August Wittgenstein wird meiner Meinung nach in vielen Medien fälschlicherweise erst über seine Herkunft und dann über sein Schauspiel definiert. Ich finde das jedes Mal aufs Neue irritierend, denn es geht doch in erster Linie um seine Arbeit, seine Rollen und die Gedanken, die dahinter stecken. Herkunft spielt da zwar auch, aber nicht in erster Instanz rein, oder?
Jedenfalls haben August Wittgenstein und ich uns über Ku’damm, die DDR und ein bisschen auch über Queerness unterhalten. Und jetzt sagt mal: Bingt ihr alle Staffeln Ku’damm noch mal, bevor ihr mit Ku’damm 77 startet?
Was glaubst du, warum ist die „Ku’damm“-Reihe so beliebt bei den Zuschauer*innen?
August Wittgenstein: Meine Elterngeneration und die danach kommenden können sich damit identifizieren. Mein Vater ist in der Nachkriegszeit aufgewachsen, und der meinte, als er den ersten Teil, „Ku’damm 56“, gesehen hat, dass Annette Hess das so gut geschrieben hat. Es wird so gesprochen, wie man damals gesprochen hat, die Haltung ist authentisch.
Es gibt die Reihe seit zehn Jahren. Was hat sich in der Zeit für dich alles verändert?
Ganz viel. Ich wurde damals vom Regisseur Sven Bose und der Casterin Nina Haun besetzt und für mich war das ein richtiger Durchbruch auf dem deutschen Markt. Dadurch, dass „Ku’damm“ so ein riesiger Erfolg wurde, haben wir alle neue Projekte drehen dürfen.
Für mich hat sich beruflich ganz viel zum Positiven entwickelt. Mich haben seitdem mehr Leute für Projekte auf dem Schirm, ich habe einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt. Bis heute ist „Ku’damm“ das, wofür ich am meisten wiedererkannt werde. Ich finde das sehr schön, wenn mich jemand anspricht und sagt: „Ich habe Ku’damm geliebt.“ Und das geht über Generationen hinweg.
Und privat ist auch einiges passiert. Wolfgang hat sich getrennt, ich habe in der Zwischenzeit geheiratet. [Er lacht]

Wenn du Wolfgang treffen würdest, was wäre wohl ein Thema, über das ihr sprechen würdet?
[Er überlegt]
Vielleicht wäre unser Thema sein Ablegen des „von“s. Das würde mich schon interessieren wie er das so sieht. Aber abgesehen davon unterhalte ich mich immer gerne mit Juristen, die haben einen klaren Blick.
Ihr Beide nutzt euer „von“ aus sehr unterschiedlichen Gründen nicht.
Er legt das „von“ ab, weil es im Osten nicht besonders gut ankommt. Da ist schon auch ein bisschen Zwang dabei. Ich habe keine Präpositionen abgelegt oder gestrichen ich verwende sie nur nicht im Alltag. Trotzdem könnten wir darüber gut sprechen.
Bei „Ku’damm 77“ gibt es einen neuen Ansatz. Die Protagonist*innen werden von einer Kamera und einer Journalistin begleitet. Auf die Frage, ob es auch ums Private geht, antwortet die Journalistin: „Das Private ist immer das Interessanteste.“ Warum ist das so? Warum finden so viele Menschen das Private gerade bei Prominenten so wahnsinnig spannend?
Ich kenne das von mir selbst auch, dass man jemanden auf der Leinwand sieht und sich denkt: Okay, das ist ein interessanter Typ, der macht das gut. Dann hört man vielleicht einen Podcast, in dem der was sagt, liest ein Interview mit dem Menschen und erkennt vielleicht Gemeinsamkeiten. Weil man, wie die Person, z. B. gern nach Thailand reist, auch Rotwein mag oder gern Tennis spielt.
Dann kann man sich noch ein bisschen mehr mit dieser Person identifizieren, weil sie eben menschlich geworden ist. Man kann sie dann mögen. Man empfindet es so als hätte man sich der Privatperson angenähert.
Für dich als Schauspieler ist es aber eigentlich irrelevant, ob die Menschen dich als Privatperson mögen, oder? Es geht doch um dein Spiel.
Klar! Als Schauspieler bin ich natürlich nur daran interessiert, dass ich meinen Job gut mache und dass die Leute das Projekt gut finden.
Es gibt ja auch Schauspieler, die beschließen, dass sie sehr, sehr wenig Privates teilen. Das gelingt in der heutigen Zeit aber vermutlich nur noch, wenn du gar kein Social Media hast.
Ob das dann komplett funktioniert? Denn wenn man sich im öffentlichen Raum bewegt, gibt es leider inzwischen immer jemanden, der oder die draufhält. Da muss man selbst ja gar nicht bei Social Media sein.
Ich glaube auch, dass es sehr schwer ist, das Private heute noch überall rauszuhalten. Man muss da ein gesundes Maß finden. Ich zum Beispiel verstecke nicht alles. Es gibt ein paar Sachen, die mir heilig sind und die ich sehr gern für mich behalte. Aber ich habe kein Problem damit, ein bisschen aus meinem Privatleben zu teilen.

