Bruno Alexander spielt in „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, Joachim, einen Mann auf der Suche nach seinen Platz in der Welt, nach einem Umgang mit seiner Trauer. Beides für sich genommen sind schon extrem herausfordernde Umstände, beide zusammen könnten dafür sorgen, dass sie einen im Leben überfordern. Oder auch beim Zugucken. Aber das tun sie nicht. Weil Bruno Alexander Joachim so nachvollziehbar und nahbar spielt, dass man einfach mehr über ihn erfahren will. Über Joachim Meyerhoff, den Mann, auf dessen gleichnamigem Buch der Film basiert, könnt ihr im Film und in der Romanreihe selbst einiges erfahren.
Und über Bruno Alexander im Interview. Denn natürlich haben wir uns anlässlich vom Kinostart von „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ zum Gespräch getroffen. Und ich bin jetzt schon gespannt, ob es davon eine Fortsetzung geben wird, denn es ist noch sehr viel ungefragt geblieben, bzw., das lest ihr auch im Interview, hat Bruno aktuell selbst noch gar keine Antworten. Wie spannend, oder?
Bruno, bist du froh?
Bruno Alexander: Ich habe gerade einen Mittagsschlaf gemacht und jetzt bin ich froh. Du zielst auf das Lied aus dem Film ab, richtig? Es stimmt schon, froh zu sein bedarf es wenig. Manchmal nur einen kleinen Mittagsschlaf. [Er lacht]
Es gibt diese Szene auf dem Friedhof, in der dein Joachim so wütend ist und diese Wut auch auslebt. Und es wird alles beinahe sofort von allen anderen weggedrückt. Warum ist das so? Warum können wir Wut und Trauer nicht so gut aushalten?
Ich glaube, man drückt es weg, wenn man noch nicht bereit ist, sich wirklich mit den Lücken, die man hat, zu beschäftigen. Man würde ja meinen, dass man so eine Lücke unbedingt sofort stopfen sollte. Das ist Joachims große Aufgabe, dass er diese Lücke hat und sie unbedingt stopfen möchte. Ich habe erst durch den Film verstanden, was diese Lücke eigentlich konkret meint.
Was das Wegschieben angeht: Ich glaube, zu diesem Gedanken, zu diesem Gefühlen will man unbedingt Abstand haben. Man muss vielleicht verstehen, dass man sie nicht ist. Man ist nicht seine Gedanken oder Gefühle. Das klingt jetzt wie so ein Meditationsding, und das ist es auch, aber es stimmt ja trotzdem. Man ist eigentlich nur man selbst. Das lerne ich auch gerade erst, und der Film hat mir das aus einer ganz neuen, anderen Perspektive gezeigt. Wir werden, wenn wir glauben, dass wir die Lücke sind, daran zugrunde gehen.

Ich höre dir zu und habe das Gefühl, dass du die Lücke ganz anders verstehst, als ich. Für mich in meinem Leben ist eine Lücke ganz klar der Tod meines besten Freundes. Was bedeutet die Lücke für dich?
Es wird im Film die ganze Zeit von dieser Lücke gesprochen. Alle reden davon, es gibt diesen Monolog. Und ich dachte vor dem Dreh: Wenn die Lücke gestopft ist, dann ist doch gut. Aber dann habe ich erkannt, es kommt immer wieder eine neue Lücke. Es werden immer wieder Lücken auftauchen, unser Leben besteht praktisch aus Lücken. Wenn man deswegen versucht, nur zwischen den Lücken zu leben, dann hat man ganz schön wenig zum Leben. Die Aufgabe eines jeden ist es also, nicht die Lücken zu stopfen, sondern mit ihnen leben zu lernen.
Man muss sich nicht mit ihnen identifizieren, aber man darf gucken, was hinter der Lücke ist. Und man darf erkennen, dass man selbst diese Lücke gar nicht ist.
Ich wünsche mir trotzdem deine Definition von Lücke. Denn der Film zeigt ja, dass man das sehr unterschiedlich wahrnehmen kann, was genau das ist.
Ich habe verschiedene Lücken gesehen. Natürlich ist da der Verlust des Bruders, der ja nicht der einzige für ihn bleibt. Jeder neue Tod sprengt eine weitere Lücke in Joachims Leben, der Tod des Bruders ist dabei die stärkste und intensivste Lücke. Die versucht er beiseitezuschieben, etwas Neues zu finden, was ihm etwas gibt und ihn füllt.
Ich verstehe die Lücke aber auch zwischen dem, wer man sein will, und dem, der man ist. Ich habe auch Menschen in meinem Leben verloren, aber ich glaube, das hat bei mir keine solchen Lücken reingesprengt wie bei Joachim. Deswegen hat mir da das Verständnis und auch der Zugang dazu, was man wirklich fühlt, wenn einem so ein wichtiger Mensch verloren geht, ein bisschen gefehlt.
Meine Großeltern leben leider alle nicht mehr, aber ich hatte auch keinen so engen Kontakt zu ihnen, wie Joachim das hatte. Deswegen musste ich mir einen anderen Zugang dazu suchen. Und mir hat sehr geholfen, dass Simon [Verhoeven] diese Lücke in seinem Leben hat und er mir da etwas sehr Persönliches mitgeben konnte. Natürlich kann man sich da auch gedanklich annähern, aber ich hatte bisher das große Glück, dass solch eine große Lücke bei mir noch nicht entstanden ist.

