Marie Nasemann im Interview zu "Louma" mit Andrea Zschocher

Marie Nasemann: „Ich dachte lange, ich sei nur liebenswert, wenn ich etwas leiste“

Marie Nasemann ist nicht nur super erfolgreich als Model, Podcasterin und Influencerin, sondern auch als Schauspielerin. In „Louma · Familie ist kein Kinderspiel“ spielt sie die titelgebende Louma, die stirbt und vier Kinder und zwei Männer zurücklässt, die gar nicht mal so gut miteinander zurecht kommen. Klingt nach ziemlich viel Drama? Eigentlich nicht, denn Patchwork ist doch einfach ein Thema unserer Zeit, oder?

Mit Marie Nasemann habe ich nicht nur über ihre Rolle, sondern auch über den Tod und das eigene Testament, Freundschaften und Selbstwert gesprochen. Ich wünsche euch, dass ihr immer wisst, dass ihr gut seid, wie ihr seid.


Was magst du an Lou?

Marie Nasemann: Ich bewundere sie schon allein dafür, dass sie vier Kinder zur Welt gebracht hat. Ich bin mit meinen zweien teilweise schon am Limit. Lou wirkt auf mich wie eine Frau, die ihre Leidenschaft, ihre Kunst nie vergisst und ganz darin aufgeht, auch wenn der Alltag mit Kindern stressig ist. Dass sie sich diesen Raum nimmt, sich zurückzieht, um zu malen, finde ich beeindruckend. Sie vertraut darauf, dass ihr Partner die Kinder allein wuppt. Sie lässt los, gibt Verantwortung ab. Ich wünschte, mehr Mütter in Deutschland hätten Zeit für ihre Leidenschaften.

Und was magst du nicht an ihr?

Dass sie tot ist. Ich weiß, dass es für die Geschichte notwendig ist, aber ich bin beim Schauen sehr emotional geworden. Es ist ein bisschen komisch, das zu sagen, weil es wirkt, als würde ich um mich selbst weinen, wenn ich mich im Film sehe. Aber meine Tränen galten vor allem der Geschichte und den Kindern, die diese Trauer so berührend spielen, ohne auf die Tränendrüse zu drücken.

Kinder trauern oft anders, meist ohne große Ausbrüche, und genau das hat mich besonders bewegt. Der Film hat mich außerdem Dankbarkeit für mein eigenes Leben gelehrt, für meine Gesundheit und die meiner Kinder. Wenn man als Elternteil so einen Film sieht, kann man das eigene Leben nur noch mehr wertschätzen. Es kann so schnell vorbei sein.

Marie Nasemann im Interview zu "Louma" mit Andrea Zschocher
© WDR/eikon media GmbH/Kai Schulz

Ich fand auch meine eigene Reaktion auf Lou spannend. Einerseits feiere ich es total, dass sie sich diesen Raum nimmt, andererseits denke ich: Für mich wäre das nichts. Dabei ist das Quatsch. Vermutlich bin ich einfach nicht mutig genug.

Ich verstehe, was du meinst. Natürlich braucht es einen Partner oder eine Partnerin, dem oder der man vertraut und bei dem man weiß, dass er oder sie mit den Kindern nicht überfordert ist. Aber oft gibt es diese Partner*innen, und wir denken trotzdem, dass es nicht möglich ist, sich Zeit für sich selbst zu nehmen. Wir Mütter glauben zu oft, immer verfügbar sein zu müssen. Ich denke, das haben wir von unseren Müttern und Großmüttern übernommen.

Um noch einmal auf die Kinder im Film zurückzukommen: Ich fand es sehr berührend, wie sie immer wieder zu Lous Grab laufen, um sie nicht allein zu lassen. Wie sie es schmücken und sogar Geburtstag auf dem Friedhof feiern. Warum ist es so schwer, im Einklang mit sich selbst zu trauern?

