Mit Thea Ehre wollte ich eigentlich über ihre Rolle im Kieler „Tatort“ sprechen. Aber auch über ihre Performance „Fugue Four Response“ mit Freund*innen zur Frage des Einfluss von Mainstream-pornografischen Bilder auf das Ausleben der eigenen Sexualität. Und weil die Mischung noch nicht wild genug ist, haben wir auch über Grenzsetzung und Grenzwahrung, Traumrollen und Kultur in Wien gesprochen. Thea Ehre hat da einen wirklich tollen Tipp für euch (und ich möchte dringend mal einen Sonntagabend in Wien verbringen).
Lasst euch aufs Interview und den Zweiteiler-Tatort ein (in dem Thea Ehre leider nur im ersten Teil zu sehen sein wird).
Was bedeutet dir der „Tatort“?
Thea Ehre: Der „Tatort“ ist für mich eine schöne Konstante. Ich finde es toll, dass ich meine Figur immer weiter entwickeln darf, und freue mich immer sehr, dass ich mit großartigen Menschen zusammenarbeiten darf. Das macht so viel Spaß und die Kolleginnen sind inzwischen zu Freundinnen geworden.
Beim „Tatort“ komme ich immer wieder mit neuen Regiemenschen in Verbindung, weil die nach zwei Tatorten gewechselt werden. So bekomme ich die Möglichkeit, mit vielen unterschiedlichen Kreativen zusammenzuarbeiten.
Ich habe die Sicherheit, dass ich, dank des „Tatort Kiel“, meist zwei Filme im Jahr drehe. Und auch wenn ich weniger Drehtage als die Hauptfiguren habe, weiß ich, dass ich diese Tage verlässlich planen kann.
Und wenn ich ehrlich bin: Meine Eltern sind große „Tatort“-Fans, ich habe das früher mit ihnen zusammen geguckt und jetzt spiele ich da mit. Ich darf nie was verraten, aber auf Familienfeiern ist das schon ein großes Thema.
Schaust du dir die Filme, in denen du mitspielst, an? Und wenn ja, wie guckst du sie?
Ich tu mich da richtig schwer, musste das erst lernen. Das ist immer ein bisschen cringe, wie wenn man sich selbst bei Sprachnachrichten hört. Wenn ich mir Sachen von mir angucke, dann erstmal ganz allein. Das gibt mir ein Gefühl der Sicherheit. Das hat auch nichts mit Eitelkeit zu tun, ich brauche das einfach für mich. Und dann schaue ich das auch mal mit Freund*innen an. Aber ich hänge das eigentlich nicht an die große Glocke, auch wenn ich natürlich stolz auf meine Arbeit bin.
Diesen „Tatort“ werde ich in einem Arthousekino in Wien gucken. Es gibt hier in mehreren Kinos das Angebot, dass man sich sonntags for free da reinsetzen und den „Tatort“ auf der Kinoleinwand anschauen kann. Mein bester Freund hat das vorgeschlagen und jetzt machen wir das mal. Ich bin aufgeregt und total gespannt, wie das wird.

Ich glaube nicht, dass das im Kieler „Tatort“ schon mal ein Thema war, aber ich möchte das trotzdem ansprechen. Wie stehst du zur Darstellung sexualisierter Gewalt gegen Frauen in Filmen? Weil das so oft gezeigt wird und es mich wütend macht. Der Schmerz von Frauen ist doch kein Entertainment.
Das ist ein wichtiger Punkt, ich sehe das wie du. Und ich erinnere mich nicht, dass wir, seit ich dabei bin, je einen solchen Fall gezeigt hätten.
Ich habe viel True Crime konsumiert, in Podcasts und anderen Formaten. Und ich finde, dass sexualisierte Gewalt nie Entertainment sein darf. Man kann darüber sprechen, wenn es der Aufklärung dient. Aber es darf nie der Zweck sein, dass sich Leute einfach nur unterhalten fühlen wollen. Und es sollte eine Triggerwarnung geben.
Am Ende des Tages ist diese Gewalt unsere Realität. Es passieren so viele Femizide, Gewalt gegen Frauen. Wenn das gut geschrieben ist, wenn Lösungen gezeigt werden, wenn man auf das Thema aufmerksam machen möchte, weil es in unserer Gesellschaft noch immer nicht präsent genug ist, dann finde ich es richtig, das zu verhandeln. Aber dafür muss man auch nicht die Tat zeigen. Diese expliziten Darstellungen, die sind ein riesiges Problem. Das braucht es nicht.
