Chris Brolga im Interview zu Lily und die Kängurus mit Andrea Zschocher

Chris Brolga: „Zieh hierher und werde eine Känguru-Mom.“

Ich hatte selten ein Interview, bei dem ich so abgelenkt war und so SO so gern vor Ort mit dem Interviewten auf der Bank in der Sonne gesessen hätte. Rein aus beruflichem Interesse, versteht sich. Denn das Interview mit Chris Brolga zum Kinostart von „Lilly und die Kängurus“ fand via Zoom-Call zwischen Berlin und Alice Springs, Australien statt. Bei mir war es früh am Morgen, bei Chris gab es einen herrlichen Sonnenuntergang. Und nicht nur das, es gab vor allem auch zwei zuckersüße Kängurubabys zu sehen.

Und ja, ich verstehe durchaus, dass Chris mit seinem Sanctuary da eine wichtige Arbeit leistet, dass Kängurus keine Kuscheltiere sind und das alles mit einer großen Verantwortung einhergeht. Deswegen ist es nur folgerichtig, dass der Film „Lilly und die Kängurus“ lose auf Chris´Leben basiert. Mir hat der Film wirklich Spaß gemacht beim Schauen, ich habe nur nicht ganz verstanden, warum Lilly da als Titelgeberin fungiert. Im Prinzip dreht sich der Film nämlich nicht um das Mädchen, das sich um die Kängurus kümmert, sondern um einen Egomanen, der lernen muss, dass er nicht der Nabel der Welt ist, und es Menschen und Tiere gibt, die wichtiger sind.

Chris Broda ist inzwischen natürlich sehr medienerfahren. Hat das meine Kinder davon abgehalten, Hoffnungen zu haben, ihn und sein Sanctuary in Australien mal zu besuchen? Sicherlich nicht. Von daher, wer weiß, vielleicht werden wir alle hier ja auch noch zu Känguru-Müttern? Zur Einstimmung auf diese neue Karriere könnt ihr ja erstmal das Interview lesen und den Film anschauen. Und dann sehen wir weiter. 😀

Chris Brolga im Interview zu Lily und die Kängurus mit Andrea Zschocher
© Narelle Portanier

Chris, wie bist du Känguru-Pfleger geworden?


Chris Brolga: Ich bin zufällig dazu gekommen. Ich habe mit 17 Jahren angefangen, als Tierpfleger zu arbeiten, und habe das dann viele Jahre lang getan. Wenn man in Australien in einem Zoo arbeitet, trifft man leider auf viele verletzte und verwaiste Kängurus. Sie sind überall und werden auch in die Zoos gebracht. Ich habe also angefangen, mich um verwaiste Kängurus zu kümmern, die in den Zoo gebracht wurden.


Die Konkurrenz unter den Tierpflegern ist recht hoch, es ist nicht so einfach, eine Festanstellung in einem australischen Zoo zu bekommen. Ich habe immer mal wieder gewechselt und irgendwann aufgehört, in Zoos zu arbeiten. Zuhause habe ich aber weiter verletzte oder verwaiste Tiere gepflegt. Das ist hier aber auch nicht so ungewöhnlich. [Er lacht.] Wenn du Tiere liebst und dich nicht um einen Hund oder eine Katze kümmern möchtest, dann kannst du in Australien auch Kängurus pflegen. Denn leider gibt es hier aufgrund von Verkehrsunfällen viele verwaiste Tiere.


Im Prinzip gibt es in jeder Stadt die Notwendigkeit, dass sich Menschen um die verwaisten Kängurus kümmern. Es gibt viele, die es tun, aber wir können immer noch mehr Leute gebrauchen. Denn schau mal, sie sind auch wirklich ziemlich niedlich. [Er zeigt auf die beiden Känguru-Babys in seinem Arm.]
Komm doch nach Alice Springs, und ich bringe dir alles bei, was du wissen musst. Dann kannst du uns bei dieser Arbeit helfen.

Bevor ich mich auf den Weg mache: Wie fühlt sich das für dich an, dass Teile deines Lebens jetzt im internationalen Film „Lilly und die Kängurus“ zu sehen sind?


Es ist unglaublich. Wer hätte denn jemals gedacht, dass mein Leben einen Kinofilm inspirieren könnte? Nicht in meinen wildesten Träumen hätte ich mir das vorstellen können.


Wir [seine Frau Tahnee Passmore und er] waren jeden Tag am Set, um bei Fragen zur Verfügung zu stehen. Und natürlich hatten wir immer unsere Babys dabei – wir nennen die Känguru-Babys auch Joeys. Alle Kängurus, die man im Film sieht, sind echt, da ist kein Tier animiert. Ich habe mich jeden Tag kneifen wollen, weil es so unwirklich war, das alles zu erleben.

