Julia Buchmann zu "Friedas Fall" im Interview mit Andrea Zschocher

Julia Buchmann: „Dieses Schweigen über Dinge macht alles noch schlimmer“

Das Interview mit Julia Buchmann war so intensiv wie ihr Spiel in „Friedas Fall“. In diesem extrem wichtigen und absolut sehenswerten Film (gern im Original, das lohnt sich sehr, versprochen) geht es um Frieda Keller, eine Frau, die etwas Schreckliches getan hat. Und der Schreckliches angetan wurde. Der Film und Frieda Keller selbst fordern euch heraus. Wie Julia Buchmann es so richtig zusammenfasst, ihr müsst euch zu ihr und ihrer Tat verhalten. Aber das ist ja auch wichtig.

Wenn ich euch von diesem intensiven Interview erzähle, dann trifft das zu, eben weil das Thema ein so tiefes und wichtiges ist. Gleichzeitig bin ich aber auch empowert aus dem Gespräch gegangen, weil es, gerade in diesen Zeiten, so wichtig ist, sich unter Frauen miteinander auszutauschen, auch Wut zu teilen. Ich bin Julia Buchmann extrem dankbar dafür und freue mich auf euer Feedback zum Interview und zum Film. Und über eure Wut angesichts der Frage: Wie stehen wir Frauen eigentlich heute in der Gesellschaft dar?

Wenn du Frieda treffen könntest, was glaubst du, worüber würdet ihr beide miteinander sprechen?

Julia Buchmann: So eine schöne Frage! Ich würde danken und ihr sagen, dass sie und ihre Geschichte nicht vergessen sind und sie eine Wegbereiterin für den Feminismus in der Schweiz war.

Mut ist kein abstraktes Thema. Er wird konkret, wenn man gegen bestehende Strukturen spricht. In einer Gesellschaft, die von patriarchalen Normen geprägt ist, gibt es kein Auffangnetz für jene, die diese Ordnung infrage stellen. Wer das tut, riskiert Ausschluss, Widerstand, Unsicherheit. Vor 120 Jahren war das nicht anders. Und genau daran will ich Frieda erinnern: an ihren Mut, sich diesen Machtverhältnissen entgegenzustellen. Sie war Teil eines Kampfes gegen patriarchale Strukturen – und ist es, in gewisser Weise, bis heute. Ihr Handeln war nie nur individuell. Es war politisch. Und es bleibt bedeutsam.

Damals hat der Fall viel in der Frauenbewegung der Schweiz ausgelöst. Es war das erste Mal, dass das Thema regional durch die Presse ging, dass eine öffentliche Aufmerksamkeit aufdiesen Themen lag. Ich bin mir bewusst, dass es wichtig ist, einen Grad zu finden zwischen Frieda als Opfer, aber auch Frieda als Täterin. Sie war zuerst ein Opfer, die Übergriffe passierten und daraus resultierte ihre Tat. An der gibt es nichts schönzureden. Und doch muss man genau hingucken. Denn niemand hat Frieda eine Hand gereicht, niemand hat ihr geholfen. Und auch das hat sie zu dem Punkt getrieben, an dem sie die Tat begangen hat.

Und auf einer persönlichen Ebene würde ich ihr gern erzählen, was sich verändert hat, Dinge, bei denen wir vorangekommen sind. Und die, bei denen wir immer noch hinterherhängen. Wie fühlt es sich als Frau an, nachts allein unterwegs zu sein? Oder in einer Männerrunde zu stehen, und einer wiederholt, was ich bereits gesagt habe, und alle feiern den dafür.

Julia Buchmann zu "Friedas Fall" im Interview mit Andrea Zschocher
© Arsenal Filmverleih

Wie groß ist das Gefühl der Verantwortung in dir, Frieda und ihrem Leben gerecht zu werden?

Ich bin mir dessen bewusst, ich wollte diesem Schicksal, aber auch den Umständen damals, gerecht werden, ein politisches Bewusstsein schaffen. Ich durfte mich in diese Figur reinmorphen, das war eine andere Aufgabe als die fiktiven Rollen, die ich bisher gespielt habe. Mir war es wichtig, ein gutes Maß zu finden zwischen der Auseinandersetzung mit der echten Frieda und trotzdem Raum für meine spielerische Fantasie zu haben.

