Christina Große im Interview zu "Bloß nicht Liebe" mit Andrea Zschocher

Christina Große: „Wir dürfen irren und scheitern, das kann eine Chance sein“

Mal eine Lovestory, in der sich nicht zwei Menschen mit Wohnungen, die sie sich von den Jobs die sie ausüben, niemals leisten können, sondern eine mit einer Hauptdarstellerin, die viel Raum bekommt und zeigt: Für Liebe ist man nie zu alt. Und man darf unsicher sein. In „Bloß nicht Liebe“ spielt Christina Große Viola, eine Frau, die die Liebe nicht so richtig sucht (weil sie sie schon einmal hatte) und auch am Ende gar nicht so richtig weiß, was das werden wird. Ungewöhnlich, fürs „Herzkino“- Format vom ZDF. Aber gerade deswegen auch super.

Wie schön, dass in „Bloß nicht Liebe“ mal nicht die Lovestory einer Mitte Zwanzigjährigen erzählt wird, sondern einer Frau, die wirklich miFen im Leben steht.

Christina Große: Genau ,weil man ja auch mit über 50 und bis ans Ende des Lebens sich noch verlieben kann.   

Ausserdem fühlte ich mich erinnert an ein Panel beim Filmfest München 2023 des BFFS  bei dem es um „invisible women“ ging. Es fehlt uns Spielerinnen ab 40 an spannenden vielseitigen Frauenfiguren in den Drehbüchern in der Film und Fernsehlandschaft, sowohl qualitativ als auch quantitativ. Aber die Rolle der Viola Berger darf all das haben, was wir uns damals gewünscht haben. Sie darf lieben, darf sich irren und scheitern, wird begehrt, fällt hin und steht wieder auf und darf sich neu kennenlernen und vielleicht eine neue Beziehung finden.

Christina Große im Interview zu "Bloß nicht Liebe" mit Andrea Zschocher
© ZDF/ Hendrik Heiden

Ich mochte, wie viel Raum sie hat und wie erfrischend wenig Raum den Männern, trotz des „Herzkino“-Films, der er ist, eingeräumt wurde.

Für mich war es wirklich ein Luxus, diese Hauptrolle zu spielen. Bis auf zwei Szenen war ich jeden Tag in allen Szenen. Ich  durfte vier Wochen lang das Leben dieser Frau leben. Denn das tun wir bei unserer Arbeit ja, in das Leben von jemand anderem eintauchen. Ich durfte sie entdecken in all ihrer Widersprüchlichkeit.

Wir dürfen irren und scheitern, das kann eine Chance sein. Denn Viola scheitert so wunderbar, weil sie von einem Extrem ins andere fallen darf. Sie hat so viele Facetten und ich habe es sehr genossen, diese alle zu ergründen.

Gleichzeitig wohnt ihr eine Radikalität inne, die Frauen sich manchmal vielleicht gar nicht zugestehen. Denn oft überlegen wir doch, wie viel Raum wir uns nehmen dürfen.

Ich habe selten so eine ungefilterte Figur spielen dürfen. Sie trägt ihr Herz auf der Zunge, insofern passt es ja dann doch zum Herzkino. [Sie lacht]

Anfangs verweigert sie sich all dem was ihr widerfährt, der Liebe, dem Universum. Aber sie hält diese Verweigerung nicht aus und beginnt sich darauf einzulassen und zu vertrauen.Dabei ist sie nie halbherzig, sondern was sie tut, tut sie zu 100%. Da hast du recht,das ist herrlich radikal.

Über ihre Vorbildfunktion habe  ich so vordergründig noch nicht nachgedacht, aber natürlich stimmt es, dass viele Frauen sich schon im Vorhinein beschneiden. Dass wir eben nicht ungefiltert sagen, was wir denken, dass wir vorsichtiger agieren, als wir es eigentlich fühlen.

Das beruht ja meistens auf negativen Erfahrungen, die wir schon als Mädchen im Kindesalter machen. Umso schöner ist es doch, eine Figur in diesem Rahmen so erzählen zu können. Umso schöner, dass die all die nächsten Generationen von Frauen freier und direkter agieren. Das iist zumindestens mein Eindruck und meine Hoffnung, aber keine Frage, da liegt noch viel Arbeit vor uns.

