Tobias Resch zu "Das geheime Stockwerk" im Interview mit Andrea Zschocher

Tobias Resch: „Warum debattieren wir nicht darüber, wie Frieden entstehen kann?“

Tobias Resch kannte ich bisher nur aus „Tage, die es nicht gab“. Schon da war mit der Schauspieler positiv aufgefallen (und ja, ich werde nicht müde, diese Serie zu hypen, sorry, not sorry!). Nun habe ich ihn in „Das geheime Stockwerk“ wiedergesehen, ein Film, der sich vordergründig an Kinder richtet, der aber in diesen Zeiten sicherlich auch eine gute Geschichtsstunde für all jene ist, die unsere Demokratie für allzu selbstverständlich nehmen. Sein Bruno gerät im Film ins Visier und meine Kinder saßen ganz gebannt davor, weil die Geschichte so spannend ist. Gleichzeitig kamen immer wieder Fragen zu Hitler, Nazis und auch zum Widerstand. Ich mag Filme, die solche Gespräche ermöglichen, deswegen hoffe ich, dass ihr euch darauf einlasst.

Mit Tobias habe ich aber nicht nur über seinen Bruno aus „Das geheime Stockwerk“ gesprochen, sondern auch über Frieden, den Grusel der Nazis und wieso wir uns oft nicht trauen, zu debattieren. So wichtige Themen, in dieser Zeit, oder?

Tobias, wie viel kann man Kindern im Kinderfilm zumuten?

Tobias Resch: Ich glaube, man kann Kindern sehr viel zutrauen. Wir hatten vor Kurzem eine Vorführung von „Das geheime Stockwerk“ in Wien und im anschließenden Q&A hat ein ca. sechsjähriges Mädchen gefragt, ob das, was wir im Film zeigen, nochmal passieren kann. Das ist doch die Frage, mit der wir uns alle beschäftigen. Kann sich die Geschichte wiederholen?

Genau deswegen ist Erinnerungskultur so wichtig. Dass dieses Mädchen die Frage gestellt hat, zeigt doch aber, dass man Kindern, altersgerecht und passend erzählt, alles zumuten kann.

Tobias Resch zu "Das geheime Stockwerk" im Interview mit Andrea Zschocher
© KEVIN LEE – AMOUR FOU 2025

Ich würde die Frage des Mädchens gern aufnehmen und ergänzen. Dein Bruno fragt, ob es in Karlis Gegenwart noch Nazis gibt. Er verneint. Was ist deine Antwort auf die Frage?

Die ist ein bisschen komplizierter. Heute ist vieles auf einem Spektrum von dem, was richtig oder falsch ist. Was ist ein Nazi? Was ist keiner? Was ist menschenverachtende Politik? Die Politik einer nicht per se faschistischen Regierung kann trotzdem höchst problematisch sein. Denn Politik, die nicht den Menschen in den Vordergrund stellt, die Mitmenschlichkeit und Solidarität unter den Klassen innerhalb der Gesellschaft nicht in den Mittelpunkt rückt, ist auch schon höchst problematisch und kann eine Vorstufe zu faschistischen Tendenzen sein.

Ich denke, seit ich ein Buch von Paul Watzlawick gelesen habe, in dem es um die Frage nach Wirklichkeit und um verschiedene Wirklichkeitsauffassungen geht, sehr intensiv darüber nach. Watzlawick hat beschrieben, dass es einen Unterschied macht, ob man denkt, man lebt in einer liberalen Demokratie oder in einer kapitalistischen Klassengesellschaft. Jedes dieser Narrative ist immer präsent in meinem Kopf. Wenn ich in die Welt rausgehe, dann gibt es Aspekte, bei denen ich denke, dass der Kapitalismus zugeschlagen hat. Es gibt Aspekte, in denen ich mich nicht frei fühle, und es gibt Aspekte, für die ich nie abgestimmt habe. Die haben mit Demokratie nichts zu tun.

Gleichzeitig denke ich, solange wir noch debattieren und zu Wahlen gehen können, solange wir noch Vertrauen in die Institutionen haben, leben wir in einer liberalen Demokratie. Aber auch die ist eben ein Spektrum.

