An dieser Stelle alle Rollen aufzuzählen, die Judy Winter in ihrer langen und erfolgreichen Karriere schon gespielt hat, würde eindeutig den Rahmen sprengen. Einigen wir uns also darauf, dass sie alles gespielt hat, was so möglich ist, und auch mit über achtzig Jahren noch immer aktiv ist und ihren Beruf ausübt. Schon das finde ich persönlich sehr beeindruckend.
Mindestens genauso beeindruckend ist aber auch ein Gespräch mit ihr. Anlass war ihre Rolle „Susanne Bundschuh“ in der extrem beliebten Reihe „Familie Bundschuh“. Aber es ging natürlich nicht nur um diese Rolle, sondern um lange Partnerschaften, Dankbarkeit und ja, auch den Tod. Tatsächlich hat mich das Gespräch mit Judy Winter zum Nachdenken gebracht, warum die meisten von uns wohl den Tod lieber verdrängen. Was glaubt ihr? Schreibt es mir gern!
Was mögen Sie an Susanne am allerliebsten?
Judy Winter: Ich mag ihre Vielschichtigkeit. Sie ist meiner Meinung nach sehr einsam. Gleichzeitig ist sie sehr dominant, will bewundert werden, glaubt, dass alles, was sie macht, richtig ist. Und sie hat einen guten Humor.
Ich weiß nicht, ob das Publikum all ihre Facetten auch so mitbekommt, aber für mich ist das so.
Einerseits denkt man beim Zuschauen schon: Oh Gott, ich möchte bitte nicht, dass meine Mutter oder Schwiegermutter so ist, und gleichzeitig würde Susanne in dem Ensemble aber total fehlen, wenn sie nicht so wäre, wie sie ist.
Ja, das kann ich mir auch vorstellen.
Sie bringt so eine Farbe da rein. Es ist ja auch der Sinn der Serie, dass jeder glaubt, jemanden zu kennen, der so oder so ähnlich ist. Wir erkennen uns alle irgendwie wieder.

Macht das Ihrer Meinung nach den Erfolg von „Familie Bundschuh“ aus?
Ich glaube schon. Und ich glaube, dass die Menschen diesen Spannungsgrad von Ernsthaftigkeit und Komödie brauchen. Gerade in Zeiten wie wir sie erleben müssen.
Wir sind ein gutes Team und nehmen unsere Figuren ernst, und damit dann auch die Zuschauer. Das ist wichtig.
Eine lange Ehe ist bei den Bundschuhs ja auch im neuen Teil ein Thema. Haben Sie einen Tipp, wie lange Partnerschaften gelingen können?
Oh Gott, das weiß ich nicht. Meine ist auch kaputtgegangen. Ich kenne die Ehen meiner Eltern und Schwiegereltern, die haben ihr ganzes Leben lang gehalten. Da waren alte Menschen plötzlich einsam, weil der Partner gestorben ist. Das ist heute nicht mehr der Fall. Da trennt man sich vorher meist freiwillig. Wie kann eine Ehe halten? Solange sie spannend ist, vielleicht?
Vielleicht fehlt auch der Wunsch, noch miteinander zu reden? Das ist bei Familie Bundschuh ja auch ein Thema.
Sie warten schon aufs Unglück und glauben an nichts Gutes mehr. Sie kämpfen nicht umeinander.
Wann entscheiden denn Frauen, dass sie eine Partnerschaft beenden?
Ich glaube, da gibt es verschiedene Gründe. Der Hauptgrund ist, wenn man fühlt, dass man zu zweit einsam ist. Und wenn man dann fühlt, dass man da raus möchte – aus was für Gründen auch immer. Das können Lügen sein, Betrügen oder geistige Grenzen, was auch immer. Ich glaube, diese Einsamkeit zu zweit ist tödlich.

Sie sind Schauspielerin, Synchronsprecherin, Sängerin. Welchen dieser Berufe üben Sie am liebsten aus und warum?
Die Schauspielerei natürlich. Ich finde das so spannend. Wenn ich keine Schauspielerin geworden wäre, hätte ich Verhaltensforschung studieren mögen. Das ist der Schauspielerei sehr ähnlich, dass man psychologisch in die verschiedenen Rollen, in die verschiedenen Menschen schlüpft.
Eine geizige Frau geht anders als eine Frau, die das Leben voll genießt … Das, was sich oben im Geist abspielt, das geht ja in den Körper über. So etwas finde ich spannend.
Haben Sie das Gefühl, dass viele Schauspielende den Beruf so ernst nehmen wie Sie?
Nein, auch Regisseure nicht. Das ist inzwischen auch eine Zeitfrage, denn es wird ja heute alles so schnell gedreht. Wenn wir [im Vergleich zu Deutschland] mal auf die Amerikaner schauen: Die haben ganz andere Zeiten, einen Film zu drehen. Da geht das auch mal drei Monate, und man bereitet sich schon acht Wochen vorher auf die Rolle vor. Das ist eine ganz andere Klasse.
Ihre Susanne ist eine Frau, die das Leben voll genießt. Wie genießt man Leben eigentlich?
Ich genieße mein Leben. Ich genieße es, wenn die Sonne scheint. Ich genieße es, wenn es regnet – und wie das duftet. Ich genieße es, wenn ich meine Kerzen in der Wohnung anmache. Ich genieße es, mit Freunden essen zu gehen. Ich genieße, wo ich genießen kann.
Ich glaube, wenn man sich die Mühe geben würde, das Positive, das Schöne zu sehen, dann kann man auch mehr genießen. Das Leben ist schlimm genug. Ich gucke kaum noch Nachrichten, weil ich das nicht ertragen kann. Man muss versuchen, das Positive zu sehen, um die Kraft zu behalten.
Das heißt, das ist aber auch eine bewusste Entscheidung?
Natürlich. Ich arbeite seit über 35 Jahren für die Berliner Aidshilfe. Ich habe Menschen sterben sehen. Ich habe ihre Hand gehalten, als sie gestorben sind. Es gibt heute wieder so viele Erkrankte, auch Frauen, weil ihre Männer fremdgehen.
Es ist nicht normal, dass man gesund ist und glücklich leben kann. Dass man eine Wohnung hat und die Heizung aufdrehen kann, dass da warmes Wasser kommt. Das ist für uns normal, aber für viele ist das utopisch.
Ich finde, dass man lernen kann, das Leben wieder zu genießen.

Glauben Sie, dass wir, weil wir so wenig Verbindung zum Tod haben, vieles als selbstverständlich erachten? Ich glaube, wer, wie Sie, jemandem im Sterben die Hand gehalten hat, hat eine andere Sicht aufs Leben.
Ich habe keine Angst vor dem Tod. Dann ist man halt nicht mehr da. Bis dahin möchte ich glücklich leben. Dafür finde ich es entscheidend, zu erkennen, was man unter Glück versteht. Ich bin z. B. glücklich, wenn ich in meiner Wohnung bin und Freunde zum Essen einlade. Oder wenn ich Bücher lese oder Musik höre. Ich brauche da nicht viel. Aber das ist Glück: dass ich mich wohlfühle. Dass ich keine Angst habe.
Ich glaube, dass wir Glück oft an materiellen Dingen festmachen. Aber eigentlich sind es Verbindungen zu anderen, die uns glücklich machen.
Das stimmt. Man muss sich auch wieder darauf besinnen, wie zu beneiden wir sind. Wir haben Glück, dass wir hier in Frieden leben können. Da kann man nur Gott oder Mohammed oder wem auch immer danken.
Ihr könnt Judy Winter im mittlerweile neunten Teil der extrem beliebten „Familie Bundschuh“- Reihe wiedersehen. Die neuste Folge „Familie Bundschuh – Wir machen Camping“ läuft am 01. September 2025 im ZDF. Alternativ könnt ihr den Film jederzeit in der ZDF Mediathek streamen.
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