Ich bin seit „Andere Eltern“ Serkan Kaya-Fan. Und trotzdem haben wir noch nie miteinander gesprochen. Anlässlich seines neusten Filmes „Eine bessere Welt“ hat es jetzt aber doch geklappt und es war ein wirklich wichtiges und schönes Gespräch. Ein „Safe Space“, wie Serkan es nannte. Und der war bei dem Thema tatsächlich auch nötig. Denn Hass im Internet geht uns zwar eigentlich alle was an, aber aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Man ist damit am Ende ganz schön allein.
Ich wünsche euch beim Lesen des Interviews viele neue Erkenntnisse und hoffe, dass wir es gemeinsam schaffen, den Hass zu besiegen. Denn was ist die Alternative? Eine Welt, in der mehr und mehr (weibliche) Stimmen verstummen? Das kann niemand wollen!
Wieso hast du dich dafür entschieden, diese Rolle zu spielen? Was am Thema Hass im Internet hat dich interessiert?
Serkan Kaya: Mit der Casting-Anfrage habe ich auch gleich das Buch bekommen und war vom Thema Hate Speech sehr fasziniert. Diese anonyme Masse, die du nicht greifen kannst, der Feind, den du nicht siehst, das hat mich interessiert. Und dann die Thriller-Elemente, die es im Film eben auch noch gibt, das ist spannend.
Meine Rolle Deniz ist so angelegt, dass er seine Partnerin unterstützen möchte und gleichzeitig an ihrer Realitätswahrnehmung zweifelt. Diese Kombination war für mich so interessant, dass ich das unbedingt spielen wollte. Als ich dann noch erfahren habe, dass ich zusammen mit Peri Baumeister spielen kann, habe ich mich sehr gefreut. Ich finde sie großartig und wollte schon immer mit ihr arbeiten.

Gab es etwas, dass dich bei diesem Film überrascht hat?
Tatsächlich meine Figur Deniz. Zu spielen, wie schnell das, wogegen er und so viele andere ja immer gekämpft haben, gegen toxische Männlichkeit und für Gleichberechtigung, sich in Luft auflöst, wenn du plötzlich damit konfrontiert wirst. Dann wird es toxisch, vergiftet dich, deine Beziehung. Deniz antwortet mit Gewalt und Aggression, sobald er das Gefühl hat, dass er eine Person gefunden hat, die dafür verantwortlich ist. Er tut genau das, was die Leute im Netz androhen.
Zu erleben, wie dieses Gewaltpotenzial sich in seinem privaten Leben entfaltet und einfach umschlägt, obwohl er doch von sich geglaubt hat, alles unter Kontrolle zu haben, das hat mich überrascht. Ich kann mir vorstellen, dass es vielen Partnern von Frauen, die von Hass im Netz betroffen sind, so geht.
Im Film gibt es den Vorwurf von Deniz an Elena: „Wärst du doch bloß nicht in die Sendung gegangen“. Da schwingt durchaus dieses „Du bist selbst schuld“ mit.
Ich hoffe, dass wir bald ganz von „Sie ist selber schuld“ wegkommen. Meinem Gefühl nach ist das in der öffentlichen Wahrnehmung schon so, dass eben nicht mehr gesagt wird: Wenn sie sich auf eine gewisse Weise kleidet, darf sie sich nicht wundern, wenn das passiert.
Es wurde jetzt leider ersetzt durch: Wer sich ins Internet oder auf Bühnen stellt, der muss sich ja nicht wundern, wenn etwas passiert. Ich glaube aber nicht, dass die Mehrheit das wirklich denkt. Ich glaube, dass wir uns mit einer Minderheit auseinandersetzen müssen, die verschiedene Multiplikationsfaktoren hat. Einzelne Männer mit großer Reichweite posten etwas und ihre Follower verbreiten das weiter. Und immer weiter. Das wirkt dann groß, obwohl gar nichts hinzukommt, es werden ja immer nur die immergleichen Sachen von den gleichen Personen geteilt. Man hat das Gefühl, dass das krass laut ist, aber ich weigere mich zu glauben, dass das wirklich stimmt.
Ich habe einerseits ein bisschen an deinem Deniz gezweifelt, weil man sich ja erhofft, dass der Partner immer zu einem steht, andererseits kann ich es aus dem eigenen Erleben so gut nachempfinden.
