Nachdem ich „Madame Kika“ geschaut habe, musste ich erstmal tief durchatmen. Denn der Film fordert einen, nicht nur von der Ausgangskonstellation her, sondern auch von dem, was im Laufe des Films passiert. Ich mochte das, aber es braucht eben auch mal Durchatmen.
Manon Clavel spielt Kika so unglaublich gut, man folgt ihr immer tiefer in die Geschichte, in die Entscheidungen, die Kika trifft. Es war also ein großes Glück, dass die Schauspielerin sich die Zeit für einen intensiven Austausch genommen hat. Und ich muss euch gestehen, nachdem ich die Eröffnungsfrage gestellt habe, dachte ich wirklich: Kann man das machen? Direkt mit dem Thema Sexualität starten? Manon hat das aber wunderbar angenommen. Ich wünsche euch viele Erkenntnisse mit dem Interview und dann viele erhellende Momente bei „Madame Kika“ im Kino.
„Madame Kika“ fand ich in Bezug auf die Überlegungen, welche Kinks man selbst eigentlich vielleicht ausprobieren möchte, sehr interessant. Denn wann denken insbesondere Frauen schon mal darüber nach, was sie eigentlich selbst gern mögen.
Manon Clavel: Ich weiß genau, was du meinst. Der Film hat meine Vorstellungen von Sexualität verändert. Ich dachte immer, dass ich sehr offen mit meiner eigenen Sexualität bin, dass ich weiß, was mir gefällt. Dann habe ich diesen Film gedreht und dafür auch mit Sexarbeiterinnen gesprochen. Und dadurch habe ich verstanden, dass Sexualität so viel mehr ist. Sie ist unendlich vielfältig. Ich habe angefangen, über Kinks ganz anders nachzudenken und sie auf eine neue Art zu betrachten.

Dass ein Film so etwas auslösen kann, finde ich total gut und wichtig. Denn auch wenn wir in diesen scheinbar aufgeklärten Zeiten leben: Wie viel Zeit nehmen sich denn insbesondere Frauen, um wirklich herauszufinden, was sie wollen? Darüber nachzudenken, kann doch etwas sehr Befreiendes sein.
Da stimme ich dir absolut zu. Die Regisseurin von „Madame Kika“, Alexe Poukine, erzählt in Interviews immer wieder von der Choreografie des Patriarchats. Das ist es, was wir sehen, wenn Sex in Filmen gezeigt wird. Da treffen sich in der Regel ein Mann und eine Frau, und wenn sie Sex haben, dann gibt es da verschiedene Varianten: ein bisschen Vorspiel, dann Missionar, von hinten etc. Mehr wird da nicht gezeigt. Wir alle kennen das. Jetzt in einem Film etwas ganz anderes zu sehen, das ist sehr befreiend. In „Madame Kika“ hat Sex mit dieser bekannten Choreografie gar nichts zu tun. Wir zeigen, dass das nur eine Variante von Sex ist und viele Leute ganz anders damit umgehen.
Und apropos anderer Umgang: Auch die Sexarbeiterinnen im Film werden nicht als Opfer dargestellt. Kika findet unter ihnen eine Schwesternschaft, sie kümmern sich umeinander, geben sich Tipps und reden viel. Natürlich gibt es auch viel Zwang in der Sexarbeit, und euer Film klammert das nicht aus, aber er zeigt auch, dass es anders geht.
Der Film zieht eine Parallele zwischen Sexarbeit und Sozialarbeit. Und ich verstehe auch, warum. Denn ich habe in Vorbereitung auf den Dreh gelernt, dass es in der Sexarbeit sehr viel Hilfe der Frauen untereinander gibt. Im Film gibt es die Szene, in der eine kleine Gruppe von Frauen zusammen in der Bar einen Drink nimmt und sich austauscht.
Diese Gruppe gibt es in Brüssel tatsächlich. Alle Sexarbeiterinnen haben zu ihr Zugang, egal, ob sie traditionellere Prostituierte, tantrische Masseurinnen, Camgirls oder Dominas sind. Die Frauen treffen sich und tauschen Tipps aus. Das reicht dann von Gesprächen über die Qualität von bestimmtem Zubehör bis zu Kunden, die man treffen, und solchen, die man meiden sollte.
