Es gibt eine neue Studie zu digitaler und digitaler sexualisierter Gewalt gegen Frauen, ihr dürftet davon gehört haben. Durchgeführt hat sie der Deutsche Frauenrat, und das Ergebnis trifft mich und überrascht mich gleichzeitig kein bisschen. Ja, beides geht zusammen. Womit ich dagegen nicht gerechnet habe war, dass ich mehrere Anfragen zu dem Thema bekommen habe. Der Tenor: Andrea, willste nicht über deine (mannigfaltigen) Erfahrungen mit dem Thema schreiben?
Nein, möchte ich nicht, jedenfalls nicht für jemand anderen. Für meine eigene Website ist das ok, denn die gehört mir (deswegen werdet ihr hier auch einiges dazu lesen, ich habe eine Triggerwarnung davor gesetzt) Ich bin der Meinung, dass wir keinen individuellen Schmerz brauchen, um zu checken, dass es für Frauen & Queers im Patriarchat nicht wirklich gut läuft. Die Studie bezieht sich explizit auf Frauen, ich möchte die queeren Communities trotzdem nicht ausschließen. Sie werden dort nicht gesondert erfasst, aber ich gehe davon aus, dass die Erfahrungen ähnlich sind.
Die blanken Zahlen
Befragt wurden in April und Mai 2026 1380 Frauen im Alter von 18 bis 74 Jahren zu ihren Erfahrungen mit digitaler Gewalt im Netz. Das Ergebnis: Zwei Drittel der befragten Frauen, 67 Prozent, schränken aus Angst vor digitaler Gewalt ihr Verhalten im Netz ein: Sie teilen weniger Bilder und ziehen sich aus digitalen Räumen zurück. Bei Frauen zwischen 18 und 39 Jahren sind es sogar 76 Prozent, die ihr Verhalten ändern, um sich vor dem Missbrauch ihrer Fotos und Videos zu schützen.
57 Prozent der befragten Frauen, also mehr als die Hälfte, passt ihr Verhalten VORSORGLICH an, aus Angst, digitale Gewalt zu erleben. Diese 57 % haben, obwohl sie nie digitale Gewalt erlebt haben, schon verstanden: Das Internet ist kein friedlicher Ort für uns. Der Hass muss sie also gar nicht treffen. Es reicht, dass es ihn gibt. Diese präventive Selbstbeschränkung sorgt für weniger Sichtbarkeit für weibliche Perspektiven, weniger Austausch und Vernetzung unter Frauen und weniger (digitaler) Teilhabe. Das Netz gehört aber allen, nicht nur den Männern. Frauen werden daraus zunehmend verdrängt, und sie tun es nicht freiwillig, sondern aus Angst.
Digitale und reale Gewalt gegen Frauen
Reicht ja auch nicht, dass wir diese Angst schon im analogen Leben kennen: Die Angst vor Angriffen, vor sexualisierter Gewalt, vor Femiziden. Ich kenne keine Frau, die ihren Alltag nicht mit einem mulmigen Gefühl bestreitet. Die nicht nachts lieber Umwege läuft, sich am Telefon mit Freund*innen unterhält und vor der Haustür checkt, ob in der Ecke jemand lauert. Wir werden immer erfinderischer, um in dieser frauenfeindlichen Welt zu bestehen. Und die Täter erfinden neue Wege, uns zu bedrohen.
*Triggerwarnung, der nächste Absatz enthält Beleidigungen und Gewaltandrohungen*
Die Hassnachrichten, die mich auf diversen Kanälen erreichen, kann ich nicht zählen. Die Anlässe mich mit Hass, Beleidigungen und Drohungen zu kontaktieren, sind mannigfaltig. Ich habe einen Artikel geschrieben, der jemandem nicht passt. Ich habe eine Meinung. Ich war in einer Talkshow (that happened once, aber von dem Hass hatte ich wirklich monatelang was). Mein Foto gefällt einem Dude nicht. Oder meine Art zu fragen, oder wie ich in gefilmten Interviews sitze. Der Lippenstift zu rot, die (subjektiv wahrgenommene) Stimmung im Interview zu gelöst. Und überhaupt, „du machst echt für jeden die Beine breit“.
Wir wissen doch, wie schlimm es ist
Ich habe gelernt: Wenn inhaltlich eigentlich keine Grundlage für eine Diskussion vorhanden ist, wird es persönlich. Mein Aussehen ist fast immer ein Thema. Man will mich wahlweise aufgrund meiner Hässlichkeit niemals ficken oder ganz dringend vergewaltigen, damit ich zu Sinnen komme. Damit ich endlich erkenne, dass ich wertlos bin.
All diesen Schmerz, den ich in aller Regel nicht nach außen trage, höchstens mal in Instastories thematisiere, den soll ich also für Artikel doch mal kurz hervorholen. Damit die Lesenden verstehen, wie schlimm das ist? Aber… die wissen das doch! Frauen wissen es sowieso, sie ziehen sich ja nicht ohne Grund aus dem Netz zurück. Und Männer wissen es auch. Weil sie solche Nachrichten selbst verschicken (und öfter, als ihr glaubt, auch nachfragen, ob man ihre Nachricht nicht gesehen hat, sie würden noch auf Antwort warten). Oder weil sie von Freund*innen davon erfahren haben. Oder weil sie nicht mit geschlossenen Augen und Ohren durchs Leben rennen.
Wissen ist nicht das Problem
Wenn alle es wissen, fehlt es nicht an Erkenntnis. Es fehlt an Handeln. Meine Erfahrungen sind kein Einzelschicksal, sie sind ein Demokratieproblem. Ich will mich nicht überhöhen, mir ist bewusst, dass es viele Frauen noch weit härter trifft. Aber das lösen wir nicht allein. Es ist auch nicht unsere Aufgabe. Die Lösungen müssen Frauen mitdenken, aber sie müssen nicht ausschließlich von Frauen kommen.
Und sie sind nicht abstrakt:
- Plattformen müssen Frauen besser schützen. 86 Prozent der Befragten fordern das. Meldungen müssen ernst genommen werden, nicht in Formularen und automatischen Antworten versanden.
- Das Gesetz gegen digitale Gewalt braucht Nachbesserungen. Das fordern ja auch der Deutsche Frauenrat und der Deutsche Juristinnenbund.
- Wer Anzeige erstattet, darf nicht riskieren, dass der Täter über die Akteneinsicht erfährt, wo die Frau wohnt. Das wissen erschreckend wenige, und es hält Betroffene davon ab, überhaupt zur Polizei zu gehen. Wie kann die Gesetzeslage der Realität so weit hinterherhinken?
Und dann noch eine Frage, die mir wirklich wichtig ist: Wo sind eigentlich all die Männer, die sich angeblich für Frauenrechte einsetzen? Wann und wie oft widersprecht ihr, wenn ihr Hass seht? Meldet das, zeigt dieses Verhalten an und glaubt Betroffenen. Fordert von Politik und Plattformen das, was die Mehrheit der Frauen längst fordert.
Ich habe ein T-Shirt, auf dem steht: „If you aren’t angry, you are not paying attention.“ Dazu stehe ich. Wir brauchen viel mehr Wut. Aber wir brauchen auch jemanden, der sie in Gesetze, Regeln und Konsequenzen übersetzt.

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