Wenn etwas gezeigt wird, dann muss die Perspektive auf den Opfern liegen. Es ist viel wichtiger zu zeigen, wie es dem Opfer nach der Tat geht, nicht die Psychologie hinter dem Täter aufzuarbeiten. Es ist wichtiger zu erkennen, welche Auswirkungen solche Taten auf jemanden haben, welche schweren Folgen und Konsequenzen das hat, als immer wieder die Täter zu zeigen.
In Vorbereitung auf unser Interview ist mir aufgefallen, dass du oft als „Transschauspielerin“ bezeichnet wirst. Ich begegne dem mit Unverständnis bis Wut, weil du doch Schauspielerin bist. Dass du trans* bist, kannst du erzählen oder nicht, aber es spielt doch keine Rolle für ein Interview. Wie versuchst du, solchen Schubladen und Labels zu entkommen?
Ich fand das auch interessant, dass das so ein Thema war. Bis ich verstanden habe, dass es da um Sensationsgeilheit geht. Neulich habe ich bei einer Podiumsdiskussion auf eine ähnliche Frage gesagt, dass ich nicht beeinflussen kann, was die Leute schreiben. Die Leute werden immer sehen, was sie sehen wollen und schreiben, was sie schreiben wollen. Ich persönlich sehe mich nicht so. Ich sehe mich als Schauspielerin. Und ob ich mehr zu dem Thema sagen will, entscheide ich immer in dem Moment.
Manchmal nervt es mich, manchmal finde ich es lustig, weil es ja nun wirklich alle mitbekommen haben. Und manchmal glaube ich, dass Leute Sachen verstehen wollen und deswegen alles in Schubladen einordnen. Vielleicht ist das auch Selbstschutz? Ich kann dazu nur sagen: I think it’s just not that deep. Es ist kein Persönlichkeitsmerkmal, auf dem man irgendwas aufbaut.
Ich finde es immer interessant zu sehen, wer seine Stimme und seine Reichweite für welche Themen nutzt, und denke gleichzeitig oft: Warum müssen denn die, die betroffen sind, auch noch die Kraft aufbringen, auf Themen hinzuweisen?
Ich überlege mir sehr genau, worüber ich spreche. Lange Zeit war ich auch frustriert davon. Mittlerweile denke ich mir: Bevor niemand drüber spricht, mache ich es. Aber natürlich ist das mit der Hoffnung verbunden, nicht die Einzige zu sein, die darüber spricht. Ganz generell finde ich auch nicht, dass ich eine Aufklärungsfunktion habe. Ich habe ja nur meine eigene Erfahrung, meine Perspektive. Da wünsche ich mir schon, dass auch Menschen mit Fachwissen angefragt werden.
Der Fokus liegt mir zu oft auf dem Sensationsgedanken und zu wenig auf dem Thema. Ja, es ist ein Teil von mir. Aber es definiert mich nicht. Ich bin primär eine Schauspielerin, die in der Öffentlichkeit steht. Ich habe auch lernen müssen, meine Grenzen zu wahren. Ich gucke inzwischen, wie ich mich fühle und wie viel ich teilen möchte. Ich habe nicht jeden Tag die gleiche Kraft, um meine Stimme zu erheben.
Nach der Berlinale [Thea Ehre hat 2023 den Silbernen Bären für „Bis ans Ende der Nacht“ bekommen] gab es ein großes Interesse an meinen privaten Themen. Ich war damals noch sehr unerfahren und dachte, ich müsste alles preisgeben. Ich war total überfordert mit der Situation. Nach und nach habe ich mir das erarbeitet und erkannt, dass ich selbst entscheiden kann, wie viel ich preisgeben möchte, was ich erzählen will. Das Wahren der eigenen Grenzen ist so wichtig, um sich nicht selbst auch noch zu verletzen.
Wie schaffst du es, Grenzen zu setzen?
Es funktioniert manchmal besser, manchmal schlechter. Ich bin auch besser darin, meine Grenzen passiv zu wahren, statt sie aktiv zu setzen. Vielleicht ist das auch meine Superkraft, dass mich manche Sachen weniger tangieren. Ich kann das gut differenzieren und manche Dinge sind mir einfach egal.
Ich habe das Glück, eine Community von Menschen um mich zu haben, die mich auffangen, mit denen ich über alles reden kann. Ich schätze das sehr. Manche dieser Menschen kenne ich, seit ich klein bin, und manche sind neu dazugekommen. Zusammen sind sie mein Auffangnetz. Solche Menschen zu haben ist ein großes Privileg. Ich konzentriere mich auf sie, statt auf den öffentlichen Raum, was sicherlich auch sehr gesund ist.

