Wie ihr auch der ersten Frage entnehmen könnt: Lisa Maria Potthoff und ich haben schon mal ein Interview zusammen gemacht. Deswegen habe ich mich auch gefreut, als es jetzt zum neusten „Sarah Kohr“ Film wieder geklappt hat. Denn ich wollte so gern noch mal mit ihr sprechen, über digitalen Hass, aber auch über Stärke und Frauenfiguren. Denn ihre Sarah Kohr ist eine Ermittlerin, wie sie selten in Filmen zu sehen ist. Einzelkämpferin, nahkampferfahren und unerschrocken, dabei gleichzeitig aber mitfühlend den Opfern gegenüber.
Genau dieses Mitgefühl kommt in unserer Gesellschaft aber leider öfter abhanden. Lisa Maria Potthoff hat da einen Tipp, wie jede und jeder von uns da wieder mehr Anteil nehmen kann.
Wir haben neulich schon zu „Steckerlfischfiasko“ gesprochen und die Kommentare, die da von manchen gepostet wurden, haben mich sprachlos gemacht. Wie gehst du mit Hass-Kommentaren um?
Lisa Maria Potthoff: Ich muss aufpassen, dass ich das alles nicht zu nah an mich heranlasse, weil es mich dann ängstlich und traurig macht. Mein Weg für Social Media ist, dass ich das hauptsächlich beruflich nutze. Und ich habe eigentlich tolle Follower.
Ich versuche, möglichst wenige Kommentare zu lesen. Was eigentlich total schade ist, weil es ja so viele schöne gibt. Vielleicht ist es wie bei Süßigkeiten und Alkohol. Man muss das dosieren, weil zu viel davon einfach ungesund ist.
Ich finde den Gedanken, wie leicht einige Menschen enttäuscht sind, interessant. Da schreiben mir Leute: „Du hast gegendert, ich bin so enttäuscht von dir, ich mochte eigentlich deine Filme“. Wie kann das so schnell gehen?
Wir diskutieren viel über die vermeintliche Anonymität, darüber, was Hate Speech macht. Aber ich merke, dass das im realen Alltag auch zugenommen hat. Wie harsch wird z. B. im Straßenverkehr miteinander geredet? Ich habe das Gefühl, alle sind gereizt und angespannt.
Und es ist ja auch interessant, dass wir alle darunter leiden, unter diesem Hass im Netz, aber niemand jemanden kennt, der diese hassvollen Kommentare schreibt. Ich würde schon gern mal jemanden treffen, der zugibt: „Ich mach das, wenn mich was ärgert“. Wie passiert das? Situativ, weil man einen schlechten Tag hatte? Oder hat das Methode?
Ich frage mich immer, was die Leute erreichen wollen, wenn sie solche Dinge schreiben. Was ist da die Erwartungshaltung, was dann passiert?
Es gibt Themen, bei denen sich manche getriggert fühlen. Aber was die wollen? Keine Ahnung. Bei mir führt das dazu, dass ich manches einfach ausblenden muss. Dann poste ich nur ein Foto von einer Premiere und die politischen Diskussionen finden mit meinen Freunden am Küchentisch statt. Aber ist das nicht eigentlich auch schade? Dass wir die Diskussionsrunde nicht größer machen können? Da profitieren doch alle von.
Stattdessen hat man eher das Gefühl, zur Spaltung beizutragen, Öl ins Feuer zu gießen, wenn man doch mal etwas sagt. Ich habe noch nie erlebt, dass jemand durch eine kluge Instagram-Konversation jemanden dazu gebracht hat zu sagen: „Du hast recht, ich denke noch einmal darüber nach.“ Wie unendlich schade!

Könnte deine Sarah Kohr die Menschen überzeugen? Sie ist sehr viel radikaler in ihrem Auftreten als die meisten.
Wahrscheinlich lautet die Antwort ja. Aber lass mich da kurz drüber nachdenken.
Wofür steht Sarah denn? Als wir sie entwickelt haben, hat sie etwas übernommen, was vorher eindeutig männlich gelesen war: Sie war wortkarg, schlagkräftig, bedingungslos und am Rande des Gesetzes. Dass das von einer Frauenfigur übernommen wird, war etwas Besonderes.
Mittlerweile sind die Geschichten in Deutschland sehr viel mutiger. Es wird nicht mehr nur in klassischen Rollenmustern gedacht. Sarah Kohr ist sicher eine moderne Frauenfigur, gerade in ihrer Wehrhaftigkeit, aber das löst auch Gegenwehr aus. Sie ist vielleicht auch zu provokant, wobei Männer es schon auch spannend finden, eine wehrhafte Frau zu sehen.
Als ich mit dem Kampfsport angefangen habe, fanden Männer vor allem die Frage interessant, ob ich mich mit ihnen messen könnte. Da kommt direkt das Kompetitive raus. Ich finde es erfrischend, dass diese Figur über den Tellerrand guckt. Sie nimmt sich mehr raus als die meisten von uns. Vielleicht müssen Frauen da mehr hinkommen.

Ich habe gerade noch über das Wehrhafte nachgedacht: Vielleicht geht’s manchen Männern am Ende auch darum, eine Frau zu bezwingen?
Es geht bestimmt auch um das Sich-mit-ihr-Messen: Wo würden sie im Vergleich zu Sarah Kohr stehen? Was würde es bedeuten, wenn ich mich mit ihr messe? Ich finde das gar nicht nur schlimm, es ist doch gut, zu gucken, mit wem man es aufnehmen könnte.
Das würde ich mir manchmal von Frauen mehr wünschen, dass wir dieses Selbstbewusstsein haben. Ich war neulich zum Training bei meinem Meister und Freund und da war eine Schülerin mit einer Wahnsinns-Muskulatur. Ich fand sie toll und habe ihr das gesagt und sie hat sofort auf den Meister gezeigt und gemeint, dass das ihm zu verdanken sei. Aber das stimmt ja nicht, sie hat wirklich viel dafür getan.

Wir sind vielleicht auch zu sehr auf Konkurrenz ausgerichtet, auf Neid, um uns gegenseitig zu loben. Wie schade. Ich schaue mir manchmal Videos von Amerikanern an, die nach Deutschland ausgewandert sind und erzählen, was sie hier toll finden. Das gibt mir wieder Wind unter den Segeln. Denn wir sind nicht nur böse zueinander. Wir müssen nur zu dieser Grundvereinbarung zurückfinden, dass wir gut sind. Und gut füreinander. Dann kann man auch mal einen Scheißtag haben und es wird nicht alles so hochgekocht.
Wir reden so oft schlecht miteinander. Und dann geht man nach Hause und irgendjemand brüllt sein Kind an. So entsteht eine Gewaltspirale. Macht doch mal das Gegenteil. Sagt jemandem, wenn er etwas toll gemacht hat. Ich habe das neulich auch gemacht und habe mich entschuldigt, weil ich mich nicht korrekt verhalten habe. Hat einen kleinen Moment des Mutes gebraucht. Aber ich wusste, dass es der anderen Person viel bedeutet hat.
Den neusten Fall von „Sarah Kohr“ könnt ihr ab sofort in Web & App vom ZDF sehen. Der Film wird am 12.Oktober um 20:15 im ZDF ausgestrahlt.
Das Interview mit Herbert Knaup findet ihr ebenfalls auf der Seite.

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