Christina Große im Interview zu "Bloß nicht Liebe" mit Andrea Zschocher
© ZDF/ Hendrik Heiden

Ich sehe die Vorbildfunktion, die Figuren eben auch haben. Und da freue ich mich über jede Frauenfigur, die zeigt, dass wir mehr sind als nur Partnerin und Mutter. Wir haben Wünsche und Träume, Ecken und Kanten. Und die dürfen wir leben. So, wie Viola.

Dominique Lorenz hat das schöne Drehbuch, das dieser ungefilterten Frau so viel Raum gibt, als Komödie geschrieben. Aber wir wissen ja, dass unter der Komödie immer auch das Drama liegt. Viola hat vor 20 Jahren ihren Mann verloren, hat ihre Tochter allein großgezogen. Dieser Schmerz unter der Komödie, den darf man merken. Deswegen ist sie in manchen Momenten so sehr aufbrausend, knallt ihrer Tochter einfach Sätze  hin. Es ist ein Balanceakt, den wir alle kennen. Wo machen wir den Mund auf? Wo schweigen wir? Beim Spielen habe ich gemerkt, wie richtig das war, dass sie zum Beispiel über den Partner ihrer Tochter dann doch etwas sagt, dass sie das nicht alles runterschluckt.

Ja, man vergreift sich manchmal im Ton, ist manchmal übergriffig. Aber man kann sich auch entschuldigen. Und das macht sie. Ich finde es mehr als wichtig, Fehler machen zu dürfen.

Mutter und Tochter kennen sich so gut und Violas Tochter gibt ihr ja dann wieder eine Chance. Ich mochte die Beziehung zwischen den beiden sehr. Und ich schätze die Kollegin, Henriette Nagel, sehr. Wir sehen uns physiognomisch auch wirklich ähnlich, das hat Stefany Pohlmann, die Casterin, wirklich passend besetzt. Vor allem aber spielt Henriette so  ungefiltert und pur, einfach eine tolle Schauspielerin. Das hat es mir auch leicht gemacht, diese Partnerschaft zwischen Mutter und Tochter so zu spielen. Wir mussten da nichts behaupten, das hat wirklich gepasst. Auch die Übergriffigkeit meiner Figur ihrem Partner gegenüber war für mich innerhalb der Situation stimmig.

Ausserdem: Wäre es umgedreht, junger Mann, ältere Frau, hätte ich ja nichts gesagt. Das wäre doch mal eine tolle Variante, die wir viel zu selten sehen. Aber hier kann Viola nicht an sich halten.

Christina Große im Interview zu "Bloß nicht Liebe" mit Andrea Zschocher
© ZDF/ Hendrik Heiden

Viola hadert auch mit der Welt, bis sie sich auf ihr Schicksal einlässt. Und ich habe mich gefragt: Brauchen wir wirklich jemand anderen, um glücklich zu sein?

Das ist die große, entscheidende Frage des Filmes. Wir haben versucht, trotz des erwartbaren Endes zu zeigen, dass es keine ganz klare  Antwort darauf gibt. Es bleibt fragil. Es ist, trotz Rom-Com, nicht ganz klar, ob das am Ende die Lösung ist.

Auch die andere Beziehungsoption empfanden wir für sie, als wirkliche Alternative. Das ist für beide ein schwerer Abschied. Ich fand das gut, dass sie da durchgegangen ist. Was dann kommt? Das sehen wir.

Ganz allgemein glaube ich, dass es viele Menschen gibt, die auch ohne eine Beziehung ein wunderbar glückliches Leben führen können. Ich bin jemand, die es sehr genießt, eine glückliche Beziehung führen zu dürfen. Und ich bin auch gern mit vielen Menschen zusammen, wir sind ja soziale Wesen. Dafür brauchen wir nicht den einen Partner oder die Partnerin. Auf deine Frage gibt es also kein ja oder nein. Alles darf seinen Raum haben und jede*r finden, was für einen selbst passt.

Ich habe auch überlegt, wie es wäre, wenn wir einen zweiten Teil drehen würden. Ich weiss nicht, ob diese Beziehung die da am Ende des Filmes  entsteht, wirklich funktionieren kann. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht.

Christina Große im Interview zu "Bloß nicht Liebe" mit Andrea Zschocher
© ZDF/ Hendrik Heiden

Ich fände einen zweiten Teil spannend, wenn sie doch zusammen sind. Denn wir zeigen immer das Verlieben, aber nie die Langzeitbeziehung. Mir wurde mal gesagt, das läge daran, dass es zu langweilig ist, das zu spielen.

