Caro Cult ist super wandlungsfähig und lässt sich nicht auf ein bestimmtes Thema festlegen. Gut so, denn Schauspielerei muss ja unbedingt vielfältig sein. Wenn ich an die Schauspielerin denke, dann kommen mir so viele unterschiedliche Rollen von ihr in den Kopf, dass ich sie im ersten Moment gar nicht greifen kann. Denn ob als „Josy“ in „Immenhof 2 – Das große Versprechen“, als „Vera“ in Babylon Berlin oder „Helli“ in „Gerry Star“, Caro Cult kann in ganz unterschiedlichen Genre bestehen.
Wir haben uns zum Interview verabredet, um über ihre Rolle als „Mel“ in „Mels Block“ zu sprechen. Hier verkörpert sie wieder einen ganz anderen Typ Frau, eine, die nach außen tough wirkt, gleichzeitig aber sehr fragil wirkt.
Was hast du mit Mel gemeinsam?
Caro Cult: Das ist eine gute Frage! Ich glaube, wir haben beide grundsätzlich den Willen, unsere Vergangenheit verarbeiten zu wollen. Unsere Ansätze sind dabei sehr unterschiedlich, aber den grundlegenden Willen haben wir gemein.
Das heißt, Therapie ist eine gute Sache für dich?
Unbedingt! Ich bin ein großer Fan von Therapie. Meiner Meinung nach sollten viel mehr Menschen Therapie machen. Es wird einem nur gesellschaftlich auch sehr schwer gemacht.
Wenn jemand eine Spitzenposition, z. B. als CEO, in der Wirtschaft anstrebt, gibt es schon Menschen, die infrage stellen, ob man das kann, wenn man mal eine Therapie gemacht hat. Dabei finde ich: Es sollte eine Grundvoraussetzung sein, wenn man ein Unternehmen leiten will.
Mel hat ja auch Unterstützung an ihrer Seite. Obwohl ich nicht wirklich überzeugt davon bin, dass „Shushu“ eine echte Therapeutin ist.
Wir wollen jetzt mal nicht aufgrund ihres Namens etwas ausschließen, aber ich habe es beim Drehen so angelegt, dass Shushu keine richtige Therapeutin ist. Jetzt, wo wir darüber reden, merke ich auch, dass das ein wichtiger Punkt ist.
Denn es gibt unter diesen Coaches ja auch einige, die wahnsinnig viel Geld nehmen und die Menschen dann eher in allem bestätigen. Da geht es dann nur ums Geldverdienen und das könnte dazu führen, dass reiche Menschen sich Bestätigung kaufen können, egal, mit welchen verrückten Ideen die da so um die Ecke kommen.
Mel und ihre Freundin machen sich im Film ja ein bisschen lustig darüber, dass man mit 35 quasi zu alt fürs Leben ist. Hattest du so einen Moment als Jugendliche auch? Dass du gedacht hast: Mit 30 oder 35 wird mein Leben so oder so sein?
Bei mir war das viel krasser, denn meine Grenze war 27. An meinem 27. Geburtstag habe ich mir dann gedacht: Was habe ich mir denn für einen straffen Zeitplan auferlegt, als ich jünger war?
Umso älter man wird, umso mehr merkt man aber auch, wie sich vieles festigt. Wie sich ganz viel von dem, was man früher mühsam auseinandernehmen musste, einfach von selbst erledigt. Ich habe heute einfach ein anderes Selbstbewusstsein, als ich es mit Anfang 20 hatte. Das bringt schon viel Entspannung mit sich. Man hat weniger Stress mit bestimmten Dingen und versteht, dass es mit manchen Menschen einfach nicht funktioniert. Und dass es auch okay ist, dann Adieu zu sagen, bevor man sich da weiter abarbeitet.
Das wünscht man Mel auch, dass sie das früher versteht, dass sie Adieu sagen kann. Ihre Mutter versucht ihr das ja mitzugeben, aber da hört sie nicht zu. Was würdest du ihr mit auf den Weg geben?
Ich glaube, ein Kernsatz, den sie wissen muss, lautet: Die Macht über die eigenen Dämonen liegt bei uns selbst. Die liegt nicht bei den anderen!
