Maria Ehrich im Interview zu Ku'damm 77 mit Andrea Zschocher

Maria Ehrich: „Versuch zu schauen, wer du eigentlich bist“

Maria Ehrich, das wird auch im Interview sehr schnell klar, könnte gar nicht weiter entfernt von der Helga sein, die sie in der „Ku’damm“-Reihe spielt. Die Schauspielerin, die ihre Helga in der Serie so maximal beherrscht spielt, ist, wie bei sehr guten Schauspieler*innen immer, in der geteilten Realität eines Interviews, super freundlich, empathisch und lustig. Genau das macht es dann ja auch leicht, all das Schwere, was die Serienfigur Helga mit sich herumträgt, zu besprechen.

Außerdem gehts im Interview mit Maria Ehrich auch um Inspiration, Social Media und Feminismus.

Was wünschst du deiner Helga nach „Ku’damm 77“

Maria Ehrich: Helga macht schon so viel, sie arbeitet an sich, sie versucht, über ihren Tellerrand hinauszugucken. Und oftmals werfen sie die Umstände, ihre Erziehung und die Zeit, in der sie lebt und aufgewachsen ist, wieder zurück.

Ich wünsche ihr, dass sie eine Eingebung bekommt, etwas, das ihr wie ein Blitz ins Gehirn schießt und ihr sagt: Lass das alles los! Versuch zu schauen, wer du eigentlich bist. Denn wir sehen Helga in den ganzen Staffeln als eine Frau, die sich immer anpasst, die immer versucht, das Beste aus den Möglichkeiten rauszuholen. Sie geht dafür über Leichen, weil sie am Ende selbst gut dastehen will. Aber wir kennen Helga nicht. Wir wissen nichts über sie. Hat sie Hobbys? Was mag sie? Wer ist sie?

Ich würde mir wirklich wünschen, dass sie mehr sein darf. Und dass sie nicht immer auf Männer wartet, darauf, dass sie jemand rettet, sondern dass sie versteht, dass sie selbst aktiv werden kann und darf. Ich weiß, dass das natürlich auch der Zeit geschuldet ist, dass der Gedanke, sich von einem Mann retten zu lassen, damals eben noch prominenter war.

Maria Ehrich im Interview zu Ku'damm 77 mit Andrea Zschocher
© ZDF / Conny Klein

Was man aber auch sagen muss: Wolfgang und sie, die kriegen das mit dem Co-Parenting auch über Ländergrenzen hinweg sehr gut hin. Was meinst du, wie klappt das gut? Denn damals gab es nur Briefe und das Telefon, nicht noch Mails, Social Media und diverse Messengerdienste.

Die Frage ist: Macht es das heute besser oder schlechter?

Ich habe den allergrößten Respekt vor allen Frauen und Männern, die allein ihre Kinder großziehen. Ich finde das als Paar schon extrem anstrengend, wie viel mehr lastet da auf einzelnen Schultern. Ich habe also auch nicht die Expertise, etwas zum Thema Co-Parenting zu sagen.

Helga hat das Glück, dass sie ihre ganze Family um sich hat. Sie wohnen in einem Haus und ziehen auch gemeinsam die Kinder groß. Wenn man das nicht hat, ist es noch viel schwerer. Helga und Wolfgang schaffen es im Laufe von „Ku’damm 77“ auch, noch mal eine andere Ebene in ihrer Beziehung aufzumachen. Allerdings ist Helga auch so angelegt worden, dass sie Wolfgang immer noch liebt. Er war ihre erste große Liebe und sie kann ihn einfach nicht loslassen. Es hat am Ende nicht so geklappt, wie sie sich das vorgestellt hat, weil er Männer liebt, und umso älter sie wird, umso wohlgesonnener sind sie einander. Aber sie ist die, die nicht loslassen kann.

Ich glaube, einander wohlgesonnen sein, vor dem Kind nicht schlecht über den anderen reden, das ist vielleicht die Quintessenz von gutem Co-Parenting. Denn wenn man das nicht hat, wird alles noch schwieriger, als es sowieso schon ist.

Maria Ehrich im Interview zu Ku'damm 77 mit Andrea Zschocher
© ZDF / Conny Klein

Helga fragt, als sie zu ihrem Leben befragt wird, die Journalistin, ob es auch um das Private geht. Die Journalistin antwortet darauf, dass das Private die Menschen am meisten interessiert. Warum ist das so?

Wir alle wollen immer ein bisschen Gossip, oder? Das muss nicht nur von jemandem sein, den man nur aus dem TV oder Kino kennt, uns interessiert es doch von allen Menschen, die uns umgeben. Das Private ist deswegen spannend, weil es echt und unverstellt ist.

Ich merke das als Schauspielerin auch, dass Menschen, die ich neu kennenlerne und sehr mag, manchmal nicht wissen, wie sie mit mir umgehen sollen. Die sagen mir dann auch, dass sie eher zurückhaltend sind, weil ich durch meinen Beruf wirke, als sei ich ein bisschen weiter weg von ihnen. Selbst wenn man kognitiv weiß, dass wir alle Menschen sind, dass man einfach nur neugierig auf eine andere Person ist, ist es vielleicht schwerer, sich da zu öffnen.

Wir wollen doch voneinander immer wissen: Wer ist das? Was mag diese Person? Was nicht? Bei Schauspieler*innen ist der Beruf, etwas wahrhaftig glaubhaft darzustellen, was sie selbst vielleicht gar nicht sind. Das ist eine Fassade, die eben nicht der echte Mensch ist. Dass man das spannend findet, finde ich ganz normal. Mich interessiert das bei anderen ja auch. [Sie lacht]

Mich interessiert tatsächlich bei jedem Menschen: Wie tickt die Person, was bewegt sie. Aber nicht all die privaten Details über das Liebesleben oder so. Das ist doch vollkommen unwichtig.

