Funktionert „Sinn und Sinnlichkeit“ auch heute noch? Jane Austen hat ihren Roman 1811 veröffentlicht, inzwischen hat sich wirklich viel getan. Was mich tatsächlich extrem positiv stimmt, weil am Ende Zeit eben doch hilft. Überlegt mal, im 19. Jahrhundert waren Frauen komplett von Männern abhängig. Heute sieht es in unserer westlichen Welt da zum Glück ganz anders aus. Und trotzdem lässt soviele die Geschichte von Elinor (Daisy Edgar-Jones) und Marianne (Esmé Creed-Miles), diesen Schwestern auf der Suche nach (finanzieller) Sicherheit und ihrem Platz in der Gesellschaft nicht los. Die neuste Verfilmung von Georgia Oakley ist vor allem etwas für alle, die sich ganz in diese Geschichte versenken wollen. Die die Ausstattung und die Kostüme betrachten wollen und sich gedanklich auf die Suche nach ihrem eigenen Glück begeben wollen.
Ich bin ehrlich, ich hatte meine Schwierigkeiten mit dem Film. Er ist handwerklich und schauspielerisch sehr gut gemacht, aber ich konnte den Punkt, dass smarte Frauen nur auf der Suche nach DEM EINEN sind, per se so wenig folgen, weil ich ganz anders denke. Aber das ist kein Fehler des Films, der sich einfach sehr am Buch orientiert, sondern eine Einstellungsfrage meinerseits. Weswegen ich wirklich froh war, dass ich mit den beiden Hauptdarstellerinnen Daisy Edgar-Jones und Esmé Creed-Miles auch darüber reden konnte. Ich mag ihre Antworten zu der Frage nach der heutigen Relevanz sehr gern. Denn wir dürfen ja unterschiedlicher Meinung sein. Das ist ja das Tolle an Filmen und Kunst generell, dass alle etwas anderes daraus für sich mitnehmen.
Wie viel Druck habt ihr gespürt, als ihr „Sinn und Sinnlichkeit“ gedreht habt? Es gibt inzwischen mehrere Adaptionen und es ist unvermeidbar, dass Menschen eure Version mit vorherigen vergleichen werden.
Daisy Edgar-Jones: Ich bin extrem stolz auf unseren Film. Als Austen-Liebhaberin kann ich eigentlich nicht genug von Austen-Adaptionen bekommen. Ich habe auch das Gefühl, dass die Filme einander ergänzen. In diesen brillanten Charakteren gibt es immer wieder so viel zu entdecken. Das ist auch ein Kompliment an Austens Talent, dass wir ihre Welt immer wieder aufs Neue erkunden können. Jede Generation, die sich an eine Austen-Verfilmung wagt, wird den Kontext der Ära einbringen müssen, in der das Buch entstand, und gleichzeitig die Zeit, in der wir uns jetzt befinden.
Ich finde, Georgia [Oakley, die Regisseurin] hat eine außergewöhnliche Arbeit geleistet. Sie ehrt das Buch und gleichzeitig ist ihree Filmkunst so frisch.
Du bist mit Jane Austen aufgewachsen. Gibt es also noch einen anderen Austen-Charakter, den du unglaublich gerne spielen würdest, oder ist Elinor diejenige, mit der du dich persönlich am meisten identifizierst?
Elinor ist mit Sicherheit der Charakter, der mich am meisten begeistert hat und vor dem ich den größten Respekt hatte. Sie ist eine herausfordernde Rolle, weil vieles, was ihr passiert, sich zwischen den Zeilen abspielt. Sie ist sehr vernünftig, achtet auf alle und alles, will niemanden enttäuschen. Und gleichzeitig möchte sie so vieles.
Ich erinnere mich an eine Zeile im Buch, die wie mein Nordstern war: „Ihre Gefühle sind stark, aber sie weiß, wie sie sie beherrschen kann“. Ich wollte nie, dass ihre Zurückhaltung als Passivität verstanden wird, dass sie gefühlskalt wirkt. Ich wollte, dass die Zuschauenden verstehen, dass sie ständig mit ihrer inneren Leidenschaft kämpft, die sie unter Verschluss halten muss. Diesen Punkt kann ich an ihr wirklich gut verstehen und nachvollziehen.

