Marcus Mittermeier im Interview zu Einfach Elli Andrea Zschocher

Marcus Mittermeier: „Wir alle brauchen Kreativität, um unser Leben zu meistern“

Marcus Mittermeier kennen die meisten von euch aus „München Nord“. Aber natürlich kann der Schauspieler mehr, als nur Harald Neuhauser zu spielen. So engagiert er sich für den Verein zur Förderung krebskranker und körperbehinderter Kinder (VKKK) Ostbayern e. V und hat darüber hinaus immer wieder auch andere Rollen in petto. In „Einfach Elli“ spielt er Dr. Sorell, einen Chefarzt, den mehr mit Rettungssanitäterin Elli verbindet, als man auf den ersten Blick glaubt. „Einfach Elli“ läuft ab 12. März um 20:15 Uhr im ZDF.

Im Interview sprechen Marcus Mittermeier und ich aber nicht nur über seine Rolle, sondern auch über Kreativität, Schule und KI. Da kann sich nur die Frage anschließen, wie ihr eigentlich auf KI schaut.

Dein Dr. Sorell spricht direkt am Anfang über Fehlerkultur, ein super wichtiges Thema. Wie ist dein Umgang mit Fehlern?

Marcus Mittermeier: Für mich persönlich ist Fehlerkultur wahnsinnig wichtig. Das Einordnen von Fehlern ist mir vor allem wichtig, weil ich in einem Beruf arbeite, in dem Fehler bei allem, was wir tun, sozusagen miteingepreist sind. Denn sonst wäre das freie Spiel des Schauspielers ja gar nicht möglich. Wenn man sich während des Spiels Gedanken über Fehler macht, hat man als Schauspieler schon verloren.

Inzwischen gibt es einen hohen Zeitdruck an Sets, da hat sich die Film- Industrie in den letzten Jahren ja auch sehr gewandelt. Ich kann also gar nicht mehr alles endlos ausspielen, weil wir minutiös getaktet sind. Dabei bedeutet Spiel auch, sich manchmal zu verirren.

Ich glaube, dass wir Schauspielenden, genauso wie Sportler, privilegiert sind. Wenn wir spielen, sind wir freier und je freier wir sind, desto besser fürs Spiel. Wäre doch gut, wenn sich alle wieder mehr darauf besinnen könnten, dass man sich verirren darf. Oder auch, dass Gedanken sehr viel Macht haben. Kreativität eben…

Überleg doch mal: Kinder können mit ihren Gedanken ganze Welten bauen und darin komplett aufgehen. An Fehler denkt ein Kind zum Glück nicht. Das ändert sich in der Schule. Dort geht es meist zu sehr um Fehlervermeidung und die Kreativität bleibt viel zu oft auf der Strecke. Obwohl wir Kreativität doch dringend brauchen. Nicht nur für die Leinwand, die Bühne oder vor der Kamera. Wir alle brauchen Kreativität, um unser Leben zu meistern. Wenn wir an Grenzen kommen, dann helfen guten Idee immer weiter.

Marcus Mittermeier im Interview zu Einfach Elli Andrea Zschocher
© ZDF und Susanne Bernhard.

Es gibt in diesen Zeiten aber genug Menschen, die glauben, dass Kreativität gar nicht so wichtig ist, wie nackte Zahlen und Skalierbarkeit. Was entgegnest du denen? Und was inspiriert dich denn in deiner Kreativität?

Vieles, was wir jetzt mit viel Aufwand betreiben, wird in wenigen Jahren durch Computer erledigt. Durch die Entwicklungen der künstlichen Intelligenz wird das noch beschleunigt. Ich glaube, dass Kreativität, das ist, was uns definitiv noch lange von Computern unterscheidet, deswegen sollten wir keine Chance ungenutzt lassen, um uns in Kreativität zu üben. Ich glaube, es wäre wichtig, wenn auch schon in den Schulen mehr Wert auf Kreativität gelegt werden würde.

