Niemand kann alle Menschen kennen, logisch, oder? Deswegen bin ich so froh, wenn dass ich dank meines Jobs immer wieder neue Leute kennenlernen darf. Und mit ein bisschen Glück kennen die dann auch Menschen und verbinden uns miteinander. Im Fall vom Fotograf und Künstler Puria Safary war es die Tatsache, dass ich den Schauspieler Oleg Tikhomirov um ein Foto für den Artikel gebeten habe und er mir dann das geschickt hat, was Puria von ihm geschossen hat.
Wir kamen ins Gespräch und letztlich hat er einem Interview zugestimmt. Das könnt ihr jetzt hier lesen. Ich wünsche euch, dass ihr sowieso schon wisst, dass ihr ganz besonders seid. Aber wenn nicht, dann lasst euch von Puria Safary doch inspirieren, genau das zu entdecken.
Puria, du bist Fotograf und Künstler und vor 15 Jahren von Aachen nach Berlin gezogen. Was macht Berlin spannender für die Kunst als Aachen?
Puria Safary: Die Möglichkeiten. Aachen ist eine kleine, aber sehr schöne Stadt und weiss sie inzwischen viel mehr zu schätzen als damals. Das liegt zum einen an meinem Alter und zum anderen daran, dass ich nicht mehr dort lebe. [Er lacht]
Berlin bietet echt viele Möglichkeiten. Wenn du eine Vision oder einen etwas größeren Traum hast, dann kannst du ihn hier viel eher verwirklichen. Wobei ich auch sagen muss, dass in 15 Jahren hier natürlich einiges passiert ist.

Lass uns aber auch kein falsches Bild von Berlin zeichnen. Ja, es gibt hier sehr viele kreative Menschen. Aber es ist eben auch kein Garant dafür, dass es hier auf jeden Fall klappt.
Wenn du aber fest an dich glaubst, geduldig bist und von dir selber überzeugt bist, wird es klappen..
Da geht es ums vertrauen an sich selbst, auch wenn es nicht sofort klappt.
Ich habe, als ich hierhergezogen bin, dass Glück gehabt die richtigen Leute direkt kennengelernt zu haben, dafür bin ich sehr dankbar. Mir ist nur aufgefallen, dass viele Leute, die in Berlin geboren sind, die Stadt gar nicht so zu schätzen wissen. Die sehen gar nicht all die Möglichkeiten. Ihr lebt in dieser riesengroßen Stadt, in der es so vieles gibt, und nehmt das gar nicht wahr, weil ihr damit groß geworden seid. Was kein Vorwurf sein soll, sondern nur eine Feststellung.
Aber jemand wie ich, der hierherkommt, der kannte das vorher nicht. ich kann hier durch Türen gehen, die es woanders nicht gibt. Das ist doch total spannend.
Du hast schon von großen Träumen und Visionen gesprochen. Was ist denn deine Vision?
Das ist eine spannende Frage, die ich gar nicht wirklich beantworten kann. Denn egal, wie gut man seine Vision erklärt, niemand wird sie wirklich verstehen. Entweder die Leute halten dich für verrückt, oder sie denken bei sich: Ach, lass den mal träumen.
Vor 15 Jahren habe ich über meine Vision noch viel gesprochen, da waren das genau die Reaktionen, die ich bekommen habe. Ich habe zum Beispiel gesagt, dass ich gern mit Katja Riemann arbeiten möchte, weil ich sie sehr interessant finde. Und alle haben gedacht, dass das nicht klappt. Dabei war sie eine der ersten Schauspielerinnen, mit denen ich zusammengearbeitet habe.
Wenn man ein bisschen feinfühliger ist und auf Situationen und Zeichen achtet, dann erkennst du, dass alles möglich ist, was du dir vorstellen kannst. (Lausche der Weltensprache und sehe die Zeichen)
Um auf deine Frage wenigstens ein bisschen zu antworten: Meine Vision geht über Deutschland hinaus und spricht die ganze Welt an. Sie ist also ziemlich groß.
Und wie bist du dahin gekommen? Wie kam es, dass du eine Kamera in die Hand genommen hast und gesagt hast: Ich möchte fotografieren?
Mir war immer klar: Wenn ich mit dem Fotografieren anfange, dann nicht nur für Familie und Freunde. Ich will, dass meine Bilder die ganze Welt ansprechen, sonst lege ich gar nicht los. Das war mein erster Gedanke: Entweder ganz oder gar nicht.
Wenn du sagst, du erzählst deine Vision nicht in der Tiefe, weil andere sie bewerten: Ist das etwas, das dich dann daran hindert, weiterzugehen?
