Laurence Rupp im Interview zu "Gentle Monster" mit Andrea Zschocher

Laurence Rupp: „Ich glaube, dass es uns allen gut täte, wenn mehr weibliche Energie die Welt lenkt“

Wie führt man ein Gespräch über Themen, an die wir am liebsten gar nicht denken würden? Ich glaube, in dem man die eigene Sprachlosigkeit auch benennt. Und in dem man neugierig auf das Gegenüber ist, dass sich ja soviel mehr mit dem Thema beschäftigt hat als man selbst.

Mit Laurence Rupp habe ich über seine Rolle Philip in „Gentle Monster“ gesprochen. Er spielt darin einen Mann mit pädophilen Neigungen. Ich fand es wahnsinnig spannend zu hören, welche Gedanken er sich während des Drehs gemacht hat und das abzugleichen mit den Gefühlen, die ich beim Schauen hatte. Denn das muss ja nicht deckungsgleich sein, das ist ja das Spannende an jeder Kunst, dass sie in in jedem und jeder von uns etwas anderes auslösen kann. Habt ihr den Film schon gesehen? Was haben die Bilder bei euch ausgelöst?

Begehrt dein Philip Lucy eigentlich?

Laurence Rupp: Auf jeden Fall! Sie haben ja auch Sex. Er kann sie dabei aber nicht angucken…

Und genau da habe ich mich gefragt, ob es mangelndes Begehren ist oder Scham, die ihn dazu treibt.

Ich kann dir sagen, was ich mir dabei gedacht habe. Ob das die richtige Antwort ist, weiß ich nicht, ich vermute, sie liegt irgendwo dazwischen, denn jede*r wird seine eigene Antwort finden.

Ich wollte nicht, dass es so rüberkommt, dass die sexuelle Präferenz, die Menschen offensichtlich haben, ausschließt, dass sie auch Frauen im gleichen Alter begehren können. Es gibt sicher Menschen, bei denen das nicht so ist. Aber wir wissen auch, dass Männer, die zu Tätern werden, überhaupt keine pädophilen Neigungen haben. Deren sexuelle Präferenz ist Macht, es geht ihnen nur darum, Macht auszuüben. Und Kinder sind in unserer

Gesellschaft die Gruppe, über die wir alle am leichtesten Gewalt ausüben können. Sie lassen sich am leichtesten manipulieren. Genau das nutzen diese Menschen aus.

Menschen mit pädophiler Neigung haben auch Sex mit Gleichaltrigen. Ich habe es im Film so gespielt, dass dieser intime Moment zwischen dem Paar eine große Scham in ihm auslöst. Die Scham darüber, sich selbst zu kennen. Diese Liebe zu leben, in genau diesem Moment und gleichzeitig so ein dunkles Geheimnis zu haben, über das er nicht reden kann. Er hat ja auch Angst davor, erwischt zu werden, dass er gesehen wird.

Aber das, was ich gedacht und gespielt habe, ist gar nicht so wichtig wie das, was bei den Zuschauenden ankommt. Die sollen sich ihre eigenen Gedanken machen.

Laurence Rupp im Interview zu "Gentle Monster" mit Andrea Zschocher
© Frédéric Batier_Film AG_Alamode Film

Was der Film und du so geschickt machen, ist ja auch, die Zuschauenden aufs Glatteis zu führen. Ich bewerte ja vieles, was ich zunächst als liebevoll wahrgenommen habe, anders, wenn ich im Laufe des Films weitere Erkenntnisse gewinne. So ist das immer im Leben, und doch ist es mir bei „Gentle Monster“ besonders aufgefallen. Ich sehe erst einen liebenden Vater, der seinen Sohn auf den Schoß zieht, ihm die Zähne putzt und singt. Und dann frage ich mich, ob das wirklich alles keine Hintergedanken hat.

Ich wollte diese ganze Thematik im Spiel mit dem Kind außen vor lassen. Ich wollte, dass Malo und ich eine coole Ebene miteinander haben, dass wir Lust haben, das gut zu spielen. Es sollte Spaß machen. Das war auch Marie [Kreutzer] wichtig. 

Und doch ist das, was du ansprichst, im Subtilen ja enthalten. Für mich im Spiel kann ich sagen, dass ich das, was du denkst, nie im Spiel angedacht habe. Da sollte es keine sexuellen Ideen geben.

In anderen Filmen hätte ich das vielleicht tun müssen, da hätte das ein Thema sein können. Aber wäre es so gewesen, hätte ich vermutlich gar nicht zugesagt. Denn ich habe überhaupt keine Lust darauf, so etwas zu spielen.

Mir ist Sprache sehr wichtig. Und ich zucke immer wieder zusammen, wenn ich von „sexuellem Missbrauch“ oder „Kinderpornografie“ lese, weil es beides ja eigentlich nicht gibt. In „Gentle Monster“ benutzt ihr andere Begriffe. Warum ist das wichtig, nicht nur gefühlt sondern in der Realität?

Wir sprechen von sexualisierter Gewalt an Kindern. Das ist auch der Standardbegriff. Oftmals werden die anderen Begriffe verwendet, weil sie sich etabliert haben. Vielleicht beschäftigen sich die Leute auch zu wenig damit. Immer nur dann, wenn neue Fälle bekannt werden.

