Das Interviewsetting mit Frank Wildhorn war das Schönste, dass ich in meiner bisherigen Karriere je besuchen durfte. Wir trafen uns auf der Bühne des Blue Maxx Theater, nahmen in zwei bequemen Sesseln Platz (ein Foto findet ihr im Artikel) und Frank vermittelte mir das Gefühl, wir hätten alle Zeit der Welt. Wir haben uns getroffen, weil sein Musical „Darcula“ gerade in Berlin gezeigt wird, ihr könnt es bis 2028 aber in verschiedenen deutschen Städten ansehen.
Im Interview sprachen wir über Frank Wildhorns Inspirationen, Kritiken am Broadway und warum er immer an all die Menschen denkt, die er nie treffen wird. Mir hat dieses Treffen nicht nur wegen des beeindruckenden Settings viel Spaß gemacht, sondern auch weil der Austausch mit Frank Wildhorn so anregend war. Ich verspreche euch, für das Interview müsst ihr auch überhaupt keine Musical-Fans sein.
Gibt es in Dracula einen Bösewicht?
Frank Wildhorn: Das kommt auf den Standpunkt an. Für Dracula ist Van Helsing der Bösewicht, weil er versucht, ihn zu töten, bevor er sterben will. Für die Männer, die ihre Frauen an Dracula verloren haben, ist Dracula der Bösewicht.
Dracula selbst ist sehr zwiegespalten. Er hat nicht darum gebeten, ein Vampir zu werden. Übrigens hat sich die ganze Show vor etwa 10 oder 15 Jahren verändert, weil es in Korea einen K-Pop-Star namens Kim Junsu gibt. Er spielt dort den Dracula und schlug vor, dass Dracula in seinen jungen 20ern sein sollte, als er zum Vampir wurde, weil er dann anders damit umgeht. Das machte die ganze Show viel jünger als mit einem 45-jährigen Broadway-Star.
Kim Junsu ist eher ein David Bowie mit orangen Haaren. Er hat die Art, wie ich Dracula sehe, völlig verändert. Der ist viel hipper, mehr gothic. Es kommt auf den Blickwinkel an. Dracula ist manchmal sein eigener Bösewicht. Er kann nicht anders, als zu tun, was er tut. Und dann verliebt er sich in Mina und sagt: „Ich will das nicht mehr sein. Ich kann dich nicht dazu machen, sonst sind wir gemeinsam gequälte Seelen.“
Was inspiriert dich?
Das Leben und Erfahrungen, die ich mache. Mich kann wirklich alles inspirieren. Meine Lebensphilosophie besteht darin, offen für Dinge zu sein. Ich bin ein Schüler des Lebens, ein Schüler der Liebe und ein Schüler der Musik und der Künste. Wer, wie ich, mit einem solchen Mindset lebt, bleibt jung. Du kannst immer etwas Neues lernen, wenn das Leben deine Inspiration ist.

Wie bleibst du auch in herausfordernden Zeiten offen? Denn das Leben ist nie immer nur leicht.
Da hast du recht, es ist auch ein Kampf. Ich habe über 40 Jahre in New York gelebt, da wäre es einfach gewesen, zynisch zu werden, abzustumpfen. Es gibt genug Menschen, die im Laufe der Zeit so werden. Aber mir liegt das nicht.
Ich bin ein autodidaktischer Musiker. Ich habe in meinem Leben so viele Sachen gemacht, die mir niemand zugetraut hat. Ich habe American Football gespielt, war Rettungsschwimmer am Strand von Fort Lauderdale. Irgendwann habe ich mir selbst das Klavierspielen beigebracht, und das hat mein Leben verändert.
Ich wache morgens auf und denke: Ich habe alles Glück der Welt. Dafür habe ich viele Kämpfe geführt, Berge erklommen. Ich habe drei Karrieren, eine im Pop, eine im Theater, eine in der Klassik, und ich darf all das machen, mit so viel Freude. Daran versuche ich mich jeden Tag festzuhalten. Ich darf weltweit Menschen mit meiner Musik berühren, und es sind so viele, dass ich sie nie alle kennenlernen werde. Das ist doch nicht selbstverständlich! Ich bin ein absoluter Glückspilz und aus diesem Gefühl kommt meine Inspiration.
Wenn ich glaube, die Bodenhaftung zu verlieren, schließe ich kurz die Augen und sehe mich wieder auf diesem Rettungsschwimmerstuhl sitzen und mich selbst fragen, was ich mit meinem Leben anfangen möchte. Mich erdet das. Es war ein langer Weg bis zu diesem Moment hier, wo wir beide uns auf dieser Bühne in einem wunderschönen Theater gegenübersitzen.
Das heißt, dass deine Vergangenheit dich erdet und auch die Tatsache, dass du dir alles selbst beigebracht hast?
Ja! Ich bin nicht als Theaterkind aufgewachsen, war kein Theatergeek. Das kam alles über Umwege zu mir. Ich hatte so viel Glück, dass ich all diese Orte sehen, all diese Menschen treffen konnte, die Künstler, mit denen ich zusammenarbeite. Dafür bin ich sehr dankbar.
Denkst du bei deinen Musicals an all die Menschen, die du nie treffen wirst, die sich von deiner Musik aber berühren lassen?
Ich denke, seit ich mit 16 mit dem Schreiben begonnen habe, über sie nach. Ich hatte viel Glück, habe viele Millionen Platten meiner Songs verkauft, durfte mit großartigen Künstlerinnen wie Whitney Houston zusammenarbeiten. „Where Do Broken Hearts Go“ hat sich 50 Millionen Mal verkauft, das kann ich doch nicht als selbstverständlich annehmen.
Ich bin mir bewusst, dass ich für viele Menschen mit meiner Musik eine Erinnerung geschaffen habe, weil meine Songs sie zu ganz bestimmten Momenten in ihrem Leben zurückführen. Hoffentlich sind es gute Erinnerungen. Aber selbst wenn nicht, haben sie Kraft. Die Shows, die ich mache, haben Kraft, sie handeln von Dingen, mit denen Menschen sich identifizieren können.
Spürst du Druck beim Schreiben von Musik, dass sie immer eine Verbindung zu all den Menschen herstellen muss, die du nicht kennst?
Ich spüre überhaupt keinen Druck oder Stress beim Schreiben. Das ist für mich der leichteste Teil. Ich setze mich einfach ans Klavier, schalte mein Gehirn aus und versuche zu fühlen, was auch immer es ist, das ich für den Song fühlen möchte. Wenn ich für einen Pop-Künstler schreibe, dann das, was ich an diesem Tag fühle. Wenn ich für eine Show schreibe und eine Verantwortung gegenüber der Show, den Charakteren, der Geschichte und der Handlung habe, ist das etwas anderes. Aber auch hier gebe ich mir die Freiheit, das Gehirn auszuschalten und alles zu fühlen.
Es ist sehr Zen. Die Leute fragen mich ständig, wie ich das mache. Es ist wie Angeln, die Fische sind da. An manchen Tagen gehe ich ans Klavier und es warten ein paar dicke Fische auf mich. An anderen fange ich gar nichts.

Bist du an den schlechten Tagen frustriert und redest dann schlecht mit dir? Das machen ja sehr viele Menschen.
Ich weiß, aber das ist einfach nicht mein Stil. Es entspricht nicht meinem Naturell. Ich bin dankbar für die Gelegenheiten, die mir gegeben werden. Ich kann mich einfach ans Klavier setzen und schreiben. Im Moment liegen 11 Aufträge auf meinem Klavier und ein neues symphonisches Stück. Ich nehme gerade ein Jazz-Album mit der Jazzsängerin Jane Monheit auf. Mein Leben ist sehr eklektisch und voller Musik, weil ich nie nur eine Sache abarbeite. Ich darf viele Dinge gleichzeitig tun.
Das hält mich so frisch, denn wenn meine Hände in einem musikalischen Vokabular feststecken, wechsle ich zu einem anderen. Seit 50 Jahren funktioniert das für mich so. Ich nehme meine Arbeit sehr ernst, aber mich selbst nicht. Ich habe keine Angstzustände und auch keinen Stress wegen meiner Arbeit.
Ich stresse mich wegen der Familie, der Kinder, ganz reale Dinge. Wenn ich eine Show verwirkliche und mit Hunderten von Leuten zu tun habe, mit Anwälten, Produzenten, Agenten, Managern, Egos und Stars, das kann manchmal stressig sein. Aber das Schreiben, das ist der einfache Teil. Das ist Freude und Freiheit.
Denkst du jemals an Kritiken? Machen die etwas mit dir?
Nein, ich befasse mich nicht damit. Das habe ich von meinem Mentor Leslie Bricusse übernommen. Er schrieb „What Kind of Fool Am I“ und „Who Can I Turn To?“. Er gewann Oscars für „Victor/Victoria“ und „Doctor Dolittle“ und er erschuf „Willy Wonka“. Ich glaube, sein erster großer Song war „Goldfinger“ von James Bond. Vor ein paar Jahren ist er leider verstorben. Er hat mir Perspektive und Ausgewogenheit im Leben gegeben, hat mir erklärt, dass der Job eines Kritikers das Kritisieren ist. Niemand macht den Job, um dein Freund zu sein.