Wie war das für dich, in dieser Kulisse zu drehen? Denn ich muss sagen, mich haben die vielen NS-Symbole beim Schauen schon sehr umgehauen. Und auf meine Kinder haben sie extrem Eindruck gemacht, denn die kannten das bisher zum Glück nur in Schwarz-Weiß aus dem Geschichtsbuch.

Das ist schon schauderhaft. Wir haben in zwei Grandhotels gedreht, die noch sehr gut erhalten sind, aber nicht mehr genutzt werden. Das eine steht am Semmering und das andere in Bad Gastein.

Wenn du mich fragst, was mich am meisten hat erschaudern lassen, dann war es die Szene, in der das Horst Wessels-Lied gesungen wird. Nicht die Hakenkreuze am Set, sondern der Moment, in dem alle in dieses Lied einstimmen und die Arme heben.

Ich habe dieses Lied für die Rolle auch am Klavier geübt, und schon da war es für mich sehr unangenehm, weil einen das Lied auf eine seltsame Weise zumindest rhythmisch mitnimmt. Das war für mich beschämend zu erkennen, dass es auch mich musikalisch mitreißen kann. Wir wissen, dass das Lied dafür gemacht ist, es ist eine Marschmusik und die soll die Massen bewegen. Aber es ist doch erschreckend, wie schnell man selbst darauf hereinfällt. Mir hat das gezeigt, dass man niemals davor gefeit ist, in der Gruppe aufzugehen, über seine Ideale hinwegzugehen oder sich zu Gewalt aufstacheln zu lassen.

Ich kann den Gedanken des Mitreißens durchaus nachvollziehen. Während mir die Nazi-Symbolik am Anfang im Film noch permanent aufgefallen ist, hat sich das im Laufe des Films so weggeguckt. Es bleibt alles furchtbar. Aber es trat irgendwie in den Hintergrund, es gab einen Gewöhnungseffekt. Ein bisschen wie mit Social Media, wo man zuerst auch denkt: Diesen Kram brauche ich nicht, aber wenn er einem zum 20. Mal angezeigt wird, wird er plötzlich doch interessant.

Genau das. Du sprichst hier einen Punkt an, den wir beim Drehen so auch gefühlt haben. Man stumpft nicht ab, wir haben die ganze Zeit darüber gesprochen, reflektiert, uns ausgetauscht. Aber man merkte auch, dass man sich mit der Zeit daran gewöhnt hat. Und das ist doch wirklich erschreckend.

Tobias Resch zu "Das geheime Stockwerk" im Interview mit Andrea Zschocher
© Christoph Liebentrit

Wärst du so mutig wie Bruno? Ich weiß, dass wir uns alle immer auf die Fahne schreiben wollen, dass wir natürlich richtig handeln würden, und wir können auch nicht wissen, wie es in der akuten Situation wäre, aber lass uns das Gedankenexperiment wagen.

Natürlich will man sich gerne in dem sehen, der gegen Ungerechtigkeiten auftritt und das System ausdribbelt, der sich für die Armen und Schwachen und Verfolgten einsetzt. Aber es zeigt sich auch in der aktuellen politischen Lage, dass das gar nicht immer so einfach ist. Ich probiere es, aber es fällt auch schwer.

Seit 2022 ist der Krieg wieder omnipräsent für uns in Europa. Sich zu trauen, da Stellung zu beziehen, ist gar nicht so leicht. Denn mir kommt es oft so vor, dass im politischen Diskurs eine dritte Option fehlt. Es gibt nur entweder oder. Du bist entweder dafür oder dagegen. Du bist für Palästina oder für Israel. Du bist entweder ein Putin-Versteher oder für die liberalen Werte Europas. Es gibt keine Position mehr, in der man sagen kann: Der Krieg ist falsch, und er wird früher oder später, wie jeder Krieg, am Verhandlungstisch entschieden.