Es ist unwirklich und gleichzeitig eine große Ehre. Wir haben beschlossen, jeden Moment zu genießen, denn so eine Erfahrung werden wir vermutlich nie wieder machen. Jetzt können wir es gar nicht abwarten, dass der Film auch in die Kinos kommt.

Im Film hat der Chris (Ryan Corr) einen anderen Nachnamen und einen anderen Job. Es geht viel um Social Media und gesehen werden wollen. Als er ins Northern Territory zieht, ist ihm das dann nicht mehr wichtig. Wie kommen wir da wieder hin, dass wir mehr Zeit ohne Smartphones und Social Media verbringen?


Zieh hierher und werde eine Känguru-Mom. Wir brauchen noch so viel mehr davon. Kommt alle!


Du hast sicherlich auch ein echt stressiges Leben in Deutschland mit deinem Job und den drei Kindern. Komm her. Hier ist es schön und entspannt. Die Sonne ist immer da, es regnet wenig, und Wolken haben wir auch nicht. Hier kannst du immer draußen sein. [Er lacht und zeigt in die Natur hinter sich.]


Das wünschen sich die Leute doch immer: mehr in der Natur sein, mehr rausgehen. Hier geht das ohne Probleme. Und für euch in Europa ist das vielleicht auch ein guter Ratschlag: Geht in die Wälder. Verbringt Zeit in der Natur und lasst die Telefone zuhause. Nehmt sie gar nicht mit, wenn ihr unterwegs seid, sondern umarmt lieber einen Baum. Das verbindet euch nämlich mit dem, was wichtig ist.


Wenn ihr euer Telefon ein bisschen ignoriert, vielleicht erst mal nur für 30 Minuten, und in der Natur spazieren geht, werdet ihr erkennen, wie schön die Welt ist. Ich war in Holland und in England und bin dort so viel spazieren gegangen. Die Natur ist einfach überall wunderschön. Und wenn man sich mit ihr verbindet, dann entflieht man der modernen Welt – was doch eine ziemlich gesunde Sache sein kann.

Chris Brolga im Interview zu Lily und die Kängurus mit Andrea Zschocher
© Narelle Portanier

Wir alle kennen Kängurus. Aber nur wenige haben dein Wissen über die Tiere. Was sind denn die größten Wissenslücken, die es in Bezug auf Kängurus gibt?


[Eins der Känguru-Babys schaut zu ihm hoch.] Oh, schau mal, er will einen Kuss. Das hier ist Warren, und das ist Kunka. [Er zeigt die Tiere.] Kunka entspannt sich gerade. Der Name ist Arrernte und bedeutet „Mädchen“.
[Er wendet sich wieder unserem Gespräch zu.]


In Australien sind Kängurus so gewöhnlich wie Rehe in Europa. Oder Wildschweine. Das Problem ist, dass ihr Wohlergehen, wenn sie denn Hilfe brauchen, oft nicht im Fokus steht – eben weil es so viele von ihnen gibt. Das ist einer der Gründe, warum ich das „Kangaroo Sanctuary“ vor vielen Jahren ins Leben gerufen habe. Ich wollte, dass es einen Ort gibt, an dem die verletzten und verwaisten Kängurus einen Platz finden. Diese beiden hier sind noch Babys, aber in sechs bis acht Monaten werden wir sie, wenn sie stark und gesund sind, wieder auswildern. Sie müssen, um in der Wildnis zu überleben, echte Athleten sein, denn sie müssen sich auch gegen Dingos [eine Wolfsart] verteidigen können.


Dingos sind der größte Feind der Kängurus. Aber wenn sie stark und gesund sind, schaffen sie das schon. Wenn die Tiere noch nicht stark genug sind, können sie noch auf unserer Farm bleiben. Wir haben über 50 Acres, auf denen sie leben können. Hier leben vor allem auch die Tiere, die wir nicht wieder komplett auswildern können, weil sie zu schwer verletzt wurden.
Ich habe diesen Ort gebaut, weil sich kaum jemand um die Tiere kümmern möchte. Sie sind in Australien so häufig, dass die Menschen sich kaum für die verletzten Tiere interessieren. Wir tun das hier.

Für uns vom anderen Ende der Welt ist das natürlich etwas ganz anderes. Die meisten von uns haben eine große Faszination für Kängurus.


Es sind wilde Tiere, die man auch nicht domestizieren kann. Hier bei uns darf man die Kängurus auch nicht streicheln, denn es sind Wildtiere, die sich daran gar nicht gewöhnen sollen. Als ich angefangen habe, hatte ich drei verletzte Kängurus. Ich habe jeden Zoo in Australien angerufen, weil ich wollte, dass sich um die Tiere gekümmert wird. Niemand wollte sie – die Zoos hier sind voll von ihnen.


Deswegen habe ich das Refugium in Alice Springs gebaut. Um uns um die Tiere zu kümmern, die wegen ihrer Verletzungen oder ihres Alters in der Wildnis keine Chance haben.

