Als ich „Vier minus drei“, den neuen Film von Adrian Goiginger im Kino gesehen habe, musste ich mit den Tränen kämpfen. Wäre die Geschichte von Barbara, die durch ein Unglück an einem Bahnübergang ihren Mann und ihre zwei Kinder verliert, nur ein Film, es wäre schrecklich genug. Aber diese Geschichte ist wahr. Barbara Pachl-Eberhard hat genau das erlebt und aufgeschrieben, der Regisseur Adrian Goiginger hat die Geschichte inszeniert.
Im Interview sprechen wir nicht nur über seinen Film, sondern auch über Trauer, Übergrifflichkeiten und warum wir zu oft vergessen, wie weit wir schon gekommen sind.
„Vier minus drei“ ist ein wirklich toller Film. Aber auch ein schmerzhafter. Deswegen die Frage: Warum dieser Film?
Adrian Goiginger: Das war ja nicht sofort klar. Ich bin 2019 zum ersten Mal mit dem Thema in Kontakt gekommen, weil ich angefragt wurde. Da wollte ich den Film nicht machen, weil ich selbst zwei kleine Kinder habe und emotional einfach Angst vor dem Stoff hatte. Im Endeffekt hat mich das Drehbuch von Senad Halilbašić dann überzeugt.
Da steckt so viel Hoffnung drin, die Liebesgeschichte zwischen Heli und Barbara ist so lebensbejahend, ebenso wie die ganze Clownswelt. Ich fand das spannend und habe mir selbst zugeredet, dass ich mich trauen muss, das zu machen. Der Roman von Barbara war ein echter Bestseller und hat diese katharische Wirkung. Ganz viele Menschen haben da viel Kraft rausgezogen und ich hoffe, dass das bei dem Film auch passiert.
Was hoffst du, dass Menschen aus dem Film mitnehmen?
Ich glaube, dass der Film ganz unterschiedliche Dinge bei den Leuten auslösen wird, je nachdem wie die eigene Lebenssituation ist. Ich hoffe, dass jemand, der gerade einen Verlust verkraften muss, durch den Film neue Hoffnung kriegt. Dahingehend, dass man es schaffen kann, aus der Trauer herauszukommen, dass man weiterleben kann. Barbara ist der Beweis dafür. Es gibt doch nichts Schlimmeres, was man sich vorstellen kann, als das, was sie erlebt hat. Und sie lebt trotzdem weiter.
Bei mir persönlich hat der Film und die Arbeit mit dem Film zu einer Grunddankbarkeit für alles, was ich habe, geführt. Es gibt so viele Probleme auf der Welt, aber es gibt auch so vieles, wofür wir dankbar sein können. Wir vergessen das viel zu schnell. Der Film ist eine Erinnerung daran.

Du hilfst aktiv dabei, Liebe in die Welt zu bringen bzw. uns daran zu erinnern.
Darum geht es immer. Liebe ist das Allerwichtigste. Ohne die geht es nicht.
Das wissen wir alle, und doch wird Liebe im Laufe der Zeit so selbstverständlich, dass wir weniger auf sie aufpassen.
Ich weiß, was du meinst. Man muss die Zeit, die man auf dieser Erde hat, nutzen, und nie alles als gegeben hinnehmen. Manchmal denke ich, wir verlieren die Dankbarkeit in unserem Leben. Wir sind alle sehr schnell unzufrieden, erwarten, dass alles immer schlechter wird. Wir erinnern uns nicht daran, dass wir uns für unser Leben vor ein paar Jahren noch all das gewünscht haben, was wir jetzt haben.

