacht]
Ich wünsche mir manchmal, ich könnte es mir selbst etwas einfacher machen, indem ich mir weniger Stress auflade. Diese verschiedenen Dinge, die ich tue, miteinander in Einklang zu bringen, das ist manchmal wirklich stressig. Ich bereite mich gerade auf meinen nächsten Film vor und weiß, dass in den nächsten sechs Monaten sehr viel in meinem Leben passieren wird. Ich weiß nur noch nicht, wie ich damit praktisch gut umgehen kann.
Wie bleiben Sie im Moment?
Wenn ich zu Hause bin, gehe ich jeden Morgen mit dem Hund im Wald spazieren. Das ist für mich die beste Art, in den Tag zu starten. Das erdet mich sehr. Die Freude des Hundes macht mich sehr glücklich.
Als ich aufwuchs, hatten meine Eltern zwar einen Hund, aber ich stand ihm nicht nahe. Jetzt mit meinem eigenen Hund ist das ganz anders. Es ist einfach nur schön. Ich erkenne die spirituelle Seite von Hunden und die reine Freude, die sie ausstrahlen. Sie sind so glücklich zu existieren und jemanden zu haben, der sich um sie kümmert. Für mich ist das wunderschön.

In „Ein Talent fürs Morden“ sehe ich Patricia Highsmith vor allem als eine sehr einsame Person. War sie in ihrer Einsamkeit wohl sehr unglücklich?
Es gibt einen großen Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit. Ich bin sehr gerne und oft allein. Einsamkeit schenkt einem auch die Möglichkeit, etwas Positives und Aktives zu erschaffen. Aber wenn Menschen sehr isoliert leben, dann ist das tragisch. Es braucht ja nicht viel, um mit anderen in Kontakt zu treten. Man muss nur den Mund aufmachen.
Ich fühle mich generell sehr zu Figuren hingezogen, die auf sich allein gestellt sind. Und die sind dann oft einsam. Das ist bei meiner Fotografie interessanterweise auch so. Ich bin zwar als Fotograf für U2, Depeche Mode und viele Bands bekannt, aber ich liebe es eigentlich viel mehr, einzelne Personen abzulichten. Darin bin ich wirklich richtig gut.
Wie kam es dann zu den Band-Fotos?
Ich habe in den 70er Jahren damit angefangen und wurde ziemlich gut darin. Es hat mir damals natürlich auch gefallen. Und wenn U2 mich heute um ein Foto bittet, sage ich doch nicht: „Nein danke, ich möchte nur noch einzelne Personen fotografieren!“ Wir haben eine gemeinsame Geschichte, die werde ich immer fortführen.
Es bleibt eine Herausforderung für mich, die Balance zu finden zwischen den Gruppenmomenten und dem Fokus auf einer einzelnen Person. Wenn ich an Ausstellungen denke, dann geht es mir immer um etwas Singuläres.