Das glaube ich nicht. Mit einem guten Buch finde ich es vorstellbar. Wie kommt man durch den Alltag, wie schafft man sich Freiräume? Wie begegnet man sich als Paar, agiert nicht nur als Eltern oder in einer Funktion innerhalb des Teams Familie?

Wir sehen selten, wie schön aber auch spannend es sein kann, durch die Mühen des Alltags zu kommen und aneinander und miteinander zu wachsen, miteinander älter zu werden. Sich wirklich gut zu kennen, ermöglicht auch viel Humor und Selbstironie in einer Beziehung.

Heino Ferch sagt einen Satz, den ich wirklich schön finde: „Wir haben kein Recht auf Untröstlichkeit.“ Was macht dieser Satz mit dir?

Hast du gesehen, was ich da gespielt habe? [Sie lacht] Viola ist in dem Moment gar nicht in der Lage, das wirklich zu verstehen.Sie ist einfach zu betrunken …

Als  Christina finde ich den Satz mehr als wichtig. Das ist ja  auch das Gebot der Stunde. Über den eigenen Tellerrand hinauszublicken, nicht immer nur die eigenen Wunden zu lecken und sich nur um sich selbst zu drehen, sondern  erkennen, wo wir aktiv werden können, welche Themen jetzt dran sind. Statt Rückzug, weil alles eh schlimm ist, und kapitulieren vor dem, was einen scheinbar überrollt, müssen wir aktiv werden für uns alle.

Christina Große im Interview zu "Bloß nicht Liebe" mit Andrea Zschocher
© ZDF/ Hendrik Heiden

Was muss eine Figur haben, damit sie dich interessiert?

Ich muss gestehen, dass ich durch die Möglichkeit zu spielen sehr bestechbar bin. Denn ich spiele einfach so wahnsinnig gerne. Da kann es schon passieren, dass ich nach dem ersten Lesen denke, dass die Figur ein bisschen schmal ist, aber dann reizt es mich herauszubekommen, was da noch möglich sein könnte. Ich bin ein neugieriger Mensch und ich liebe es, mich mit meiner Figur und anderen gemeinsam auf einen Weg, eine Reise zu begeben und etwas zu entdecken. Wenn mir das nicht gelingt, dann habe ich im Nachhinein schon auch mal die Erkenntnis gehabt, dass es besser gewesen wäre, eine Rolle nicht zu spielen.

Gibt es Sachen, die du bereust?

Natürlich, das gehört auch dazu. Die Erkenntnis, dass man sich das hätte vielleicht sparen können, die ist wichtig. Aber so oft kam das bisher zum Glück nicht vor. Als es passiert ist, war ich schon über zwanzig Jahre Schauspielerin. Was für ein Glück, so spät diese Erfahrung zu machen.

Und was für ein Luxus, dass ich lange in der zweiten oder dritten Reihe Erfahrungen sammeln durfte. Da waren sicher auch Rollen dabei, die mich nicht wirklich erfüllt haben, aber ich konnte mich ausprobieren, habe so viel gelernt. Erst nach so langer Zeit zu bereuen, hat mich demütig gemacht.

Überleg doch mal, wie viel zusammenkommen muss, damit  ein Film ein guter Film wird. Bei „Bloß nicht Liebe“ kam viel Gutes zusammen. Das Drehbuch war sehr gut, die Produzentin Anja Föringer hat ein wunderbares Team zusammengestellt. Ein spannender Regisseur, ein besondere Kameramann ,großartige  MaskenbildnerInnen.  

Der Oberbeleuchter war besessen von dem, was er tut. Die Kostümbildnerin …..ach einfach alle waren unglaublich engagiert. Ich empfand es als beglückende Erfahrung und bin sehr dankbar dafür.

Empfindest du dich selbst als mutig? Denn wer neugierig ist, ist ja eigentlich immer auch mutig, weil man sich in neue Situationen begibt.

Ich habe mich das noch nie gefragt. Aber du hast recht, Neugierde und Mut liegen ganz nah beieinander. Die Entscheidung, ob man eine Tür aufmacht oder sie zulässt, ist nicht nur eine von Neugierde, sondern auch von Mut. Man muss sich auch trauen, die Klinke runterzudrücken.

„Bloß nicht Liebe“ könnt ihr ab sofort in Web & App vom ZDF streamen. Alternativ läuft der Film am 13. September auch um 20:15 Uhr im ZDF.


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