Mich beschäftigt auch, wie wenig andere die Lücke, die man im eigenen Leben hat, aushalten können. Ich habe damals sehr schnell gehört: „Jetzt ist aber wieder gut!“ Dabei wird das nicht wieder gut. Der Mensch fehlt ja. Aber andere stören sich daran, weil es ihre Ordnung, ihr Weiterleben beeinträchtigt, meine Trauer zu ertragen.
Es geben einem so viele Leute ungebetene Ratschläge. Es ist aber eben nicht immer gut. Nichts, was der andere sagt, wird es gut machen. Das löst ja auch starke Gefühle, im Zweifelsfall Wut, aus. Bei der Beerdigung im Film, die du angesprochen hast, ist die ja auch so deutlich zu sehen. Im Roman ist das so gut beschrieben, und ich hoffe, dass wir das Gefühl filmisch so auch umsetzen konnten. Joachim ist so wütend, weil sein Bruder da in diesem Holzsarg unter der Erde liegt und von oben immer noch mehr Erde draufgeschmissen wird.
Ich finde den Gedanken interessant, dass du sagst, dass man das Gefühl bekommt, Trauer müsste schnell abgefertigt werden, damit bald alles wieder normal läuft und weitergeht. Die Menschen im Umfeld wollen es schon wieder gut haben, und da störst du dann mit deiner Trauer.
Ich würde gern noch über das sprechen, was du indirekt schon angesprochen hast und über das der Großvater im Film redet. Spürst du eine Diskrepanz zwischen dem, der du sein möchtest, und dem, der du bist? Ich könnte mir vorstellen, dass du als Schauspieler das vielleicht noch deutlicher merkst.
Wie meinst du das?

Du spielst Menschen von Berufs wegen etwas vor. Ich stelle mir das noch schwerer vor, das immer im Einklang mit sich selbst zu bringen.
Ich führe zurzeit ja viele Interviews und werde darin immer als Schauspieler betitelt. Und ich muss dir sagen, dass ich mich noch nie wirklich als den Schauspieler gesehen habe, den andere in mir sehen, wenn sie mich in Filmen sehen. Ich kann mich gar nicht richtig damit identifizieren, Schauspieler zu sein.
Vielleicht, weil ich mich nicht bewusst dazu entschieden habe, Schauspieler zu werden. Ich war an keiner Schauspielschule. Das war bei dem Film tatsächlich ein Problem, wenn ich die Monologe sprechen musste. Das habe ich noch nie gemacht.
Ich bin auch Regisseur und Drehbuchautor, und auch da habe ich nie gesagt, dass ich das sein will. Ich wollte das immer studieren, wurde von der Filmhochschule aber abgelehnt. Also musste ich mir alles allein beibringen. Es gab bei mir nie den Punkt, dass ich dachte: Okay, jetzt habe ich Abitur. Dann studiere ich etwas, und dann schlage ich diesen Weg ein. Mir sind Sachen eher passiert, und jetzt sitze ich hier im Interview mit dir und antworte in meiner Rolle als Schauspieler. Aber genauso gut könnte ich in der Rolle eines Drehbuchautors antworten oder etwas ganz anderes sein. Je nachdem, welche Rolle eben gerade von mir gefordert wird.

