Auf die Interviews zu „Das gewisse Etwas“ habe ich mich wirklich gefreut, weil ich es wichtig finde, dass auch der inklusive Cast zu Wort kommt. Und doch war ich dann enttäuscht von mir selbst, weil ich einfach nicht gut genug vorbereitet war. Ich hatte natürlich Fragen im Gepäck und gleichzeitig jede Menge falscher Erwartungen. Weil das inklusive Ensemble so einen extrem guten Schauspieljob gemacht hat, ging ich davon aus, dass ein Interview gar keine große Herausforderung ist. Aber das ist eben Schauspielkunst. Und die Realität, dass ich nicht inklusiv genug gedacht habe, die hat mich hart getroffen.
Natalie Kim Lehmann hat dieses Interview wunderbar gemeistert, sie war offen, charmant, lustig und interessiert. Sie hat auf meine Frage, ob es eigentlich ok ist, dass ein sichtbar nicht beeinträchtigter Schauspieler, Max von der Groeben, nur so tut, als hätte er eine Behinderung, perfekt beantwortet. Und Mala Emde hat so viele Brücken für mich gebaut, dass über diesen Interview eigentlich ihr Name stehen müsste. Ich freue mich sehr, dass ihr dieses Interview hier lesen könnt. Und ich bin extrem dankbar für diese Erfahrung, die mich noch lange begleiten wird. Wenn ihr wollt, schreibe ich gern noch mal ausführlicher darüber, aber der Raum hier soll zunächst unbedingt Natalie Kim Lehmann und Mala Emde gehören.
Was mögt ihr an euren Rollen am liebsten?
Natalie Kim Lehmann: Ich liebe an meiner Rolle Sophie, dass sie sich schminkt und dass sie Mode so sehr mag.
Mala Emde: Polly hat ein wahnsinnig großes Herz. Sie sieht das Gute, auch wenn die anderen das vielleicht noch nicht in sich selbst entdeckt haben. Sie holt dieses Juwel da aus den Leuten heraus. Ihre Stärke ist, dass sie alle Menschen um sich herum groß machen möchte. Das liebe ich an ihr.
Ich mochte an deiner Sophie auch, dass sie genau wusste, was und wen sie möchte. Was möchtest du?
Natalie Kim Lehmann: Ich möchte mehr gesehen werden.
Und woher weißt du, dass du gesehen wirst?
Ich merke das, wenn mein Herz schlägt. Ich sehe, dass sie mich anschauen, dass sie mich bewundern, dass sie Fotos mit mir machen wollen. Ich beantworte ihre Fragen, alle wollen Sachen von mir wissen. Ich mag das, wenn mir Fragen gestellt werden.

Im Film spielt Max von der Groeben ja den Alex und tut so, als hätte er eine Behinderung. Wie war das für dich, zu sehen, dass da jemand nur so tut, als ob?
Er tut nur so, als wäre er behindert. Aber eigentlich ist er es nicht. Er raubt einen Juwelier aus und versteckt sich in der Gruppe. Da verliebe ich mich in ihn. Ich sehe ihn und denke: Ok, den liebe ich jetzt! Aber dann irgendwann nicht mehr. Weil ich gemerkt habe, dass er anders ist.

Polly glaubt an das Gute im Menschen. Ich habe das Gefühl, dass uns das immer mehr abhandenkommt. Wie können wir wieder das Gute ineinander sehen?
Mala Emde: Ich glaube, es gibt da kein Geheimrezept dafür. Mir hilft es immer, mir zu überlegen: Wie würde ich diesen Menschen angucken, wenn ich in ihn verliebt wäre, wenn ich ihn lieben würde. Das ist ein Spiel, das ich manchmal spiele, wenn mich große Menschenmassen überfordern, in denen ich mich bewege.
Letztes Jahr war ich in Italien auf einem großen Platz mit vielen Menschen, das hat mich nervös gemacht. Und dann habe ich dieses Spiel mit einem Freund gespielt. Wir haben uns überlegt, dass wir die Menschen hier so anschauen, wie wir die Liebe unseres Lebens ansehen würden. Und das ist so verrückt, was das mit einem macht.
Durch die Arbeit an „Das gewisse Etwas“ habe ich auch viel über Bedürfnisse gelernt. Natalie hat mir zum Beispiel gezeigt, wie gut sie ihre Bedürfnisse kommuniziert. Sehr schnell und klar. Und wir alle, ob nun mit Beeinträchtigung oder nicht, haben doch Bedürfnisse. Und wir dürfen die wahrnehmen und kommunizieren. Wir können das aber oft nicht so gut, weil wir vielleicht auch glauben, dass wir gar nicht gehört werden. Wenn wir uns trauen, uns mehr zu zeigen, wenn wir unsere Emotionen wichtiger nehmen, dann kann das ein Weg sein. Wir könnten in einer Welt leben, in der wir uns alle so zeigen, wie wir sind, und in der wir mit liebenden Augen aufeinander blicken. Wie toll wäre so ein geschützter Raum?!
Ich traue mich nicht immer zu zeigen, was in mir vorgeht, weil ich Angst habe, dass meine Schwäche ausgenutzt werden könnte. Wenn wir liebevolle Orte kreieren, in denen wir uns alle mehr zeigen, könnte daraus ein Perpetuum mobile der Authentizität und der Liebe erwachsen.

