Hanna Plaß im Interview mit Andrea Zschocher

Hanna Plaß: „Das ist so ein absurder Zwiespalt, in dem wir uns da befinden“

Ein Interview mit Hanna Plaß ist herrlich erfrischend und tiefgründig. Denn die Schauspielerin, deren Kayakfähigkeiten zumindest mich überzeugt haben, lässt sich auf Gedankenspiele ein und legt den Finger in die Wunde. Wie gehts euch denn mit den meisten Frauenfiguren in Filmen? Ich hardere mit vielen und begrüße jede, die ein bisschen anders ist, mehr Vielfalt zeigt, wie wir Frauen sie im Alltag eben auch leben.

So eine ist Paula, die Figur, die Hanna Plaß in „Im Grunde Mord“ spielt. Eine Chefin, die zeigt, dass das total ok ist, das Sagen haben zu wollen. Wir brauchen doch auch Vorbilder in dem Bereich, oder?

Was magst du an Paula?

Hanna Plaß: Sie ist Ermittlerin mit Leib und Seele. Sie möchte sich auf ihre Arbeit konzentrieren, den Fall lösen. Sie ist der Boss und ist das auch sehr gern. Diese ganze Sache mit ihrer Familie, mit ihrem Vater und ihrem Bruder, das lenkt sie ab. All diese Zwischentöne, die sind ihr eigentlich zu viel. Solche Frauenfiguren haben wir wahnsinnig selten. Das wird normalerweise alles immer ganz lieb und brav und angepasst erzählt. Normalerweise kümmern sich die Frauen, selbst wenn sie keine Zeit und auch keine Lust haben, dann trotzdem noch um die Familie, weil das von ihnen erwartet wird.

Für mich ist das ein extrem wichtiges Thema, dass Paula nicht so angepasst ist, dass sie stattdessen sagt: Ich bin hier die Chefin und das sollen bitte auch alle wissen!

Wir werden gesellschaftlich dazu erzogen, eher nicht auf Chefin zu machen, sondern ruhig und schnell unsere Arbeit zu erledigen. Dabei verlangt das Leben von all den Frauen, die ich so kenne, dass wir ganz schön viel regeln, dass wir da sind und alles gleichzeitig machen. Aber Chefin sollen wir nicht sein. Das ist so ein absurder Zwiespalt, in dem wir uns da befinden. Paula hat den, so wie ich sie spiele, nicht. Und das finde ich toll.

Hanna Plaß im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF/Christine Schroeder

Ich wünsche mir immer mehr Frauenfiguren, die zeigen: Frauen sind vielschichtig, wir sind nicht alle immer nur lieb, wir können alles sein. Womit ich gehadert habe, war gar nicht Paula, sondern der Titel: „Im Grunde Mord“. Was ist denn im Grunde Mord?

Ich möchte hier nichts spoilern, deswegen formuliere ich es vorsichtig: Die Gruppe mit ihrem nationalistisch-faschistisch geprägten Gedankengut hat einige Straftaten begangen. Demokratiefeindliche Motive, die man nicht alle nachweisen kann, aber Auslöser für die Ermittlungen ist ein Mordfall. Deswegen hat der Film diesen Titel bekommen.

Das wird also nicht der Titel der Reihe, dann bin ich beruhigt!

Nein, das ist der Titel der Folge. Die Reihe wird „Blutsbande – Mord im Teutoburger Wald“ heißen. Wir planen aktuell die Dreharbeiten für den zweiten und den dritten Teil und hoffen natürlich, dass es auch danach weitergeht. Dafür müssen die Einschaltquoten und die Abrufe in der Mediathek stimmen. Also schaut euch alle die Filme an, damit wir weiterarbeiten können. [Sie lacht]

Hanna Plaß im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF/Christine Schroeder

In „Im Grunde Mord“ werden in kurzer Zeit sehr viele Figuren eingeführt, da muss man schon recht wachsam sein. Ich mag es, wenn Filme mich herausfordern. Warum lohnt es sich, dranzubleiben?

Es ist der erste Film einer Reihe, da ist vieles drin. Wir stellen alle Hauptfiguren mit ihren möglichen Konflikten vor. Zusätzlich spielt sich auch der Fall in zwei Dimensionen ab. Vielleicht hätte man für den ersten Fall auch einen weniger komplexen wählen können, aber ich bin sehr froh über das, was wir erzählen, weil wir ein gesellschaftlich wichtiges Thema ansprechen.

