Malick Bauer zu "Der Medicus 2" im Interview mit Andrea Zschocher

Malick Bauer: Ich glaube an die Kraft von Geschichten und Narrativen

Mit Malick Bauer zu sprechen, macht sehr viel Freude. Weil der Schauspieler, den ihr ganz sicher aus Produktionen wie „Sam – Ein Sachse“ oder „Wunderschöner“ (ich mochte seine Rolle da sehr) kennt, sich ganz offen in Denkprozesse begibt und keine Scheu vor Austausch rechts und links des offensichtlichen (Film)Themas hat. Ich mag das sehr, denn natürlich bietet „Der Medicus 2“ wirklich viele Anknüpfungspunkte an unsere heutige Gesellschaft. Aber für diese Gespräche muss man offen sein.

Malick Bauer hat sich viel Zeit genommen, um mit mir übers Mittelalter, Freundschaft, seinen Platz im Leben, Psyche und Therapie und Politik zu sprechen. Ich wünsche euch viel Vergnügen und neue Erkenntnisse bei und von diesem Interview. Schreibt mir gern, was euch gerade beschäftigt.

Was wäre deine Profession im Mittelalter gewesen?

Malick Bauer: Also meinem Namen zufolge wäre ich der König gewesen. [Er lacht]

Vielleicht wäre ich ein Ritter gewesen. Oder ein Bauer? Milchbauer hätte ich mir gut vorstellen können. Wenn wir von meinem Namen ausgehen, dann wäre ich König Bauer. Zwischen den beiden Polen kann also alles passieren. [Er lacht]

Ich finde gut, dass du qua deines Namens schon direkt die humbling Experience dabei hast.

Ich wäre bestimmt ein sehr gnadenvoller Diktator.

Malick Bauer zu "Der Medicus 2" im Interview mit Andrea Zschocher
@ Constantin Film Distribution GmbH/Zeitsprung Pictures GmbH/Wolfgang Ennenbach

Isfahan oder London: Wo hättest du dich damals wohler gefühlt?

Ganz klar Isfahan. Denn da gab es Menschen wie mich wie Sand am Meer. Da hätte ich wahrscheinlich relativ unsichtbar durch die Menge gleiten dürfen.

Heute ist London eine ganz wichtige Stadt für mich und für meinen Beruf. Da gibt es das Theater, gleichzeitig wird so viel auch für Übersee gedreht. Es kommen viele tolle Kolleg*innen aus „Der Medicus 2“ aus dieser Stadt, schon allein deswegen würde es mich heute dorthin ziehen.

Ich muss gestehen, mein Problem mit deinem Abu war, dass der so blind und bedingungslos dem Medicus Rob Cole folgt. Das ist in unseren Zeiten ja durchaus kritisch zu betrachten.

Ich verstehe, was du meinst. Aber die sind so sehr aneinander gebunden, weil sie alle zusammen aus Isfahan aufbrechen. Gerade mein Charakter sagt ja auch immer wieder: Lass uns weiterziehen nach Córdoba, da ist vieles besser. Der meint das auch ernst.

Was man beim zweiten Teil verstehen muss, weil wir das nicht noch mal erzählen: Der erste Film endet damit, dass Isfahan untergeht bzw. übernommen wird. Die Gruppe, die wir jetzt sehen, ist geflüchtet. Mein Abu hat sich, wie die anderen, von der Idee anstecken lassen, das Wissen nach London zu bringen.

In Córdoba, das wissen wir aus der Geschichtslehre, waren damals schon die Mauren. Da war das Wissen, das unsere Gruppe mitbringt, schon verbreiteter. Deswegen ist das auch das Ziel von Abu, der auch Maure ist. Meine Figur entscheidet sich dann, diese Missionarsarbeit in London anzugehen. Da spielt die Freundschaft zwischen den Figuren eine große Rolle. Abu will die anderen nicht im Regen stehen lassen. Mein Abu ist aber schon der, der immer sagt: Es ist Zeit, weiterzuziehen, es reicht. Der will wissen: Wann gehen wir von hier weg?

Malick Bauer zu "Der Medicus 2" im Interview mit Andrea Zschocher
@ Copyright: Constantin Film Distribution GmbH/Zeitsprung Pictures GmbH/Márton Kállai

Ich finde gut, dass der Film nicht ausblendet, welchem Struggle Abu und die anderen, gerade auch im Vergleich zu Rob Cole, ausgesetzt sind. Auch das ist sehr modern, denn es gibt diese Vorurteile und teilweise auch feindseligen Begegnungen ja heute leider immer noch.

Das sind alles Themen unserer Zeit. Schau dir doch an, wie mit Bildungsabschlüssen umgegangen wird. Viele davon werden in europäischen Ländern gar nicht anerkannt. Iraner, die in den 70er-Jahren hierher gekommen sind, durften keine Ärzte werden. Die mussten Taxis fahren.

Es stimmt, dass Abu und die anderen einen anderen Struggle haben. Ich habe das für mich darüber legitimiert, dass die Missionarsarbeit eben im Fokus steht und dass London nie das endgültige Ziel war. Für Abu ist das Córdoba, das Besatzungsgebiet der Mauren, meiner Leute. Er will, dass alle dahingehen, dass sie da eine super Zeit haben. Da gibt’s Hummus, da gibt’s gutes Essen. Was sollen sie denn in London? Da essen sie Aal, roh! Die scheißen noch hinter dem Vorhang. Das ist rückständig für Abu, das ist sehr schwierig für ihn.

Also ja, die müssen schon sehr gute Freunde sein, dass er sich auf diese Situation einlässt.

Ein weiteres Thema in „Der Medicus 2“, das meiner Meinung nach gar nicht genug Aufmerksamkeit bekommen kann, ist das Thema Psyche. Es hieß damals nicht so, aber im Prinzip geht es ja auch um Therapie. Ein so wichtiges Thema, bei dem ich immer hoffe, dass sich mehr Menschen damit beschäftigen.

Absolut, so geht’s mir auch. Meiner Meinung nach wird das Thema Mental Health total unterschätzt. Viele sehen das erst, wenn es leider schon zu spät ist. Gerade jetzt zur Weihnachtszeit. Weihnachten ist immer so ein Maximierer: Wenn es gut läuft, dann ist es im Moment super schön. Aber wenn es einem schlecht geht, dann geht es einem jetzt oftmals auch extrem schlecht. Dann spürt man die Einsamkeit noch mal deutlicher.

Deswegen kann ich an der Stelle nur immer wieder Werbung dafür machen, sich bei anderen zu melden. Ruft an und fragt mal bei euren ganzen starken Freundinnen und Freunden nach, wie es denen zurzeit wirklich geht.

Malick Bauer zu "Der Medicus 2" im Interview mit Andrea Zschocher
© Getty Images für Constantin Film/Andreas Rentz

Weißt du, was mir auffällt: Wir erzählen uns alle gegenseitig, dass wir beim Thema Mental Health schon so viel weiter sind. Und das mag ja auch stimmen. Aber im direkten Austausch wird die Stimme dann doch ganz zart, wenn mal jemand erzählt, dass er oder sie eine Therapie macht.

Ja, da ist dann plötzlich doch Scham und Stigmatisierung, und zwar von beiden Seiten. Wenn du es deinen besten Freund*innen erzählst, dann wirst du vielleicht auch nicht mehr zum Kartenspielen eingeladen, weil sie Sorge haben, dass es dir zu viel ist. Oder du sagst zweimal ab, und dann wird gar nicht mehr nachgefragt, weil die anderen davon ausgehen, dass es dir nicht gut geht. Und schon bist du in einer Spirale drin, und niemandem ist geholfen, weil alle wieder nur judgen.

Du hast gerade schon London und den internationalen Cast angesprochen. Was bedeutet dir diese Rolle? Ich vermute, sie ist ein weiterer Schritt zu internationalen Projekten, die Aufmerksamkeit schaffen.

Du hast das eigentlich perfekt zusammengefasst. Ich bin jemand, der drei Muttersprachen hat, und ich möchte die alle gern benutzen. Ich möchte in verschiedenen Gewässern unterwegs sein, ich will die besten, die interessantesten Inhalte spielen dürfen. Mit „Der Medicus 2“ habe ich ein großes Geschenk bekommen: Ich durfte mit ganz vielen tollen Kolleg*innen aus Übersee drehen, ich durfte auf dem englischsprachigen Markt arbeiten. Und jetzt habe ich Blut geleckt und will mehr.

Ende letzten Jahres habe ich noch einen weiteren Film für den US-amerikanischen Markt drehen dürfen. Die Rolle war ganz klein, aber so fängt man ja an, oder?

Malick, mach dich nicht klein! Das ist nicht gut für die mentale Gesundheit!

Du hast recht! [Er lacht] Ich muss das mehr genießen, es zelebrieren. Jede Rolle ist ein Teil des Weges, aber das Ziel ist noch lange nicht erreicht. Ich habe noch sehr viel vor!

Und was inspiriert dich auf deinem Weg? Was ist es, was dich catcht und wo du die Entscheidung triffst: Das möchte ich gern spielen?

Wenn eine Geschichte es schafft, mich anzusprechen, dann habe ich immer die Hoffnung, dass andere Menschen sich davon auch berühren lassen. Ich sehe das als große Chance.

Dass wir uns hier unterhalten, ist auch das Ergebnis davon, dass ich mich 2012 von „Training Day“ habe inspirieren lassen. Ich war damals in einem halbdepressiven Loch, und hätte ich Denzel Washington damals nicht zugeschaut, wäre ich kein Schauspieler geworden. Bis zu dem Moment war das eher eine fixe Idee, an der ich mich festgeklammert habe.

Aus diesem Grund glaube ich ganz fest an die Kraft von Geschichten und Narrativen. Wenn man es schafft, dass die Zuschauenden davon bewegt sind, wenn sie dadurch neue Gedanken fassen, dann inspiriert mich das.

Ich glaube auch, dass wir beim Geschichtenerzählen immer neue Ideen und Lösungen anbieten müssen, statt all das Alte weiter festzuklopfen. Solche neuen Stoffe in die Hände zu bekommen, ist für mich ein großes Geschenk.

Und woher weißt du, ob du neue Gedanken in Leuten entfachst?

Zunächst kann ich sagen, dass ich bisher das große Glück hatte, für inhaltlich komplexe Sachen vor der Kamera stehen zu dürfen. Ob das jetzt „Sam – Ein Sachse“ oder „Wunderschöner“ von Karoline Herfurth war. Wenn ich dann in Berlin durch die Straßen laufe, geben mir die Leute schon Feedback. Und das ist ehrlich gesagt das Beste, was dir passieren kann. Diese Reaktion von Menschen auf deine Arbeit ist so bekräftigend.

[Er überlegt] Ich hätte fast identitätsstiftend gesagt, aber das Wort ist vielleicht doch zu groß. Aber ich merke, dass das, was ich mache, einen Impact für die Menschen hat. Genau aus dem Grund versuche ich auch weiterhin, solche Stoffe zu suchen. Und Gott sei Dank finden sie mich hier und da auch.

Malick Bauer zu "Der Medicus 2" im Interview mit Andrea Zschocher
© Getty Images für Constantin Film/Andreas Rentz

Was wäre denn Feedback, das du gern zu „Der Medicus 2“ bekommen wollen würdest?

„Ich fand es toll, dass eure Figuren und euer Freundeskreis sich auf der Basis des Charakters verbunden haben, über identitätspolitische oder religiöse Grenzen hinaus.“ [Er lacht]

Der Film hört sich doch ein bisschen auch wie der Beginn eines Witzes an: Kommen ein Jude, ein Moslem und ein Christ nach London … Aber es ist eben kein Witz, es ist eine echte Freundschaft, die wir da im besten Sinne versuchen zu zelebrieren. Wir kämpfen gemeinsam für den gleichen Traum.

Daran sollten wir uns alle ein Beispiel nehmen. Denken wir nur an Ahmed al Ahmed, der in Sydney einen der Täter davon abgehalten hat, weiter auf jüdische Mitbürger*innen zu feuern. Das ist das letzte Level von Helden- und Heldinnentum, denn natürlich gibt es auch viele Frauen, die Großartiges leisten.

Wenn unser Film 1 % von dem schafft, was Ahmed al Ahmed da geleistet hat, dann ist das ein Kompliment, das ich von Herzen gern annehme. Gerade heute, mit dieser schrecklichen Situation in Gaza und Israel, wo viele Leute so tun, als würden Moslems aus der ganzen Welt gerade ums Feuer tanzen und sich über den 7. Oktober freuen. Das ist so ein Bullshit!

„Der Medicus 2“ zeigt genau das: dass es nur zusammen geht. Ich verstehe nicht, warum Menschen einander mit solchem Hass begegnen. Wir könnten so viel besser zusammenleben.

Es ist diese Teile-und-herrsche-Mentalität, der immer wieder arme, verlassene Seelen auf den Leim gehen, ohne das Bewusstsein zu haben, dass es damit enden wird, dass all unsere Kinder am Ende an irgendwelchen Fronten gegeneinander schießen müssen.

Solange wir zulassen, dass jemand, der in einer Machtposition ist und reich ist, uns hier unten verkauft, dass unser Gegner der andere ist, solange werden wir Probleme haben. Solange wir glauben, dass jemand, der gesellschaftlich gesehen über oder unter uns selbst lebt, die Geisel der eigenen Existenz ist, solange wird sich auch nichts ändern. Weil wir uns damit nur aufhalten.

Malick Bauer zu "Der Medicus 2" im Interview mit Andrea Zschocher
© Pascal Buenning

Aber wie hören wir auf, das zu glauben?

Am Ende des Tages muss man es selbst verstehen. Ich zum Beispiel werde Christian Lindner nicht verzeihen, dass er durch diesen FDP-Austritt die Wahl so vorgezogen hat. Zu dem Zeitpunkt waren wir noch mit den Trump-Wahlergebnissen beschäftigt. Da erklang noch überall: „Wir kommen zurück, we are taking the country back“, da gab es eine Euphorie bei manchen US-Bewohner*innen. Jetzt ist doch einiges an Euphorie gestorben, weil diese Amerikaner jetzt in der Realität leben, dass Eier und Sprit noch genauso teuer oder sogar teurer sind als vorher. Und das überträgt sich auch auf uns.

Es hat sich da drüben nichts verändert, außer, dass die mexikanischen Brüder und Schwestern, die früher einige der Jobs gemacht haben, jetzt entweder aus Angst und Terror verschwunden sind und diese Jobs nicht mehr machen oder gleich von ICE gekidnappt wurden.

Aber für den armen weißen Amerikaner hat sich nichts geändert. Ich wünsche dem armen Deutschen, dass er das schnellstmöglich versteht. Denn wir sehen doch: Diese Leute kommen, aktivieren unseren ökonomischen Schmerz, holen sich unsere Stimme und bereichern sich damit an der Spitze untereinander. Das hat mit uns hier unten nichts zu tun!

Und es ist egal, ob du schwarz, weiß, Frau, trans*, was auch immer bist. Das müssen die Leute klarkriegen. Und wie ihnen das klar wird? Das ist die große Frage an der wir arbeiten müssen.

„Der Medicus 2“ läuft ab 25. Dezember 2025 in allen Kinos.

Wie ihr im Interview schon feststellen könnt, bietet „Der Medicus 2“ wirklich sehr viele Anknüpfungspunkte an unsere heutige Zeit. Aber auch wenn ihr Fans von Mittelalter-Filmen seid, kommt ihr auf eure Kosten. Mir persönlich sind diese Darstellungen oft zu blutig und brutal, auch wenn mir klar ist, dass das eben die Zeiten waren. Ich kann das ja wissen und trotzdem nicht mögen. Gleichzeitig hat mich der Film schon angesprochen und eben die Fragen, die ich Malick Bauer gestellt habe, in mir ausgelöst. Wenn ihr also Lust habt, an den Feiertagen oder auch zwischen den Jahren mal ein bisschen in euch zu gehen oder einfach nur endlich den zweiten Teil des Welterfolgs sehen wollt: Auf ins Kino!

„Der Medicus 2“ läuft ab 25. Dezember 2025 in allen Kinos.


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