Franz Hartwig spielt in der neuen Disney+ Serie „City of Blood“ den Vampir Frank Moderson. Und der hat so eine Traurigkeit an sich, strahlt soviel Einsamkeit aus, dass ich fast (aber wirklich nur fast!) vergaß, dass der Gute eben auch Menschenblut trinkt. Einen Tag nachdem ich die letzten Folge gesehen habe, habe ich zur Interviewvorbereitung einen Film gesehen, der erst demnächst erscheint. Und da spielt Franz Hartwig auch mit. Der Schock, diesen Schauspieler innerhalb von 24 h in zwei so unterschiedlichen Rollen zu sehen, war beachtlich. Und zu meinem Glück haben wir uns am Tag darauf dann in echt getroffen, um über „City of Blood“ zu sprechen, über Einsamkeit und Vertrauen.
Ich mochte die Zufälle, die dieses Interview begleitet haben sehr und ich mag die Antworten von Franz Hartwig in diesem Interview auch sehr gern. Wenn ihr die Serie schaut, schreibt ihr mir dann, wie ihr seinen Johann Moderson fandet? Ich bin gespannt!
Die Welt von Johann verändert sich und er wird immer einsamer. Wie begegnen wir Einsamkeit in der heutigen Zeit?
Franz Hartwig: Das ist eine gute Frage in Zeiten von Social Media. Wir denken, wir sind immer alle zusammen, aber wir werden immer einsamer. Weil wir eben nicht wirklich beieinander sind. Wenn dann noch die KI dazu kommt, wird es noch schlimmer.
Ich glaube, wir müssen uns darauf besinnen, dass wir einander in die Augen sehen müssen, im real life. Es ist nichts Schlechtes daran, sich zu begegnen. Das macht uns als Menschen aus, dass wir zusammen im echten Leben Dinge erschaffen.

Phoebe und Johann lernen sich im echten Leben kennen und beginnen, einander zu vertrauen. Wie lernen wir Vertrauen?
Das ist eine sehr große Frage. Wenn ich versuche, das in Bezug auf Johann Moderson zu beantworten, dann glaube ich, es fällt Phoebe wesentlich schwerer als ihm, zu vertrauen. Denn Vertrauen braucht Zeit. In der Serie haben wir nicht so viel Zeit, alle Dinge zu erzählen, alle haben es auch immer eilig.
Was Vertrauen aufbaut, sind zwei Dinge: Entweder, man hat sehr viel Zeit, um Vertrauen wachsen zu lassen, oder es passiert etwas Krasses, dass Johann zum Beispiel ein Leben retten muss, und aus dieser Handlung wächst Vertrauen.
Ich glaube, wenn Hilfsbereitschaft bewiesen werden kann, dann kann uns das zusammenschweißen. Ob das Vertrauen dann wirklich trägt, das muss sich zeigen. Aber generell glaube ich nicht, dass Vertrauen so schnell aufgebaut werden kann, wie man immer denkt.

Es gibt eine Szene, in der das Vertrauen zwischen Phoebe und Johann sehr auf die Probe gestellt wird, auch wenn wir nicht spoilern.
Das ist irre, oder? Sie haben sich gegenseitig geholfen und dann kommt es zum Vertrauensmissbrauch. Das geht innerhalb von Sekunden. Wohingegen sich Vertrauen ja über sehr lange Zeit aufbauen muss.
Johann Moderson und ich haben schon viele Gemeinsamkeiten, und doch kann ich dir nicht beantworten, warum sie ihm vertraut. Vielleicht liegt Vertrauen einfach in der Natur des Menschen. Oder es liegt an ihm. Er öffnet sich ihr, zeigt sich ihr.
Wir sprachen über Einsamkeit und Johann war mindestens 100 Jahre lang einsam. Jetzt ist da ein Mensch, der ihn an etwas erinnert, das er lange nicht gespürt hat. Und er öffnet sich, er will helfen, weil er endlich nicht mehr einsam ist. Vielleicht geht es ihr ähnlich. Vielleicht sind das zwei Menschen, die sich in ihrer gegenseitigen Einsamkeit begegnen und lernen, sich zu vertrauen.

Vampire haben quasi unbegrenzt Zeit. Ich frage mich: Hat man irgendwann alles gesehen und alles erlebt?
Ich glaube ja. Aber die Frage ist: Will man das? Deine Frage hat uns für die Serie auch sehr beschäftigt.
Dinge und Situationen werden nur deswegen besonders, weil sie ein Ende haben. Das ist unser gesamtes Leben lang so. Nimm „City of Blood“ als Beispiel: Nach zwei Jahren Post Production freue ich mich so sehr darauf, dass die Serie am 16. September endlich rauskommt, dass Millionen Menschen die sich hoffentlich angucken werden. Ich habe mich so lange auf diesen Interviewtag, auf die Premiere vorgefreut. Aber wäre das jeden Tag so, wäre es nichts Besonderes mehr. Dann würden wir nichts fühlen.
Um deine Frage zu beantworten: Ich denke, man hat nie alles gesehen, aber Dinge wiederholen sich. Vor allem die Schlimmen.
Sollten wir unser Leben also alle viel mehr zu schätzen wissen, weil wir wissen, dass es endlich ist?
Absolut! Das ist das Ziel.

Johann hat auch ein großes Ziel. Er möchte die Vampire und die Menschen aneinander annähern. Wie bleibt man beharrlich an Zielen dran?
Indem man viel Zeit und noch mehr Geld hat. [Er lacht]
Moderson stellt sich als Menschenliebhaber da und ich glaube ihm das auch, weil in seiner Biografie verankert ist, dass er als Mensch etwas verloren hat, was ihm sehr wichtig war. Er wurde zum Vampir und hat seinen purpose in life mit dem Klimadome gefunden. Er wünscht sich, dass Menschen und Vampire hier drunter irgendwann in Eintracht leben.
Aber Moderson hat auch viel Zeit und sehr viel Geld. Er ist ein moderner Mephisto. Er hat wirklich gute Absichten. Aber die Wahl der Mittel war fürchterlich und gefährlich.
Ist mehr Zeit oder mehr Geld wichtiger?
Mehr Zeit, immer mehr Zeit.
Mehr Zeit hätte ich mir fürs Interview auch gewünscht. Aber so ist das nun mal. Für euch wirds aber höchte Zeit, euch mit „City of Blood“ vertraut zu machen. Ab dem 16. September könnt ihr die Serie auf Disney+ streamen.
Mein unbedingter Rat: Lasst euch auf die Serie ein, sie ist eine Wucht. Selbst wenn man, wie ich, wirklich zartbesaitet ist und weder mit Vampiren, noch mit Blut viel am Hut habt, lohnt es sich, reinzuschauen. Die Serie wird euch wirklich reinziehen in ihre Welt, die unserer gar nicht soooo unähnlich ist. Und es bleiben ja die Frage: Wie begegnen wir sozialer Ungerechtigkeit? Wie gehen wir mit Einsamkeit um und wie viel Zeit verwenden wir worauf?

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