Hältst du in deinem Leben Rückschau?
In Bezug auf meine Karriere mache ich das nicht unbedingt. Aber das Schöne am Filme machen ist ja auch, dass man ganz automatisch über das eigene Leben nachdenkt. Und wenn ich so zurückdenke, dann geht es mir doch gut. Ich habe eine tolle Familie, wilde Kinder, eine Frau, ich bin glücklich und dankbar.
Mir hat jemand erzählt, dass er sich nach dem Schauen des Films zu seinem Kind gelegt und das in den Arm genommen hat. Weil es irgendwann zu spät sein kann. Das Schlimme an einem Unfalltod ist ja, dass er so unerwartet geschieht. Meine Mutter ist leider auch sehr jung an Krebs gestorben. Aber wir hatten Zeit zum Verabschieden. Barbara hatte das nicht. Da ist es einfach passiert und alle waren tot.

Was ist ein guter Umgang mit Trauer und Tod in unserer Gesellschaft? Denn die Szene auf dem Friedhof, die ist so schön. Und doch passiert das ja sehr selten so.
Jeder Mensch hat eine ganz eigene Art zu trauern. Das erklären wir ja auch im Film, dass man aufpassen muss, niemanden zu verurteilen, oder ihm vorzuschreiben, wie er oder sie zu trauern hat.
Im Fall von Barbara war das prekär, sie hat als Wienerin auf dem Land gewohnt und wollte, dass alle bunt angezogen zum Begräbnis kommen. Es sollte eben ein Clownsbegräbnis sein. Danach hat sie eben nicht, wie andere das erwarten, ein Jahr getrauert, sie hat einen neuen Partner gefunden, hat ihr Leben und die Liebe gelebt. Sie hat damit niemandem wehgetan und trotzdem hat das für solche Reaktionen gesorgt.
Als meine Mutter gestorben ist, haben sich einige im Familienkreis auch gegenseitig so sehr verletzt, weil sie dachten, sie wüssten, wie man das nun richtig macht. Aber niemand muss einen großen Grabstein haben, man darf darüber diskutieren, wie jemand beerdigt werden soll.
Meine Message ist: Seid empathisch miteinander, lasst euch die Art zu trauern und auch die Zeit, die ihr trauert, nicht von anderen vorschreiben. Ich war z. B. auch nach fünf Jahren noch richtig traurig über den Tod meiner Mutter.

Du sprichst davon, wie wichtig es ist, dass Filme das Publikum wirklich berühren und mitnehmen. Glaubst du, dass das Kino diesen Anspruch heute noch erfüllt?
Ich schaue mir manchmal gehypte Sachen bei Netflix & Co. an und bin überrascht, wie langsam die teilweise erzählt werden. Bei „Adolescence“ zum Beispiel, da passiert lange Zeit einfach gar nichts. Und gleichzeitig heißt es, dass Menschen heute alle vier Sekunden einen Schnitt brauchen, weil sie sonst abschalten. Ich glaube das nicht. Wenn der Film gut ist, dann kann man das auch anders erzählen.
Meine Frau ist Lehrerin und wenn sie Teenagern einen schwarz-weißen Film zeigt, dann drehen die durch. Und ihr Kompromiss ist: Wenn ihr zehn Minuten guckt, dann können wir ausschalten, wenn es euch gar nicht gefällt. Die schauen dann „12 Angry Men“ und dieser Film ist so gut gemacht, dass noch keine Forderung kam, den auszuschalten. Alle wollen wissen, wie es weitergeht. So etwas sehe ich als Ansporn für mich, für meine Geschichten. Filme müssen gut gemacht werden, sie müssen das Publikum reinziehen, das muss mit den Figuren mitgehen wollen. So gewinnen wir auch wieder Leute fürs Kino. Und darum geht’s doch.
„Vier minus drei“ könnt ihr ab 16. April im Kino sehen. Und es lohnt sich, auch wenn das Thema an sich unfassbar schmerzhaft ist. Aber sich vor der Trauer wegducken, lässt sie ja nicht verschwinden. Und ich glaube, ein schöneres Begräbnis als in diesem Film, habe ich selten gesehen. Vielleicht lohnt es sich, nach dem Schauen darüber ins Gespräch zu kommen, wie ihr eigentlich beerdigt werden wollt.
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