Ich habe aufgehört, über meine Vision zu reden, weil ich lieber einfach an ihr arbeite. Weil ich umsetzen und entstehen lassen will. Ich kann dir sagen, dass mein Gedanke nie war: Ich möchte der beste Fotograf der Welt werden. Ich habe immer gesagt, ich will zu den interessantesten gehören.
Es gibt den oder die Beste doch überhaupt nicht. Jeder ist auf seine oder ihre Art interessant. Und mein Ziel ist es eben, zu den interessantesten in der Fotografie zu zählen.

Wie gehst du mit Druck und Konkurrenz um?
Druck habe ich nie gespürt, Konkurrenz habe ich nie gesehen, auch nie gefühlt, weil ich mich immer schon nur auf mich konzentriert habe. Mich hat es nie wirklich interessiert, was die Leute um mich herum machen, weil mein Focus komplett auf meiner Vision liegt.. Klar sehe ich das auf Instagram oder anderen Plattformen und kann das schön finden, kann sehen, welche tollen Sachen andere auf ihre ganz eigene Art und Weise tun.
Aber ich habe mich nie lange damit aufgehalten. Ich habe mich immer von Peter Lindbergh oder Bruce Weber sehr inspirieren lassen. Und das klingt vielleicht arrogant, aber ich mache einfach mein Ding.
Ich verspüre keine Angst, keinen Druck, da ich angefangen habe, an mich und meine Vision zu glauben und meinem Gefühl zu vertrauen. Ich habe für mich herausgefunden, dass mein Weg ein anderer ist.
Aber wie kommst du weg von diesem Druck? Wie befreist du dich in einer Welt, in der wir uns alle ständig miteinander vergleichen, davon, nach rechts oder links zu gucken?
Bei mir entsteht gar nicht das Gefühl, dass ich mich von etwas befreien muss. Ich habe mich darauf nie fokussiert. Ich spüre tief in mir, dass ich mich nicht vergleichen muss. Vielleicht ist das etwas, das man in sich trägt, oder eben nicht?
[Er überlegt] Man kann sich diese Zweifel ja auch einreden. Man kann hinschauen oder beschließen, trotzdem sein Ding zu machen. Wenn man den Fokus darauf legt, dass der andere viel krassere, geilere Sachen macht als man selbst, dann geht es einem aber nicht besser.
Ich hatte das nie, dass ich dachte, ich müsste mich von etwas lösen, um mich frei zu fühlen vielleicht nur von der Angst. Vielleicht bin ich da auch anders als andere. Ich bin da bei mir und spüre weder Druck noch Konkurrenz. Ich wusste von Anfang an, was ich wollte, und vertraue auf mich. Ich meine zu wissen, was gut für mich ist, und wenn ich etwas machen will, dann mache ich es. Ich tue nichts, weil es cool oder angesagt ist, ich mache, was sich für mich richtig anfühlt.
Was inspiriert dich in deiner Kunst? Deine Antwort kann nicht lauten, dass das alles aus dir heraus kommt. Alle werden doch von Dingen inspiriert.
Das ist eine schöne Frage. Ich glaube, das Leben im Allgemeinen inspiriert mich. Ich habe in den letzten 15 Jahren so viele unterschiedliche Menschen kennengelernt. Ich pendle seit zwei Jahren zwischen L.A. und Berlin. Da kommt man mit einem ganz anderen Schlag von Menschen in Kontakt. Ich finde das spannend, und es inspiriert mich, diese Vielfalt zu erleben.
Ich lasse mich von Kunst inspirieren, von der Natur, dem Wetter, von Menschen und den ganzen Gefühlen die entstehen. Ich sage von mir selbst, dass ich eine alte Seele bin. Ich wäre gern zu einer anderen Zeit geboren, vielleicht in den 60er- oder 70er-Jahren. Diese ganzen Neuentwicklungen heute, die sind nicht so meins.
Man kann die Zukunft nicht aufhalten, all das Digitale nicht stoppen. Deswegen springe ich auf diesen Zug auf, weil wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.
Die Möglichkeiten, die man jetzt hat, sind schon krass. Das hat seine Vor- und Nachteile. Ich finde Social Media und das Internet an sich sehr spannend. Du hast von deinem Schreibtisch in Berlin aus die Möglichkeit, Kontakt zu jemandem aufzunehmen, der auf der ganz anderen Seite der Welt sitzt, um dem deine Arbeit zu präsentieren. Das war früher nicht möglich. Diese neuen Möglichkeiten sollte man definitiv auch nutzen, gerade wenn man jetzt erst anfängt.
Was sind deine Lieblingstools, um Aufmerksamkeit zu erregen?