Menschen, die sich beruflich damit beschäftigen, sprechen nicht von Pornographie, denn die ist legal und harmlos. Wenn wir davon in Bezug auf Kinder sprechen, behaupten wir ja, dass es für die Kinder ok sei. Aber das ist es natürlich nicht. Die werden dazu gezwungen, an ihnen wird sexualisierte Gewalt verübt. Und wir müssen diese Begriffe richtig benutzen.

Laurence Rupp im Interview zu "Gentle Monster" mit Andrea Zschocher
© Frédéric Batier / Film AG / Alamode Film

Ist „Gentle Monster“ für dich eine Geschichte über Täterschaft oder über Emanzipation?

Für mich ist es eine Geschichte über Emanzipation. Auch wenn die nächste Frage sofort lauten muss: Kann man sich von Pädophilie emanzipieren? Im Idealfall, wenn man sich helfen lässt, denke ich, dass die Antwort ja lautet.

Der Film war für mich auch einfach eine Versuchsanordnung. Wie handelt eine Frau, wenn ihr so etwas in ihrem Leben passiert? Als ich im Vorfeld der Dreharbeiten mit Leuten aus meinem Umfeld gesprochen habe, waren alle der Meinung: Ist doch klar, da muss man gehen, man kann nicht bei der Person bleiben. Aber das ist ja nur die erste emotionale Reaktion.

Wenn man sich da tiefer mit beschäftigt, ist die Antwort dann immer noch so leicht? Wenn deine Frau dir erzählt, sie hat jemanden umgebracht, sagst du dann sofort: Ciao, ich bin weg? Oder fragst du nach, was passiert ist. Warum es passiert ist?

Das Besondere an diesem Thema ist, dass wir emotional alle sagen, dass man sofort gehen muss. Und unsere Welt trotzdem nicht so schwarz-weiß ist. Wir alle müssen uns fragen, wie man sich dazu verhält, wie man damit umgeht.

Zum Glück ist unser Leben nicht schwarz-weiß. Ich liebe die Grautöne, das Uneindeutige. Und doch fällt es mir schwer, das in „Gentle Monster“ auszuhalten. 

Weil es so angenehm ist, wenn es schwarz-weiß Antworten gibt. Ich glaube schon, dass wir diesen Wunsch haben. Deswegen funktionieren doch auch Filme wie „Star Wars“ so gut. Weil wir wissen, was schwarz und was weiß ist. Was hell und was dunkel. Hier die Jedi, da die Sith.

Das eine gut, das andere böse. Diese Klarheit, die brauchen wir manchmal.

Ich kann aber auch verstehen, wenn du sagst, dir sind die Grautöne lieber. Ich sehne mich manchmal nach dem Schwarz-Weißen, weil das Leben so komplex ist. Das ist überfordernd und anstrengend. Da ist Schwarz-Weiß eine Art Eskapismus.

Marie Kreutzer im Interview zu "Gentle Monster" mit Andrea Zschocher
© Frédéric Batier / Film AG / Alamode Film

Ich habe es geliebt, dass Lucy Songs von Männern dekonstruiert. Müssen wir nicht auch das Patriarchat dekonstruieren?

Auf jeden Fall!

Ich fühle mich davon auch überhaupt nicht angegriffen. Wir Männer hatten doch jetzt so lange das Zepter in der Hand. Es ist an der Zeit, das mal abzugeben. Nicht, weil Frauen nun die Macht bekommen und Männer unterdrücken sollen. Sondern, dass Frauen jetzt endlich und Männern gegenüber gleichberechtigt sind. Und ich glaube, dass es uns allen gut täte, wenn mehr weibliche Energie die Welt lenkt.

Bringen wir Jungs zu wenig bei, dass es ok ist, Gefühle zu zeigen? Ich denke, bei all dem, was das Leben für Frauen lebensgefährlich macht, durchaus auch: Das Leben als Mann muss manchmal ganz schön anstrengend sein.

Ich kenne es nur so. Deswegen weiß ich nicht, ob das anstrengend ist, ich habe es ja nicht anders kennengelernt. Und wenn man die andere Seite gar nicht kennt, vermisst man sie dann?

Mein Sohn geht auf eine Schule, auf der emotionale und soziale Kompetenz großgeschrieben wird. Und ich glaube, sogar der denkt sich genau das Gleiche über mich wie du über Männer: Boah, muss das anstrengend sein.

Es gab durchaus schon Momente, in denen er mir sagt, dass er spürt, dass ich mal weinen müsste. „Wein doch jetzt“, sagt er dann. Aber ich konnte nicht. Ich spüre den Knoten, mein Kind spürt den auch, aber ich kann einfach nicht loslassen. Das ist krass. Ich finde es so toll, dass mein Sohn das alles schnallt, dass er das anders macht. Es ändert sich also was.

„Gentle Monster“ könnt ihr ab sofort im Kino anschauen. Das Interview mit der Regisseurin Marie Kreutzer findet ihr ebenfalls auf dem Blog.


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