Auf das Interview mit Klaus Steinbacher habe ich mich sehr gefreut, weil ich ihn in „Oktoberfest 1905“ entdeckt habe und jetzt in „München Beats“ in einer ganz anderen Rolle gesehen habe. Und dieser Marius war mir deutlich lieber, aber das ist natürlich Geschmackssache. Im Interview sprechen wir über die neue Miniserie, die ich euch, Technofans oder nicht, auf jeden Fall sehr empfehlen kann, weil sie einfach so gut zeigt, wie wichtig verschiedene künstlerische Ausdrucksformen sind, und wie wichtig Offenheit und Toleranz.
Und wenn ihr mögt, dann beantwortet doch euch (und wenn ihr wollt auch als Kommentar hier) die Frage: habt ihr Angst, nicht zu genügen? Denn ich kenne diese Sorge, von der Klaus Steinbacher spricht auch, obwohl ich natürlich keine Schauspielerin bin.
Was gibt uns Techno?
Klaus Steinbacher: Ich muss gestehen, dass ich vor München Beats kaum Berührungspunkte mit der Technoszene hatte. Aber durch die Serie habe ich mich intensiv mit ihr beschäftigt und verstanden, dass Techno mehr ist als Musik. Für viele Menschen ist der Techno-Club ein Ort der Freiheit, der Gemeinschaft und der Selbstverwirklichung. Für ein paar Stunden spielt keine Rolle, woher man kommt oder was man im Alltag macht. Man ist im Moment. Ich glaube, genau von diesem Lebensgefühl erzählt unsere Serie.
Welche Musik hörst du denn privat?
Ich höre unglaublich gern Musik, allerdings meistens in einem anderen Rahmen. Ich liebe kleinere Konzerte oder Kneipen mit Livemusik, in denen ich mich auf abgeranzten Barhockern gut mit Leuten unterhalten kann. Wenn ich tanzen gehe, dann eher zu Hip-Hop oder spanischer, südamerikanischer und afrikanischer Musik. Da hält es mich dann auch nicht lange auf dem Barhocker. [Er lacht]

Was bedeuten Kunst und Kultur für dich?
Das gemeinsame Erleben von Kunst und Kultur ist mir momentan sehr wichtig. Ich genieße es, ins Theater zu gehen und danach noch lange über eine Inszenierung zu sprechen. Oft ist dieser Austausch fast genauso spannend wie das Stück selbst. Im Kino geht es mir oft genauso, aber das Theater schafft durch seine Unmittelbarkeit noch einmal etwas anderes. Es bringt Menschen zusammen. Gerade heute, wo so vieles allein vor Bildschirmen stattfindet, finde ich diese gemeinsamen Erlebnisse unglaublich wertvoll.
Der Kunstpark Ost, um den es in München Beats geht, war auch so ein Ort. Ein Ort, an dem Menschen zusammen Kunst und Kultur erleben konnten. Natürlich wurde dort viel gefeiert, aber vor allem kamen Menschen zusammen, haben Musik und Kunst für sich entdeckt und sind einander begegnet. Dass unsere Serie auch davon erzählt, gefällt mir besonders.

Wir spoilern nichts, aber wie war es für dich während der Dreharbeiten, die verschiedenen Emotionen, die Marius und Linda da miteinander erleben, zu spielen? Denn das, was da passiert, verändert die Emotionen zwischen den Figuren ja extrem.
Genau das war es, was mich an der Rolle so gereizt hat. Als ich das Drehbuch zum ersten Mal gelesen habe, wusste ich selbst noch nicht, wie einschneidend sich die Beziehung zwischen Marius und Linda verändern würde. Diese Entwicklung ist für beide Figuren enorm und macht ihren gemeinsamen Weg so spannend. Beim Drehen einer Serie springt man ständig zwischen den Szenen. Deshalb ist deine Frage so spannend, weil ich mich während des Drehs immer wieder fragen musste: Was weiß Marius in diesem Moment eigentlich schon – und was noch nicht?
Als Schauspieler kenne ich natürlich die gesamte Geschichte und weiß, wohin sich die Beziehung entwickelt. Die Figur weiß das aber nicht. Genau diese Trennung zwischen dem eigenen Wissen und dem Wissen der Figur herzustellen, ist eine der größten Herausforderungen – und gleichzeitig einer der spannendsten Aspekte an der Arbeit.
Dein Marius hat das Gefühl, er sei ein Versager. Das, was du da transportierst, das kennen bestimmt wahnsinnig viele Menschen. Warum denken wir immer so schlecht von uns?
Das fragst du ausgerechnet einen Schauspieler mit Hochstapler-Syndrom?! [Er lacht]
Ich glaube, wir alle haben irgendwie Angst davor, nicht zu genügen. Genau das hat mich an Marius berührt. Er lügt Linda nicht an – er zeigt ihr am Anfang einfach nur die Version von sich, die er gerne wäre. Seine Unsicherheiten behält er für sich. Ich glaube, das machen wir alle manchmal. Wir entwickeln Strategien, um unsere Zweifel und Versagensängste zu verstecken. Das kenne ich ehrlich gesagt sehr gut aus meinem Beruf. Bei Castings zum Beispiel, wenn ich versuche möglichst selbstbewusst aufzutreten, obwohl mir eigentlich ganz schön die Düse geht.