In meinem Pop-Leben hatte ich nie Probleme mit Kritikern, Das kam erst am Broadway. Da wurde mir gesagt, dass die Kritiker am Theater ziemlich bösartig sein können. Ich hatte Mitte der 90er Jahre mit „Jekyll & Hyde“ und „The Scarlet Pimpernel“ und „Civil War“ plötzlich drei Shows am Broadway! Und das als autodidaktischer Jazzmusiker!
Ich habe mich nicht durch die Ränge hochgearbeitet, war ein ganz normaler Typ, der sich alles selbst beigebracht hat. Niemand wusste, was sie mit mir anfangen sollten. Ich habe große Interviews in „60 Minutes“, einer großen TV-Show in den USA, gegeben. Und alle wollten wissen, wie es mir gefällt, drei Shows am „Great White Way“ zu haben. Dabei war es doch für mich immer der „Great Rainbow Way“.
Meine Einflüsse kommen von überall her. Und dafür habe ich viel Kritik eingesteckt. Denn viele am Broadway hatten genaue Vorstellungen davon, was da laufen darf. Rock ’n‘ Roll und Popmusik war damals weltweit die Musik der Jugend. Aber anstatt das mit einzubeziehen – nur „Hair“ hat das getan –, kehrte der Broadway dem den Rücken zu und schützte sich in einer seltsamen, altmodischen, hochnäsigen und snobistischen Weise.
Ich kam aus dem Nichts zum Broadway, hatte plötzlich drei Shows und viele Leute, die für mich arbeiteten. Ich war stolz darauf, auch, weil wir so viele jüngere Leute ins Theater gebracht haben. Das gefiel der alten Garde nicht.
Um auf deinen Punkt zurückzukommen: Sie griffen mich an, und je mehr Erfolg ich hatte, desto mehr taten sie das. Die Einzige, die das störte, war meine Mutter. Sie fragte immer wieder, warum mich die Leute nicht mögen, was ich ihnen getan habe. Ich habe versucht, ihr zu erklären, dass es einfach nur deren Job ist, schlechte Kritiken zu schreiben.
Ich habe mal einen sehr bekannten Kritiker, der inzwischen verstorben ist, gefragt, warum er mich so angreift. Und er sagte: „Weil wir Andrew Lloyd Webber schon durch haben und du der einzige Amerikaner bist, der diesen Status und die Präsenz hat. Ich muss Zeitungen verkaufen. Und nett zu dir zu sein, wird keine Zeitungen verkaufen.“
Es ging nie darum, ob das, was ich mache, gut oder schlecht ist. Sondern darum, dass Kritik mehr Zeitungen verkauft. Diese Antwort hat mir sehr viel Perspektive geschenkt. Und wenn ich ehrlich bin: Am Ende des Tages sind die meisten dieser Kritiker längst tot oder irrelevant, weil das Internet und die sozialen Medien all das ersetzt haben. Und ich bin immer noch hier und mache mein Ding.
Ich habe mir angewöhnt, wie ein Entengefieder in Bezug auf Kritiken zu sein. Man muss es an sich abperlen lassen. Man darf weder die guten noch die schlechten Dinge zu nah an sich heranlassen. Nicht, wenn man weltweit Theater füllt, Menschen durch seine Arbeit berührt und Erinnerungen schafft. Das ist sehr ungewöhnlich, das verstehe ich. Ich habe viele Freunde am Broadway, die sehr erfolgreich sind, aber wenn sie eine schlechte Kritik bekommen, verstecken sie sich für ein Jahr. Aber das ist nicht mein Stil.

Wer darf dich kritisieren?
Mein Sohn, mein wunderbarer 25-jähriger Jake, der Musiker ist und sagt: „Dad, du kannst diese Worte nicht benutzen, die hast du in den 90ern benutzt.“ Meine Ex-Frau Linda darf mich auch kritisieren. Für sie habe ich „Jekyll & Hyde“ geschrieben. Bis heute ist sie meine Muse. Mein Sohn und Linda kritisieren mich viel, das ist okay, das macht sogar irgendwie Spaß.
Ich mag es, wie positiv du über deine Exfrau sprichst.
Wir sind Freunde, wir besitzen eine Pferdefarm und ziehen Jake zusammen groß. Er hat zum Glück ihre Stimme geerbt, nicht meine. Linda ist noch immer meine Muse. Sie ist die beste Sängerin, die ich je am Theater gehört habe. Wenn ich eine Hauptrolle schreibe, höre ich immer nur sie.