Da gibt es eine Gemeinschaft. Vielleicht, weil die Frauen am Rande der Gesellschaft stehen. Denn auch wenn Sexarbeit in Belgien legal ist, leben sie am Rande der Gesellschaft. Die Frauen helfen sich gegenseitig, stehen zueinander, weil viele andere es nicht tun. Das schafft ein starkes Band und ein echtes Gefühl von Schwesternschaft. Und genau dieses Gefühl gibt es in der Sozialarbeit auch.

Kannst du das erklären?
Auch in der Sozialarbeit erleben die Frauen jeden Tag sehr schwierige Situationen. Ob das Hilfeempfänger sind, die selbst sehr große Probleme haben, mit ihren zerrütteten Leben nicht zurechtkommen. Oder Menschen, die psychiatrische Hilfe brauchen und sie aus verschiedenen Gründen nicht bekommen. Unter den Mitarbeiterinnen in der Sozialhilfe gibt es viele mit Burnouts, weil das System sie nicht unterstützt. Also helfen sich die Sozialarbeiterinnen untereinander. Sie bauen sich selbst eine Art Sicherheitsnetz, um sich gegenseitig zu unterstützen. Das geht dann so weit, dass, wenn eine das Gefühl hat, dass eine andere in den Burnout kommen könnte oder dass die Kollegin heute zusammenbricht, weil der Tag zu hart war, weil sie nicht mehr kann, sie zur Seite genommen wird. Dann wird sie in einen Raum gebracht, und es wird dafür gesorgt, dass sie alles, was sie fühlt, fühlen und zum Ausdruck bringen kann. Sie bleiben beieinander, bis alles gesagt wurde.
Es ist doch schwer auszuhalten, dass die Sozialarbeiterinnen den Menschen nicht immer helfen können, weil die Institution so eben funktioniert. Die Frauen hören den Hilfeempfängern zu, geben die Informationen an die Institutionen weiter, damit geholfen werden kann. Aber manchmal gelingt das nicht, da werden Anträge abgelehnt. Diese Frauen sind also die ganze Zeit in sehr kaputten Situationen, und der einzige Weg zu überleben ist, die Hilfe der anderen zu bekommen.
Ich liebe diese Parallele zwischen Sozial- und Sexarbeit in diesem Film sehr.
„Madame Kika“ rückt auch zwei Berufe ins Licht, die normalerweise im Verborgenen stattfinden. Was oft auch im Verborgenen stattfindet, ist Hilfe. Warum nimmt Kika keine Hilfe an?
Ich habe diese Frage schon ein paar Mal gehört und denke, es gibt verschiedene Gründe dafür. Zum einen sagt sie selbst im Film: „Was soll ich denn tun? Meine Akte ganz oben auf den Stapel legen?“ Sie ist ein sehr gerechter Mensch und würde das niemals tun. Kika ist sehr sozial und würde nicht wollen, dass sie bevorteilt wird, dass sie von Begünstigungen profitiert, die andere nicht bekommen, weil sie nicht im Amt arbeiten.
Sie weiß, dass die Realität ist, dass es mehrere Monate dauern kann, bis sie Hilfe bekommt. Aber es hat ja auch eine gewisse Dringlichkeit, dass ihr geholfen wird, denn sie lebt mit ihrer Tochter bei der Mutter und hasst es dort.
Ich habe darauf keine andere Antwort als die, die wir von Leuten im echten Leben auch kennen: Kika möchte andere Menschen retten. Sie zieht sich selbst gar nicht in Erwägung. Sie erkennt nicht, dass sie selbst auch in den Arm genommen werden könnte, dass es okay ist, Hilfe anzunehmen. Sie sieht das nur bei anderen, aber nicht für sich.