Ich kann verstehen, dass man auf die Rhetorik reinfällt, dass mehr Waffen mehr Sicherheit schaffen. Dass man nur dieses eine Mal noch Stärke zeigen, die Demokratie verteidigen muss, und dann … Aber wo steht geschrieben, dass es immer nur mit Waffen geht? Warum debattieren wir nicht darüber, wie Frieden entstehen kann? Stattdessen debattieren wir darüber, wie lange der Wehrdienst dauert: Ein halbes oder ein Drei­vier­tel­jahr? Das ist eine Einengung des Diskurses und von dem, was wir auswählen können. Ich kann mir vorstellen, dass das früher auch schon mal so war.

Ich finde in unserem Film die Position des Schuhputzers herzzerreißend. Er glaubt an die Versprechungen Hitlers damals, an die Jobs, daran, dass es allen besser gehen wird und der Krieg schon nicht so schlimm ist.

Um auf deine Frage zurückzukommen: Es fällt so schwer, nicht auf die Rhetorik hineinzufallen, weil man ja auch gar nicht immer weiß, wo man ansetzen soll. Ich glaube, dass das so gewollt ist. Der Diskurs wird bewusst so geführt, dass ich mir komisch oder verträumt oder blöd vorkomme, wenn ich sage: Legt die Waffen nieder, setzt euch hin und klärt das – aber nicht auf einem kriegerischen Weg!

Ich glaube, diese Angst, nicht das Richtige zu sagen, nicht alles zu bedenken,  und sich dann verträumt vorzukommen, die kennen viele. Und sagen dann gar nichts, bevor der Internetmob über sie herfällt. Denn das sieht man bei Social Media ja ständig.

Das stimmt. Ich habe auf Instagram Videos von einer Frau gesehen, die Leute coachen wollte, die berühmter werden wollten. Sie hat gesagt, dass, wenn immer nur die sprechen, die sich informiert genug fühlen, um in den Diskurs einzutreten, es irgendwann keinen Diskurs mehr gibt. Denn dann kommen nur die zu Wort, denen egal ist, wie viel sie wirklich wissen.

Tobias Resch zu "Das geheime Stockwerk" im Interview mit Andrea Zschocher
© Christoph Liebentrit

Wer sich nicht direkt auf die große Bühne traut, könnte ja im kleinen Kreis anfangen. Denn ich bin davon überzeugt, dass man im Kleinen auch ganz viel bewegen kann. Wer den Mund aufmacht, wenn er oder sie Rassismus, Queer- oder Frauenfeindlichkeit mitbekommt, hilft doch unmittelbar. Wenn wir alle das tun, verändert sich auch in der Gesellschaft etwas.

Man muss für andere aufstehen, auch wenn man dafür im Worst Case die eigene soziale Position riskiert. Das ist eine Gefahr, dass man Diskussionen mit anderen riskiert, in der Familie oder mit Fremden. Aber das muss doch geschehen. Ich glaube auch, dass das 1938 nicht viel anders war. Es haben sich nur zu wenige für die Diskussion entschieden.

Wie hast du dich auf diese Rolle vorbereitet?

Ich habe mich der Rolle musikalisch genähert. Ich habe früher schon sehr viel gesungen, auch im Chor, und für alle möglichen Anlässe.

Deshalb habe ich mich sehr über das Casting gefreut, weil ich schon immer einmal einen Unterhalter spielen wollte.  Ein Dreivierteljahr vor Drehbeginn hab ich intensiv Klavier geübt. Ich muss aber auch gestehen, dass das, was man im Film hört, leider nicht meine Klavierkünste sind. Der Flügel wurde ausgehangen, sodass ich zwar mitgespielt habe, die Musik aber nicht von mir kommt.

Der Film ist konsequent aus der Sicht der Kinder erzählt, auch was die Kameraeinstellungen betrifft. Wir Erwachsenen sind da gar nicht so im Fokus, huschen ständig über die Gänge. In dem Fall war es für mich auch wichtig mich der Rolle auf der körperlichen Ebene zu nähern, zu überlegen, wie ich gehe, wie ich etwas verschwinden lasse oder auch präsentiere, das hat mir gut gefallen.

Apropos gut gefallen, was magst du an deinem Bruno?

Bruno ist ein guter Entertainer, weil es ihm nie nur um sich selbst geht. Es geht um das Publikum, darum, wie die sich fühlen. Ihn interessiert, wie sich Hanna fühlt, sie singen gemeinsam und er bereitet ihr eine Bühne. Gute Entertainer, das habe ich neulich beim Herbert-Grönemeyer-Konzert auch wieder gemerkt, schaffen es, dass sich die ganze Crowd gesehen fühlt. Denn alle, die dabei sind, sind besonders und Teil des Ganzen, und das vermittelt ein guter Entertainer.

Dein Bruno ist nicht nur ein guter Entertainer, der achtet auch genau darauf, wie weit er sich vorwagen kann. Ich spiele auf eine Szene zwischen Bruno und Otto [gespielt von Max Simonischek] an, die wir an der Stelle aber nicht spoilern. Wie spielt man gut Nuancen?

Ich bin bis heute nicht sicher, ob die Nuancen da richtig waren. Es ist dir ja sicher aufgefallen, dass wir eine spezielle Auflösung haben, in der die Erwachsenen gezeigt werden. Man sieht sie selten aus der Nähe, eher aus der Ferne, und man muss, wie die Kinder auch, detektivisch die Szenen analysieren. Ich hatte den Impuls, das eher klein zu spielen, und der Regisseur Norbert Lechner hat mich darin unterstützt. Bruno sollte klein wirken, weil Otto, der Böse, sich dann ganz groß macht.

Ich finde es eigentlich immer interessanter, wenn es kleiner gespielt ist und das Publikum selbst drauf kommen muss, was denn hier eigentlich gerade gespielt wird. Gleichzeitig war da ein Streit in meinem Kopf während des Drehens, weil ich vom Publikum natürlich geliebt werden möchte. Und ich verfalle manchmal dem Trugschluss, dass sie mich nur mögen, wenn sie mich auch verstehen können, wenn ich meine Figur groß präsentiere. Dabei muss ich eigentlich darauf vertrauen, dass das Publikum schlau und offen genug ist, auch das Kleine zu erkennen.

Tobias Resch zu "Das geheime Stockwerk" im Interview mit Andrea Zschocher
© Christoph Liebentrit

Woher weißt du denn, dass das Publikum dich liebt?

Beim Film weiß ich das eigentlich nie so wirklich. Das ist die große Krux! [Er lacht]

Für mich ist das im Kino sehr spannend zu erleben, ob und wie sich meine Figur überträgt. Ich muss aber auch gestehen, dass ich beim ersten und vielleicht auch beim zweiten Mal Schauen nur auf mich gucke. Dann öffnet sich mein Blick.

Ich will gar nicht jammern, ich habe mir diesen Beruf ja selbst ausgesucht, aber er macht mich manchmal auch unsicher. Vielleicht ist das der Grund, warum Schauspieler sich dann auf roten Teppichen und Partys beweihräuchern lassen? [Er lacht.]

Man ist in diesem Beruf immer damit konfrontiert, am Ende keine Kontrolle mehr darüber zu haben, wie man rüberkommt. Filmschauspielerei ist eine große Vertrauensübung. Man muss Regisseur*innen und Cutter*innen vertrauen, die einen gut inszenieren. Ich vertraue auch auf das Drehbuch, denn wenn man selbst die Figur da schon so mag, dann weckt das die Hoffnung, dass es anderen auch so geht. Aber es ist und bleibt ein schmaler Grat.

Tobias Resch zu "Das geheime Stockwerk" im Interview mit Andrea Zschocher

„Das geheime Stockwerk“ könnt ihr ab heute im Kino anschauen. Ich empfehle ihn für Kinder ab dem Grundschulalter. Bereitet den Kinobesuch schon etwas vor, mich haben die vielen Nazi-Symbole am Anfang doch etwas überfordert und meine Kinder wollten da auch sehr viel drüber sprechen. Wenn ihr das im Vorfeld schon angehen könnt, ist das sicher nicht verkehrt.

Ich wünsche mir, dass dieser Film auch in vielen Schulen gezeigt wird. Ihr könnt euch dafür melden. Nutzt die Chance durch den Film Demokratiebildung aktiv zu befördern, denn ins Gespräch zu kommen über Themen, die „Das geheime Stockwerk“ anstößt, ist in diesen Zeiten umso wichtiger.


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