Mit Philipp Hauß zu sprechen, hat mich zum einen direkt in Weihnachtsstimmung versetzt. Denn wir haben über seinen neusten Weihnachtsfilm „Weihnachten im Olymp“ gesprochen. Aber es ging auch um Traditionen, Männlichkeitsbilder und Kinder, die manchmal so viel weiter sind als wir selbst.
Ich mag dieses Interview sehr, weil es zeigt: Es muss nie im Leben immer alles entweder oder sein. Es gibt ganz viel dazwischen, ganz viel staunen und annehmen und ausprobieren. So wie Philipps Figur Holger das tut. der arbeitet als Buchhalter im Kaufhaus Olymp und schlüpft an Weihnachen in (vermeintliche) Frauenkleidung schlüpft. Ein Thema, das ich viel zu selten in Filmen sehe.
Im ZDF-Film ist das aber nicht der Beginn einer Identitätssuche, sondern eine Neugier und eine Lust am Ausprobieren. Können wir uns alle doch nur wünschen, oder?
Du hast in „Weihnachten im Olymp“ ja quasi eine Doppelrolle als Holger und Holly. Ich finde das super, und mir fällt auch kein anderer Weihnachtsfilm ein, bei dem das jemals eine Rolle gespielt hätte, dass ein Mann eben auch mal Frauenkleider tragen möchte. Wie guckst du auf diese Rolle?
Philipp Hauß: Ich finde gut, dass meinem Holger selbst vielleicht noch gar nicht klar ist, in welche Richtung das mit den Frauenkleidern gehen könnte. Das ist ja offen. Aktuell verspürt er eher eine Lust daran, sich anders kennenzulernen. Er merkt, dass er mehr ist als das, was die anderen in ihm sehen, mehr als nur der Buchhalter. Aber er ist auf der Suche, es ist ein Weg, die Angst davor zu verlieren, noch mehr zu sein, mal aus sich rauszugehen.
Für mich ist das auch das Entscheidende an der Rolle, dass er versucht, sich ein neues Terrain zu erschließen, ohne dass er selbst weiß, wo es da für ihn hingeht. Das ist doch etwas total Schönes, sich diese Neugier zu bewahren. Und das macht es für mich auch mit einem Weihnachtsfilm kompatibel. Holger steht am Ende ja nicht da und lässt sein altes Leben zurück. Es geht nicht um einen Ausbruch. Und in der Hinsicht ist der Film schon auch ein bisschen wie ein Märchen.

Das ist der Film tatsächlich auf mehreren Ebenen, denn auch seine Chefin ist da gar nicht verwirrt. Es ist einfach kein Thema, sondern wird für genau diesen Moment einfach hingenommen.
Holger kann gucken, wohin das weitergeht. Dieses Gefühl von Freiheit hatte er vor der Entdeckung durch NattyGlam und auch die Chefin nicht. Vorher hat er sich danach gesehnt, das mal auszuprobieren, aber hat sich nicht getraut. Er ist sehr einsam, aber nicht, weil er diese Idee hat, Frauenkleidung anzuprobieren. Sondern, weil er sich vor dem Leben fürchtet. Er wagt nichts, er hat keinen Ort, an dem er sich gesehen fühlt. So jedenfalls habe ich die Rolle verstanden.
Er selbst gibt sich auch nicht den Namen „Holly“. Der wird ihm gegeben, was genau das, was du gesagt hast, ja bestätigt. Er will keine Debatte übers Gendern, über Pronomen oder Ähnliches. Er will da nur mal etwas ausprobieren. Das ist für einen Weihnachtsfilm, der um 20:15 Uhr im ZDF läuft, natürlich ideal. Weil es Gespräche anstoßen kann, ohne dass man sich gleich in den Haaren liegt.
Ich glaube, die Frage nach den Pronomen wäre bei ihm auch viel zu früh. Er überlegt doch gerade erst: Wie will ich sein? Möchte ich das durchgehend sein oder ist das nur ein kurzes Entdecken einer neuen Seite an ihm? Er hat aktuell überhaupt keine Probleme, aber auch keinen Druck, er fühlt sich nicht belastet.
Du hast schon angesprochen, dass das leider auch etwas Märchenhaftes hat, wie verständnisvoll und offen alle mit ihm umgehen. Dein Holger bekommt viel Hilfe und Unterstützung und kann das super annehmen. Das geht uns aber nicht allen so. Wie nehmen wir denn gut Hilfe an?
Im Film funktioniert das, weil alle Hilfe voneinander brauchen. Alle tun sich schwer damit, aber alle lassen es zu, dass ihnen unter die Arme gegriffen wird. Sie begegnen einander unvoreingenommen, trotz der verrückten Situation, in der sie sich befinden.
Ich glaube, es hilft beim Hilfe-Annehmen, wenn man spürt, dass das Gegenüber keine Agenda verfolgt, sondern nur den Wunsch, jemand anderem das Leben etwas leichter zu machen. Wenn man entdeckt, dass man selbst die Freiheit hat, diese Hilfe anzunehmen, wenn man den Spaß sehen kann, den es macht, sich helfen zu lassen, dann wird es viel leichter. Wir werden durch die Hilfe von anderen nicht eingeengt, sie macht einen im Gegenteil frei.

