Lucas Reiber im Interview mit Andrea Zschocher

Lucas Reiber: „Das Wichtigste ist, man selbst zu bleiben“

Mit Lucas Reiber habe ich im letzten Jahr nicht nur über den Veganuary und DryJanuary gesprochen, sondern natürlich auch über den neusten Fall von „Ein starkes Team“. Darin spielt er den (gar nicht mehr so neuen) Ermittler Nils Makowski, der seinem Instinkt folgt. Schnell kamen wir auch auf ein gesundes Männlichkeitsbild zu sprechen, auf ehrliches Dating und warum wir alle gut genug sind.

Und als wäre das alles noch nicht deep genug (durchaus eine Anmerkung, die Lucas an mich hatte), haben wir uns dann auch noch darüber unterhalten, wie wir alle mit Kritik und Lob umgehen könnten. Wenn das euer Thema ist, dann nehmt euch Lucas´Tipps unbedingt zu Herzen.

Du startest jetzt ins zweite Jahr im starken Team. Wie fühlt sich das an?

Lucas Reiber: Es fühlt sich wie zu Hause an. Ich bin schon lange angekommen im Team und fühle mich wirklich als Teil davon.

So soll es ja auch sein. Mir ist nur aufgefallen, dass du z.B. auch in „Das letzte Opfer“ noch als „der Neue“ behandelt wirst. Dabei bist du ja gar nicht mehr so neu.

Ich kann verraten: Das weicht sich in den weiteren Folgen auf. Nils wird nicht immer der Neue bleiben. Am Set war es wirklich so, dass Steffi [Stefanie Stappenbeck, sie spielt Linett] beim Dreh irgendwann meinte: „Wie lange soll Lucas jetzt eigentlich noch der neue Kollege sein?“

Dass wir das jetzt ein paar Folgen lang thematisiert haben, liegt auch daran, dass nicht alle Zuschauer jede Folge schauen. Die wollten wir aber auch abholen. Deswegen hat die Figureneinführung etwas länger gedauert.

Lucas Reiber im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF/Hardy Spitz

Weil im Januar ja auch viele Menschen ihren Job wechseln, neue Stellen annehmen: Wie kommt man gut in der neuen Arbeitsatmosphäre an?

Ich glaube, das Wichtigste ist, man selbst zu bleiben. Sich nicht zu verstellen, um bei irgendwem gut anzukommen. Am Ende kommt doch immer raus, wer du wirklich bist, wie du wirklich tickst.

Mein Nils verstellt sich nicht. Der ist, wie er ist. Der behält seinen Humor, auch dann, wenn Otto ihm mal ein bisschen kontra gibt. Nils setzt Grenzen. Mir ist bewusst, dass das Mut braucht. Zu sich zu stehen ist eine echte Stärke. Ich wünsche allen, die in einen neuen Job starten, diesen Mut. Sie sollen sie selbst bleiben und, wenn nötig, auch Grenzen aufzeigen.

Du sprichst diese Seitenhiebe an und ich verstehe, dass das in dem starken Team humorvoll gemeint ist. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann nervt mich so ein Verhalten im echten Leben total. Weil ich finde, dass man neuen, gern auch jüngeren Kolleg*innen gegenüber den gleichen Respekt geben kann. Die Zeiten, in denen die Jüngeren sich erst mal beweisen und schwierige Arbeitsatmosphären aushalten müssen, die sollten doch vorbei sein. Wir müssen doch heute andere Sachen zeigen.

Auf jeden Fall. Meinem Nils platzt irgendwann der Kragen und dann gibt er Otto auch kontra. Denn es reicht ja wirklich. Nils fügt sich super ins Team ein, da kann man es doch auch gut sein lassen. Und er steht für sich ein. Er lässt sich nicht ständig schräg von der Seite anrempeln. Nils fordert, dass er ernst genommen wird. Und genauso kommt es dann ja auch.

Lucas Reiber im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF/Hardy Spitz

Du hast gesagt, dass am Ende eh immer rauskommt, wer man wirklich ist. Das mag stimmen, aber Menschen können sich schon über einen echt langen Zeitraum auch gut verstellen.

Das mag sein. Ich glaube nur, dass das Verstellen einfach nichts bringt. Nehmen wir doch mal das Thema Dating. Wenn sich zwei Menschen kennenlernen, dann sind beide total aufgeregt und wollen sich von ihrer besten Seite zeigen.

