Anton Spieker im Interview zu "Die Toten am Meer" mit Andrea Zschocher

Anton Spieker: „Verantwortung für die eigenen Handlungen, aber auch für seine Mitmenschen zu übernehmen, das ist männlich“

Wie ihr im Interview lesen werdet: Ich bin gar nicht so sehr davon überzeugt, dass wir noch mehr und noch mehr Krimis brauchen. Und gleichzeitig denke ich: Naja, aber wenn es eben nicht nur stumpf um Mord geht, sondern auch um gesellschaftliche Themen, dann finde ich es doch wieder spannend. Und wenn ich dann mit Menschen wie Anton Spieker sprechen kann, der in der Krimireihe Michael Brandt spielt, dann bin ich sowieso wieder on board.

Im Interview haben wir uns über Mobbing ausgetauscht, darüber, was Pfarrer eigentlich dürfen, ob wir Sagen heute noch brauchen und welches Männlichkeitsbild Anton Spieker prägt. Ganz schön viele tolle Themen, oder?

Was hast du beim Film über Mobbing gelernt?

Anton Spieker: Die Phase, in der wir die Jugendlichen da zeigen, ist eine vulnerable Zeit, sie befinden sich in der Entwicklung von Kindern zu Erwachsenen. Was sie zu Hause erleben, wie sie behandelt werden, das beeinflusst ihr ganzes Leben und auch, wie sie anderen begegnen. Für mich war das eine gute Erinnerung daran, welche Verantwortung Eltern ihren Kindern gegenüber haben. Das sollte niemand unterschätzen.

Elternschaft ist generell eine wahnsinnig verantwortungsvolle Aufgabe, aber wenn man das in dieser Phase vernachlässigt, kann das große Schäden anrichten. Sowohl beim eigenen Kind als auch bei denen, die mit dem Kind zu tun haben. Das hat mir dieser Dreh deutlich vor Augen geführt.

Ich glaube, dass man sich auf die Psychologie zwischen Eltern und Kindern einlassen muss. Und dazu gehört, Fehler eingestehen zu können. Sich auch von seinen Kindern verändern lassen zu können. Wenn man dazu nicht bereit ist, wird es schwer, die Kinder und damit die Welt zum Guten zu verändern.

Man muss Kinder immer als gleichwertige Person wahr- und ernst nehmen. In unserem Film sieht man ja, was passiert, wenn das nicht geschieht. Da geht es eher um die Außenwirkung, wie andere einen wahrnehmen, wenn das Kind vermeintlich nicht perfekt ist.

Anton Spieker im Interview zu "Die Toten am Meer" mit Andrea Zschocher
© ARD Degeto Film/Moovie GmbH/Oliver Vaccaro

Du spielst auf die Kinder und Eltern der Liliencron-Schule aus dem Film an. Glaubst du, dass die am Ende gewinnen werden, oder schaffen wir es, wieder achtsamer, sanfter miteinander zu sein?

Ich bin jemand, der die Hoffnung nie aufgeben wird. Ich will mir das auch nicht nehmen lassen. Aber ich gucke durchaus sorgenvoll auf den Ton, der zurzeit in der Gesellschaft herrscht und bemerke, wie er sich verschärft. Ich habe Sorge, dass die Liliencron-Eltern gewinnen könnten, weil es ihnen auch so wahnsinnig leicht gemacht wird. Es wird doch von den Verantwortlichen in der Politik vorgelebt, welcher Umgangston da mittlerweile möglich ist. Das ist so vergiftet. Es wurde wieder salonfähig gemacht, was lange Zeit tabu war. Diese Entwicklung besorgt mich durchaus.

Im Film hat der protestantische Pfarrer ein aktives Liebesleben, was nicht allen gefällt. Ich mochte dieses Bild, dass der Pfarrer mit der Erwartung, die viele mit dem Amt verknüpfen, bricht. Welch Sinnbild für die Gesellschaft, in der wir uns alle ja auch gern gegenseitig in Schubladen stecken, obwohl das total unnötig ist.

Die Gesellschaft denkt wirklich gern in Schubladen. Ich bin schon gespannt, wie genau das, was du beschreibst, bei den Zuschauenden ankommt. Wir zeigen hier einen eher weltlichen Pfarrer, einen ganz „normalen“ Menschen. Und dem werden Steine in den Weg gelegt, weil er nicht ins Bild einiger passt.