Es ist so hart. Ich habe das zum Glück nie erlebt, aber ich kann mir das genauso vorstellen, wie wir es im Film zeigen. Man will als Partner unbedingt an der Seite stehen und helfen, und gleichzeitig kann es ja sein, dass man im Geheimen schon die Schuld bei der Partnerin sucht. Denn dann hätte all das wenigstens einen Grund. Und es ist schlimm, so etwas zu denken.
Diese Schuldfrage ist vermutlich ein Ventil gegen die ohnmächtige Hilflosigkeit, die man in solchen Momenten spürt. Ich wünsche dir, dass du das niemals erleben musst, aber was denkst du, wäre ein guter Weg, als Partner mit dieser Situation umzugehen?
Dem Partner, der Partnerin beistehen, ihm oder ihr glauben, unterstützen. Und nicht die ganze Zeit relativieren. Der Schmerz, den die von anonymem Hass betroffene Person spürt, verdichtet sich ja, wenn der Partner dem nicht glaubt. Oder glaubt, ihn einfach wegwischen zu können. Es geht eben nicht, dass man mal drüber redet und dann ist das kein Thema mehr. Man muss seinen Partner, seine Partnerin ernst nehmen, ich glaube, das ist eine enorme Hilfe. Ich würde mir das auf jeden Fall so wünschen, wenn es mir widerfahren würde.
Hast du schon mal mit solchen Anfeindungen zu tun gehabt?
Nein, es betrifft mich zum Glück gar nicht. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass ich mich im öffentlichen Raum, weder im Netz noch in Interviews, umfassend zu politischen Themen äußere. Das liegt aber auch daran, dass ich immer denke, dass es intelligentere Menschen gibt als mich, die sich dazu äußern sollten und können.
Ich hatte mal einen Hate-Kommentar, und der hat mich zwei Wochen lang beschäftigt. Ich kann mir also nicht vorstellen, wie sich das bei Menschen anfühlt, bei denen das täglich passiert. Es muss schrecklich sein, und es tut mir für jeden leid, der das durchleben muss. Ich weiß, dass es viele meiner Kolleginnen durchaus betrifft, und das ist furchtbar.
Im Film sprecht ihr etwas an, was meiner Meinung nach viel zu wenige Menschen wissen: Wenn man jemanden anzeigt, kann der Angezeigte die Adresse einsehen. Und weiß dann, wo man wohnt, selbst wenn er das vorher nicht wusste.
Weißt du, was ich richtig gut finde? Dass es zu unserem Film auch eine Dokumentation gibt. Das wird leider viel zu selten gemacht. Das könnte doch die nächste Aufgabe der Öffentlich-Rechtlichen sein, dass es zu bestimmten fiktiven Themen immer auch eine Dokumentation gibt. Das hilft in Zeiten von Fake News und Fake Media doch sehr. Denn so wird unser Film auch einem Faktencheck unterzogen.
Ich habe diese Information hinterfragt, weil ich nicht glauben konnte, dass das wirklich stimmt. Das hat mich total geschockt. Es gibt natürlich Vermittler und z. B. auch Hilfe bei HateAid. Aber selbst das kann schwierig sein. Wie kann das sein?
Wieso sind unsere Gesetze noch nicht so weit fortgeschritten, dass sie daran angepasst sind und anders darauf eingehen? Wie kann die Gesetzeslage da der Realität so weit hinterherhinken?

Warum betrifft Hass im Netz so viele Frauen?
Ich kann mir das ganz schwer erklären. Ich war letztes Jahr beim Münchener Filmfest eingeladen, um bei einem Panel über toxische Männlichkeit zu sprechen. Ich kann nur wiederholen, was ich damals gesagt habe. Ich glaube, dass toxische Männlichkeit und die Probleme, die sich daraus ergeben, nicht neu sind. Ich glaube, wenn wir uns die Literatur der letzten Jahrhunderte anschauen, dann stellen wir fest, dass es dieses Problem schon immer gab.
Schau dir doch „Hamlet“ oder „Die Räuber“ oder „Die Leiden des jungen Werther“ an. All diese Stücke liefern Bruchstücke toxischer Männer. Die sind alle auf der Suche nach Bestimmung und Anerkennung, nach Liebe und einem falsch verstandenen Männlichkeitsbild. Das gab es leider schon immer. Durch das Internet verdichtet sich das jetzt umso mehr.