Beim Thema Schule rennst du offene Türen bei mir ein. Ich hadere immer mit Noten, weil sie einfach nichts über das Kind aussagen.

Und jedes Kind geht auch anders damit um. Manche sind resilienter, andere setzen sich selbst unter Druck, und das macht ihnen das Lernen oft total kaputt. Neben dem Druck gibt es die oftmals völlig veralteten Methoden, wie Wissen vermittelt wird. Ich bin kein Pädagogikexperte und Schul-Bashing ist mir zu einfach, weil LehrerInnen heute viel zu viele zusätzliche Probleme lösen sollen, die sie nicht lösen können, aber ich finde, es wäre höchste Zeit, den Kindern mehr Mut zur Kreativität zu vermitteln und Angst vor Fehlern so gut es geht zu vermeiden.

Was mir zum Thema Fehlerkultur auch noch einfällt: Ich habe das Gefühl, wir verzeihen Fehler auch viel weniger, weil niemand mehr unbeobachtet ist. Das hat auch positive Seiten in Bezug auf Gewaltprävention, aber für Jugendliche ist das sicher auch nicht immer ganz leicht, dass ständig alles dokumentiert wird.

Wenn jemand aus dem Rahmen fällt, ist es doppelt schlimm. Zum einen, weil er dadurch auffällt, dass er eben besonders ist, nicht der Norm entspricht. Und zum anderen, weil er sich dann ja auch selbst hinterfragt, weil er sich nicht zu 100 % so verhält, wie die Gemeinschaft es erwartet.

Anstatt eine Welt zu kreieren, in der diese Besonderheiten zu einer Stärke werden kann und auch so gesehen wird, halten wir fest an einer Norm, in der Bravheit und Angepasstheit das Nonplusultra sind. Und wer weiß, wo das mit KI noch hinführt? Denn Besonderheiten im Zusammenspiel mit KI werden, denke ich, noch spezieller abgefragt, weil die Norm dann von Algorithmen bestimmt wird.

Marcus Mittermeier im Interview zu Einfach Elli Andrea Zschocher
© ZDF und Susanne Bernhard.

Ich erlebe dich als einen nachdenklichen und politischen Menschen. Warum bist du dann bei X, einer Plattform, die für mich unbenutzbar geworden ist aufgrund all der Fake News und des Hasses?

Ich bin, glaube ich, seit 2008 auf der Plattform. Sie kam damals neu nach Deutschland, und ich habe mich da angemeldet, war aber bestimmt zehn Jahre eigentlich gar nicht aktiv. Dann kam die Pandemie, und ich habe damals einen Post über Prof. Dr. Christian Drosten gepostet. Ich habe darüber geschrieben, dass ich nicht verstehe, wie so gegen jemanden gehetzt werden kann, der sich jeden Tag die Mühe macht, uns die Pandemie zu erklären, der dafür sorgt, dass wir verstehen, was da los ist, was auf uns zukommt. Er wurde so angegriffen und für Dinge verantwortlich gemacht, für die er gar nicht zuständig war. Rückblickend kann man ja auch festhalten, dass der Mann nichts erfunden hat.

Dieser Post ging viral, ich habe da überhaupt nicht mit gerechnet. Ich habe das abends vorm Schlafengehen geschrieben, und als ich am nächsten Tag aufgewacht bin, war die Welt für mich in diesem sozialen Netzwerk eine andere.

Und seitdem bin ich dort aktiv, weil es für mich sinnvoll ist, dagegenzuhalten. Vielleicht bin ich da ein bischen idealistisch, aber versuche meine Stimme einfach da sinnvoll einzusetzten, wo ich glaube, dass es gut tut.

Und wie gehst du mit dem Hass um, der dir da auch entgegenschlägt?

