Auf das Interview mit Julia Koschitz habe ich mich sehr gefreut. Ich mag, wie ihr dem Interview auch entnehmen könnt, ihre Rollenvielfalt sehr und wollte natürlich wissen, wie ihr das gelingt. Denn mir ist es schon wichtig, dass wir mehr darüber sprechen, welche Rollen Frauen und welche Männern angeboten wird. Da auch mit Julia Koschitz drüber sprechen zu können, ist ein großes Glück.
Ihr neuer Film „Nix ist fix“ ist ein Ensemblefilm, der für mich eher ein Drama, als eine Komödie ist, und bei der ihr viele Fragen mitnehmen könnt, was Generationen, Reichtum und das Zusammenleben ausmacht. Ich bin gespannt, welche Antworten ihr findet oder durch den FIlm (neu) formen könnt.
„Nix ist fix“ heißt dein neuer Film. Was in deinem Leben ist fix und was kannst du total gut loslassen?
Julia Koschitz: Meine Fixsterne sind die Menschen, die ich liebe. Meine Freunde und meine Familie sind die unumstößlichsten Bestandteile meines Lebens. Ich denke mal, es geht den meisten so. Und die Faszination für die Auseinandersetzung mit dem Menschsein durch meinen Beruf. Nicht nur bei der Verkörperung von Figuren, bei der Interpretation eines Stücks oder Drehbuchs, sondern auch beim Entwickeln von Geschichten.
Es ist für mich ein großes Privileg, einen Beruf zu haben, der mich ernährt und gleichzeitig noch nie gelangweilt hat. Ich darf mich mit all den Fragen um unsere Existenz beschäftigen, auf künstlerische, philosophische und psychologische Weise – das ist für mich ein Riesengeschenk. Deswegen habe ich, trotz wiederholter Beschäftigung damit, auch keinen richtigen Plan B, falls es mal nicht mehr laufen sollte.
Und loslassen ist nicht meine Stärke. Aber wahrscheinlich gehört es auch zu den schwierigsten Übungen, vor allem in unserer Kultur. Ich finde sogar schon Pausen machen nicht so leicht. Das muss ich mir wirklich aktiv vornehmen. Jetzt gerade z.B. habe ich beruflich viele Baustellen gleichzeitig, da versuche ich immer wieder kleine Pausen einzulegen, statt mich komplett reinzustressen. Dann mache ich einen längeren Spaziergang, oder fahr mit dem Rad raus, irgendwo ins Grüne, um den Kopf ein bisschen frei zu kriegen.

Sich zu erlauben loszulassen, ist etwas immens Wichtiges. Erlauben wir aber eher unseren Freund*innen als uns selbst.
Ich habe schon unterschiedliche Wege versucht, die mir das Loslassen erleichtern sollen, was natürlich sehr auf den Kontext drauf ankommt. Aber mir hilft tatsächlich, mich nicht so ernst zu nehmen. Wenn ich mich in einer Situation befinde, die mich belastet, dann versuche ich mir vorzustellen, wie sehr mich dieser Konflikt in einer Woche noch aufregt. Manchmal wäre die ganze Sache schon am nächsten Tag nicht der Rede wert, in anderen Fällen braucht es vielleicht ein Jahr, aber es wird sich definitiv nicht mehr so schlimm anfühlen. Das relativiert vieles und hilft mir ein bisschen, aus einer akuten Stressschleife rauszukommen.
Wonach suchst du deine Rollen aus, welche Figuren möchtest du gern spielen?
Ausschlaggebend ist immer das Buch, die Geschichte. Was soll mit ihr transportiert werden, und finde ich sie erzählenswert. Dann erst geht es um die Rolle und die Frage, ob ich mich darin sehe, ob sie mir eine schöne Herausforderung bietet und vor allem ob sie gut geschrieben ist. Um eine Figur glaubhaft zu verkörpern, braucht man vor allem ein gutes Buch. Und natürlich ein gutes Team, insofern spielen Regie und Kolleg*innen auch eine große Rolle bei meiner Auswahl. Und Abwechslung. Wenn man diesem Beruf gerecht werden will, sollte man auch möglichst unterschiedliche Rollen spielen dürfen.

Ich stelle diese Frage, weil ich wahrnehme, dass Frauen und Männern sehr unterschiedliche Rollen angeboten werden, es für Schauspielerinnen sehr viel schwieriger ist, Rollen zu bekommen, in denen sie nicht nur einem Mann zuspielen. Wenn ich deine Arbeit so betrachte, dann sehe ich eine große Vielfalt in deinen Figuren. Das zu erreichen ist aber sicher nicht so einfach.
Man muss aber auch dazu sagen, dass ich viel Glück hatte. Ich habe mit dem Drehen erst so richtig begonnen, als ich 30 war, und ich habe von Anfang an nach Abwechslung gesucht, sowohl im Genre als auch in den Rollen. Ich hab erst mit Komödien angefangen, dann lag ein Schwerpunkt auf dem Drama, auf Krimis oder dem Thrillergenre. Und irgendwann habe ich versucht, wieder mehr Komödien zu spielen, um diese Mischung aufrechtzuerhalten.
Genauso ging es mir mit dem Theater, dem ich nie ganz den Rücken zugekehrt habe. Ich versuche, so gut es nur geht, fürs Fernsehen, fürs Kino und für das Theater zu arbeiten. Der Film und die Bühne und auch unterschiedliche Genres fordern unterschiedliche schauspielerische Fähigkeiten. Diese auszuprobieren ist mir extrem wichtig. Vielleicht hat das dabei geholfen, dass mein Lebenslauf etwas bunter ist, und ich weniger leicht in eine Schublade zu pressen bin.
Und kann sein, dass das die Bandbreite eines Schauspielers oder einer Schauspielerin größer macht, wenn man sich nicht scheut, auch unsympathische Figuren zu spielen. Das war tatsächlich nie ein Kriterium für mich. Wir sind uns selbst auch nicht immer sympathisch, warum sollte das in einer erfundenen Geschichte anders sein. Ich habe Lust auf Figuren, die sich lächerlich machen, die Fehler begehen, die unkorrekt sind, die sperrig und nicht so leicht lesbar sind. Und natürlich will man Figuren spielen, die nicht nur in Abhängigkeit zu anderen bestehen. Nicht jede Figur kann das leisten, dessen bin ich mir bewusst. Aber ich versuche trotzdem immer die innere Autonomie einer Rolle zu suchen, ihren ganz eigenen Konflikt.
Genau diesen Konflikt vermisse ich bei vielen Frauenfiguren aber. Nach wie vor würden viele den Bechdel-Test nicht bestehen. Und ja, es hat sich in der Filmbranche einiges verbessert, aber Parität herrscht da eben noch lange nicht.
Ich würde sagen, wir sind auf dem Weg. Es bewegt sich was, oder viele bewegen was, oder versuchen es zumindest, aber da ist noch viel Luft nach oben. Der Bechdel-Test ist uralt, und die Kriterien, um diesen Test zu bestehen, sind wirklich niedrigschwellig gesteckt, und trotzdem bestehen ihn immer noch viele Frauenfiguren nicht. Das stimmt. Wir müssen alle zusammen weiter an einem diversen, vielfarbigen Frauenbild arbeiten.

Die Freundesgruppe in „Nix ist fix“ streitet sich relativ viel. Wie streitet man sich gut mit Leuten, die man liebt?
Ich bin keine Streit-Expertin, aber ich glaube, am besten streitet man sich konstruktiv. Das bedeutet, dass man erst mal zuhört, den anderen ausreden lässt. Dann kann man die eigene Perspektive verteidigen. Das ist dann aber vielleicht auch eher eine Diskussion als ein Streit.
Ich glaube, dass man nie den Respekt verlieren darf, dass man den anderen in seiner Sichtweise immer ernst nehmen muss. Irgendwann kommt man dann vielleicht auf den Punkt, dass man das Ganze oder sich viel zu ernst genommen hat, oder eine Art Kompromiss finden kann. Aber das muss man gemeinsam entscheiden und nicht einfach über den anderen hinweg. Ich glaube, Zuhören ist dabei am wichtigsten.
„Nix ist fix“ könnt ihr ab sofort in Web & App vom ZDF anschauen. Am 10.August um 20:15 Uhr läuft der Film im Rahmen des ZDF Sommerkino.

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