Habt ihr je mit den Entscheidungen eurer Charaktere gehadert? Gab es Motivationen oder Gefühle, die ihr nicht nachvollziehen konntet?
Esmé Creed-Miles: Die Charaktere sind sehr authentisch entsprechend der damaligen Zeit geschrieben. In UK wachsen wir mit Jane Austen auf, lernen ihre Literatur kennen und beschäftigen uns mit dieser Epoche. Ich habe schon das Gefühl, dass ich dadurch ein ganzheitliches Verständnis der gesellschaftlichen Konventionen und der Etikette der damaligen Zeit habe. Mir ist bewusst, was es hieß, damals eine Frau zu sein.
Die Entscheidungen, die die Schwestern und die anderen Frauen im Film treffen, fühlen sich deswegen für mich authentisch an, ich kann ihnen mit dem Wissen um die Konventionen gut folgen. Das war für mich deswegen auch leicht zu spielen.
Natürlich leben wir heute ganz anders. Frauen haben die gleichen Rechte wie Männer, wir treffen romantische Entscheidungen aus völlig anderen Gründen. Die Kontexte, in denen wir heute und in denen die Frauen damals gelebt haben, lassen sich einfach nicht miteinander vergleichen. Damals durften Frauen nicht arbeiten, konnten ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienen. Sie hatten keine Rechte am Anwesen, waren vollkommen von Männern abhängig. Stirbt der Vater, ist der Bruder verantwortlich, das gibt es heute so [in unserer westlichen Welt] nicht mehr. Die Dynamiken zwischen den Geschlechtern sind heute vollkommen anders.
Ich kann nur beurteilen, dass die Entscheidungen, die Austen für ihre Charaktere trifft, sich für mich im Kontext der Zeit, in der sie leben, authentisch anfühlen. Und wir lassen im Film den Geist des Buches lebendig werden.

Ist „Sinn und Sinnlichkeit“ ein Film über die Liebe oder über finanzielle Sicherheit?
Daisy Edgar-Jones: „Sinn und Sinnlichkeit“ ist ein Film über viele Dinge. Er erforscht die Liebe in all ihren Formen. Für mich ist die wahre Liebesgeschichte dieses Films die zwischen den Schwestern. Natürlich geht es auch um das Finanzielle, um den Druck der Gesellschaft. Die Frauen verlieren zu Beginn des Films ihr Vermögen an ihren Bruder. Sie müssen für sich selbst sorgen, weil er sich nicht kümmert. Und dürfen genau das doch nicht.
Für mich ist es auch ein Film über Resilienz und über weibliche Stärke. Der Film zeigt, wie wir mit Herausforderungen umgehen. Und es geht darum, wie Frauen die Version ihrer selbst werden, wenn wir doch gleichzeitig immer das Gefühl haben, wir müssten jemand anderes sein, damit andere uns akzeptieren. Wie bleibt man authentisch man selbst, wenn alle andere Erwartungen an einen haben?
Für mich ist das das Geniale an Austen. Jeder Mensch kann sich diesen Film ansehen und etwas anderes für sich daraus mitnehmen. Georgia hat das so meisterhaft gestaltet, dass auch ich bei jedem Schauen etwas Neues entdecken und mitnehmen kann. Ich bin wirklich stolz auf das, was wir geschaffen haben.

Die Ausstattung, die Kostüme und Szenenbilder sind beeindruckend. Wie hat sich das für euch während der Dreharbeiten angefühlt?
Daisy Edgar-Jones: Ich war schon immer fasziniert von der Magie des Filmemachens. Es ist doch beeindruckend, wie viele verschiedene kreative Köpfe der Film zusammenbringt, wie viele Ideen es braucht, um eine gemeinsame Vision zu erschaffen. Natürlich hilft es, wenn der oder die Filmemacher*in eine sehr klare Vision hat und man dank Briefings darauf hinarbeitet.
Ich bin sehr stolz darauf, dass wir die frische, unfertigen Gefühle aus Austens Buch in den Film übertragen konnten. Wir hatten nie das Gefühl, dass wir einfach in Kostüme gesteckt wurden. Wir fühlten uns nie verkleidet. Grace [Snell], unsere Kostümbildnerin, wollte, dass wir das Gefühl bekommen, dass die Garderobe, die wir tragen, sich über viele Jahre aufgebaut hat.
Ich fühlte mich der Kleidung sehr verbunden. Wir haben auch untereinander Kleidungsstücke getauscht, was so gut zur schwesterlichen Dynamik gepasst hat. Ich kann mir vorstellen, dass Marianne auch in Elinors Kleiderschrank gewühlt und sich Sachen genommen hat, die ihr nicht gehörten. Und dann entdeckt Elinor diese Sachen an ihrer Schwester und denkt sich: Das ist doch meine Jacke!
Es gab ein Kleid, das ich getragen habe, das etwas altmodischer geschnitten war und zum Ende des Films in einer moderneren Empire-Linie umgeschnitten wurde. Ich liebe solche Details, weil sie zeigen: Die Frauen haben ihr Vermögen verloren und müssen daher sparsamer mit ihrer Kleidung und Gegenständen umgehen.
Ich habe jeden Tag am Set geliebt, weil die Details so wunderschön waren. Ich habe wirklich viele Fotos gemacht und wollte immer sehen, was die anderen tragen. Mich hat auch die Farbpalette, mit der gearbeitet wurde, sehr begeistert. Da gab es verschiedene staubige Gelb- und Rosatöne, alles sehr vintage.