Anton Spieker im Interview zu "Die Toten am Meer" mit Andrea Zschocher
© ARD Degeto Film/Moovie GmbH/Oliver Vaccaro

Was ich auch mochte, ist die Beziehung zwischen Ria und Brandt. Da geht’s, zum Glück, nicht um Liebe, sondern um Kollegialität. In einer Szene öffnet sich dein Michael und statt das zu übertreiben und sich in den Arm zu nehmen, gibt es nur eine ganz zaghafte, zaudernde Berührung am Arm. Und doch steckt da so viel drin.

Die Szene, die du ansprichst, ist auch meine absolute Lieblingsszene zwischen den beiden. Es muss nichts ausgesprochen werden. Jedes Wort, das noch gesagt werden würde, wäre eigentlich zu viel. Beide haben sich verstanden, ohne dass es da ein Bedürfnis gibt, noch tiefer zu gehen. Das könnte also der Anfang von einer richtig guten Freundschaft sein. Oder es ist einfach nur ein Moment. Beides ist doch schön. Die beiden können sich einfach sein lassen, sich erkennen. Aber das muss nichts Romantisches oder Sexuelles sein.

„Die Toten am Meer“ ist schon eine eher düstere Krimireihe. Warum ist das so beliebt?

 [Er lacht] Ich habe keine repräsentative Umfrage gemacht, deswegen kann ich die Frage nicht wirklich beantworten.

Aber ich verstehe, dass diese ganze Mystik etwas mit einem macht. Das zieht einen in eine ganz eigene Welt rein, birgt die Möglichkeit, die Fantasie zu benutzen. Und was hier so gut funktioniert und schon von skandinavischen Krimis inspiriert ist: Es wird nicht alles auserzählt. Es wird eine Welt von Möglichkeiten aufgemacht, die eine Spannung hat. Dazu die Rauheit des Meeres und der Küste, das ist an sich ja schon spannungsgeladen. Das ist doch alles faszinierend.

Anton Spieker im Interview zu "Die Toten am Meer" mit Andrea Zschocher
© ARD Degeto Film/Moovie GmbH/Oliver Vaccaro

Mir hat gefallen, dass manche große Themen, wie zum Beispiel Alkoholismus, im Film ganz klein und dennoch präsent gespielt wurden.

Es braucht ja auch nicht immer den großen Dialog. Es gibt Themen, die sehr wichtig sind, auf die aber trotzdem nicht mit dem Finger gezeigt werden muss. Weil man das beim Zuschauen auch so versteht. Die Zuschauenden können sich dann weiter damit beschäftigen, aber sie müssen es auch nicht.

Das zeichnet „Die Toten“ für mich auch ein bisschen aus. Wir machen Themen von großer gesellschaftlicher Relevanz auf, damit die Zuschauenden dann selbst drüber nachdenken können.

Das bringt mich doch direkt zur Frage: Warum brauchen wir Filme in unserem Leben?

Weil wir ohne Geschichten nicht durchs Leben kommen. Das war schon immer so. Wir brauchen etwas, das uns bewegt, das uns fantasieren lässt. Das ist ja auch ein bisschen Urlaub von allem. Sich immer nur mit der Realität, mit sich selbst zu beschäftigen, kann, denke ich, sehr überfordernd sein. Ein Film bietet die Möglichkeit, anderthalb Stunden mal aus dem Alltag rauszukommen.

Wir brauchen auch nicht nur Filme in unserem Leben, sondern auch Bücher. Alles, was Geschichten enthält, hat Potenzial. Ohne all das wäre unsere Welt viel zu trist.

Anton Spieker im Interview zu "Die Toten am Meer" mit Andrea Zschocher
© ARD Degeto Film/Moovie GmbH/Christoph Assmann

Im Film spielen auch Sagen eine große Rolle. Früher haben Menschen sich damit die Welt erklärt. Brauchen wir in unserer aufgeklärten, abgeklärten Zeit heute noch Sagen?

Das kann ich nicht pauschal beantworten. Für manche sind Sagen vielleicht auch eher gefährlich. Ich mag Sagen und Geschichten, die einen moralischen Hintergrund haben, die dabei helfen, dass Menschen über sich und unser Miteinander nachdenken. An Mystik habe ich persönlich wenige Anknüpfungspunkte. Aber das heißt nicht, dass ich nicht verstehe, wenn andere das mögen, in eine fremde Welt einzutauchen und sich da vielleicht auch mal kurz hineinzuflüchten.

Welche Art von Film magst du besonders gern?