Das hat aber etwas mit Empathie zu tun. Denn nur weil ich eine Person des öffentlichen Lebens bin, heißt das ja nicht, dass ich alles offen darlegen muss. Ich habe die gleichen Grenzen wie alle anderen Menschen auch.

Maria Ehrich im Interview zu Ku'damm 77 mit Andrea Zschocher
© ZDF / Conny Klein

Wenn du Helga treffen würdest, was wäre wohl ein gemeinsames Thema?

Ich muss dir vorweg etwas erzählen: Ich wurde am Set mehrfach von meinen Kolleg*innen auf dem Weg in die Maske oder abends nach dem Abschminken nicht erkannt. Ich hatte die Perücke auch nicht mehr auf, aber das war trotzdem lustig. Es gab eine Party vom Team bei unserer ersten Klappe und ich stehe da mit all den Leuten, mit denen ich schon seit Wochen arbeite, und da kommen einige auf mich zu und saagen: Ich wusste gerade nicht, wer du bist, du siehst so anders aus.

Helga und ich sind charakterlich so unterschiedlich und wir entfernen uns auch immer wieder, je älter sie wird. Deswegen weiß ich gar nicht, ob wir ein Thema hätten, worüber wir sprechen könnten. Vermutlich hätten wir eher Streitthemen als welche, die uns verbinden.

Vielleicht wärst du auch eher ihr Life Coach und könntest ihr dabei helfen, sich selbst zu entdecken.

Aber sie würde mich vermutlich nicht ernst nehmen, weil ich ja so viel jünger bin als sie. Ich hätte ihr vermutlich nicht genug eigene Lebenserfahrung und sie würde dann klarmachen, dass sie viel besser Bescheid weiß als ich.

Ich glaube, es wäre eine Begegnung, aus der ich extrem verwirrt wieder rausgehen würde.

Bist du Helga für diese Herausforderung also dankbar? Das ist doch für dich als Schauspielerin auch total inspirierend.

Ich möchte sie manchmal schütteln. Ich spiele Helga seit zehn Jahren und ich verstehe sie als Figur natürlich auch. Ich weiß, wo sie herkommt. Sie hat mich immer sehr gefordert, aber auch ein bisschen genervt. Denn nur weil ich verstehe, wie sehr ihre Erziehung sie ausmacht, die Zeit, in der sie groß wird, habe ich in den letzten Staffeln schon öfter gedacht: Warum bekommen die anderen Figuren das hin, darüber hinauszuwachsen, aber sie schafft das nicht? Warum bricht sie nicht auch aus?

Ich habe sehr lange gebraucht, um anzunehmen, dass es ist, wie es ist. Tatsächlich habe ich auch mit unserer Autorin Annette Hess geredet und sie immer mal wieder gefragt, warum das so sein muss und ob sie da nicht was machen kann. Warum hängt Helga so an diesen Männern? Kann sie nicht einen neuen Ort bekommen? Jetzt haben wir in „Ku’damm 77“ einen absoluten Scherbenhaufen, der da vor uns liegt.

Ich finde Helga auf eine Art herausfordernd, aber sie ist eben auch total spannend. Genau das wollen wir Schauspieler*innen ja. Wir wollen Figuren spielen, die uns nicht so nah sind, um uns in Gefilde zu begeben, die wir selbst erst mal verstehen müssen. Wir wollen Menschlichkeiten verstehen und sichtbar machen in all ihren Facetten.

Helga ist eine Herausforderung, ein Test. Aber es macht auch ganz viel Spaß, sie zu spielen, weil sie leicht schrullig ist.

Maria Ehrich im Interview zu Ku'damm 77 mit Andrea Zschocher
© ZDF / Conny Klein

Was macht deiner Meinung nach den Reiz von „Ku’damm“ aus?

Das ist ganz unterschiedlich, je nach Generation. Die Älteren, mit denen ich gesprochen habe, finden die Nostalgie toll, sie lieben es, in ihre Kindheit oder die Zeit ihrer Eltern zurückversetzt zu werden. Sie erspähen immer mal wieder Sachen, die ihnen bekannt vorkommen. Dann ist die Story natürlich total spannend, das ganze Drama.

Und die jüngere Generation schaut das vielleicht eher mit dem Blick darauf, wie weit wir seitdem schon gekommen sind. Man zieht doch ganz automatisch Parallelen zwischen dem Leben von Frauen heute und dem in den 50er-, 60er-, 70er-Jahren. Wie und wofür haben die damals gekämpft? Wie haben sie weitergemacht, auch wenn sie ausgebremst wurden? Wenn man die Serie als jemand guckt, der sich für Frauenrechte und Feminismus stark macht, dann sieht man, wie schwierig das heute alles immer noch ist. Es war schwierig, und es ist schwierig. Wir brauchen diesen Antrieb, wir müssen diese Geschichten von Frauen sehen, die damals gekämpft haben, damit wir weiterhin den Mut und die Hoffnung haben, dass es besser werden kann

„Ku’damm 77“ läuft ab dem 14. Januar um 20:15 Uhr im ZDF. Alternativ könnt ihr die Serie ab sofort in Web & App des ZDF anschauen.

Ein Interview mit August Wittgenstein, der in der Serie den Ex-Mann von Helga spielt, findet ihr ebenfalls im Magazin.


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