Ich möchte noch mal auf die Frage nach dem zeitlichen Kontext zurück. Denn das Ziel vieler Frauen ist heute nicht mehr, einen Ehemann zu finden. Und gleichzeitig sehnen wir uns ja trotzdem nach Liebe. Deswegen die sehr große Frage: Was ist Liebe?
Daisy Edgar-Jones: Das ist eine kluge Beobachtung. Deswegen ist die für mich interessanteste Facette des Films auch die Liebesgeschichte zwischen den Mädchen. Die Liebe ist vor allem zwischen Marianne und Elinor.
Es geht um Marianne und ihren Bezug zu sich selbst, das Hinterfragen von Entscheidungen. Denn für Marianne endet das Buch nicht mit einer Hochzeit mit Christopher Brandon. Es geht um ihre Erfahrungen und die Veränderungen in ihr.
Ich liebe auch die Liebesgeschichte zwischen Elinor und Edward. Und doch geht es nicht so sehr darum, ob sie nun einen Mann findet, sondern darum, dass er ihre Sinnlichkeit entfesselt. Es geht um ein wunderbares, kathartisches Umarmen ihrer inneren Wildheit, von der sie so lange das Gefühl hatte, dass sie sie bändigen musste.
Ich denke, es geht darum, zu verstehen, dass wir nicht allein und völlig losgelöst von allem durchs Leben gehen können. Wir sind von anderen Menschen abhängig. In „Normal People“ [einer Serie, in der Daisy Edgar-Jones mitgespielt hat] gibt es ein Zitat, das ich nicht vergessen kann. Sally [Rooney, die Autorin von u. a. „Normal People“] schrieb: „Verlasst euch aufeinander, erlaubt euch, das zu tun“. Mich hat das mit 21 beschäftigt und tut es immer noch. Letztendlich geht es im Leben um die Verbindungen, die wir knüpfen, und die Freundschaften, die wir schließen. Es geht um das, was wir voneinander lernen können, und dass unsere Art, wie wir durchs Leben steuern, andere beeinflussen wird. Das ist unvermeidbar.
Und vielleicht ist das Liebe. Liebe ist Verbindung und Selbstliebe und noch so viel mehr. Und doch ist meine Antwort gar nicht ausreichend für deine riesige Frage.

Der Versuch einer Antwort ist so viel wert. Weil es ein Anfang ist. So wie du ja auch sagst, wir müssen verstehen, dass Liebe nicht nur romantische Liebe ist, sondern immer auch Verbindung.
Daisy Edgar-Jones: Genau darum geht es. Und um Gemeinschaft. Mrs. Jennings ist für mich zum Beispiel auch eine unbesungene Heldin. Sie gibt diesen mittellosen Mädchen ein Zuhause, gibt ihnen Gemeinschaft und ihre Freundschaft. Man kann über sie lachen, wenn man glaubt, sie sei nur jemand, der Paare miteinander verkuppeln will. Aber sie ist so großzügig und uneigennützig.
Sie möchte, dass die anderen ihr Glück finden. Ein Teil davon ist, einen Partner zu finden, der es dir erlaubt, dein authentisches Selbst zu sein. So ist es ja auch bei Brandon, der Mariannes Geist und ihre Freiheit liebt. Er versucht nicht, das zu unterdrücken, sie auszunutzen. Bei Edward ist es ähnlich. Er und Elinor finden in ihrer Güte und Sorge für einen anderen Menschen zueinander. Sie alle setzen etwas anderes vor sich selbst. Und sie verlieben sich ineinander, weil sie erkennen, dass sie damit nicht allein sind.

Was bedeutet Liebe für dich, Esmé?
Esmé Creed-Miles: Das ist so schwer zu beantworten. Für mich ist es ein Film über Frauen, die sich miteinander verbinden. Und das kann schwesterlich geschehen oder romantisch. Wir sind da Georgias Version gefolgt, denn die war ihr sehr wichtig.
Ich habe auch eine Schwester und bin von sehr vielen Frauen umgeben aufgewachsen. Für mich sind die Beziehungen zu den Frauen in meinem Leben wichtiger als alles andere. Ich habe das also wirklich genossen, die weibliche Beziehungen in diesem Film zu erforschen.
„Sinn und Sinnlichkeit“ könnt ihr ab 15. Oktober im Kino anschauen. Ich bin sehr gespannt darauf, wie euch der Film gefällt und wie ihr auf die Frage nach der modernen Adaption blickt. Denn ich finde beide Ansätze richtig: Zu hinterfragen, ob die Suche nach einem Mann so dargestellt werden muss und den Standpunkt zu vertreten, dass Jane Austen im Kontext der Zeit gelesen, nach wie vor relevant ist.

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