Wer Macht will, verschafft sie sich, indem er sie gegenüber Kindern, Frauen und Menschen, die sowieso schon marginalisiert sind, ausübt. Es ist leider immer das Naheliegendste, auf diese Menschen einzuschlagen. Und es ist furchtbar, dass es von dieser Sorte Mann einige gibt. Gleichzeitig bin ich auch davon überzeugt, dass es viel mehr nicht-toxische Männer als toxische Männer gibt. Nur sind die toxischen leider lauter. Die hört man permanent, während die anderen zu leise sind.
Warum schweigt die Mehrheit?
Ich kann nur für mich sprechen: Ich rede über toxische Männlichkeit, aber zu vielen anderen Themen sage ich nichts, weil ich fürchte, Fakten durcheinanderzubringen, nicht schlau genug zu sein. Vielleicht geht das vielen anderen auch so?
Ich halte toxische Männlichkeit für ein riesiges Problem und finde, den Opfern von toxischer Männlichkeit muss dringend geholfen werden.
Wie kann diese Hilfe aussehen? Und für alle, die sich damit noch nie beschäftigt haben und vielleicht nur ein ungutes Gefühl kennen: Woher weiß man überhaupt, dass man von toxischer Männlichkeit betroffen ist?
Ich möchte darauf mit einem Vergleich antworten, von dem ich hoffe, dass er nicht missverstanden wird. Ich habe einen migrantischen Hintergrund. Mein gesamtes Leben, auch als ich noch nicht Schauspieler und Musicaldarsteller war, habe ich immer wieder Blicke und Kommentare bekommen. Ich wurde immer wieder übergangen. Da stellt man sich irgendwann die Frage: War das ein Versehen? Oder war das Absicht?
Ich kann mir vorstellen, dass es vielen Menschen, die Begegnungen mit toxischen Männern haben, ähnlich geht. Denn nicht alles ist immer ein offensichtlich toxischer Angriff. Es können Kommentare kommen, ein Anfassen an der Schulter, ein Blick, bei dem man sich nicht wohlfühlt. Und dann überlegt man vielleicht: Wie war das jetzt gemeint? Bin ich zu empfindlich? Darf ich das jetzt ansprechen?
Es wäre so wichtig, dass wir es schaffen, aus diesem Gefühl herauszukommen und lernen, wieder miteinander zu streiten. Denn genau das können wir meiner Meinung nach nicht mehr gut. Man könnte also fragen: „Entschuldigung, haben Sie mich gerade absichtlich übergangen? War dieser Kommentar gegen mich gerichtet?“ Wir tun das nicht, weil wir das, was passiert, wenn wir es öffentlich ansprechen, in dem Moment vielleicht gar nicht aushalten können. Man hat allein ja nicht immer die Kraft dazu. Ich weiß, wie viel Mut das braucht, solche Dinge anzusprechen. Aber es geht doch gar nicht anders.
Aber müssten nicht eigentlich die, die der Situation beiwohnen, etwas sagen? Ich erinnere mich, dass ich mal mitbekommen habe, wie eine Woman of Color offensichtlich übergangen wurde, wie sich jemand einfach dazwischengedrängt hat, ohne drüber nachzudenken. Ich habe das angesprochen, weil ich eben finde, dass die Frau das gar nicht leisten muss. Ich habe das mitbekommen, also ist es meine Verpflichtung, etwas zu sagen. Statt der betroffenen Person das auch noch überzuhängen. Die muss ja schon so viel Stärke zeigen, überhaupt diese Situation zu ertragen.
Genau das meine ich. Gut, dass du nachfragst, dann habe ich es nicht klar genug formuliert. Es geht mir genau darum, dass andere eingreifen, dass niemand da allein durchmuss. Die Menschen, die davon betroffen sind, müssen verstehen: Das ist nicht normal, was gerade passiert ist. Niemand darf so mit mir umgehen, und andere bemerken das und stehen mir zur Seite.