Ich mag genau das, was ich zu „Die Toten“ beschrieben habe, schon sehr. An einem gemütlichen, regnerischen Herbsttag kann ich dem sehr viel abgewinnen. Ansonsten sprechen mich Filme an, in denen Menschen emotional reif miteinander umgehen und kommunizieren. Das interessiert mich am meisten. Wenn die Reife fehlt, dann ist mir das oft zu flach, zu langweilig.

Was ist dir wichtig, damit du eine Rolle zusagst?

Für mich geht’s vor allem um die Partnerarbeit. Ich muss verstehen, was die Ziele meiner Rolle sind. Wie sie kommuniziert, welche Schwächen sie hat. Das alles gemeinsam zu erarbeiten, ist ein schönes Geben und Nehmen.

Ich gebe jeder Rolle auch viel von mir selbst. Deswegen ist jede Rollenarbeit immer auch eine Chance, auf mich und gleichzeitig auf meine Geschichte zu gucken. Das Schöne an dieser Arbeit ist ja, dass man sich eigentlich immer mit dem Leben beschäftigt. Ich empfinde es als wahnsinnig erfüllend, dass ich nichts mache, was mit mir persönlich nichts zu tun hat. Ich erkenne Themen in Rollen wieder und bin ganz gespannt, wie die Figuren dann da rangehen. Schauspiel ist immer auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst.

Und dann kann sich das Publikum, dank der Filme, auch miteinander auseinandersetzen und sich mit neuen Sichtweisen begegnen.

Ja! Wir haben viel zu wenig Austausch. Sich über die Dinge, die einen bewegen, auszutauschen, ist das Essenziellste überhaupt. Nur darüber können wir ja ein Bewusstsein für uns und andere Menschen entwickeln. Austausch miteinander ist etwas, das wir viel mehr praktizieren und immer wieder lernen dürfen.

Anton Spieker im Interview zu "Die Toten am Meer" mit Andrea Zschocher
© Per Jacob Blut

Für alle, die sich da vielleicht noch nicht so trauen, hast du einen Tipp, wie sie ins Gespräch kommen können?

Man darf lernen, Ich-Botschaften zu senden. Man kann ja von sich selbst ausgehen und überlegen: Wenn mir jemand erzählt, wie er oder sie sich fühlt, dann ist das doch ein Geschenk. Das darf man annehmen und sagen: „Danke, dass du mir das erzählt hast, ich sehe das so und so“. Oder nachfragen, wie die andere Person das meinte, ob man das richtig verstanden hat. Man muss nicht immer von sich erzählen, wenn man sich das nicht traut. Fragen stellen ist auch gut. Und man darf sich daran erinnern, dass man nicht die ganze Welt erklären muss. Man darf erstmal von sich selbst erzählen, von der eigenen kleinen Welt. Wenn man dann noch Fragen stellt und neugierig bleibt, statt allen alles zu erklären, dann ist das doch ein guter Weg. Für mich jedenfalls funktioniert er.

Und wie verhindert man, dass das als egozentrisch oder egoistisch wahrgenommen wird? Denn davor haben Leute ja auch Angst.

Es ist vielleicht egozentrisch, wenn man immer nur von sich erzählt, wenn man allen anderen die Welt erklärt. Das kann, wie ich finde, anstrengend und übergriffig wirken.

Diese dann doch häufig männliche Art der Kommunikation finde ich wahnsinnig langweilig. Das hatten wir die letzten Jahrzehnte mehr als genug. Aber so muss man ja nicht agieren. Man darf sagen: Das ist meine Sicht der Dinge, so habe ich das erlebt, wie stehst du dazu?

Weil du es angesprochen hast und es so ein wichtiges Thema ist: Wie blickst du auf Männlichkeit? Was macht einen Mann aus?

Ich habe das große Glück, dass ich lernen durfte, dass es das Schönste ist, Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung für die eigenen Handlungen, aber auch für seine Mitmenschen zu übernehmen, das ist männlich. Dazu gehört auch, sich seiner Gefühle bewusst zu sein, sie anzuerkennen, wahrzunehmen und zu akzeptieren, statt sie zu leugnen und wegzuschieben. Wer das gelernt hat, übernimmt Verantwortung für sich selbst. Und das macht für mich Männlichkeit aus.

„Die Toten am Meer – Tod eines Pastors“ könnt ihr ab sofort in der ARD Mediathek anschauen. Am 26. September läuft der Film um 20:15 Uhr auch in der ARD.


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