Manche sagen, es liegt an Kikas Ego, ich denke eher, dass es eine Neurose ist, dass sie keine Hilfe zulassen kann. So arbeitet ihr Verstand einfach nicht. Sie kann nicht akzeptieren, dass sie eigentlich diejenige ist, die um Hilfe bitten müsste, die in einer Notsituation ist. Sie weint nie. Sie geht einfach beständig ihren Weg. Das ist ein Teil ihrer Persönlichkeit.
Und dann ist da noch die Trauer. Manche Menschen wissen, dass das Zulassen von Trauer ihr Leben komplett zerstören könnte. Kika entscheidet sich, etwas anderes zu tun, als zu trauern. Sie will die Trauer und ihre Hilflosigkeit nicht akzeptieren. Stattdessen verwendet sie alle Energie darauf, Lösungen zu finden. Das ist ihr Überlebensinstinkt, ihre Persönlichkeit.

Du hast gerade schon angesprochen, dass Kika nicht weint. Ich will an dieser Stelle nichts spoilern, aber ich habe gelesen, dass du in Vorbereitung auf den Dreh auch aufgehört hast zu weinen. Wie geht das? Ich bin ein sehr emotionaler Mensch, und nicht zu weinen ist etwas, das ich mir gar nicht vorstellen kann.
Mir geht es wie dir, ich kann jeden Tag mindestens einmal weinen. Und das ist ja auch gar nicht schlimm. Ich weine, danach geht es mir besser, und ich bin erleichtert. Ich glaube, den Tränen freien Lauf zu lassen, ist meine Art, mit der Welt besser klarzukommen.
Ich empfinde das als einen gesunden Mechanismus.
Da stimme ich dir zu, und doch ist mein Charakter das genaue Gegenteil davon. Kika hat nie geweint. Eine Woche, bevor wir mit dem Dreh begonnen haben, hat Alexe Poukine mir gesagt, dass es eine Szene geben wird, in der Kika weinen soll. Das letzte Mal hat sie als Kind geweint. Und ich wusste, dass diese Szene am Ende der Drehzeit, die zwei Monate umfasste, kommen würde. Es war klar, dass ich an diesem Tag all die Tränen weinen musste, die Kika seit Jahren nicht geweint hat.
Solch eine Regieanweisung zu bekommen, ist wirklich wichtig, und mir war klar, dass ich zu dieser Szene nicht unvorbereitet kommen kann. Aber man kann das ja auch nicht proben. Die ganze Crew war an diesem Drehtag sehr aufgeregt, weil niemand wusste, was passieren würde. Das wusste nur ich. Also in der Theorie, denn auch wenn ich in diesen zwei Monaten immer wieder an der Szene gearbeitet hatte. Wie sie am Ende gelingen würde, das wusste ich ja auch nicht.
Ich habe allein daran gearbeitet und sehr früh im Prozess gemerkt, dass ich gar nicht weiß, wie es sich anfühlt, die Tränen immer herunterzuschlucken. Ich wusste nicht, wie sich das physisch anfühlt, Tränen nicht zu weinen, sondern einfach damit zu sein und immer weiterzumachen.
Deswegen habe ich beschlossen, das als Experiment zu sehen und herauszufinden, was physisch mit meinem Körper passiert, wenn ich zwei Monate lang die Tränen zurückhalte. Im Vergleich zu Kika ist das natürlich wenig, aber wenn wir uns erinnern, dass ich sehr viel weine und Kika nie, dann sind zwei Monate in meinem Leben vielleicht zehn Jahre in Kikas.
Wann immer ich also das Gefühl hatte, dass ich in meinem normalen Leben gern weinen würde, wenn ich traurig, frustriert oder wütend war, dann habe ich die Tränen zurückgehalten. Ich habe nicht geweint und mir immer wieder selbst gesagt: „Sei stark! Bleib stark!“ Du spürst das dann in deiner Kehle, die ganz eng wird. Es fühlt sich an, als könnte man nicht mehr atmen.
Und nach zwei Monaten kam ich dann ans Set und konnte tatsächlich fühlen, was Kika da durchgemacht hat.
Und wie geht es dir heute damit? Weinst du heute weniger?
Nein, ich bin die Gleiche wie vorher. Ich denke, es ist besser zu weinen. Was sich aber verändert hat, ist, dass mir während des Drehs klar geworden ist, über wie viele Schmerzen ich selbst nicht geweint habe. Ich habe vielleicht gedacht, dass ich das getan habe, aber es stimmt nicht. Vielleicht war ich doch ein bisschen mehr wie Kika, als ich gedacht habe. Mir ist klar geworden, dass Weinen Akzeptanz bedeutet. Und ich habe gemerkt, dass ich manche Dinge aus meiner Vergangenheit vielleicht doch noch nicht akzeptiert und losgelassen habe.

Wenn du Kika im echten Leben treffen würdest, worüber würdet ihr euch wohl unterhalten?
Weißt du, was interessant ist: Ich wurde sechs Monate lang nicht einmal danach gefragt. Und jetzt innerhalb von einer Woche das zweite Mal. Ich muss da weinen, weil es so eine schöne Frage ist.
Es ist so eine schöne Idee, sich vorzustellen, die Figur, die man verkörpert, in echt zu treffen. Kika ist so eine tiefe Rolle, da dauert es eine Weile, sie loszulassen, zu verstehen, dass wir zwei verschiedene Menschen sind.
Was mich auch jetzt gerade wieder zum Weinen bringt, ist das Loslassen von Kika. Sie wird zu etwas Eigenem, wenn der Film veröffentlicht wird. Dann gehört sie nicht mehr mir oder der Regisseurin oder dem Team, dann gehört sie der ganzen Welt.
Wenn ich Kika also treffen würde, würde ich ihr vermutlich einfach nur dazu gratulieren, wie stark sie ist. Für ihre Kraft, ihren Weg zu finden. Ich bewundere, was sie getan hat. Ich würde auch gern wissen, wie die Schwangerschaft verlaufen ist, über das Kind reden und ihm oder ihr ins Gesicht schauen. Ich möchte Kika gern eine Freundin sein und ihr helfen. Das würde sie vermutlich nicht annehmen, aber vielleicht finde ich ja einen Weg. [Sie lacht]
Was inspiriert dich bei deiner Arbeit?
Sehr viele Dinge. Meine Mutter ist sicher einer der Gründe, warum ich Schauspielerin geworden bin. Sie hatte ein sehr intensives Leben, und manchmal denke ich, dass meine Arbeit eine Antwort darauf ist. Meine ganze Kindheit bestand aus Fiktion und Fantasie. Wir haben uns immer Geschichten ausgedacht. Mich inspirieren auch Schauspielerinnen wie Gena Rowlands. Ich habe das Gefühl, bei allem, was ich tue, ist sie auf die eine oder andere Weise dabei.
Ich glaube auch, dass Fiktion ein Weg ist, zu überleben. Die Welt ist ziemlich rau. Sie ist wunderschön, aber auch extrem traurig und schwierig. Meine Antwort auf diese Welt ist im Grunde Fiktion und das Erzählen von Geschichten. Ich bin jemand, der viele Ängste im Leben hat. Aber wenn ich einen Charakter spiele, bin ich sehr stark. Für mich ist Schauspielerin zu sein eine direkte Antwort auf das Leben.
„Madame Kika“ könnt ihr ab 15. Januar 2026 im Kino sehen. Aus dem Interview könnt ihr ja bereits herauslesen, dass mir der Film wirklich gut gefällt, weil er zum Weiterdenken anregt. Zur Beschäftigung mit (der eigenen) Sexualität und auch der Konfrontation mit der Frage: Würden wir uns wirklich helfen lassen?
Meine zweite Empfehlung, neben der Tatsache, „Madame Kika“ überhaupt zu gucken, ist, ihn im Original mit deutschen Untertiteln zu schauen. Selbst wenn euer Französisch nicht existent ist, für mich fühlen sich Filme in der Originalversion immer einen Ticken authentischer an, auch wenn es inzwischen natürlich tolle Synchronisationen von Projekten gibt.

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