Jonas Hummels in Interview mit Andrea Zschocher zu Tatort Jugendfußball

Jonas Hummels: „Es geht generell darum, dass man Grenzüberschreitungen früh erkennt.“

Es dürfte allgemein bekannt sein, dass ich von Fußball überhaupt keine Ahnung habe. Ich interessiere mich für diesen Sport auch überhaupt nicht, weil mich vor allem das, was ich vom Profifußball mitbekomme (während WM und EM kommt man an manchen News dann ja doch nicht vorbei) abschreckt und die Diskrepanz zum Frauenprofifußball so eklatant ist. Aaaaber, um meine Fußball-Abneigung soll es hier gar nicht gehen. Obwohl, wenn wir mal auf das Thema schauen, das Jonas Hummels und ich miteinander besprochen haben, ist die auch gerechtfertigt.

Sportjournalist und Ex-Fußballer Jonas Hummels hat sich mit der Doku „Tatort Jugendfußball“ dem wirklich schweren Thema sexueller Gewalt im Jugendfußball gewidmet. Warum wir so wenig darüber wissen? Weil das Schweigen groß ist. Jonas Hummels tut das nicht. Wir sprechen über Sensibilisierung von Eltern und Kindern, über das Verteidigen von Grenzen und Queerness im Fußball.

„Tatort Jugendfußball“ heißt deine Reportage, und man bekommt sofort ungute Gefühle. Warum ist das ein gutes Zeichen?

Jonas Hummels: Weil es eine Sensibilisierung voraussetzt. Man muss sich bewusst sein, dass ein Raum, in dem man sich wohlfühlt, für den man vielleicht auch Träume hat, gar nicht so sicher ist.

Viele Kinder haben den Wunsch, Fußball zu spielen, im Verein aktiv zu sein. Wie kann man die denn besser schützen?

Das ist ein sehr komplexes Thema. Man kann ja keinen Schalter umlegen, und dann ist alles gut. Die Übergriffe und die Gewalt passieren an vielen Stellen. Sie finden in der Fußballkabine genauso statt wie auf dem Trainingsgelände, auf der Fahrt zum Spiel oder nach Hause.

Aber es gibt Hinweise, wenn etwas passiert. Und es ist nicht so, dass Kinder da von einem Menschen, der wie ein Monster aussieht, ins Gebüsch gezogen werden und ihnen etwas angetan wird, wie das in Filmen so gern dargestellt wird. Unsere Recherche hat gezeigt, dass die Personen, die nah an den Spielern dran sind, nett und super hilfsbereit sind, eher zum Problem werden können. Weil sie es schaffen, eine Nähe herzustellen, der die Kinder sich weniger entziehen können.

Um Kinder zu schützen, müssen alle hinschauen. Und, auch wenn das tragisch und drastisch klingt: Diejenigen, die die Übergriffe am besten verhindern können, sind die Kinder selbst. Aber das kann man ihnen nicht zumuten. Deswegen sind vor allem Eltern, Trainer, Verbände gefragt. Es geht generell darum, dass man Grenzüberschreitungen früh erkennt. Dass man Kindern erklärt, was ok ist und was nicht. Und all das ist komplex, aber es ist nicht unmöglich, da etwas zu erreichen. Es ist nur ein Thema, bei dem wir alle gern wegsehen.

Wir können Kindern nicht zumuten, sich gegen die Täter zu wehren und das allein zu lösen. Aber wie können wir sie stärken, sich Hilfe zu suchen, wenn sich etwas komisch für sie anfühlt?

Kinder müssen verstehen, dass sie Grenzen haben, die niemand überschreiten darf. Sie haben körperliche Grenzen, über die niemand gehen darf, die immer beachtet werden müssen. Und sie dürfen und sollen, mit Unterstützung von Erwachsenen, diese Grenzen verteidigen.

Fußballtrainer sind in einer gewissen Machtposition, aber Kinder müssen wissen, dass die nicht alles dürfen. Je mündiger und offener man Kinder dahingehend erzieht, umso mehr schützt man sie. Wir wissen, dass in der Schule oft die Mitschüler*innen einen großen Einfluss haben, aber Eltern müssen sich bewusst machen, dass ihr Einfluss noch viel größer ist. Sie sind für ihre Kinder immer noch der Gradmesser, an dem die sich orientieren.

Jonas Hummels in Interview mit Andrea Zschocher zu Tatort Jugendfußball
© ZDF/ Willem Konrad

Ich bin im Fußball leider gar nicht bewandert, aber auch ich habe mitbekommen, dass es keinen aktiven, offen queeren Fußballspieler in der Bundesliga gibt. Ist diese Queerfeindlichkeit, das nicht ausleben können, auch ein Grund für sexualisierte Gewalt im Jugendfußball?

Puh, das ist schwer zu sagen, aber ich glaube eigentlich nicht. Denn das Gegenargument wäre ja, dass Queerness die Übergriffe verhindern würde. Homosexualität ist noch immer ein großes Tabuthema im Fußball. Und ich vermute schon, wenn es mehr Queerness gäbe, wenn Homosexualität kein Tabu mehr wäre, wäre der Fußball generell offener. Wir würden in diesem Sport gesellschaftlich viel weiterkommen, wenn es eine größere Offenheit gäbe. Brauchen wir diese starren, alten Bilder von Männlichkeit wirklich noch?