Sie haben gerade schon einige große Namen angesprochen. Sind Sie stolz auf das, was Sie erreicht haben?
Ja, sehr. Denn alles, was ich geschafft habe, kam aus mir selbst. Das habe ich ganz allein geschafft. Ich habe nie wirklich viel Hilfe bekommen, darum bin ich sehr stolz darauf. Ich bin so viel weiter gekommen, als ich mir selbst das jemals hätte vorstellen können. Ich hätte mir diese Karriere nie erträumen können und doch habe ich sie erlebt.
Wie ist das möglich, wenn Sie keine Vision davon hatten, wie Ihre Karriere sich entwickeln kann? Denn heute ist diese Visualisierung, was man sich erträumt fürs Leben, DER Karrieretipp.
Ich hatte nie einen festen Leitfaden. Es gab kein Ziel, auf das ich verbissen hingearbeitet habe. In meiner Jugend habe ich auf die Bilder reagiert, die es bereits gab. Da sind wir wieder beim Thema Inspiration. Wann immer mich etwas angesprochen hat, habe ich darauf reagiert. Mein Weg war nicht geradlinig, ich war immer eher alternativ unterwegs.
Erst als meine Bilder dank „The Joshua Tree“ plötzlich auf riesigen Plakaten zu sehen waren, änderte sich das. Aber dadurch änderte sich auch alles für mich. Denn plötzlich musste ich gegen mich selbst kämpfen. Es gab nichts mehr, worauf ich reagieren konnte. Ich war plötzlich jemand, der Bilder gestaltete, aber mir fehlte die Resonanz auf andere.
Ich habe keine Design-Ausbildung. Manche behaupten, dass man das sieht. Andere finden, dass es frischen Wind reingebracht hat, einen neuen Ansatz, der nicht von Schulen geprägt ist. Ich habe mich nie durch Bildung definiert und habe auch ohne akademisches Wissen meinen Weg gefunden. Darauf bin ich sehr stolz.
Haben Sie denn einen Rat an die Menschen, die in Ihre Fußstapfen treten wollen?
Das Wichtigste ist, dass ihr etwas schafft, was aus euch selbst kommt. Es geht nicht darum, erfolgreich zu sein. Das Wertvollste ist, dass eure Kunst ein Teil von euch selbst ist. Lasst euch nicht einreden, dass ihr etwas nicht könnt. Ihr werdet immer einen Weg finden, wenn ihr es wirklich wollt.
Als ich mit der Fotografie begonnen habe, hatte ich nur ein oder zwei Kameras und Objektive. Die anderen professionellen Fotografen hatten so viel mehr. Aber ich habe nie versucht, mich für jeden Winkel abzusichern. Stattdessen entschied ich, innerhalb eines Raumes erfinderisch zu werden. Wenn man oft in Hotelzimmern fotografiert, muss man erfinderisch werden. Man muss die Gegebenheiten bestmöglich nutzen. Darin wurde ich sehr gut und das ist auch mein Rat: Es wird nie alles ideal sein, man muss trotzdem versuchen, das Beste draus zu machen.
Ich habe gelesen, dass Sie gern mehr Filme machen würden, aber dass es zurzeit sehr schwer ist, finanziert zu werden. Woran liegt das?
Ich weiß es nicht genau. Aber ich vermute, es liegt daran, dass manche Menschen nur auf noch größere Gewinne schauen. Es muss immer mehr und mehr Geld her. Bei großen Filmen sind die Risiken hoch, aber auch der Ertrag. Das Interesse am Geld ist groß, aber man will nichts riskieren.
Bei Filmen wie „Ein Talent fürs Morden“ ist der Gewinn überschaubar. Das ist schade, aber die Realität. Für mich ist es allerdings schon ein riesiger Erfolg, dass alle den Film jetzt sehen können. Er macht so viel Spaß, ich freue mich, dass das Publikum das erleben kann. Er ist doch wirklich sehenswert!
Ich bin gar nicht so sehr im Film zuhause, deswegen ist das nur der Versuch einer Antwort. Ich kann nur sagen, dass einige meiner Filme nicht zustande kamen, weil sie nicht finanziert wurden.

Im Film geht es um ein neues Buch von Highsmith, „ein letztes großes Meisterwerk“. Denken Sie selbst auch in solchen Kategorien?
Nein. Ich mache weiter, solange ich lebe und genieße alles. Wenn ich körperlich nicht mehr dazu in der Lage wäre, wäre meine Antwort vielleicht eine andere. Allerdings kann man auch im Rollstuhl Regie führen. Ich habe auch große Unterstützung an meiner Seite. Meine Frau ist, genau wie ich, nicht im Ruhestand. Wir genießen es sehr, unter Menschen zu sein und zu arbeiten.
Tom Ripley ist ein Charakter, der jemand anderes sein möchte. Damit ist er ja nicht allein auf der Welt. Warum haben Menschen diesen Drang, jemand anderes zu sein?
Ich weiß es nicht. Ich versuche nicht, jemand anderes zu sein, daher ist mir dieser Gedankengang auch fremd. Ich versuche im Gegenteil eher, immer mehr ich selbst zu werden.
Sie haben also nie versucht, weiser, klüger oder erfahrener zu tun, als Sie sind?
Natürlich wäre ich gerne erfahrener. Aber Erfahrungen kommen durchs Tun. Ich versuche also, mehr Dinge zu tun, von denen ich noch nicht viel verstehe. Das eigene Selbst ist das größte Kapital. Wenn wir wir selbst sind, sind wir anders als alle anderen. Das ist etwas Gutes.
Das Filmemachen ist recht neu für mich, und ich lerne jedes Mal dazu. Wie man visuell Geschichten erzählt, wie man in Bildern und Filmen denkt, das finde ich sehr interessant.
„Ein Talent fürs Morden“ könnt ihr ab 5. November im Kino anschauen. Wenn ihr könnt, schaut ihn euch in der Originalversion an. Das Schauspiel von Helen Mirren und Alden Ehrenreich kommt, meiner Meinung nach, so viel besser zur Geltung, wenn man noch die originalen Stimmen hört.
So oder so ist der FIlm aber ein Erlebnis, was man gern auch mehr als einmal schauen kann. Ich hab ihn zwei Mal geguckt, einmal im Original, einmal auf deutsch und ich hab jedes Mal auf andere Dinge geachtet.

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