Du bist extrem erfolgreich. Was bedeutet Erfolg für dich?
Freiheit. Ich habe die Freiheit zu wählen, was ich tun möchte. Ich muss nicht zu allem Ja sagen. Gleichzeitig macht mich Erfolg demütig, weil ich mich dadurch um viele Menschen kümmern kann.
Die Welt ist so verkorkst und fragil. Musik hat eine Kraft. Sie kann heilen und Menschen zusammenbringen. Das Publikum ist hier, das Licht geht aus, und wir alle teilen dieses Erlebnis. Ich bin in Bezug auf dieses Erlebnis immer noch sehr romantisch. KI kann das nicht ersetzen.
Ich finde, wir verpassen diese Momente so oft, wenn wir immer am Smartphone hängen.
So ist die Welt, in der wir leben, eben im Moment.
Du klingst so abgeklärt. Ich rebelliere noch dagegen, will nicht aufgeben.
Okay, ich rebelliere mit dir. Aber meine Art zu rebellieren ist es, Stücke zu schaffen, von denen ich hoffe, dass die Leute irgendwann sagen: „Oh, das ist cool. Lass uns das ansehen und anhören.“ Ich denke, die Stärke unserer Geschichte ist, dass sie populär ist.
Die Musik von „Jekyll & Hyde“ war schon lange vor der Show bekannt. Es gab immer den Spruch, dass es toll sei, das Theater mit einem Lied auf den Lippen zu verlassen. Aber ich habe immer gesagt, es ist besser, mit einem Lied auf den Lippen ins Theater zu kommen. Weil ich aus dem Plattengeschäft komme und meine Denkweise in Bezug auf Marketing anders ist, konnte ich das Musikgeschäft immer als Partner nutzen, um die Musik vor der Show bekannt zu machen. Das war einzigartig und es funktioniert auch heute immer noch.
In Deutschland wird Popmusik oft belächelt. Wie ist das in den USA?
Ich denke immer: Hört es euch doch einfach an. Wenn es einem nicht gefällt, ist das okay. Deshalb gibt es ja so viele Eissorten.
Werbetreibende nutzten die Musik, um jüngere Generationen zu erreichen. Aber das Theater tat das nicht. Es rebellierte dagegen und schottete sich ab. Deshalb bin ich sehr stolz auf die „Jekyll & Hyde“-Erfahrung. Die Show ist jetzt 36 Jahre alt und wird überall auf der Welt gespielt. A gift that keeps on giving, wenn du so willst. Ich habe mir nicht ausmalen können, was passiert, als ich diese Show schrieb, es war ja meine erste.
Songs wie „This Is the Moment“, „A New Life“, „Someone Like You“ oder „Once Upon a Dream“ wurden zu Hits. Ich wurde dafür oft als „Pop-Schreiber“ kritisiert. Aber warum ist das etwas Schlechtes? Soll ich nicht versuchen, so viele Menschen wie möglich zu erreichen? „This Is the Moment“ wurde bei vier Olympischen Spielen hintereinander und bei Bill Clintons Amtseinführung verwendet. Die Leute kamen ins Theater und warteten auf dieses Lied. Ich dachte: „Wow, das ist toll. Das versuche ich weiter.“
Ich bin stolz auf meinen Pop- und Jazz-Hintergrund. Ich hatte nach dem College einen Verlagsvertrag. Ein Musikverleger sagte mir jeden Tag, mit welchem Künstler ich morgens und nachmittags arbeiten würde. Das konnte morgens ein schwarzes Teenie-Mädchen und nachmittags der 50-jährige Country-Sänger sein. Für mich war das das beste Training, um dann fürs Theater schreiben zu können. Kritiker warfen mir diesen Background vor, für mich war er die beste Schule.
Was ist dein Lieblingsgeräusch auf der Welt?
Der Ozean am Morgen. Ich lebe auf Hawaii. Ich habe New York die besten Jahre meines Lebens geschenkt, jetzt bin ich entspannt auf Hawaii und genieße meine Vormittage am Strand. Danke für die Frage, mich hat noch nie jemand danach gefragt. Normalerweise wollen alle wissen, was mein Lieblingslied oder meine Lieblingsshow ist.

„Dracula“ läuft noch bis 7.6. in Berlin im Blue Max Theater. Anschließend geht „Dracula“ auf Tournee, bis 2028 könnt ihr euch auf Show Slot Tickets für verschiedene Städte kaufen.

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