Ich hatte durchaus meine Lernkurve seit 2008. In den letzten Jahren ist es so unfassbar krass geworden. Aber das gilt für jedes soziale Netzwerk. Wenn du dich einmal vertippst, wirst du direkt zwei Tage durch die Gassen gejagt. Das passt ja auch zu dem, was wir über Fehlerkultur besprochen haben. Die Skandaltaktung hat sich einfach extrem erhöht und die Algorithmen belohnen die  stärker polarisierende Statements .

Ich möchte gern noch über KI und Schauspiel reden. Ist das was, was dir Sorgen macht, oder guckst du da völlig gelassen drauf?

 Ich bin davon überzeugt, dass KI einen unglaublichen Einfluss darauf haben wird, wie Filme in Zukunft gemacht werden. Und gleichzeitig liegt meine Hoffnung darauf, dass es anders kommen wird. Denn wenn wir uns mal überlegen, wie am Anfang alle das Netz mit KI-generierten Fotos von sich auf dem Vulkan oder den Lavastrom heruntersurfend gepostet haben. Da war das neu, alle wollten es ausprobieren. Aber es war gleichzeitig total uninspiriert und auch uninteressant.

Ich glaube, es wird immer einen Markt geben für eine völlig überraschende, neuartige und kreative Intelligenz, die nur Menschen erschaffen können. Denn das, was wir alle suchen, ist genau das. Wir wollen uns nicht mit immer mehr vom Selben langweilen. Schau dir doch zum Beispiel mal die Superhelden-Filme an. Da ist einer letztlich wie der andere. Da explodiert vielleicht mal etwas ein bisschen mehr, die Autos überschlagen sich heftiger. Aber eine gute Geschichte, von der man sich inspiriert fühlt, ist es ja nun nicht.

Genau mit solchen Sachen wird die KI aber gefüttert, mit dem, was schon da ist. Bis sie etwas wirklich Eigenes kreieren kann, bis sie aus dem schon dagewesenen Kosmos heraustritt, wird es noch sehr lange dauern. Deswegen ist meine Hoffnung, dass wir selbst alle viel mehr schöpferisch kreativ werden, dass wir nicht mehr so viel reproduzieren, sondern Neues schaffen. Noch haben wir doch diesen Vorsprung.

Marcus Mittermeier im Interview zu Einfach Elli Andrea Zschocher
© ZDF und Susanne Bernhard.

Hast du Angst, dass dein Gesicht irgendwann in Sachen landet, die nichts mit dir zu tun haben?

Natürlich! Ich hoffe, dass es nicht so kommt, gleichzeitig ist es in meinem Beruf leider irgendwie auch miteingepreist. Die Sachen, die jetzt von mir schon da sind, die könnten verwendet werden, um die KI zu füttern. Und daraus könnten Dinge entstehen, mit denen ich nicht einverstanden bin, das weiß ich.

Wenn KI dich perfekt kopieren könnte – was bliebe dann noch von dir?

Naja, eine perfekte Kopie ist immer nur eine Kopie. Und das Original ist eben das Original.

Wir haben über Fehlerkultur, über Hass, Normen und KI gesprochen. Alles große und wichtige Themen. Hast du das Gefühl, wir bewegen uns als Gesellschaft gerade in Richtung mehr Kontrolle statt mehr Freiheit?

Es ist wie immer: die große technologische Entwicklung durch KI wird vieles verändern und wir, also die Gesellschaft, wir  haben es durchaus in der Hand, ob wir vor allem positive, oder negative Effekte spüren werden. Wahrscheinlich wird es so sein, dass wir von beides sehen werden. Und vielleicht kommt jetzt die Zeit, in der die wirkliche Freiheit darin besteht, wenn man es sich leisten kann, dass alles, also Smartphone, Social Media, Computer und KI nicht mehr zu brauchen.

„Einfach Elli“ läuft ab 12. März um 20:15 Uhr im ZDF. Alternativ könnt ihr die zwei Folgen auch jederzeit in Web & App vom ZDF anschauen.


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