Eigentlich wäre es doch aber besser, wenn aus diesem Kennenlernen etwas Nachhaltiges werden soll, wenn daraus Liebe entstehen soll, wenn man sich gar nicht die Mühe macht, sich zu verstellen. Es ist doch viel energiesparender und auch sinnvoller, sich so zu zeigen, wie man ist. Man hat doch gar nichts davon, wenn dann später in der Beziehung rauskommt: Ach guck, der andere braucht viel mehr Zeit für sich selbst oder der ist doch ganz anders, als er immer erzählt hat.

Wir alle machen uns so einen Kopf drum, dass wir beim Gegenüber möglichst gut ankommen. Stattdessen sollten wir uns einfach zeigen, wie wir sind. Dann finden die Menschen, die gut zu uns passen, uns auch viel schneller. Denn früher oder später kommt man in eine Druck- oder Stresssituation, und dann zeigt sich doch, wie du arbeitest, wie du mit Menschen umgehst. Erspar dir selbst und deinem Gegenüber das Verstellen und steh zu dir.

Ich verstehe diesen „take it or leave it“-Approach total. Ich glaube nur, um den zu verfolgen, musst du sehr mit dir im Reinen sein. Denn viele Menschen erleben, dass ihnen signalisiert wird, sie seien nicht okay, so wie sie sind, nicht gut genug. Und die werden sich vermutlich immer verstellen, weil sie eben hoffen, wenn sie nur anders sind, als sie wirklich sind, dann werden sie als liebenswerter wahrgenommen. Denn man kommt, wenn man mit sich total im Reinen ist, gar nicht auf die Idee, sich zu verstellen.

Wow, jetzt sind wir aber ganz deep in der Psychotherapie gelandet. [Er lacht]

Ich glaube, der schlimmste Satz, den Menschen mit sich herumtragen können, ist: „Ich bin so, wie ich bin, nicht gut genug.“ Das kommt aus dem Elternhaus, aber auch aus dem Freundeskreis. Die Frage ist ja, inwieweit gerade Männer in ihren Freundschaften zulassen, dass sie mal traurig sind und drüber reden.

Es prägt enorm, wenn du Menschen an deiner Seite hast, bei denen du all deine Emotionen zulassen und zeigen kannst. Da erreicht man in Gesprächen auch eine ganz andere Tiefe. Und auch da verstellt man sich dann nicht.

Lucas Reiber im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF/Hardy Spitz

Was ist denn ein gesundes Männlichkeitsbild? Denn dein Nils ist Teil der Polizei, und ohne, dass ich persönlich da so tief drinstecke, kann ich da schon öfter auch ein problematisches Bild von Männlichkeit erkennen.

Ja, das glaube ich auch. In Bezug auf die Polizei haben wir da schon eine Herausforderung. Ich denke, dass Menschen, die bei der Polizei arbeiten, eine intensivere Ausbildung genießen müssten, gerade was die psychologischen Themen angeht. Sie müssen ja auch selbst psychisch stabile Personen sein, damit sie in Situationen deeskalieren können. Mehr Psychologie in der Ausbildung und im Arbeitsalltag würde den Job der Polizei sicher zum Positiven verändern.

Viele kennen doch auch Erzählungen von Freundinnen und Kolleginnen, dass sie bei Kontakt mit der Polizei von den Männern dort auch mal angeflirtet oder im Nachhinein kontaktiert werden. Das ist ein komplettes Ausnutzen einer Machtposition – widerlich. Auch in anderen Kontexten wird so etwas dann oft runtergespielt, nach dem Motto: „Jetzt hab dich mal nicht so“ oder dieser ganz schlimme Satz: „Dann zieh dich halt nicht so was an.“ Das geht gar nicht. Ich bin da sehr kritisch bei diesem Thema, auch mit der Polizei und wünsche mir, dass da schon bei der Ausbildung stärker hingeguckt wird. Das muss sich doch moderner und zeitgemäßer gestalten lassen.

In „Das letzte Opfer“ ist es deinem Nils zu verdanken, dass die Ermittlungen überhaupt weitergehen. Auch das ist ja nicht immer bei der Polizei gegeben. Aber ich will auf etwas anderes hinaus, denn dein Nils spürt: Da ist was, da bleibe ich dran. Wie bleibt man an Sachen dran, von denen man überzeugt ist, und wann muss man aufgeben, weil man sich verrannt hat?

