Martina Gedeck spielt in „Heimsuchung“ die Schriftstellerin, eine Figur, die keinen eigenen Namen hat, nur über ihren Beruf beschrieben wird. Und die wir doch so gut kennenlernen. Mich hat genau diese Frage schon vor dem Interview umgetrieben: Wie gut kennen wir einander wirklich? Und wie viel lassen wir uns hinter die Fassade blicken? Genau die Frage konnte ich, ebenso wie die Frage, ob es tröstlich ist zu wissen, dass das Leben weitergeht, selbst wenn wir nicht mehr sind, mit der Schauspielerin erörtern.
„Heimsuchung“ zeigt, dass das Leben immer weitergeht. Ist dieser Gedanke für Sie tröstlich oder schwer erträglich?
Martina Gedeck: Ich finde das einen wunderbaren Gedanken. Im Film sehen wir ein Baby, das wächst, eine Jugendliche wird, sich zum ersten Mal verliebt. All das geschieht im Zeitraffer. Sie ist diejenige, die den Staffelstab weiterträgt.
Man kann in diesem Film viel über das Leben lernen. Man kann erkennen, dass Dinge, die fürchterlich erscheinen, vergehen. Dass immer etwas Neues, Anderes kommt. Der Film hat eine große Menschenfreundlichkeit. Man spürt, dass Volker Schlöndorff ein Humanist ist, dass er Menschen mag, an ihnen interessiert ist.
Der Film ist sehr leise. Verlangt er dem Publikum viel ab?
Der Roman von Jenny Erpenbeck ist deutlicher als unser Film, schon deswegen, weil sie als Schriftstellerin durch ihre Sprache all das ganz anders ausdrücken kann. Für mich sind die unterschiedlichen Zugänge bereichernd.
Vieles in „Heimsuchung“ geschieht fast nebenbei, wenig wird ganz zentral gesetzt. So geschieht unser Leben ja auch. Es kommt hier niemand mit dem großen Holzhammer daher, wie das oft in Filmen der Fall ist. Das ist ungewöhnlich. Diese kleinen Bewegungen, dafür hat nicht jeder ein Auge.
Ich könnte mir vorstellen, dass Menschen sagen, dass sie das, was es im Film zu sehen gibt, schon kennen. Aber es geht nicht um Informationsvermittlung. Man kann sich gut auf „Heimsuchung“ einlassen, auf dieses Kommen und Gehen. Es gibt in jedem Leben Abschiede, die schwerfallen. Ankommen findet auch immer statt. Ich mag das sehr. Man kann in diesem Film dem Leben zusehen, wie es entsteht und vergeht.

Das Haus im Film, ein Zuhause für unterschiedliche Menschen zu unterschiedlichen Zeitpunkten, spielt, neben all den Personen, eine wichtige Rolle. Warum hängen wir alle so an Orten?
Das Zuhause hat für die allermeisten Menschen eine große Bedeutung, weil man sich hier als Mensch aufgehoben fühlt. Es ist der Ort, der einem vertraut ist und an dem man so sein kann, wie man wirklich ist. Man muss sich nicht zurechtrücken oder irgendetwas darstellen, was man nicht ist.
Zuhause fühlt man sich dort, wo man keine Angst haben muss, dass man etwas falsch macht. An solchen Orten fängt die eigene Phantasie an, lebendig zu werden. Man hat plötzlich Gedanken und Ideen, die man in anderen Umgebungen nicht hat. Man kann auch einfach nichts tun und muss niemand sein.
In unserem Film spielt auch die Natur eine große Rolle. Wir sprechen immer vom Haus, aber die Natur, die das Haus umgibt, ist ebenso wichtig. Sie belebt die Menschen, denen wir im Film begegnen und gibt ihnen Kraft. Es gibt z.B. verschiedene Weisen einzutauchen in den See: Die einen suchen darin den Tod, die anderen das Leben.

Die Figuren im Film haben keine Namen, nur Bezeichnungen. Sie sind sehr bekannt, aber wie viel kennt man wirklich von Ihnen?
Ich verstecke mich nicht, wenn ich spiele. Natürlich ist so ein Film nur eine punktuelle Begegnung. Es bleibt ein kurzer Eindruck. Und trotzdem hat man plötzlich ein Gefühl, wer dieser Mensch ist. Und dann stellt sich die Frage: Wie gut kann man einen anderen Menschen überhaupt kennen? Selbst wenn man sehr gut befreundet ist mit jemandem, weiß man das nicht unbedingt. Man kann auch 20 Jahre mit jemandem verheiratet sein und wird ihn trotzdem nicht voll und ganz kennen. Denn jeder Mensch entwickelt sich immer weiter. Da wundert man sich dann manchmal, was da zum Vorschein kommt.
Schaut man sich die Fotos an, die von mir existieren, und all die Filme, die ich gemacht habe, bekommt man ein anderes Bild von mir. Aber gleichzeitig bin ich auch all das, was es da zu sehen gibt. Wenn ich mich mit Menschen unterhalte, die mich nur als Schauspielerin kennen, merke ich oft, dass sie ganz schön viel von mir mitbekommen. Und das nicht, weil wir sprechen, sondern weil sie sich mit meinen Rollen und der Art wie ich spiele beschäftigt haben.
Die Menschen können dann natürlich nicht sagen, wo mein Lieblingsrestaurant ist, aber vom Wesen meiner Person bekommen sie einiges mit. Das ist in meinen Filmen, in meiner Bewegung, meiner Sprache, in meinem Ausdruck im Gesicht ja auch sichtbar. Ich spiele für die Zuschauer, nicht für mich. Es gibt da eine Begegnung, die echt ist.
Das ist wie bei jemandem, der Geige spielt und dem man dann im Konzertsaal zuhört und zusieht. Da lernt man das Instrument kennen, man hört, wie es klingt. Dieses Instrument ist den Zuhörenden nicht so vertraut wie demjenigen, der es spielt. Aber man bekommt trotzdem einen Eindruck davon. Die Menschen kennen mich nicht, aber sie haben eine gewisse Ahnung von meinem Wesen. Ich finde das schön.
„Heimsuchung“ könnt ihr ab sofort im Kino anschauen. Ich bin sehr auf euer Feedback zum Film gespannt. Denn wie Martina Gedeck sehr treffend sagt: Es sind nicht die großen Momente, die diesen Film besonders machen. Ich war nach dem Kinobesuch auch erst unsicher, habe dann aber gemerkt, wie die Geschichten noch länger in mir gearbeitet haben. Für mich ist das immer ein gutes Zeichen. Und natürlich ist das Ensemble im Film beeindruckend, genau wie die Ausstattung, Maske, Kostüm und Regie.

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