Sarah Tacke im Interview zu "Am Puls 10 Jahre Wir schaffen das"

Sarah Tacke: „Wie geht denn Ankommen in Deutschland?“

Auf Sarah Tacke und ihre Puls-Reportage habe ich mich total gefreut. Zum einen ist es immer schön für mich, mit Kolleg*innen in den Austausch zu gehen, das ist mein Beruf sicher keine Ausnahme. Zum anderen finde ich die Frage, mit der sich Sarah in ihrer neusten Reportage beschäftigt, wirklich essentiell und spannend. Vermutlich hat jede*r von uns zu ihrer Fragestellung: „10 Jahre wir schaffen das – haben wirs geschafft?“ mindestens anekdotisches Wissen und eine Meinung. Aber Meinungen sind ja keine Fakten. Deswegen ist es so gut, dass Sarah Tacke und ihr Team auch mit Zahlen arbeiten.

Ich bin total gespannt, wie euch die Puls-Dokumentation gefällt, aber auch, was euer persönliches Fazit zur Frage ist. Deswegen: Schreibt mir gern, ich freue mich, von euch zu lesen. Ihr könnt ja nach dem Lesen des Interviews mit Sarah Tacke gleich in die Tasten hauen.

Wir schaffen das“, hat Angela Merkel 2015 gesagt. Du hast jetzt einen Film dazu gemacht. Da muss die erste Frage natürlich sein: Haben wir es geschafft?

Sarah Tacke: Die Frage ist, was wir eigentlich schaffen wollten. Wenn wir es schaffen wollten, Millionen Menschen aus dem arabischen Raum zu helfen, sie in Deutschland aufzunehmen und zu versorgen, dann haben wir es geschafft. Das ist auch ganz objektiv betrachtet eine echte Leistung, so viele Menschen aus einem ganz anderen Kulturkreis hier aufzunehmen, unterzubringen und zu versorgen.

Wenn wir es aber schaffen wollten, sie hier zu integrieren, ohne große gesellschaftliche Verwerfung, ohne deutliche Belastung der Sozialsysteme, und der Krankenkassen, ohne Anstieg der Kriminalität, dann haben wir es nicht geschafft.

Sarah Tacke im Interview zu "Am Puls 10 Jahre Wir schaffen das"
© ZDF/ Florian Lengert
Sarah Tacke in der Fußgängerzone in Frankfurt

Glaubst du, dass das, diese Integration ohne Belastung, je der Anspruch war?

Als wir gestartet sind, war die Frage natürlich so gestellt: Haben wir es geschafft oder haben wir es nicht geschafft? Um das zu beantworten, haben wir uns erstmal die Daten, Zahlen, Fakten angeschaut. Wir haben konkret geguckt: Wie viele Menschen sind gekommen? Wo leben sie, was machen sie? Wer lebt von Sozialleistungen, wer hat einen sozialversicherungspflichtigen Job? Wer ist kriminell?

Parallel zu dieser Faktenrecherche habe ich einen Aufruf über die sozialen Netzwerke und über das ZDF gestartet und habe die Leute aufgefordert: Schreiben Sie mir, was Sie in den letzten 10 Jahren nach dem Satz„Wir schaffen das“ erlebt haben. Da ging es immer um echtes Erleben. Nicht um Meinungen, sondern um das, was Menschen wirklich erlebt haben. Und mir haben viele Tausend Menschen geschrieben.

Einige von ihnen habe ich besucht. Und die vielen tausend weiteren Erlebnisberichte zeichnen ein Bild, ein Bild der Stimmung und Erfahrungen in Deutschland. Das ist keine Empirie, weil es ja „nur“ die Erlebnisse der Zuschauer sind, die mir geschrieben haben. Aber was ich nach den Zuschriften und der Drehreise und den Gesprächen mit den Menschen zusammenfassen kann, ist: Die Mehrheit der Menschen die mir geschrieben haben und die ich gesprochen habe, hat mehr erwartet.