Wir wissen, dass sich Männer nicht trauen, sich in diesem Umfeld zu outen. Thomas Hitzlsperger hat auch gesagt, dass er unsicher ist, ob er jemandem raten würde, sich heute zu outen. Das zeigt doch, wie sehr wir da noch Dinge verändern müssen. In den Stadien geht es immer noch sehr homophob zu.

Natürlich ist Fußball ein körperlicher Sport, bei dem es jeden Tag zu Grenzüberschreitungen kommt. Da wird umgegrätscht, angeschrien … Es gibt wirklich vieles, was man da verbessern könnte und sollte. Aber ich glaube nicht, dass Übergriffe im Jugendfußball mit dem Aufbrechen von Rollenbildern verschwinden würden. Wir brauchen mehr Offenheit im Fußball, mehr Sensibilisierung und Fußballer, die all das selbst auf dem Schirm haben. Aber offen schwule Fußballspieler allein werden daran nichts ändern.

Ich will auch nicht sagen, dass man niemanden anschreien soll, das gehört im Leistungssport schon dazu. Ich erinnere mich an die Rede eines Hockeytrainers, der seine Spielerin angeschrien hat. Da haben sich alle aufgeregt, aber die Spielerin hat ihn verteidigt, weil das im Spitzensport auch dazugehört, um Leistung zu fordern und zu bringen.

Wenn sich das im Rahmen hält, finde ich das vollkommen in Ordnung. Ich selbst bin da nicht der Typ für, aber das ist ein Stück weit auch Persönlichkeit. Aber es gibt Grenzüberschreitungen, über die wir gar nicht diskutieren müssen, weil sie so inakzeptabel sind. Was manche Trainer für Verhaltensweisen an den Tag legen, das ist einfach übergriffig. Wir müssen mit den Kindern darüber reden, was Trainer und Betreuer dürfen und was nicht.

Nun ist man als Elternteil ja gar nicht immer unbedingt sicher, ob da wirklich eine Grenze überschritten wurde, oder ob das, wie du selbst sagst, zur Förderung vielleicht auch dazugehört. Wohin wende ich mich denn, wenn ich mich unsicher und unwohl fühle? Denn die direkte Konfrontation erscheint mir da nicht immer der beste Weg.

Theoretisch sollte es in jedem Verein, der ein Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) hat, einen Jugendschutzbeauftragten geben. Diese Menschen kümmern sich um genau solche Themen. Aber ich weiß auch, dass man diesen Anlaufstellen erstmal vertrauen muss, und das ist nicht immer gegeben. Es geht ja um sensible Themen und niemand möchte einfach nur Behauptungen aufstellen. Eltern müssen kritisch hinsehen. Was ist noch im Rahmen, was übergriffig? Ich bin mir bewusst, dass das natürlich auch anstrengend für alle Beteiligten ist, weil sich die Thematik nicht mal eben nebenbei erledigen lässt.

Es hilft, sich immer vor Augen zu führen, dass es ganz klare Grenzen gibt. Nackt mit einem Erwachsenen duschen geht gar nicht. Eine unterstützende Hand auf der Schulter ist nicht dramatisch, auf dem Po aber schon. Und gleichzeitig überlege ich, wie oft ich schon einen freundschaftlichen Klapser auf den Hintern bekommen habe, ohne dass da irgendwas dabei war. Aber wenn man das nicht möchte, dann kann man sagen: „Ich will das nicht, respektiere diese Grenze“. Die müssen die Eltern zusammen mit dem Kind definieren.

Kinder müssen sich wohlfühlen und in einem Umfeld trainieren, in dem sie willkommen sind und sich nicht ausgeschlossen fühlen. Sie müssen auch verstehen, dass sie ganz viel Handhabe haben, indem sie Grenzen aufzeigen.

Muss sich nicht auch das Bild von Männlichkeit generell in der Gesellschaft ändern, damit wir Kinder besser schützen? Denn wenn Jungs auf ihre Grenzsetzung, dass sie keinen Poklapser wollen, immer noch hören, sie mögen sich nicht so anstellen, dann fällt es noch schwerer, Grenzen zu ziehen.

Ich habe in der Jugend bei Bayern gespielt. Da geht’s um viel. Da musst du jeden Tag über die Schmerzgrenze gehen, weil es anders gar nicht geht. Und das ist ein schmaler Grat, was dann übergriffig ist und was nicht.

Und du hast recht, es gibt ein bestimmtes Männlichkeitsbild in der Gesellschaft, ob nun im Sport, in der Musik, in Filmen und Medien. Natürlich hat das einen großen Einfluss auf alle.

Es ist cool, wenn es Bilder gibt, die dem Klischee nicht entsprechen, wenn auch mal Schwäche gezeigt wird. Ich denke da an Sebastian Deisler, einen Berliner, der bei Bayern gespielt hat. Der ist wegen Depressionen aus dem Sport ausgeschieden, und er war meiner Meinung nach eines der größten Talente im deutschen Fußball. Aber im Leistungssport gibt es diesen Raum für Schwäche nicht. Und das ist eher das Problem als die Männlichkeitsbilder, wobei das natürlich auch ein Teil des Männlichkeitsbilds ist. Also vermutlich geht das Hand in Hand.

„Tatort Jugendfußball“ könnt ihr am 7. Oktober um 22:45 Uhr im ZDF anschauen. Die Sendung ist außerdem jederzeit in Web & App vom ZDF abrufbar.


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