Was interessiert dich an der Schauspielerei, dass du gesagt hast: Das möchte ich machen?
An den Drehtagen muss ich abliefern, aber mich interessiert die ganze Vorarbeit total. Es gibt ein Drehbuch und eine Figur und ich erarbeite mir dann deren Hintergrund. Wie ist die Person gebaut? Welche Schichten gibt es? Wie viel von mir selbst finde ich in diesem Charakter? Wie kann ich den zum Leben erwecken? Denn das ist die Aufgabe, etwas, das bisher nur in 2D existierte, in 3D zu beleben. Ich gehe da wie eine Detektivin vor und überlege, welche Nuancen ich der Figur schenken kann, welchen Zugang ich zu ihr habe.
Welche Figuren würdest du gern spielen, welche Herausforderungen suchst du?
Ich würde sehr gern eine sehr psychologische Figur spielen, jemanden, der ganz nuanciert geschrieben ist. Jemanden, der sich über eine Zeit entwickelt, eine Figur, bei der es sehr viel Hintergrund gibt. Man möchte herausfinden, was ihr passiert ist, warum sie so ist, wie sie ist. Solch eine Figur zu erarbeiten, fände ich toll.
Mir wird auch oft gesagt, dass ich ein historisches Gesicht hätte. Deswegen würde ich gern auch eine historische Figur spielen.
Ich finde psychologisch tiefe Charaktere extrem wichtig. Sie fehlen mir sehr in der aktuellen Filmlandschaft. Kannst du Hoffnungen machen, dass sich das ändert?
Ich glaube, man muss Zuschauer*innen mehr zutrauen. Ich habe gerade ein Projekt, über das ich noch nicht sprechen darf, das wirklich besonders ist. Ich hoffe, dass das produziert wird, bin aber guter Dinge. Und wenn ich mir angucke, was mir gerade angeboten wird, bin ich sehr happy mit der Entwicklung. Es gibt Leute, die sich wieder mehr Sachen trauen, coole Drehbücher, die mich motivieren.
Du hast 2022 mit einem Kollektiv zusammen die Performance „Fugue Four Response“ gemacht, um Fragen nach dem Einfluss Mainstream-pornografischer Bilder auf das Ausleben der eigenen Sexualität nachzugehen. Kannst du dazu ein bisschen was erzählen? Ich glaube nämlich, dass das Thema aktuell wie nie ist.
Das war eines meiner ersten Theater/Performanceprojekte. Die Idee von Olivia Axel Scheucher, Nick Romeo Reimann und Luca Bonamore und mir war, eine Performance für das „Pornfilm Festival“ in Wien zu entwickeln. Es ist aber per se keine pornografische Performance, denn so etwas mache ich nicht. Das Stück hat sich dann weiterentwickelt, wir haben es am Volkstheater in Wien auch aufgeführt und immer wieder darüber gesprochen. Denn unsere persönlichen Erfahrungen haben da auch mit reingespielt, wir haben Themen dazugenommen, andere neu betrachtet. Wir haben uns gefragt, wieso unsere Körper im heutigen Spätkapitalismus auch zu einer Ware geworden sind. Durch welche, vielleicht auch unbewusste, Strukturen geschieht das?
Wenn man zum ersten Mal, vermutlich im Teenageralter, mit Pornos in Berührung kommt, erkennt man die Machtstrukturen dahinter nicht. Aber die sind ja extrem problematisch. Generell haben Pornos auch nicht nur etwas mit Sexualität zu tun, sondern mit der Beziehung zwischen dem männlichen und weiblichen Körper. Wie übersetzt sich das auf die Gesellschaft?
Wieso dominieren Männer Frauen? Und wieso diskutieren wir das nicht viel mehr? Wir haben überlegt, ob der Überkonsum von pornografischem Material da nicht eine Rolle spielt. Es geht auch um Konsum- und Kapitalismuskritik.
Insgesamt war es eine sehr schöne und intensive Arbeit. Wir sind als Kollektiv immer noch sehr eng miteinander verbunden und sprechen auch immer wieder darüber, ob wir das Stück vielleicht weiterentwickeln wollen. Noch ist aber nichts konkret.
Den Kieler Tatort könnt ihr am 11. und am 18.Oktober 2026 jeweils um 20:15 Uhr in der ARD anschauen. Alternativ findet ihr beide Teile auch in der ARD Mediathek.
Das Interview mit Lilith Stangenberg zum Tatort findet ihr ebenfalls auf der Seite.

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