Es wurde erwartet, dass wir es schaffen, Menschen wirklich in unsere Gesellschaft aufzunehmen. Von dem, was mich erreicht hat, kann ich spiegeln, dass da viel Enttäuschung bei den Leuten ist, weil wir das nicht geschafft haben.

Ich frage mich, ob das auch damit zu tun hat, dass Menschen sich oftmals leichter beschweren als loben.

Ja, das stimmt. Aber mein Eindruck ist doch ein anderer. Ich war eben sehr viel in ganz Deutschland unterwegs, im Norden, Süden, Osten, Westen. Ich habe nicht nur Schulen besucht oder Kitas, ich war auch in sogenannten Brennpunkten unterwegs, wo viele Menschen arbeitslos sind und wo viele Menschen zugewandert sind. Ich habe mit migrantischen und nicht migrantischen Menschen geredet, mit Frauen, mit Männern, mit unglaublich vielen verschiedenen Menschen auf der Straße, in den Barber Shops und Cafés. All das gibt mir einen ganz persönlichen Eindruck. Ich kann den nicht objektivieren, es ist das, mit dem ich von der Drehreise wiederkomme. Und da entsteht bei mir der Eindruck, dass die Enttäuschung überwiegt.

Auf deinem Social-Media-Account gibt es ein Video von einer Straßenumfrage, das so wunderbar zeigt, in welchem Spannungsfeld wir uns bewegen. Da gibt es einen Chef, einen Bauarbeiter, der seinen Kollegen total lobt und zeigt, wie stolz er auf ihn ist. Gleichzeitig ist er in seiner Wortwahl vielleicht nicht ganz so umsichtig. Die Kommentare unter dem Video gehen in alle Richtungen. Denn ja, er drückt sich mindestens unglücklich aus, aber gleichzeitig ist klar erkennbar, dass er nicht rassistisch ist, und ihm solche Vorwürfe zu machen, ist absurd.

Das war bei einer Straßenumfrage in Frankfurt auf der Zeil. Ich kam an der Baustelle vorbei und hab da einfach gefragt: Haben wir’s geschafft? Und ich liebe dieses Video, das ohne meinen kleinen Instagram-Account gar nicht sichtbar geworden wäre. Bei einer Straßenumfrage hat man locker drei Stunden Material, und am Ende kommt ein 30-Sekunden-Clip zustande. Das Allermeiste wird ja nie gesendet.

Zuerst fand ich die Männer einfach witzig und diese ganze Szene unfassbar lustig. Deswegen habe ich gefragt, ob ich das Rohmaterial bekommen kann, und habe dann diesen Clip zusammengeschnitten, weil ich das gern teilen wollte. Das Ziel war ja nie, dass ich damit viel Erfolg habe.

Und ja, es gibt zwei Stellen, die politisch nicht ganz korrekt sind. Das eine ist, als er sagt „Fromse ist über den Teich geschwommen“ und das andere Mal, als er sagt „Der Südländer ist ein bisschen anders“. Er sagt das aber mit so viel Liebe und aus seinem Erleben heraus. Wenn er sagt, dass der Fromse langsamer ist, dann erlebt er das ja genau so. Er sagt auch, dass er ein guter Typ ist, dass er ihn machen lässt, dass der durchziehen kann. Da ist so viel Liebe für Fromse aus Äthiopien.

Ja, es gibt diese kritischen Anmerkungen, aber vor allem auch ganz viel Positives. Aus der arabischen Community gab es viele Kommentare wie „bester Mann, bester Chef, Babo“. Da war ganz viel Anerkennung von der migrantischen Seite, die den Chef feiert.

Dieses Video zeigt fantastisch, dass die Haltung immer entscheidend ist. Wir sollten benennen können, wenn jemand langsamer arbeitet. Und ja, die Form, in der er es tut, ist nicht die politisch korrekte Form. Aber die Haltung stimmt.

Ich merke, dass gerade auf Social Media ein ständiges Beäugen stattfindet. Da gibt es Unsicherheit auf der einen Seite, was man überhaupt noch sagen darf. Und auf der anderen Seite eine Strenge, dass man nur so formulieren darf, dass alle mitgemeint sind. Das bringt uns aber nicht weiter. Wenn die Haltung ist, dass ich ein Menschenfreund bin, dann muss ich auch mal sagen können, dass der Südländer ein bisschen langsamer sein kann.

Sarah Tacke im Interview zu "Am Puls 10 Jahre Wir schaffen das"
© ZDF/ Sebastian Wagner
Sarah Tacke und Haithem Lafi in seinem Geschäft

Ich beobachte das auch, dass Menschen sich kaum noch trauen, etwas zu sagen.

Das ist ein Riesenproblem. Bei den Zuschriften, wo mir Menschen geschrieben haben, dass sie Integrationskurse gegeben haben, dass sie sich in der Flüchtlingshilfe engagiert haben, kam ganz viel Schönes. Aber sobald da auch mal über schlechte Erfahrungen berichtet wurde, wurde immer vorweg geschickt: „Ich bin nicht für die AfD, ich bin nicht rechts, aber …“

Menschen, die ihre Arme aufgemacht, die ihre private Zeit genommen und aus erster Hand Erfahrung haben und schreiben wollen: Ich habe Gutes erlebt, aber auch nicht so Gutes. Diese Menschen haben Sorge, dass sie falsch verstanden werden. Dabei muss das doch in Ordnung sein zu sagen: Nicht jeder, der hier ankommt, hat Lust mitzumachen und strengt sich an.

Dass diese Menschen sich Sorgen machen, das ist nicht gesund. Das hat auch bei mir ein Störgefühl ausgelöst, weil ich ihnen immer sagen wollte: „Das dürfen, das müssen und das können Sie sagen“. Wir müssen wieder dahin kommen, dass man keine Beklemmung hat, auch mal was Kritisches zu sagen.

Das ist auch die Grundhaltung, mit der ich diesen Film gemacht habe: Sagen, was ist! Die einen werden den Film zu kritisch finden, die anderen zu positiv. So, wie es ist, ist es ungesund. Wir müssen davon wegkommen.

So, wie es jetzt ist, hilft es nur dem Rassismus.

Ja, genau. Denn wenn wir so weitermachen, können wir echten Rassismus, den es natürlich gibt, nicht mehr benennen. Rassismus hat einen Einfluss auf den Alltag vieler Zugewanderter. Sie kriegen keine Jobs, keine Wohnungen, werden schlecht behandelt. Das gibt es. All das passiert, das erleben viele Menschen in diesem Land. Es gibt hier Menschen, die andere Menschen ablehnen, weil sie einen anderen Namen oder eine andere Hautfarbe haben. Das muss man benennen, dagegen müssen wir etwas tun.

Aber Menschen, die Probleme benennen, die sie selbst erlebt haben, die müssen gehört werden. Das hat nichts mit Rassismus zu tun.

Wie hat sich deine ganz private Sicht auf die Situation geändert? Wenn wir von Willkommenskultur sprechen, von „Wir schaffen das“, wie sieht deine persönliche Bilanz denn wirklich aus?

Ich habe auch aus dieser persönlichen Frage heraus den Film gemacht. Ich habe das große Privileg, dass ich einen Großteil meiner Zeit darauf fokussieren kann, Antworten auf Fragen zu finden, die unsere Gesellschaft und auch mich ganz persönlich beschäftigen.

Ich bin wirklich tief eingetaucht in Brennpunkte, in Familien, in Bezirke mit hoher Arbeitslosigkeit, hoher Migration. Ich war zum Beispiel auch in Schulklassen. Da muss man sich noch mal ganz anders damit auseinandersetzen, was es heißt, wenn 80 % der Kinder Migrationshintergrund haben und nicht Deutsch sprechen.