Ich habe drei Söhne, und denen muss ich auch beibringen, was es bedeutet, ein Mann zu sein. Sie müssen ein Gerechtigkeitsempfinden entwickeln, dass sie für Menschen einstehen, die Ungerechtigkeit erleben. Damit die sich nicht allein fühlen, sondern wissen: Andere haben das auch bemerkt. Das Gefühl, das ich habe, ist richtig.

Ich finde es tatsächlich schwieriger, nicht-toxische Söhne zu erziehen, als feministische Töchter. Denn bei empathischen Jungen, die sich für andere einsetzen, kommt sofort „Loser, Versager, Weichei“. Von daher: Erziehungstipps willkommen. Wie erzieht man Söhne zu nicht-toxischen Männern?
Ich verstehe die Schwierigkeiten. Wahrscheinlich ist es auch eine Charakterfrage. Ich wünschte, ich hätte die Lösung, aber es ist einfach schwer zu beantworten. Ich glaube, es hat auch viel mit der Mutter zu tun. Wenn sie eine sehr starke, selbstbewusste Frau ist, hilft das. Und dann braucht es Männer, die nicht-toxisches Verhalten vorleben. Aber einen Erziehungsrat kann ich dir nicht wirklich geben.
[Er überlegt]
Vielleicht müssen wir diese Kinder einfach so voller Liebe packen, dass sie wissen, wie sich das anfühlt, so geliebt zu werden. Vielleicht sorgt das dann dafür, dass sie immer die Liebe wählen und andere nicht ausgrenzen. Dass sie die Kinder werden, die im Sandkasten lieber mit allen spielen, als das eine Kind zu sein, das nicht dabei ist und die ganzen Sandburgen kaputt macht, um wenigstens darüber Aufmerksamkeit zu bekommen.
Wir sind auf einem wirklich guten Weg. Überleg doch mal, wie viel weiter wir schon sind als unsere Elterngeneration. Das ist doch enorm, was da passiert ist. Wir dürfen nur nicht stehen bleiben, wir müssen immer weitergehen.
Ich glaube an Austausch. Denn so können wir einander von dem Weg erzählen, auf dem wir sind.
Die einzige Möglichkeit, Menschen zum Umdenken zu bewegen, sind 1:1-Gespräche. Wir lernen durch Empathie, wir trainieren unsere Empathiefähigkeit durch Kunst und Kultur. Wir sind die Empathieratgeber, die Empathieförderer in dieser Welt. Erlebe das Schicksal einer Protagonistin und vielleicht fühlst du mit und kannst dadurch deine Meinung ändern. Das ist vielleicht sehr idealistisch gedacht, aber nur so hat meine Arbeit Sinn.
Ich halte Filme und Theater für extrem wichtig. Oder Bücher, Journalismus, Interviews. Es muss etwas berühren. Manchmal fürchte ich allerdings, dass das Theater vielleicht inzwischen vom Aussterben bedroht ist. Denn da setzt man sich noch intensiver als in Filmen mit dem Gesehenen auseinander. Und das mag nicht jede*r.
Ich glaube, das Theater wird überleben. Das Theater hat schon immer überlebt, weil das Bedürfnis, nach getaner Arbeit am Lagerfeuer zu sitzen und jemand erzählt eine Geschichte, in uns ist. Wir wollen einander zuhören. Dieses Gefühl wird immer bestehen, und das Theater ist doch nur eine Fortführung vom Lagerfeuer.
Ich bekomme auch mit, dass die Jugendlichen, die mit KI groß werden, sich enorm nach Handarbeit sehnen. Die wollen etwas mit ihren Händen erschaffen. Schnitzen, kochen, backen, Dinge bauen. Ich denke, das ist eine Suche nach etwas, das greifbar ist. Und im Theater gibt es das auch, da geht es um echtes Erleben, von echten Menschen. Werden wir erst mal eine dunkle Zeit erleben? Vielleicht! Aber danach wird sich das wieder ausgleichen.
„Eine bessere Welt“ läuft am 23. März um 20:15 Uhr im ZDF. Ihr könnt den Film ab sofort in Web & App des ZDF schauen. Und seht euch doch bitte die dazugehörige Doku „Hass im Netz: Eine bessere Welt – Die Dokumentation“ an.
Und wenn ihr „Andere Eltern“ noch nicht kennt, good news. Auch diese Serie (plus einen Film) könnt ihr in Web & App des ZDF anschauen.

Schreibe einen Kommentar