Und wer bist du?
Ich bin gerade dabei, für mich herauszufinden, wer ich eigentlich hinter all diesen ganzen Sachen bin. Deswegen ist es für mich auch vollkommen okay, dass es eine Diskrepanz gibt. Weil ich all diese Rollen gar nicht immer sein möchte. Ich möchte nicht nur der Schauspieler sein, ich möchte nicht nur der Regisseur sein, ich möchte auch nicht nur der Bruder sein oder der Freund. Ich will all diese Sachen gar nicht sein, sondern das, was dahinterkommt.
Versteh mich nicht falsch, ich kann mich mit all den Rollen identifizieren, aber ich bin nicht nur das. Ich möchte mich bewusst dazu entscheiden, für einen gewissen Moment diese oder jene Rolle zu sein, aber es hat sich für mich nie gut angefühlt, wenn andere mir das aufgezwängt haben. Ich will gerade herausfinden, wer ich bin.
Ich glaube, dass das vielen Hoffnung macht, die eben auch nicht wissen, wer sie hinter den Rollen sind. Vielleicht ist das auch stark mit dem Impostor-Syndrom verknüpft? Jedenfalls ist das ein Gedanke, der mir sofort kommt.
Ja, vielleicht gehört das auch dazu, aber ich glaube nicht, dass mich das ausmacht. Ich will mich einfach nicht abhängig davon machen, dass andere in mir nur den Schauspieler oder nur den Regisseur sehen. Ich fahre eigentlich ganz gut damit, mich da weiter zu fordern. Wir kommen jetzt schon sehr in die Metaebene, aber ich würde sehr gern für mich herausfinden, was dahinter steckt. Ich möchte verstehen, wie ich mich entscheide, weil ich glaube, dass ich viel freier bin, wenn ich mich bewusst für Sachen entscheide.
Ich frage mich, was mich ausmacht, wie ich Sachen wahrnehme. Ich möchte ganz viel einfach da sein lassen, aber da bin ich noch nicht angekommen.

Sich nicht immer nur getrieben fühlen, sondern sich selbst verstehen wollen, finde ich gut. Und gleichzeitig denke ich, dass du vermutlich auch von Sachen getrieben bist, die dir vielleicht nicht so bewusst sind. Denn sicherlich willst auch du irgendwohin.
Das ist die Sache, die ich gerade versuche herauszufinden. Wenn wir uns in einem halben Jahr wiedertreffen, habe ich das ja vielleicht geschafft. Oder ich blicke ganz anders darauf? Wer weiß …
Ich versuche gerade durch Meditation zu gucken, was ich noch alles bin. Natürlich bin ich auch getrieben, wie alle, aber die Frage ist: Was will ich erreichen? Und was kommt dann? Ich glaube, es ist gut, wenn man versucht, nicht zu sehr in der Zukunft oder in der Vergangenheit zu leben. Stattdessen kann man sich fragen, was jetzt gerade das Ziel ist.
Joachims Ziel war es, auf die Schauspielschule zu gehen. Er möchte vielleicht erfolgreicher Schauspieler werden. Er möchte gesehen werden, er möchte gut sein in dem, was er tut. Aber wenn er das erreicht hat, wird es wahrscheinlich immer noch nicht genug sein. Weil man immer mehr will.
Ich möchte verstehen, was ich mir davon erwarte, dass ich mir ein Ziel setze. Was treibt mich da an? Und wird das, was ich erwarte, dann wirklich erfüllt? Wird die Lücke dann vielleicht doch gestopft? Wahrscheinlich eher nicht, und deswegen muss man vielleicht im gegenwärtigen Moment sein. Denn in dem kann man die Lücke nicht stopfen. Da kann man einfach nur sein.
„Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ läuft ab heute im Kino. Ihr könnt aktuell auch noch zwei Kinotickets und das Buch zum Film gewinnen. Und ich bin tatsächlich sehr gespannt, wie Brunos Antwort in einem halben Jahr wohl ausfallen wird. Ihr auch?

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