Das ist eine gute Frage. Mein erster Gedanke: Wir haben in unserer Gesellschaft ein bisschen verlernt, auf unser Bauchgefühl zu hören. Im „Starken Team“ zeigen wir immer wieder Momente, in denen Otto, Linett oder eben Nils auf ihr Bauchgefühl hören. Das ist so wichtig. Denn meistens ist das, was unser Bauchgefühl uns sagt, das, was stimmt. Wir Menschen haben da eine große Stärke, die wir nicht mal genau erklären können. Wir wissen nicht, warum wir manchmal so ein gutes oder schlechtes Gefühl im Bauch haben. Wir haben unsere Sinne, nehmen mit den Augen, der Nase, der Haut und den Ohren wahr. Das können wir mit unserem Gehirn verarbeiten. Und dann gibt’s eben das Bauchgefühl, das sich so nicht erklären lässt. Und trotzdem hat es so oft recht.

Aber statt darauf zu hören, was unser Bauch uns sagt, gaslighten wir uns oft selbst, erzählen uns, dass das Quatsch ist, was wir da fühlen. Dabei denke ich, wenn wir unserem Bauchgefühl mehr Raum geben, uns mehr selbst vertrauen, dann wissen wir auch, was richtig für uns ist. Und dann verrennen wir uns weniger.

Lucas Reiber im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF/Hardy Spitz

Um das Bauchgefühl zu trainieren, müssen wir uns aber auch mit uns selbst auseinandersetzen. Mit unseren Emotionen, mit dem, was vielleicht nicht so angenehm erscheint. Das machen wir aber immer weniger, stattdessen haben wir immer das Smartphone in der Hand, auf der Suche nach Zerstreuung.

Wir setzen uns all den Reizen aus, am liebsten einer Reizüberflutung, sodass wir gar nicht mehr nachdenken müssen. Da ist dann wirklich kein Platz fürs Bauchgefühl. Ehrlich gesagt ist deine Frage ziemlich traurig.

Wir nutzen Social Media ja auch, um uns beeindrucken zu lassen. Inhalte, die gut laufen, sind die, die empören, die irgendeine Gewalt drin haben. Je extremer die Inhalte, desto mehr Reichweite, weil sie die Leute ja so auch auf den Plattformen halten. Das Konzept an sich ist einfach auch echt toxisch.

Es ist toxisch, und trotzdem sind wir alle da. Wie gehst du mit Kritik um, die dich da ja auch ganz direkt erreichen kann? Da kommen Meinungen von außen, die man nicht immer abwehren kann.

Vor vielen Jahren habe ich mal etwas von jemandem gehört, was ich mir sehr zu Herzen genommen habe. Jemand meinte zu mir: Du darfst dir all diesen Quatsch nicht zu Herzen nehmen. Man sollte weder die negative noch die positive Kritik zu sehr an sich ranlassen, weil beides relativ wenig mit einem selbst zu tun hat.

Ich bin ja nur die Projektionsfläche für andere Menschen. Ich nehme also weder an, wenn jemand mich lobt, noch wenn er mich niedermacht. Weil das die Meinung von anderen ist, die mich nicht kennen. Ich distanziere mich davon. Denn wenn jemand schreibt, dass ich toll bin oder gut aussehe, und ich das an mich ranlasse und mich davon aufbauen lasse, dann kann mich ein „Ich mag deine Stimme nicht und der Film war blöd“ auch runterziehen.

Mir hat dieser Tipp sehr geholfen, weil wir ja eigentlich alle nach Bestätigung und Validierung suchen. Wir wollen bestätigt bekommen, dass wir gut sind, wie wir sind. Aber damit laden wir eben auch die Kritik zu uns ein.

Lucas Reiber im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF/Hardy Spitz

Tom Holland hat mal etwas Ähnliches gesagt, was ich total gut fand. Das ging in die Richtung: Wenn du ein Problem mit mir hast, dann sag es mir. Und wenn du meine Nummer nicht hast, um es mir zu sagen, dann können wir kein Problem miteinander haben, weil du mich gar nicht kennst.

Genau das! Natürlich nehme ich Kritik von meinem besten Freund total ernst. Und zwar sowohl positive als auch negative. Weil ich weiß, dass der da nichts reinprojiziert. Der sagt mir, was er gerade fühlt und sieht und mir mitteilen will. Weil wir uns eben so gut kennen.

Es ist einfach nicht sinnvoll, Kritik von Menschen, die einen nicht persönlich kennen, so nah an sich ranzulassen.

„Ein starkes Team – Das letzte Opfer“ läuft am 10. Januar 2026 um 20:15 Uhr im ZDF schauen. Alternativ könnt ihr den Krimi ab sofort in Web & App vom ZDF streamen.

Ich habe mit Lucas Reiber auch über den Veganuary und DryJanuary gesprochen. Seine Gedanken dazu lohnen auf jeden Fall auch einen Blick.


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