Und wie gehst du mit diesem Zwiespalt um? Denn ich glaube, viele kennen das, dass sie sich innerlich weniger selbstsicher fühlen, als sie nach außen hin zeigen.
Ich habe das Glück, dass ich mich meiner Familie und guten Freund*innen gegenüber öffnen kann. Es gibt auch einige Schauspielkolleg*innen, mit denen ich mich offen austauschen kann, abseits von Veranstaltungen und Premieren. Dafür bin ich sehr dankbar.
Marius hat solche Menschen am Anfang der Geschichte nicht. Er kann sich weder seinem Vater noch seiner Mutter wirklich anvertrauen und trägt deshalb alles mit sich herum. Erst durch Linda lernt er, Vertrauen zuzulassen.
So jemanden zu finden und sich dann zu öffnen, das sind im Film wie auch im wahren Leben die entscheidenden Momente.

Was sind denn generell Rollen, die dich reizen?
Das ist tatsächlich schwer zu beantworten, weil sich das immer wieder ändert. Grundsätzlich reizen mich Figuren, die Widersprüche in sich tragen. Eine Zeit lang waren das vor allem eher dunkle Charaktere. Ich finde es spannend, im übertragenen Sinn „im Dreck zu wühlen“ und herauszufinden, was Menschen antreibt, die Dinge tun, die man zunächst nicht versteht. Mich interessiert dabei nicht das Böse an sich, sondern die Frage, wie ein Mensch dorthin kommt. Wenn eine Figur gut geschrieben ist, kann man ihre Beweggründe nachvollziehen – selbst wenn man ihr Handeln nicht gutheißt.
Genauso spannend finde ich aber Figuren, die sich gegen etwas behaupten müssen. Bei „München Beats“ ist Marius der Sohn eines sehr dominanten Unternehmers. Er steht unter enormem Druck und versucht, seinen eigenen Weg zu finden. Dass diese Geschichte ausgerechnet in den 90ern spielt, eine Zeit, die ja auch fürs Sich-Befreien steht, macht diesen Befreiungsprozess für mich noch interessanter.
Außerdem hat mich gereizt, einmal eine andere Art von Männerfigur zu spielen. In einigen Projekten bisher, etwa bei „Das Boot“, „Oktoberfest 1905“ oder „Blindspot“, habe ich Männer verkörpert, die von toxischen Männlichkeitsbildern geprägt sind. Marius ist das Gegenteil. Er wächst zwar mit einem Vater auf, der genau dieses Rollenbild verkörpert, entwickelt sich aber in eine ganz andere Richtung. Gerade diese innere Stärke und seine Fähigkeit, sich von den Erwartungen seines Vaters zu lösen, fand ich besonders spannend.
„München Beats“ könnt ihr ab sofort in Web & App vom ZDF anschauen. Am 26. und 27. August wird die Serie, jeweils in Doppelfolgen, um 20:15 Uhr im ZDF gezeigt.
Die vierteilige Serie wird euch hoffentlich nicht nur in die 90er zurückversetzen (oder überhaupt erstmal dahin ;D) sondern auch über Techno und die Raveszene nachdenken lassen. Und über die Frage, wie viel Kunst und Kultur ihr so in eurem Leben habt. Schreibt mir gern, was die Miniserie bei euch ausgelöst hat.

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