Wir sind bis zu einem gewissen Punkt in unserer Kindheit traumatisiert worden, und das ist auch eine Erklärung. Aber wir müssen damit aufhören, das immer weiter als Entschuldigung zu benutzen. Das tut doch niemandem gut, am wenigsten uns selbst, wenn wir etwas immer wieder als Entschuldigung für unser Handeln nutzen. Du hast es selbst in der Hand. Du kannst selbst bestimmen, wie dein Leben verläuft. Mel findet diese Macht ja irgendwann in sich, auf eine ganz abstruse Art, indem sie beschließt, den Block zu sprengen.
Ich liebe diesen Moment, weil ich ihn so herrlich selbstgefällig finde. Das ist ja auch irgendwie befreiend, wenn man so eine heftig egoistische Entscheidung trifft und sagt: Ich mach das jetzt! Nur wird sie das am Ende des Tages nicht nachhaltig glücklicher machen.

Hattest du ein Vorbild für Mel im Kopf? Im ersten Moment liegt der Vergleich mit Shirin David natürlich nahe, auch wenn die keinen Energy Drink, sondern einen Eistee auf den Markt gebracht hat.
Ach, das wusste ich gar nicht. Ich bin grundsätzlich ein großer Fan von allen Frauen, die irgendwas reißen. Die sich eine Branche zu eigen machen, die sehr männerdominiert war. Aber nein, ich habe mich nicht an ihr orientiert. Ich kann mir vorstellen, dass Shirin auch weitaus selbstsicherer ist als Mel.
Ein richtiges Vorbild für Mel hatte ich nicht. Es war eher so, dass ich das Drehbuch gelesen habe und diese Geschichte so besonders fand, dass da schon genug Substanz für mich war. Ich habe mich sofort verliebt und wollte diese Rolle unbedingt spielen.
Es war total absurd, denn manchmal lese ich Drehbücher und denke: Klar mach ich das, wer soll das denn sonst spielen, das passt doch super. Aber bei „Mels Block“ habe ich nur gedacht: Ich will die so gern spielen, aber ich weiß nicht, ob ich der perfekte Typ dafür bin. Gibt es nicht vielleicht jemanden, den die dann eher da drin sehen?
Was natürlich geholfen hat, war dieses unfassbare Styling. Wir haben überlegt, dass es so aussehen muss, als hätte sie schon Schönheits-OPs, machen lassen. Das hat unsere Maskenbildnerin hammermäßig hinbekommen. Ich sehe einfach wirklich so krass aus.

Auch krass ist, wie dieser Film einen so langsam reinzieht. Denn am Anfang denkt man ja durchaus: Sie will den Block kaufen, weil sie etwas Gutes fürs Viertel tun will.
Das ist auch eigentlich ihr Plan. Am Anfang will sie alles restaurieren und schön machen, damit die Kinder, die dort wohnen, ein besseres Leben haben, als sie es hatte. Diese Idee bröckelt nach und nach. Das kennt man ja von manchen Menschen, die eine unfassbar schwere Kindheit hatten. Da ist es zu einer Überlebensstrategie geworden, um sich selbst zu kreisen und sich unangreifbar zu machen. Bei Mel ist das auch so. Sie fängt im Außen an und dreht dann immer kleinere Kreise, bis sie nur noch bei sich selbst ist, und dann wahnsinnig egoistisch handelt.
Aber wer kann ihr das verübeln? Sie ist wirklich traumatisiert, und es ist für sie zu hart, um es zu ertragen. In dem Moment, in dem sie beschließt, den Block zu sprengen, gibt sie sich ja auch ein bisschen auf.
Es gibt diese Bewegung durch die Geschichte, diese Erinnerungen, die immer wieder hochgespült werden. Ich glaube auch, dass sie dachte, sie hätte ihr Trauma schon mehr bewältigt, als sie es tatsächlich hat. Das wird ihr aber erst klar, als sie wieder einen Fuß in diesen Block setzt.
Mels Nachbarin, die ihr in der Jugend eine große Hilfe ist, sagt zu ihr: „Du bist jederzeit bei mir willkommen.“ Kann es sein, dass wir das vielleicht zu selten sagen?
Ich sag den Satz gar nicht so selten. [Sie lacht.] Bei mir sind viele Leute willkommen. Meine besten Freunde wissen auch, dass man immer meine Bude crashen kann.