Das ist eine gute Frage. Mein größter Trauermoment war meine Fehlgeburt 2018. Ich wusste damals nicht, wie viel Trauer „in Ordnung“ ist. Wie trauert man um ein Kind zwischen der sechsten und achten Woche? Medizinisch ist es ein kleines Zellhäufchen, aber in meinem Herzen war es ab Tag eins ein Baby. Und das habe ich verloren.

Ich brauchte damals Raum und Vertrauen und habe erst Monate später eine Abschiedszeremonie im Wald gemacht, die mir geholfen hat, damit abzuschließen.

Ich glaube, man darf kreative Wege finden, mit Trauer umzugehen. Ich habe von einem Unternehmen gelesen, das anbietet, Särge selbst zu gestalten und zu bemalen. Das finde ich eine schöne Idee. Es gibt so viele Möglichkeiten zu trauern. Das kann mehr sein, als sich schwarz zu kleiden, in die Kirche zu gehen und dort Abschied zu nehmen. Sich frühzeitig mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen, finde ich wichtig und sogar etwas Schönes.

Hast du dich schon damit beschäftigt, wie deine Beerdigung ablaufen soll?

Ja, ich habe kürzlich mein Testament geschrieben. Ich war mit meinem Vater und meinen Kindern im Oman, als der Iran-Krieg ausgebrochen ist. Ich wollte das schon seit Jahren machen, das war nun ein Anlass.

Ich kann diesen Prozess wirklich jedem empfehlen. Wann nimmt man sich sonst die Zeit, darüber nachzudenken, was nach dem eigenen Tod passieren soll? Wer was bekommt und wie die Trauerfeier aussehen soll? Meine soll eine gute Party werden. Und auch wenn es komisch klingt: Ich habe eine kleine Rede für meine eigene Beerdigung geschrieben, in der ich mich bei allen Menschen bedankt habe, die mein Leben so lebenswert gemacht haben.

Nach dem Schreiben wurde mir klar: Wenn es jetzt vorbei wäre, hätte ich 37 Jahre lang ein richtig gutes Leben gehabt. Ich habe mich getraut, Dinge auszuprobieren, war mutig und wurde belohnt. Das ist ein schönes Fazit, weil wir das im Alltag oft nicht sehen. Stattdessen schauen wir auf das, was nicht läuft. Sich das alles einmal von der Seele zu schreiben, macht unglaublich dankbar für das eigene Leben. Ich will nicht, dass es vorbei ist, aber bis hierhin war es gut.

Marie Nasemann im Interview zu "Louma" mit Andrea Zschocher
© WDR/eikon media GmbH/Martin Menke

Ich finde auch, dass wir den Menschen, die wir lieben, viel öfter sagen sollten, was sie uns bedeuten. Es hilft niemandem, all das erst zu hören, wenn man tot ist.

Ich habe angefangen, meinen Freundinnen zu sagen, dass ich sie liebe. Das tut gut. Ich feiere meinen Geburtstag jedes Jahr groß, ganz egal, ob andere das übertrieben finden. Ich veranstalte mehrmals im Jahr Partys, weil ich das Leben feiern und genießen will, solange es mir und meinen Liebsten gut geht. Das Schönste ist doch, das Leben mit den Menschen zu feiern, die man liebt.

Deine Lou baut sich ihr Leben mit Tristan auf und versucht, mit seinem Tempo Schritt zu halten. Sie hört nicht auf sich selbst und landet schließlich in der Klinik. Das können sicher viele nachvollziehen. Wie kann man besser bei sich bleiben?

Ich glaube, Lou hat sich in der Beziehung zu Tristan verloren. Er hat viel gearbeitet, war ständig unterwegs, und sie war zu Hause mit den Kindern. Ihrer Leidenschaft, der Kunst, konnte sie nicht mehr nachgehen. Ihr neuer Partner Mo gibt ihr diesen Raum, weil er präsent ist und sich um die Kinder kümmert. So findet sie wieder zu sich selbst.