Dein Wolfgang von Boost, lebt in „Ku’damm 77“ in der DDR. Du hast dort nicht gelebt. Aber wie stellst du dir das Leben damals vor?
Ich habe ein paar Eindrücke aus meiner Kindheit (wir waren 1988 und 1990 in Berlin und Umgebung unterwegs), aber das reicht natürlich nicht aus um sich ein ordentliches Bild über die DDR zu machen.
Die Teilung Deutschlands war ein kollektives Trauma, an dem wir uns als Gesellschaft heute noch abarbeiten. Mich berühren vor allem die individuellen menschlichen Schicksale in der DDR, die unter dem Regime gelitten haben, weil sie der Willkür des Staates machtlos ausgesetzt waren.
Deswegen finde ich es umso bemerkenswerter, dass dein Wolfgang für die Liebe in dieses Land zieht. Wäre die Liebe für dich ein Grund, freiwillig in solch einen Staat zu ziehen?
Ich glaube, für die große, wahre Liebe würde man alles machen, oder? Das könnte ich mir schon vorstellen. Wenn die Liebe so stark in einem ist, dann könnte man, glaube ich, auch die DDR mit all ihren Widrigkeiten aushalten. Mit der großen Liebe an der Seite ist doch alles möglich.
Man will doch lieber das erleben, als die große Liebe nie zu erfahren.
Es ist natürlich schwierig, wenn zwei Heterosexuelle Queerness diskutieren, das weiß ich. Aber dein Wolfgang ist schwul und sagt den wichtigen Satz: „Gesetzlich ist es erlaubt, aber gesellschaftlich verachtet.“ Was sagst du, wie sehr hat sich diese Aussage seit 1977 verändert?
Ich finde, es hat sich enorm viel verändert im Vergleich zu den 70er Jahren. Ich habe damals natürlich noch nicht gelebt, ich bin 1981 geboren. Aber wenn ich nur darauf schaue, was sich seitdem verändert hat … Da ist doch vieles toleranter geworden. Die Menschen sind sensibler geworden, was ihre Sprache angeht. Wir haben Politiker, die sich öffentlich geoutet haben. Da herrscht schon ein deutlich besseres Klima als noch vor 40, 50 Jahren.
Natürlich sind wir noch nicht hundertprozentig da angekommen, wo wir sein wollen. Ich glaube, dass es immer noch Ecken in der Gesellschaft gibt, wo Homosexualität weniger akzeptiert ist. Im Sport ist es zum Beispiel teilweise schwer.
Ich sehe also auf jeden Fall Fortschritte. Und ich muss sagen, dass ich kein großer Fan davon bin, alles auf einmal mit der Brechstange durchzuboxen. Man muss der Gesellschaft und den Menschen auch eine Zeit geben, sich mit gewissen Themen und Dingen anzufreunden. Wir müssen doch erstmal ein Bewusstsein dafür entwickeln. Das geht nicht immer von heute auf morgen. Deutschland und auch Europa haben da schon große Schritte gemacht. Jetzt gibt es natürlich beunruhigende Ecken in der Welt, wo sich das wieder zurückentwickelt. Da finde ich, müssen wir höllisch aufpassen, dass wir die Freiheiten, die wir haben, mit Händen und Füßen verteidigen.
Gibt’s etwas, was du von Wolfgang über dich selbst gelernt hast?
Ich erinnere mich ganz genau daran, dass ich mich, als wir den ersten Teil gedreht haben, sehr viel mit Triggern beschäftigt habe. Es gab ja diese wichtige Szene, in der ich in der Serie meiner Frau gestehen muss, dass ich homosexuell bin. Damit bricht unsere schöne Scheinehe ja auseinander.
Ich habe mich da sehr intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, was ein paralleles Geständnis von mir, August, an die Menschen sein könnte, die mir nahestehen. Dadurch habe ich sehr viel über meine emotionalen Trigger und Verwundbarkeiten gelernt. Wolfgang ist innerlich unglaublich zerrissen und ursprünglich voller Selbsthass. Wenn man das ein bisschen erforscht und versucht, da Parallelen im eigenen Leben zu finden, dann lernt man sehr viel über sich selbst. Und nicht nur Gutes oder Schönes.
Aber das ist ehrlicherweise ja meistens so. Man lernt nicht so viel in den schönen Momenten, die sind zum Genießen da. Man lernt dann, wenn es weh tut. Vielleicht hat Wolfgang das auch gespürt? Denn ich fand, dass er in „Ku’damm 77“ nicht mehr so zerrissen wirkte. Er steht jetzt mehr zu sich.
Das sehe ich genauso. Er ist entspannter und mehr bei sich. Die Zerrissenheit ist weg. Für mich war es so schön bei den Dreharbeiten, diesen Charakter ein bisschen mehr ohne dieses Gepäck auf den Schultern zu spüren, das er vorher immer hatte. Es gab immer ein Geheimnis, immer ein schlechtes Gewissen und Scham. Mit Scham durchs Leben zu gehen, ein furchtbares Gefühl.
Jetzt in „Ku’damm 77“ kann er einfach mal Wolfi sein. Die Beziehung zur Schwiegermutter ist ein bisschen entspannter, die zu Helga wird ein bisschen freundschaftlicher. Da merkt man auch, dass Zeit dann doch immer viele Wunden heilen und den Leuten ein besseres Gefühl geben kann.
„Ku’damm 77“ läuft ab dem 14. Januar um 20:15 Uhr im ZDF. Alternativ könnt ihr die Serie ab sofort in Web & App des ZDF anschauen.
Ein Interview mit Maria Ehrich, die in der Serie die Ex-Frau von Wolfgang spielt, findet ihr ebenfalls im Magazin.

Schreibe einen Kommentar