Jetzt hast du schon gesagt, dass ihr die Tiere wieder auswildert. Heißt das, du bist gut im Loslassen? Das ist doch sicherlich schwer – immerhin seid ihr über Monate so eng mit den Tieren zusammen, gebt ihnen Namen und kümmert euch. Und dann lasst ihr sie gehen.


Am Anfang war das schon schwierig, weil ich mich da noch bei mir zuhause um sie gekümmert habe. Da ist alles neu: Du kuschelst mit ihnen, machst alles mit ihnen zusammen. Du trägst sie immer mit dir herum, in jeder Lebenslage. Wir nennen uns übrigens unabhängig vom Geschlecht Känguru-Mütter, weil wir mit unseren Kissenbezügen, in denen sie stecken, den Beutel der Känguru-Mütter imitieren. Wir kümmern uns, wie die echten Mütter es tun, die leider auf den Straßen getötet wurden.


Für eine Zeit werden wir also zur Mutter der Babys – und ja, ich liebe sie so sehr. Aber wenn es Zeit ist, lassen wir sie los. Das ist wie bei deinen Kindern. Die musst du auch irgendwann loslassen, sie müssen ihren Weg ja auch allein gehen. Der Unterschied ist nur, dass Känguru-Babys viel früher selbstständig sind. Bei ihnen ist das nach 14 bis 18 Monaten der Fall, bei Menschen dauert das viel länger.


Bis sie ungefähr anderthalb Jahre alt sind, begleiten wir sie. Die ersten neun Monate tragen wir sie in den imitierten Beuteln, von denen ich dir erzählt habe. Nach dieser Zeit würden bei den roten Kängurus, um die wir uns hier vor allem kümmern, die Mütter auch aufhören, sie zu tragen. Die Joeys würden anfangen, ihrer Mutter überall hin zu folgen. Da beginnt dann auch bei uns der Auswilderungsprozess. Die Tiere kommen dann in kleinen Gruppen im Garten zusammen, und wir schließen da auch die Tür. Es wird dann nicht mehr gekuschelt. Das ist für die Kängurus sehr wichtig, denn wenn wir sie weiter streicheln, lieben sie die Menschen auch weiterhin. Das sollen sie aber nicht. In der Wildnis werden sie auch von Menschen gejagt. Sie sollen niemandem trauen.


Das klingt hart, aber es ist in ihrem Sinne, wenn sie lernen, Menschen nicht zu vertrauen. Wenn sie klein sind, ersetzen wir ihre Mutter. Wenn sie größer sind, sind sie zu ihrem eigenen Schutz auf sich allein gestellt. Denn sonst rennen sie nicht weg, wenn ein Jäger sie entdeckt.


Wenn wir sie dann in die Freiheit entlassen, ist das schon auch ein bisschen traurig. Aber es ist vor allem so schön, weil sie wieder ganz frei sind und draußen leben können. Du musst dir das so vorstellen: Wir haben hier so eine große Weite, du kannst den ganzen Tag mit dem Auto fahren und wirst nur ganz wenige Menschen treffen. Wir hoffen, dass die Kängurus, die wir frei lassen, nie wieder auf Menschen treffen oder in die Nähe eines Highways kommen.

Im Film geht es auch um das Thema Heimat und wann man weiß, dass man zuhause ist. Wo ist deine Heimat?


Ich habe zwei Orte, die mein Zuhause sind. Ich bin in Perth, Westaustralien, aufgewachsen. Das ist knapp 2000 km weit weg von dem Ort, an dem ich jetzt lebe. Ich bin in einer sehr liebevollen Familie in der Nähe vom Strand aufgewachsen. Das fühlt sich auch heute noch wie ein Zuhause an, einmal im Jahr besuche ich meine Eltern und meinen Bruder dort.


Mein zweites Zuhause ist dieser Ort, den ich geschaffen habe und an dem ich jetzt mit meiner Frau und all unseren Kängurus lebe. Wir leben etwas außerhalb der Stadt, und es ist so schön. Schau dir das doch mal an! Der Himmel ist immer blau, die Sonne scheint, es fliegen jede Menge Papageien und Vögel hier. Es gibt hier so viele Kängurus, nicht nur die, um die wir uns kümmern, sondern auch ganz viele wilde.


Ganz generell ist es im Northern Territory immer so schönes Wetter. Im Sommer ist es vielleicht ein bisschen heiß. Aber wenn man das mag, ist es ein großartiger Ort.

Du musst hierherkommen und eine Känguru-Mom werden – das haben wir doch so besprochen. [Er lacht.]

„Lilly und die Kängurus“ könnt ihr ab 21. August im Kino anschauen. Aktuell verlose ich auf dem Blog auch Fanpakete zum Filmstart. Mitmachen ist ganz einfach und lohnt sich.


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