Ich nutze Instagram, das ist ein gutes Tool, um sich zu präsentieren. Du kannst Videos, Reels, Podcasts machen. Jeder redet in die Kamera, hat etwas zu sagen, und das ist doch auch schön. TikTok kann man auch nutzen, aber das finde ich persönlich aktuell für Musiker spannender. Ich habe da einen Account. Ich lade immer mal wieder ein Video hoch, aber ich möchte nicht zu viel Zeit an verschiedene Apps verschwenden…
Ich präsentiere mich auf Instagram, weil es sehr visuell ist und ich dort mich und meine Arbeit den Menschen noch näher bringen kann.
Was sagst du zu Fotografien, die nur mit dem Smartphone entstehen? Ist das die Zukunft?
Die Qualität ist der Wahnsinn! Ich habe mal als Set-Fotograf bei einem Film von Frederick Lau und Kida Khodr Ramadan gearbeitet, der Film wurde nur mit dem iPhone gedreht. Und die Kameras werden ja immer besser!
Ich persönlich bin da ein bisschen oldschool. Wenn ich Fotos machen will, will ich eine Kamera in der Hand haben. Wenn ich unterwegs bin und schöne Momente festhalten möchte, dann hat das Handy durchaus seine Vorteile. Aber nur damit arbeiten? Das könnte ich nicht.
Du bist vor allem für deine Porträts bekannt. Es geht dir, um dich mal selbst zu zitieren, darum, das Besondere einer Person einzufangen. Wie gelingt das?
Ich habe ja schon gesagt, dass mich Menschen inspirieren. Jeder von uns ist auf seine Art und Weise besonders. Und das einzufangen, was ich da sehe, das ist meine Aufgabe. Es kommen Menschen zu mir, die ich schon von Events kenne, aber auch solche, die ich noch nie getroffen habe. Wenn ich eine Person sehe, dann sehe ich auch schon immer das Ergebnis meines Shootings.
Ich weiß dann schon, was wir erschaffen werden, nur anhand dessen, was ich sehe und fühle, wenn ich auf die Person treffe. Natürlich lernen wir uns erst mal kennen, die Person kommt an, und wir bekommen ein Gefühl füreinander. Peter Lindbergh hat mal gesagt: „Jeder kann schöne Fotos machen, aber am Ende geht es um Intuition und Menschenkenntnis.“
Ich kann mit jeder Art von Mensch umgehen und mich anpassen. Ich verändere mich nicht, wenn mir die Art meines Gegenübers nicht gefällt, sondern ich versuche, einen Raum zu schaffen, in dem sich jeder wohlfühlt. Dieses Wohlfühlgefühl ist das Wichtigste, denn nur dann sieht man, wie der andere wirklich ist.
Ich überlege gerade: Es hat sicher miteinander zu tun, dass du sagst, dass du keine Konkurrenz siehst und dich gleichzeitig so zurücknehmen kannst. Das geht ja nur, wenn man eben keine Angst vor Konkurrenz hat.
Ja, durchaus. Ich habe kein Problem damit, als Beispiel andere Fotograf/innen, die ich interessant finde, zu fotografieren. Ich finde sie als Künstler oder auch als Menschen spannend, finde ihre Ausstrahlung interessant. Da denke ich nicht, dass mein Gegenüber vielleicht viel krassere Sachen macht als ich.
Ich sehe eher, dass es auch jemand ist, der seinen Traum lebt, der ein besonderes Gefühl in sich hat und das in seiner künstlerischen Arbeit einfängt.
Du sagst, dass alle Menschen auf ihre eigene Art und Weise besonders sind. Und viele stimmen dir zu, wenn es um Prominente geht. Aber für sich selbst würden sie solche Aussagen eher nicht in Anspruch nehmen. Was sagst du denen?
Das ist echt traurig. Ich kenne das in meinem Freundeskreis auch, dass manche so etwas sagen. Sie schauen dann auf das, was sie nicht können, statt zu sehen, was sie alles schaffen. Mir tut das weh, so etwas zu hören. Jeder ist besonders, hat ein spezielles Talent. Das kann ja auch darin bestehen, auf eine ganz besondere Weise mit anderen Menschen umzugehen.
Fragt euch doch: Wo liegen meine Stärken? Was mache ich gern? Es muss sich ja nicht alles um Kunst drehen, es gibt so viel auf der Welt. Menschen, die einfach strahlen und andere zum Lächeln bringen, das ist doch etwas so Besonderes! Es mag jemand sein, der einen 08/15-Job hat und Menschen um sich herum permanent zum Strahlen bringt. Das ist eine Gabe: Menschen glücklich zu machen, ihnen ein gutes Gefühl zu geben. Eine warme Ausstrahlung zu haben, jemand zu sein, mit dem man sich einfach wohlfühlt – das ist so besonders.