Ich kenne das auch. Die ersten Jahre mit Kindern waren ein einziger Struggle. Ich habe versucht, es allen recht zu machen, bin zwischen Erwerbs- und Carearbeit hin- und hergehetzt. Heute bin ich entspannter. Ich bin getrennt erziehend, habe mehr Zeit für mich und merke, wie gut mir das tut. Ich bin mehr bei mir.

Achtsamkeit hilft dabei. Man muss nicht stundenlang meditieren. Ich mag das selbst nicht besonders. Aber durch Therapie habe ich gelernt, öfter innezuhalten, mich mit meinem Körper zu verbinden. Diese kleinen Momente, in denen ich die Augen schließe, mich hinlege und atme, helfen mir, bei mir anzukommen. Ich treffe Entscheidungen bewusster, weil ich meiner Intuition wieder mehr vertraue.

Wir sind ständig von Reizen umgeben, vor allem durch Bildschirme. Es hilft, sich davon abzugrenzen und zu spüren: Was fühlt sich richtig an, was nicht? Daraus entstehen Grenzen, die andere vielleicht nicht immer angenehm finden, die uns aber schützen.

Marie Nasemann im Interview zu "Louma" mit Andrea Zschocher
© WDR/eikon media GmbH/Martin Menke

Grenzen setzen ist ein wichtiges Thema für Frauen. Wie gelingt das gut?

Achtsamkeit ist ein guter Anfang. Mir hat es geholfen, weniger auf Erwartungen von außen zu reagieren und mehr darauf zu achten, ob die Wünsche anderer über meinen eigenen Bedürfnissen stehen. Das sollte nicht so sein.

Früher war mir sehr wichtig, was andere von mir denken. Durch Therapie habe ich gelernt, alte Glaubenssätze zu hinterfragen. Ich dachte lange, ich sei nur liebenswert, wenn ich etwas leiste. Deshalb habe ich mich jahrelang überarbeitet. Heute weiß ich, dass ich auch dann wertvoll bin, wenn ein Post nicht gut läuft oder ich einen Job nicht bekomme.

Ein praktischer Tipp: nicht sofort Ja oder Nein sagen, sondern sich Bedenkzeit nehmen. Oft brauchen wir einen Moment, um wirklich zu spüren, was wir wollen.

Dein Beruf ist stark von Bewertungen geprägt. Wie schützt du deinen Selbstwert?

Das ist heute weniger ein Thema für mich. Mit Anfang 20 war ich drei Monate in Paris, hatte täglich mehrere Castings und keinen einzigen Job. Das hat meine Frustrationstoleranz geprägt.

Heute bin ich kurz enttäuscht, wenn ich eine Rolle nicht bekomme, aber das hält selten länger als 15 Minuten an. Ich glaube daran, dass sich die Dinge fügen. Wenn ich auf meine Karriere zurückblicke, ging es immer weiter. Dieses Vertrauen hilft mir.

Mein Glück hängt nicht von Jobs ab, sondern von meinen Beziehungen zu meinen Kindern, Freunden und meiner Familie.

Wie bist du zu diesem Mindset gekommen?

Wenn ich weiß, dass ich mein Bestes gegeben habe, kann ich Absagen besser akzeptieren. Schwieriger ist es, wenn ich das Gefühl habe, nicht gut vorbereitet gewesen zu sein.

Auf Social Media kann man es nie allen recht machen. Wenn ich meine Meinung vertrete und dafür kritisiert werde, kann ich damit umgehen, weil ich hinter dem stehe, was ich sage.

Ich nehme nicht jede Bewertung ernst. Vieles im Internet sagt mehr über die anderen aus als über mich. Nach der Geburt meines ersten Kindes habe ich viel Mom-Shaming erlebt. Damals hat mich das sehr getroffen. Heute weiß ich, dass das nichts mit mir zu tun hatte.

Ich habe gelernt, zu filtern, was ich an mich heranlasse. Das schützt mich und erhält mir die Freude an meinem Job.

„Louma · Familie ist kein Kinderspiel“ könnt ihr ab sofort in der ARD Mediathek streamen. Alternativ wird der Film am 25.03.26 um 20:15 Uhr auch in der ARD schauen.


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