Im Dialog mit der Regisseurin Maria Brendle habe ich mir immer wieder erlaubt, Freiheiten zu generieren, dass ich als Frau in diese Rolle auch reinspüren darf. Der für mich prägendste Moment war der, als ich im Staatsarchiv war und ihre Akte bekommen habe. Da steht auf dem Deckblatt: Frieda Keller: Mord.

Dieser Punkt, den fand ich entscheidend. Er symbolisiert für mich die Verurteilung einer Gesellschaft. Ich habe es als meine Aufgabe gesehen, dieser Frau noch einmal eine Stimme zu geben und im besten Fall anzuregen, dass da nicht mehr „Mord Punkt“ steht. Mir war immer klar, dass das eine große Herausforderung ist, eine Verantwortung. Und gleichzeitig eine Kraft.

Du hast dich getraut, etwas zu zeigen, was wir alle voneinander wissen, aber oft aus den Augen verlieren. Niemand ist nur gut oder nur böse. Es ist nie immer nur schwarz oder weiß. Und du zeigst genau das bei Frieda.

Genau das finde ich an dem Film und der Arbeit daran sehr wichtig. Wie ich schon sagte, Frieda ist weder nur Opfer noch nur Täterin. Es ist eine Gradwanderung, die Ambivalenz so zu lassen war wichtig für mich. Wenn man Frieda nur als Opfer sieht, dann spricht man ihr auch viel ab. Wie es beispielsweise im Film ihr Anwalt tut. Der geht in seiner Verteidigung darauf ein, dass sie hirnkrank ist. Das spricht ihr ab, dass sie im Bewusstsein darüber war, was sie tat.

Das Spannende am Film ist ja auch, das Publikum damit zu konfrontieren, es zu zwingen, sich selbst eine Meinung zu bilden. Wie steht ihr zu Frieda? Wie verhaltet ihr euch in einer solchen Situation? Wem reicht ihr die Hand? Wo fragt ihr vielleicht auch nicht nach, bleibt stumm und verurteilt direkt? Diese Fragen sind, wie der Film auch, eine wichtige Zumutung.

Julia Buchmann zu "Friedas Fall" im Interview mit Andrea Zschocher
© Arsenal Filmverleih

Die Szene, in der der Anwalt, gespielt von Max Simonischek, ihre Verteidigung mit dem Gehirn begründet, ist so stark. Deine Frieda bleibt stumm, und gleichzeitig sagt sie so viel.

Danke, es freut mich, dass du das gesehen hast. Die wenigen Worte waren eine spannende schauspielerische Herausforderung. Denn Frieda kam damals kaum zu Wort. Manchmal ist es leichter, wenn ich viel Text habe, weil ich den ganz anders nutzen kann. Wenn die Worte fehlen, muss ich in meinem Spiel extrem präzise sein. Spielerisch gesehen war Frieda eine große Herausforderung und ein riesiges Geschenk für mich.

Ich habe vor dem Film noch nie von Frieda Keller gehört. Vielleicht liegt es daran, dass ich keine Schweizerin bin, aber als ich mich mit ihr dann beschäftigt habe, fand ich auch ihren weiteren Lebensweg tragisch. Ihr wurden am Ende die Worte genommen.

In den Akten ist sehr genau überliefert, wie wenig sie gesprochen hat. Natürlich gibt es im Film auch Fiktion, man erzählt manches dramaturgisch anders. Aber zum Beispiel beim Gerichtsprozess, da verwenden wir die Originaltexte, die der Anwalt und der Staatsanwalt damals auch gesagt haben.

Zur Vorbereitung auf die Rolle habe ich auch mit einem Staatsanwalt gesprochen, der mir bestätigt hat, dass es zu der Zeit üblich war, dass Frieda kaum befragt wurde. Heute würde man sie tagelang vernehmen, auf sie eingehen, um den Menschen, der da angeklagt wird, zu verstehen. Damals war das unüblich.

Wir haben auch in dem originalen Großratssaal gedreht, das ganze Gebäude ist ja noch erhalten. Die Zelle, in der Frieda damals untergebracht war, ist leider nicht mehr erhalten. Das sind jetzt Abstellräume. Also haben wir die in einem anderen Haus nachbauen lassen.

Als wir die Szene gedreht haben, in der Frieda über den Platz zum Gericht geführt wurde, hat mir der Staatsanwalt erzählt, dass er in im Gerichtssaal nebenan einen ganz ähnlichen Fall verhandelt hat. Das ist sehr eindrücklich und zeigt, die wichtig es ist, diese Geschichten zu erzählen.

Julia Buchmann zu "Friedas Fall" im Interview mit Andrea Zschocher
© Arsenal Filmverleih

Genau diese Szene, die du gerade ansprichst, fand ich auch interessant als Parallele zur heutigen Gesellschaft. Wenn da bekannte Frauen aus Autos aussteigen, dann sieht das teilweise ähnlich aus. Wie hat sich das für dich beim Spielen angefühlt?

Das war sehr intensiv für mich. Denn jeder kann kommen und einem alles ins Gesicht brüllen. Es gibt keinen Schutzraum, nur totale Auslieferung. Der Motor für diese Szene ist die Scham. Scham vor der Öffentlichkeit, der Gesellschaft, vor dem, was man getan hat, und was einem angetan wurde.

In dem Moment verliert Frieda vor allen ihre Würde. Ihr wird gezeigt, dass sie nichts mehr ist. Mir ging es durch Mark und Bein, diese Szene zu spielen.

Scham ist ein Thema unserer Zeit, weil sich zu oft die Falschen schämen. Deswegen war der Satz von Gisèle Pelicot auch so wichtig. Auch Frieda schämt sich für das, was ihr angetan wurde. Dabei hat natürlich nicht nur der Täter einen extremen Anteil daran, sondern zum Beispiel auch die Schwester, die sich gerettet und stattdessen Frieda dorthin geschickt hat. Wie kann man jemandem anderen so etwas antun?

Dieses Schweigen über Dinge macht alles noch schlimmer. Die Schwester hat nie mit ihr darüber gesprochen. Es gab innerhalb der Familie keine Auseinandersetzung mit dem Geschehen, mit dieser Scham. Stattdessen nur Schweigen.

Die Mutter hat immer gesagt: „Am besten man schweigt, am besten man vergisst.“ Das wurde in dieser Familie und Gesellschaft vorgelebt. Und es ist nur verständlich, wie einsam sie gewesen sein muss. Sie war allein in dieser Situation. Das Gesetz war damals so, dass ein verheirateter Mann bei einer außerehelichen Vergewaltigung nicht belangt werden konnte. Denn man hatte festgelegt, dass Männer, die so etwas tun, schon in ihrer Ehe danach genügend Probleme hätten, da mussten sie sich nicht noch mit den Folgen befassen.

In dem ganzen Prozess rund um Frieda und ihre Tat ging es nie um den Täter, den Vergewaltiger und Erzeuger des Kindes. Wie viel Kraft und Mut hat es Frieda gekostet, sich all dem überhaupt zu stellen. Sie hat das ja auch stellvertretend für viele andere Frauen getan, denen das auch passiert ist. Frieda Keller war leider kein Einzelfall.

Julia Buchmann zu "Friedas Fall" im Interview mit Andrea Zschocher
© Mathias Bothor

Ich habe „Friedas Fall“ geschaut und an mehreren Stellen gedacht: Warum sind wir noch nicht weiter? Das ist so ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft. Du hast recht, in vielen Bereichen hat sich auch wirklich viel verändert. Aber wenn ich an Online-Hass denke, ein Thema, das mich gerade sehr beschäftigt, dann denke ich: Es ist irgendwie noch alles beim Alten.

Ich halte es für bedeutsam, dass in dieser Debatte zunehmend auch Wut sichtbar wird. Sie ist Ausdruck einer politischen Dringlichkeit. Aus ihr formiert sich eine neue Kraft des Widerstands in der Forderung um Gleichberechtigung und Anspruch auf ein gesellschaftliches System, das Schutz durch gesetzliche Strukturen gewährleitet.

„Friedas Fall“ läuft ab 16. April in den Kinos. Ich kann euch nur dringend empfehlen, den Film im Schweizer Original zu schauen. Es gibt eine synchronisierte deutsche Fassung, aber meine dringende Empfehlung: Schaut ihn, wenn ihr könnt, im Original mit Untertiteln. Der FIlm wirkt dann einfach ganz anders, viel eindringlicher.


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