Für sich selbst herauszufinden, was man gut kann, das ist doch spannend. Da bleibt man in Bewegung, öffnet sich selbst neue Türen und merkt: Das hier, das will ich vielleicht vertiefen. Dafür muss man aber raus aus seiner Komfort Zone. Immer nur zu Hause zu bleiben und sich vom Handy beeinflussen zu lassen, ist vielleicht nicht der Weg. Man muss ja nicht gleich allein auf Weltreise gehen. Aber ich glaube, wenn man immer nur am gleichen Ort bleibt und sein Leben immer gleich lebt, dann erkennt man vielleicht schwerer, was einen so besonders macht.
Ich kann allen, die so denken, nur raten: Lasst das ganz schnell los. Geht auf die Suche, die Welt steht euch doch offen, niemand hält euch auf. Seid mutig, und ihr werdet euch finden. Das ist hundertprozentig sicher. Nur wenn ihr euch nicht mehr bewegt, dann bleibt alles stehen, und es passiert nichts mehr. Ich finde es wichtig das Rad im Hintergrund am laufen zu halten.
Ich liebe Reisen, unterwegs sein. Gern allein, weil man dann so absolut auf sich selbst zurückgeworfen wird.
Das ist das Schönste: in Bewegung bleiben und vorankommen. Du lernst auf einmal, wie viel Schönheit es in der Welt gibt, triffst neue Menschen. Das gibt dem Leben ja auch einen Sinn. Vielleicht verstehst du, wenn du auf irgendeiner kleinen Insel ganz plötzlich mit jemandem ins Gespräch kommst, warum du auf der Welt bist. Vielleicht öffnet sich eine Tür, die sonst nie geöffnet worden wäre.
Damit Menschen sich für deine Porträts öffnen, braucht es Vertrauen. Wie baut man gut Vertrauen auf?
Ich gebe den Menschen das Gefühl, dass sie sich fallen lassen können. Sie dürfen sich wohlfühlen. Mein Atelier ist dafür sehr wichtig, weil es mir gelungen ist, einen Raum zu schaffen, in dem man sich direkt wohlfühlen kann. Bei der Auftragsfotografie in einem gebuchten Studio ist es etwas schwerer, weil es begleitet ist von so vielen anderen Einflüssen. Da ist es kalt, viel Technik, Assistenten und Zeitdruck.
Wenn die Menschen zu mir kommen, dann dürfen sie ankommen und einfach sein. Zu Vertrauen gehören auch Menschenkenntnis und Intuition. Ich merke, ob jemand lieber reden oder erst mal nur einen Kaffee trinken will. Es gibt Shootings, da kommt die Person rein, es geht sofort los, es wird abgeliefert, und das Ergebnis ist genau so stark. Oder die, bei denen man sich langsam kennenlernt, Vertrauen aufbaut und das Loslassen an erster Stelle steht. Weil mir sehr wichtig ist, dass meine Kunden oder Menschen mit denen ich zusammenarbeite, mit mehr nachhause gehen als nur mit dem Ergebnis/Bilder.
Ich weiß, dass das Ergebnis, das wir brauchen, entstehen wird.
Du vertraust also immer auf dich selbst, keine Zweifel?
Auf jeden Fall. Ich habe ziemlich viel an mir selbst gearbeitet. Nicht so intensiv wie an der Fotografie, das lief, da entwickelt man sich weiter, probiert aus. Das ist aber nur ein Teil, und der war für mich immer ganz natürlich.
Aber an mir selbst zu arbeiten, das war viel wichtiger. Ich habe viele Bücher gelesen, habe Dinge herausgefunden, reflektiert und viel nachgedacht. Ich habe viel von anderen Menschen gelernt, und das inspiriert mich dann für alles, was kommt.
Vielleicht hört sich das jetzt auch etwas abstrakt an, aber man kann ja versuchen, aus dem eigenen Körper herauszugehen und sich von außen zu beobachten. Wie tritt man auf? Wie wird man wahrgenommen? Kann man irgendetwas am eigenen Auftreten ändern?
Ich zum Beispiel habe früher sehr gern und viel erzählt. Frederick Lau hat in meinen ersten Jahre viel dazu beigetragen, wie ich mich entwickelt habe. Er meinte zu mir, dass es manchmal besser ist, weniger zu sagen als zu viel. Das habe ich angenommen und mich in eine neue Richtung bewegt. Aus Begegnungen kann immer etwas Neues entstehen.
Ich hätte damals ja nicht zuhören müssen, aber ich habe für mich beschlossen: Da ist jemand, der dir etwas mitteilt, und es lohnt sich, daran zu arbeiten, zu wachsen, sich weiterzuentwickeln.
Ihr könnt Puria Safary über seine Website oder Instagram erreichen.

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