Vielleicht gehört zum Hilfe-Annehmen auch, dass man sich öffnet und erst einmal mitteilt, dass man Hilfe braucht. Denn der andere kann es ja nicht immer erraten.
Ja, das auf jeden Fall. Und es hilft, die Angst voreinander zu verlieren. Wenn man zum Beispiel Menschen in Not einen Raum anbietet, dann sollte man keine Angst haben, was dann geschieht. Wenn man direkt überlegt, wie lange die dann wohl bleiben, welche Verpflichtung man da eingegangen ist, dann sollte man die Hilfe vielleicht lieber nicht anbieten.
Ich finde, man sollte generell versuchen, mit wenig Angst durchs Leben zu gehen. Ich finde das bei den Figuren, die ich spiele, auch immer so spannend. Ich frage mich immer, wie die es schaffen, ihre Angst vor dem Leben, vor anderen Leuten, vielleicht auch vor sich selbst, wenn sie sich etwas Neuem öffnen, zu überwinden. Das funktioniert meistens übers Erleben bzw., wenn man ein Wagnis eingeht. Die Angst hindert einen daran, ein Risiko einzugehen. Aber wenn man sich traut, dann merkt man doch meistens, dass die Angst unbegründet ist.
Apropos Angst, das ist für Männer ja noch mal ein anderes Thema als für Frauen. Dein Holger überwindet sie, aber viele Männer haben ja Sorge um ihre Männlichkeit. Was findest du, ist ein gutes Männlichkeitsbild?
Ich finde es ehrlich gesagt leichter zu sagen, was es nicht ist. [Er überlegt]
Die Frage ist doch: Wie viel Männlichkeitsbild braucht es? Und wie viele unterschiedliche Typen davon braucht es? Wenn ich sehe, dass Jungs z. B. beim Kindergeburtstag Fußball spielen und die Mädchen irgendwas basteln, dann bin ich immer etwas verwundert. Ich denke: Das müssen doch vorgelebte Sachen sein. Das Umfeld prägt einen doch, ob man will oder nicht.
Ich merke auch: Ein allzu krasses Männlichkeitsideal ist für Jungs schwierig, aber für Mädchen nicht. Die können damit total gut umgehen, lassen die Jungs dann einfach ihr Ding machen und gehen. Es sind eher die Jungs selbst, die darunter leiden, die so gar nicht sein wollen. Das ist doch eine Errungenschaft, dass es nicht mehr darum geht, bestimmte Erwartungen zu haben, sondern zu gucken, was man alles sein kann.
Post-Corona merke ich aber, dass da plötzlich wieder Rollenmuster auftauchen, die ich persönlich eher nicht mehr erwartet hätte. Da kommt die Tradwife-Idee, so eine Rückbesinnung auf etwas, das in meinen Augen gar nicht zeitgemäß ist. Das hat sicherlich mit Angst bei Männern zu tun, dass sie kein Bild von sich haben, wie sie sein sollen, wenn Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Die wollen ein stabiles Bild von sich selbst behalten.
Dabei ist es in Wahrheit doch eine große Freiheit, wenn auch Männer jetzt mit Make-up und Kleidung experimentieren können. Ich als Mann kann das total genießen und einfach mal machen. Ich hoffe, dass wir da einfach immer noch weiter dazulernen. Insofern finde ich den Film schon wichtig und super, dass das ZDF den zu dieser Sendezeit bringt. Es geht ja nicht um Provokation, es geht nicht ums Problematisieren. Sondern darum, diese neue Freiheit zu schützen.
Ich finde wichtig, dass Menschen einfach so sein gelassen werden, wie sie sind. Ohne dass es immer heißt, man müsste dann aber gleich den ganzen Weg gehen, nur weil man, wie deine Holly, mal etwas ausprobieren will.
Genau, es gibt bei Holger keine Agenda. Der kommt vielleicht nie an den Punkt, dass er sich im falschen Körper geboren fühlt, nur weil er gern Kleider anziehen möchte. Das Problem sind doch die Menschen, die glauben, nur weil ein Mann Kleider anzieht, stimmt etwas nicht. Lass den doch einfach machen.
Ich erlebe das auch, dass es für Mädchen total okay ist, sich die Fingernägel zu lackieren, aber wenn die Jungs dann sagen, dass sie das auch wollen, dann gibt es bei manchen Eltern eine Angst, wie das eigene Kind wohl gesehen wird. Das ist doch verrückt. Es ist nur Nagellack.
Das ist ja das Problem von dieser Anti-Woke-Idee: Da wird so getan, als wenn Nagellack nur der Anfang wäre und dann endet alles ganz schnell bei Kindern, die ihr Geschlecht anpassen möchten. So ein Quatsch. Und wenn wir mal ehrlich sind: Unsere Kinder sind da oft weiter als wir. Wenn die zu Hause nicht solchen Quatsch gesagt bekommen, sondern einfach mal machen dürfen, dann finden sie ihren Weg.
„Weihnachten im Olymp“ läuft am 25.12.25 um 20:15 Uhr im ZDF. Ihr könnt den Film ab sofort im Web & App des ZDF anschauen. Schreibt mir gern, wie er euch gefallen hat und was er vielleicht für Diskussionen in eurer Familie ausgelöst hat.
Die Interviews mit Hannah Gharib und Malene Becker zum Film findet ihr ebenfalls im Magazin.

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