Mein Rat an die Zuschauenden ist also: Es ist ein Krimi für Knobelkrimi-Liebhaber. Man muss ein bisschen loslassen und gleichzeitig dranbleiben. Entspannt euch, achtet darauf, nichts zu verpassen, und lasst euch drauf ein. Es gibt viele Figuren, Konstellationen und Hints zu entdecken. Dieser Krimi hat eine tolle Vielschichtigkeit, es gibt ein größeres Thema, das wir aus verschiedenen Ecken beleuchten. Ich mag ihn sehr.

Hanna Plaß im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF/Frank Dicks

Paula und Leon haben eine sehr interessante Geschwisterdynamik. Wieso artet das zwischen den Beiden eigentlich so aus? Denn sie sind ja längst erwachsen.

Ich habe mich das auch gefragt. Und mit meinem Kollegen und auch der Regie darüber gesprochen. Wieso ecken die Beiden so miteinander an? Ich habe dann in meinem Umfeld Recherche betrieben und Menschen mit großen Brüdern nach ihren Erfahrungen gefragt. Denn ich habe drei kleine Schwestern und habe diese Idee, einen großen Bruder zu haben, immer sehr idealisiert.

Meine Recherche hat dann gezeigt, dass das gar nicht so falsch ist, was wir da zeigen. Natürlich lieben sich viele Geschwister, man hat wichtige Teile des Lebens miteinander verbracht, man ist Familie. Und gleichzeitig haben mir viele berichtet, dass in dem Moment, wo sie erwachsen geworden sind, sie realisiert haben: Ich bin eine Frau und mein Bruder ist ein Mann. Und wir sind unterschiedlich privilegiert in dieser Gesellschaft. Und das ist hart, weil es eine ganz eigene Form der Trennung ist.

Die Geschwister im Film haben zudem ihre Mutter verloren. Es gibt zwar eine Ziehmutter, aber die haben sie nie so nah an sich herangelassen. Paula hat also eigentlich nur einen Vater und einen Bruder, und gegen die muss sie sich durchsetzen. Für sie war es ein Motor, Karriere zu machen, sich da rauszuarbeiten. Und jetzt steht sie in ihrer Heimat, als Chefin, und will sich auf keinen Fall in die Frauenrolle, in die Betreuerin für ihren Vater, zurückversetzen lassen.

Leon hat bisher alles gemacht, der hat sich um seinen Vater und den Haushalt gekümmert. Er hat keine Karriere, er hat seine Familie priorisiert, anders als Paula. Und jetzt stehen diese zwei Erwachsenen da und wissen nicht, welcher Weg besser oder richtig war, und wie sie jetzt miteinander umgehen sollen. Wer übernimmt jetzt für wen Verantwortung?

Paula ist immer noch die kleine Schwester, natürlich will Leon sich auch um sie kümmern. Aber Paula ist auch seine Vorgesetzte. Das clasht alles miteinander, schon allein bei Paula. Denn sie will keine Verantwortung für ihre Familie übernehmen, im Job will sie die aber unbedingt haben. Wie vereinbart man das gut mit sich selbst? Muss sie sich entschuldigen, weil sie sich bisher familiär rausgehalten hat? Oder ist das vollkommen ok?

Und Leon fragt ja auch ständig, wann sie denn nun mal den Vater besuchen kommt, wann sie sich kümmern wird. Und sie will sich vor allem auf die Ermittlungen konzentrieren.

Ich finde es total wichtig, solche Frauenfiguren zu zeigen. Es ist doch auch total verständlich, dass wir Frauen eckig sind, dass wir manchmal vielleicht auch selbst gar nicht wissen, wo wir stehen, wo wir hinwollen. Wir dürfen zweifeln und unseren Weg suchen.

Hanna Plaß im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF/Frank Dicks

Paula hat auch ein spannendes Hobby, Kajak fahren. Da ist sie ebenfalls total autark, sehr passend für ihren Charakter.

Ich habe das für die Rolle gelernt, aber mir ist auch klar, dass jeder professionelle Kajakfahrende sofort sehen wird, dass ich Anfängerin bin. Dafür kann ich mich nur entschuldigen, ich habe mein Bestes gegeben. Es ist so ein toller Sport, leider kann man ihn hier in Berlin nicht wirklich ausüben. Aber wenn wir die Serie weiterdrehen, werde ich ganz sicher auch besser. [Sie lacht]

„Im Grunde Mord – Blutsbande“ läuft am 20.April um 20:15 im ZDF. Alternativ könnt ihr den Film jederzeit in Web & App vom ZDF anschauen.


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