Aber bezogen auf die Nachbarin im Film muss ich auch sagen: Es ist nicht nur gebend. Die hat schon auch was Selbstbezogenes. Sie ist einsam, vermisst ihr Kind. Das ist auch eine Zweckbeziehung.
Und sie tut auch etwas, was wir jetzt nicht spoilern wollen, was extrem problematisch ist.
Das war eine meiner Lieblingsszenen. Wie da all ihre Geheimnisse plötzlich ans Licht kommen.
Es war der Drehbuchautorin Seraina Nyikos auch wichtig, mal nicht die perfekte Heldenreise zu erzählen. Sondern etwas sehr Realistisches darzustellen. Menschen, die es oft schwer hatten, die wachsen nicht immer zu einer empathischen, großartigen Person heran. Die haben durchaus sehr individuelle Überlebensstrategien. Und die sind nicht unbedingt zum Wohle aller. Das fand ich auch so toll an dieser Rolle. Sie steht sich selbst eben manchmal so krass im Weg.

Jenny, Mels Jugendfreundin gibt ihr den Rat: „Worte können Narben hinterlassen“. Mobber*innen können sich Jahre später nicht unbedingt an ihre Taten erinnern, während die Opfer manchmal noch immer leiden. Wie ging dir das beim Spielen?
Ich habe diese Szene geliebt. Ich habe es sowieso geliebt, mit Livia [Matthes] zu spielen. In dieser Szene, als sie mir die Brille abnimmt, da hatte ich Gänsehaut. Weil das so ein krasser Moment ist. Diese Frauen sehen sich nach Jahren wieder. Und eigentlich hat ihre besten Freundin ihr ja das Herz gebrochen. Das war in dem Moment so da.
Wie das weitergeht, dieses ganze Gespräch ist madness. Da ist so viel Intimität, so viele Ebenen, so viele Verletzungen. Für mich ist das einer der zerstörerischsten Momente für Mel in diesem Film.
Es wird einfach so gut erzählt, wie viel Mel da aufgebürdet wird, wie viel sie erlitten hat und erleiden soll. Natürlich bist du keine Expertin, aber hast du einen Rat für alle, die mit Mobbing zu tun haben?
Das ist total schwer. Ich mache mir jetzt tatsächlich auch mehr Gedanken darüber, weil ich gerade Mutter geworden bin. Ich würde wahrscheinlich ausrasten, wenn jemand meinem Kind krumm kommen würde. Das ist aber vermutlich das große Problem, dass man als Elternteil da nicht einfach dazwischenspringen kann, weil das unfassbar uncool wäre. Ich würde wahrscheinlich die andere Mutter anrufen, aber das ist vielleicht auch keine Lösung.
Es erfordert Mammutstärke, in so einem Moment zu denken: Es ist nicht für immer so. Das sind nicht die Menschen meines Lebens. Das Leben ist lang, und ich habe so viele Leute, die mir guttun werden, die mich lieben und die mein Leben bereichern werden, noch nicht kennengelernt. Ich würde hoffen, dass so ein Mindset einen ein bisschen bestärken kann, es durch solche Situationen zu schaffen. Aber es ist natürlich wahnsinnig vernichtend.
Die erwachsene Caro denkt: Die Personen, die mobben müssen doch damit leben, dass sie uncool drauf sind! Wenn ich mich jetzt mit jemandem streite, denke ich mir: Boah, weißt du was, ich könnte mich jetzt über dich ärgern, und vielleicht mache ich das auch zu einem Teil. Aber am Ende des Tages musst du damit klarkommen, wie du dich verhältst.
Aber das Kindern, Teenagern zu erklären, ist einfach schwierig. Weil man sich als so junger Mensch nicht vorstellen kann, dass das alles mal weniger wichtig sein wird. Das man so viele von den Menschen die einen lieben werden in diesem Leben noch gar nicht getroffen hat. Da ist der Moment alles.
„Mels Block“ läuft im Rahmen der „Shooting Stars – Junges Kino im Zweiten“ am 18. August um 0:20 Uhr im ZDF. Alternativ könnt ihr den Film jederzeit in der ZDF Mediathek anschauen.
Schreibe einen Kommentar