Jetzt hast du gerade gesagt, dass Natalie so gut darin ist, ihre Bedürfnisse zu kommunizieren. Ich finde das auch toll und würde deswegen gern wissen: Wie sagen wir denn gut, was wir brauchen?
Natalie Kim Lehmann: Ich mache das, was mir Spaß macht. Ich stehe auf der Bühne und jetzt drehe ich. Und das fühlt sich richtig gut an. Ich habe einen Schauspiellehrer gehabt, der mir beigebracht hat, dass ich auf meinen Körper hören soll.
Was wünscht ihr euch, dass die Zuschauenden aus „Das gewisse Etwas“ mitnehmen?
Sie sollen weinen, aber zwischendurch auch mal traurig sein. Sie sollen berührt sein. Der Film ist aber auch mega lustig. Es gibt den Moment, da kommt Mala als Polly zu mir und sagt „Runter vom Tisch“. Wir haben darauf nämlich getanzt. Und dann scheucht sie uns da runter. Das war das Allerlustigste beim Dreh.
Mala Emde: Ich kann mich Natalie nur anschließen. Ich glaube, dass der Film berühren und das Herz erwärmen kann. Man kann lachen und eine gute Zeit haben und gleichzeitig der Realität entfliehen. Und das Sommerferiengefühl für zwei Stunden verlängern.

Beim Schauen kommt auf jeden Fall Ferienlagerstimmung auf. Und man wird damit konfrontiert, wie wichtig Inklusion ist und wie wenig wir im Alltag davon oft wahrnehmen.
Das ist einer der Gründe, warum ich das Projekt so gerne mag. Wir haben einen tollen Schritt in diese Richtung getan. Du hast es ja schon angesprochen: Ist es nicht unsensibel, dass Max einen Menschen mit Beeinträchtigung spielt? Eine valide Frage, wie ich finde. Was wir sehen, ist, dass die Gruppe ihn sofort enttarnt. Die Blöden, das sind wir Betreuer*innen ohne Beeinträchtigungen. Es wird also Spaß auf unsere Kosten gemacht. Oder auf Augenhöhe. Ich habe da so viel für mich mitnehmen können.
Polly braucht doch diese Gruppe genauso sehr, wie sie Polly. Die brauchen sich gegenseitig und das ist so ein schönes Bild, mit dem ich durchs Leben gehen will. Ich will eine Gesellschaft sehen, in der wir einander tragen.

Was bedeutet Diversität für euch?
Ich beantworte dir das mal, indem ich gleichzeitig den Begriff für Natalie erkläre.
Wenn wir uns die Zukunft vorstellen, wie soll die aussehen? Wenn wir einen Raum haben, welche Menschen sollen dann in den Raum sein? Frauen und Männer, mit verschiedenen Hautfarben. Manche jung, manche alt. Menschen mit Behinderungen und manche ohne. Leute, die Frauen lieben, manche, die nicht wissen, ob oder wen sie lieben. All das ist für mich ein Bestandteil von Gesellschaft.
Wir brauchen eine Welt, in der nicht alle gleich sind, in der wir alle unterschiedlich sein dürfen. Aber wir alle dürfen da sein und wir müssen uns gegenseitig respektieren. Nähe kann doch auch durch Unterschiedlichkeit entstehen.

Natalie Kim Lehmann: Für mich ist Mut wichtig. Und dass die Leute mich akzeptieren. Der Umgang miteinander ist gut. Aber Streit ist nicht so gut. Dann kann man sich nicht zuhören. Ich möchte gern mit Menschen mit und ohne Behinderungen zusammenarbeiten und Zeit verbringen.
„Das gewisse Etwas“ könnt ihr aktuell überall im Kino schauen.
Lasst euch diesen Film nicht entgehen, denn die Leistung dieses inklusiven Ensembles verdient wirklich alle Aufmerksamkeit. Ich wünsche dem Film, der mich auch nicht an jeder Stelle abgeholt hat, deswegen soviele Zuschauende, weil ich mir wünsche, dass es mehr von solchen Filmen gibt. Und dafür braucht es den Erfolg, dafür braucht es Zuschauende, die sich berühren lassen. Im zweiten Schritt können wir dann diskutieren, ob da jeder Gag wirklich nötig war. Aber erstmal die Leistung anerkennen und den Cast dafür feiern und belohnen, das sollten wir.
Das Interview mit Florian Lukas & Simon Rupp findet ihr ebenfalls auf dem Blog.

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