Kinder lernen von Kindern, und wenn es nur noch ein oder zwei deutschsprachige Kinder in der Kindergartengruppe gibt, dann lernt kein Kind mehr Deutsch. Da kann man auch fünf oder sechs Erzieher engagieren, das macht keinen Unterschied. An der Stelle muss man auf eine richtige Durchmischung achten, denn nur so kann das alles gelingen. Meine Hoffnung ist, dass der Film durch seine klare Faktenstruktur, aber auch das Erleben am Ende zu einer echten Erkenntnis bei den Zuschauerinnen und Zuschauern führt.

Sarah Tacke im Interview zu "Am Puls 10 Jahre Wir schaffen das"
© ZDF/Leonard Bendix Sarah Tacke und Niro Degen im Restaurant

Gab es etwas, das dir vor den Dreharbeiten so gar nicht bewusst war, wo du dazugelernt hast?

Nach den Dreharbeiten habe ich vor allem verstanden, dass Integration verdammt anstrengend ist. Und zwar für beide Seiten. Die Ankommenden schaffen es nur, wenn sie wirklich wollen. Wenn sie auch etwas mitbringen an Denken, Fühlen, wenn sie sich auf das Neue einlassen. Sie müssen aber gleichzeitig auf ein System und auf Menschen treffen, die sie an die Hand nehmen. Und ja, auch das ist anstrengend.

Wir haben es mit Menschen zu tun, die mit unserer Sprache und unserer Kultur gar nichts anfangen können. Ich habe ehrlich gesagt auch erst, als ich es selbst erlebt habe, verstanden, wie unfassbar verschieden unsere Kulturen sind. Ich habe z. B. abends mit einer Runde syrischer Männer Karten gespielt. Sie alle haben Jobs, sind, wenn das eine Kategorie ist, angekommen. Sie arbeiten in Deutschland, sie können für sich selber sorgen. Aber alle sprechen kaum Deutsch. Und sie haben frei heraus gesagt, dass die arabische Kultur für sie die beste ist. Sie meinten, dass sie es toll finden, in Deutschland wie in Syrien wohnen zu können. Die Frau trägt Kopftuch, man kann in die Moschee gehen, es gibt arabisches Essen. Aber die Krankenversicherung und die Sozialleistungen und die allgemeine Sicherheit hier sind viel besser als in Syrien.

Die Frage ist: Ist das Ankommen? Auch daran habe ich verstanden, wie schwer das für beide Seiten ist. Es kann nur gelingen, wenn jeder Einzelne, aber auch der Staat an sich, Menschen wirklich an die Hand nimmt, ihnen Orientierung gibt und gleichzeitig klarmacht, was wir eigentlich erwarten. Wie geht denn Ankommen in Deutschland?

Niro, jemand, der im Film auch vorkommt, der spricht „kein Deutsch“ – der spricht Fränkisch, als wäre er Franke in dritter Generation. Er hat seinen arabischen Namen abgelegt und den Namen seiner Frau angenommen, weil er gesagt hat: Ich kann hier so deutsch sein, wie ich will, ich kriege mit meinem arabischen Namen trotzdem keine Wohnung.

Das ist wirklich ein Problem und sollte so nicht sein, das ist auch nicht die Erwartung an Integration. Niro hat mir gesagt, dass sein fränkischer Nachbar ihn an die Hand genommen und gesagt hat: „Zu Intelligenz gehört auch Anpassung“. Und das ist seine Form der Anpassung. Er wird Lehrer, hat hier sein Examen abgelegt. Niro zeigt auch, was in zehn Jahren möglich sein kann, wenn man einen krassen Willen hat und wenn einen jemand an die Hand nimmt.

Am Puls mit Sarah Tacke Flucht und Krise – 10 Jahre „Wir schaffen das“ könnt ihr am 20. August um 0:50 Uhr im ZDF schauen. Alternativ könnt ihr die Doku ab sofort in der ZDF Mediathek ansehen.

Mehr über Sarah Tacke findet ihr auch auf ihrem Instaaccount.


Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert