Franziska Weisz zu Tage, die es nicht gab im Interview mit Andrea Zschocher

Franzsika Weisz: „Von Frauen wird einfach mehr erwartet als von Männern“

Ein Gespräch mit Franziska Weisz ist wirklich eine Wucht. Jedenfalls dann, wenn man sich für inspirierenden Frauenfiguren, (Mikro)Feminismus und solidarische Frauenfreundschaften interessiert. Grund fürs Interview war ihre Rolle „Miriam“ in der Serie „Tage, die es nicht gab“. Ich bin zufällig mal in der ARD Mediathek drüber gestolpert und sehr froh, dass es aktuell die zweite Staffel davon zu sehen gibt.

Lest das Interview und dann bingt diese grandiose Serie. Und schreibt mir, welchen Mikrofeminismus ihr im Alltag vielleicht lebt.

Warum wird „Tage, die es nicht gab“, diese grandiose Serie, auf so einem schlechten Sendeplatz, mitten in der Nacht gezeigt?

Franziska Weisz: Die ersten Folgen werden ja in der Primetime gesendet! Und man kann ja alle Folgen in der Mediathek finden und sie am Stück streamen. Wir alle wissen doch, dass das Zukunftsmodell die Mediatheken sind. Ich denke, Ziel dieser Platzierung ist es, die Zuschauer rüber in die Mediathek zu ‘ziehen’. Ich habe wirklich tolles Feedback in allen Altersgruppen und Geschlechtern zur Serie bekommen. Es ist toll, dass sie so viele Leute abholt.

Die meisten Leute haben die erste Staffel in Deutschland an einem Wochenende durchgebingt, da wollte niemand warten, bis die Woche drauf die nächste Folge kommt. Die Serie ist einfach zu spannend, um sie über zwei Monate zu strecken. Das ist auch das Learning für die zweite Staffel, die ist jetzt schon komplett in der Mediathek zu sehen.

Wir waren zur ersten Staffel die meistgestreamte Serie nach „Babylon Berlin“ in Deutschland. Der Streaming-Erfolg war wirklich gigantisch, und das freut uns alle sehr.

Franziska Weisz zu Tage, die es nicht gab im Interview mit Andrea Zschocher
© ORF/ARD Degeto Film/ARD/MR Film

Ich finde die Frauenfiguren in der Serie richtig stark. Sie haben ihre Widersprüchlichkeiten, sind unterschiedlich, und das wird nicht ständig kommentiert. Sie dürfen einfach sein, ganz ohne, dass ein Mann sie vervollständigen muss. Das ist so selten. Welche Rollen reizen Sie?

Das ist eine gute Frage. Ich habe in meinem Beruf immer die Vielfalt gesucht. Das ist auch der Grund, warum ich nicht am Theater gelandet bin. Da kann man natürlich auch Abwechslung haben, verbringt aber doch viel mehr Zeit mit einer Figur.Aber ich bin mit großem Fernweh geboren, und ein großer Vorteil meines Berufs ist, dass ich viel unterwegs bin undimmer etwas Neues entdecken kann.

Ich kann gar nicht genau sagen, was ein Charakter braucht, damit ich ihn gern spiele. Aber ich weiß, dass z. B. Magda Goebbels in „Führer und Verführer“ [aktuell in der ARD Mediathek abrufbar] eine Once-in-a-Lifetime-Rolle war. Es ist ja leicht, jemanden zu spielen, den man mag. Aber es ist eine echte Herausforderung, jemanden zu spielen und sich selbst in der Rolle zu mögen, den man verabscheut. Ich verabscheue natürlich alles, was mit den Nazis zu tun hat. Und trotzdem war es mir wichtig, diese Frau glaubhaft zu spielen. Würde ich nur die Fassade spielen, wäre es eine wertlose Performance. Ich will den Zuschauenden ja in die Bredouille bringen, dass er zuguckt und überlegt, wen er da wirklich sieht und was der innere Beweggrund ihres Handelns ist. Ich finde es wahnsinnig spannend, historische Figuren zu spielen.

Franziska Weisz zu Tage, die es nicht gab im Interview mit Andrea Zschocher
© ORF/ARD Degeto Film/ARD/MR Film/Christopher Glanzl

Und was reizt Sie an Ihrer Rolle Miriam?

Miriam ist für mich eine totale Bereicherung. Schon beim Lesen des Drehbuchs dachte ich: Diese Frau finde ich cool. In der ersten Staffel steigt sie mitten in der Waschstraße aus, einfach so, weil es ihr reicht mit ihrem Mann. Da wusste ich, dass ich sie spielen will. Miriam hat den Mut, den es braucht, um ihre Grenzen zu ziehen, und sagt: Bis hierhin und nicht weiter. Und sie zieht das ja konsequent durch!

Ich hatte schon zugesagt, bevor ich das ganze Drehbuch gelesen hatte. Und es nicht bereut, weil der hervorragende Drehbuchautor alle Versprechen, die er mit der Waschstraßenszene aufgemacht hat, auch eingelöst hat. Miriam ist unabhängig. Sie lässt sich nicht festketten, trotz des Rosenkrieges, trotz dieser dysfunktionalen Situation mit ihrem Ex-Mann in der zweiten Staffel.

In der ersten Staffel erleben wir ihren Befreiungsschlag, da ist sie selbstbewusst und selbstständig. Irgendwann ist das Maß voll, was sie in ihrem Leben toleriert. Diese Hybris, die Miriam hat, mit der sind wir in die Rolle gestartet. Das ist doch ein ziemlich hohes Ross, auf dem sie da sitzt. Sie geht einfach zu ihrem Mann und fragt, welchen Familienrechtler er gut findet, und dann macht sie Nägel mit Köpfen.

Das macht Frauen beim Zuschauen vielleicht auch Mut, ihr Leben ebenso in die Hand zu nehmen.

Das ist etwas, was ich mir für uns Frauen so wünsche. Denn wir brauchen mehr von diesen Role Models! Ich bin mit lauter männlichen Vorbildern groß geworden. Schauen wir uns mal das Beispiel der Schlümpfe an:  Während die Jungs sich mit dem Schlauen oder dem Lustigen oder dem Verträumten etc. identifizieren konnten, gab es für alle Mädchen nur die eine Schlumpfine zur Auswahl. Sie war einfach nur vollbusig, blond und hübsch. Hallo Körperbildstörung und Anpassungswahn!

In „Tage, die es nicht gab“ sind wir selbstständige Frauen, die sich nicht an ihre Männer anpassen. In Realität werden wir aber von Anfang an darauf konditioniert, dass wir das tun sollen. Aber im Ernst: Das geht zu weit!

Neulich hatte ich ein tolles Gespräch über Maßhemden. Gino Venturini, die beste Adresse für Hemdenschneider in Wien, meinte, dass seine Kunden hauptsächlich männlich sind, und der Grund dafür sei, dass die ins Geschäft kommen, den Stoff und die Farbe aussuchen und sagen: Das ist mein Körper, schneidere mir das so, dass es gut aussieht und bequem ist.

Eine Frau sagt: Ich muss noch 5 kg abnehmen, dann passe ich in das Kleid. Wir Frauen haben von der Gesellschaft gelernt, dass wir uns irgendwo reinzwängen. Wir passen uns immer an. Während Männer für ihre Geradlinigkeit geschätzt werden, ist das bei Frauen unsympathisch. Wenn eine Frau einen Job macht, der viel Geld bringt, dann wird sie ganz anders beäugt als ein Mann.

Frauen brauchen immer altruistische Aspekte. Nur als Beispiel: Weibliche Hollywoodgrößen müssen sich immer noch sozial engagieren. Nicht, dass ich ihnen das nicht auch abnehme und glaube, dass sie sich sozial engagieren, aber es gibt da auch einen gewissen Zwang, damit die Gesellschaft ihren Reichtum und ihre Macht eher akzeptiert. Von Frauen wird einfach mehr erwartet als von Männern.

Franziska Weisz zu Tage, die es nicht gab im Interview mit Andrea Zschocher
© ORF/ARD Degeto Film/ARD/MR Film/Petro Domenigg

Ich bin ja ein Fan von Mikrofeminismus. In Interviews stelle ich Männern im entsprechenden Alter gern Fragen nach der Familienplanung. Kommt leider nie gut an. Dabei ist es nur ein Hinweis darauf, was ihre Kolleginnen immer wieder über sich ergehen lassen müssen.

Mikro-Feminismus – großartig! Eine Kollegin hat mir erzählt, dass eine Kita-Erzieherin immer zuerst die Väter anruft, wenn etwas mit dem Kind ist, und nicht die Mütter. Wie viele Männer werden denn gefragt, wie sie Beruf und Familie unter einen Hut bekommen? Bei Frauen ist das ein Dauerthema!

Noch ein Dauerthema: Frauenfreundschaften. In der Serie wird gezeigt, wie die Figuren sich untereinander gönnen können, wie sie füreinander einstehen. Und, auch wichtig: Es sind keine Zwanzigjährigen, die da gezeigt werden, sondern erfolgreiche Frauen mitten im Leben. Bitte mehr davon!

Danke, dass Sie das sagen. Mir ist das auch sehr wichtig. Ich glaube, wenn man sich aus vollem Herzen für die Andere freuen kann, wenn sie Erfolg hat, ist das ein absoluter Gewinn. Wenn ich für meine Schauspielerinnen-Freundinnen spreche, da ist das natürlich ein Punkt: Es gab schon Situationen, da hat eine Freundin eine Rolle bekommen, die ich mir gewünscht habe. Und ich konnte mich trotzdem aus vollem Herzen für sie freuen. Für mich war das extrem wichtig zu lernen: Die Liebe ist größer als das Ego.

Das ist ein Lernprozess, bei dem man viel Geduld braucht. Ich glaube an bedingungslose Ehrlichkeit, denn wenn man aktiv etwas vor einem angeblich guten Freund oder einer angeblich guten Freundin verbergen muss, dann stimmt etwas nicht. Dann hat man Angst vor dem Urteil der anderen und davor, verstoßen zu werden.

Sich selbst vollkommen zu akzeptieren, ist der Schlüssel für jede zwischenmenschliche Beziehung. Wer mit sich im Reinen ist, hat ein aufrichtiges Interesse und eine Offenherzigkeit dem Anderen gegenüber. Und dann muss man sich auch nicht jede Woche treffen. Die liebsten Menschen in meinem Leben sehe ich vielleicht nur zweimal im Jahr. Und trotzdem sind wir uns nah.

Franziska Weisz zu Tage, die es nicht gab im Interview mit Andrea Zschocher
© ARD/ORF/MR Film/Thomas Ramstorfer

Wie funktionieren gute Frauenfreundschaften? Was können Sie den Leser*innen mit auf den Weg geben, wenn die Freundschaften eben ohne Konkurrenz leben wollen?

Da kommen wir zu dem zurück, was ich gerade gesagt habe: Man muss wissen, wer man selbst ist und, wo die eigenen Grenzen liegen. Aber uns fehlen die Vorbilder dafür. Es gibt so wenig Frauenfiguren, die zu sich stehen, die unangepasste Persönlichkeiten haben und für sich allein genug sind.

Ich bin optimistisch für die heranwachsenden Generationen. Nehmen wir mal „Frozen“ von Disney. Das ist eine Geschichte von zwei Schwestern. Da geht’s nicht um Verliebtsein, um ein Love Interest. Sondern um die Liebe zwischen zwei Schwestern. Was für ein enormer Fortschritt und unfassbarer Erfolg nach hunderten von Geschichten von Männerfreundschaften und Brüdern! „Bibi & Tina“ halten auch zusammen wie Pech und Schwefel. Und Frau Martin ist alleinerziehend mit zwei Kindern und diesem riesigen Hof.

Ich glaube, dass die Rollenbilder schon vielfältiger werden, wir brauchen da einfach mehr Vorbilder. Ich war vor zehn Jahren mal für die Rolle der besten Freundin einer namhaften österreichischen Schauspielerin im Gespräch, die ungefähr zehn Jahre älter war als ich. Und ich habe die Rolle nicht bekommen, weil wir beide blond waren. Das ist leider kein Witz! Als könnte man zwei blonde Schauspielerinnen nicht auseinanderhalten! Da dachte ich wirklich, dass das nicht wahr sein kann. Und ich wäre sogar bereit gewesen, mir die Haare zu färben!

Mich regt zudem auf, wie die Zuschauer damals unterschätzt wurden. Zwei brünette Männer kann man auseinanderhalten, aber zwei blonde Frauen nicht Immerhin: „Tage, die es nicht gab“ kann man vielleicht als Zeichen deuten, dass wir da mittlerweile einen Schritt weiter sind!

Franziska Weisz zu Tage, die es nicht gab im Interview mit Andrea Zschocher
© ORF/ARD Degeto Film/ARD/MR Film/Petro Domenigg

„Tage, die es nicht gab“ könnt ihr ab sofort in der ARD Mediathek finden. Auch die ersten Staffel, die ihr euch auf keinen Fall entgehen lassen solltet, findet ihr noch dort. Ich bin gespannt, wie euch die Serie gefällt.


Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert