Silke Bodenbender zu "Fast perfekte Frauen" im Interview

Silke Bodenbender: „Ich freue mich über jede größere Frauenfigur, die nicht nur sympathisch ist“

Mit Silke Bodenbender zu sprechen ist eine große Freude. Weil sie einen an ihren Gedanken teilhaben lässt, weil sie sich mit den Figuren, die sie spielt auseinandersetzt und weil es ihr bei ihrem neusten FIlm „Fast perfekte Frauen“ auch darum geht, anderen zu zeigen, wie wichtig Pausen sind. Ich finde ihren Gedanken, dass wir eben nicht erst zusammenbrechen sollten, bis wir Hilfe in Anspruch nehmen, ein existenzieller ist. Denn wir alle haben nur dieses eine Leben und dürfen, wenn wir uns erschöpft fühlen, Hilfe bekommen.

Wir sprachen nicht nur über das Thema Kur (ich kann euch nur ans Herz legen, wenn es ein Thema bei euch ist, euch damit auseinanderzusetzen und, wenn möglich, nicht noch die Kinder auf die Kur mitnehmen), sondern auch über komplexe Frauenfiguren, Ehrenämter und warum Pflanzen auch verkümmern dürfen.

Was denkst du über das Thema Kur?

Ich selbst war noch auf keiner klassischen Kur, habe aber schon zweimal eine Ayurveda-Kur gemacht, eine davon mit meiner Mutter in Indien. Das waren großartige Erfahrungen, weil ich da wirklich zur Ruhe kommen und zu mir finden konnte. Ruhe auszuhalten, nachzudenken, für sich allein zu sein, das war für mich sehr befreiend. Natürlich lernt man da auch andere Menschen kennen, mit denen man sonst vielleicht nie in Kontakt kommen würde. Ich fand das toll.

Im Film steht der Vorwurf im Raum, dass eine Kur ein sich gut gehen lassen auf Staatskosten sei. Ist es ein sich gut gehen lassen, wenn man sich als Frau und Mutter ein Kurangebot in Anspruch nimmt?

Nein, das sicher nicht. Es geht um Heilung und um Prävention, und es ist auch eine Form von Achtsamkeit, wenn man erkennt, dass man diese Unterstützung annehmen darf. Wir haben den Film auf einem Festival in Ludwigshafen gezeigt und Zuschauer sagten danach, dass sie sich nun trauen, so eine Kur, endlich in Angriff zu nehmen. Das ist natürlich schön, wenn der Film ermutigt.

Ich glaube, viele zögern, weil sie sich fragen, ob ihnen das zusteht, aber es ist wichtig, auf sich zu hören und sich zu trauen, so eine Kur zu machen, um Kraft zu tanken, wieder gesund und glücklich zu werden und am Leben wieder richtig teilzunehmen. Es ist doch auch im Sinne der Gesellschaft, dass Menschen gesund bleiben und nicht erst zusammenbrechen müssen, ehe sie Hilfe bekommen.

Silke Bodenbender zu "Fast perfekte Frauen" im Interview
© ZDF/Sandra Hoever

In „Fast perfekte Frauen“ treffen ganz unterschiedliche Charaktere aufeinander. Warum ist das eigentlich immer eine Bereicherung?

Weil man über den Tellerrand blickt. Und weil wir Gemeinschaft brauchen. Gleichzeitig gibt es im Film ja auch echt stressige Situationen. Wer will sich denn beim Essen auf Knopfdruck öffnen, nur weil irgendjemand das gerne möchte? Gesprächsgruppen, wie sie im Film vorkommen,  sind bestimmt vielen auch nicht geheuer. Das ist auch nicht meins. Aber viele Begegnungen sind natürlich auch schön und lustig. Ich war mal auf einem Fasten-Retreat und da die Jüngste und wurde immer wieder für die Trainerin gehalten. Das war schon komisch, vor allem, weil die älteren Damen dann viel gelenkiger waren als ich. [Sie lacht]

Es kommt bei solchen Kuren vermutlich oft zu gewissen Gruppendynamiken, und mich da bewusst dafür oder dagegen zu entscheiden, das war ein schöner Prozess. Die Leiterin riet mir, nicht von einer Gruppenaktivität zur nächsten zu rennen, sondern mir bewusst Zeit für mich zu nehmen. Ich sollte zur Ruhe kommen, meine Gedanken aufschreiben, und dazu musste ich mich wirklich zwingen.

Silke Bodenbender zu "Fast perfekte Frauen" im Interview
© ZDF/Sandra Hoever

Ich würde gern auf deine Suse zu sprechen kommen. Denn bei ihr ist der Grund für die Kur ja nicht die Erschöpfung, sondern der Arbeitsauftrag, herauszufinden, ob eine Kur nicht einfach nur ein Urlaub auf Staatskosten ist.

Suse handelt aus einer vielfachen Notsituation heraus: Sie hat ihren Job verloren, muss ihre Krankheit verarbeiten und macht sich Sorgen um ihre Tochter. Auch wenn sie innerlich den Arbeitsauftrag gar nicht vertreten kann, nimmt sie ihn an, weil sie sich in finanzieller Not befindet. In der Kur kommen dann zwei Sachen zusammen: Zum einen kann sie die Geschichte moralisch gar nicht vertreten, zum anderen spürt sie immer deutlicher hinter der starken Mauer, die sie zum Schutz um sich gebaut hat, dass sie selbst hilfsbedürftig ist, will das aber nicht zugeben.

Ich mochte es, dass Suse keine klassische Sympathieträgerin ist. Durch ihre Läuterung kann sie zu einer werden, aber am Anfang ist sie schon sehr sperrig und kontrolliert. Das ist bei eine Hauptfigur eher selten.

Silke Bodenbender zu "Fast perfekte Frauen" im Interview
© ZDF/Sandra Hoever

Ich mag sperrige Frauen, denn es steht uns genauso zu wie Männern, unbequem und vielleicht auch unsympathisch zu sein. Wir sehen das nur viel zu selten in Filmen. Mit deiner Suse muss man sich durchaus auseinandersetzen. Aber das muss ja nichts Schlechtes sein.

Das finde ich auch. Wir bekommen so oft weibliche Hauptfiguren vorgesetzt, die angepasst sind, die erwartbar handeln. Ich freue mich über jede größere Frauenfigur, die daraus ausbricht, die nicht nur sympathisch ist. Unsympathische Männerfiguren tauchen in Filmen auch an prominenter Stelle auf, aber bei Frauen wird eher darauf geachtet, dass sie angepasst sind. Das nimmt uns Frauen viel von unserer Komplexität. Man sollte aber auch uns in unserer Widersprüchlichkeit wahrnehmen.

Deswegen passt der Titel vom Film auch so perfekt. Der Umgang der Frauen auch untereinander ist nicht immer nur wohlwollend und liebevoll. Deine Suse hat mich trotzdem auch etwas ratlos zurückgelassen, weil sie zu ihrem Chef Tom so superfreundlich ist, obwohl der sie total ausnutzt.

Du darfst nicht vergessen, dass sie sich in einer finanziellen Notsituation befindet. Sie hat kein Einkommen mehr, hat aber hohe Anwaltskosten, die sie abbezahlen muss. Sie spielt Tom etwas vor, versucht alles zu kontrollieren, wobei sie die Kontrolle eigentlich gar nicht hat: In den Momenten, in denen sie mit Tom spricht, rutscht sie in eine totale Künstlichkeit. Er ist sehr viel jünger als sie, und sie versucht mitzuhalten, obwohl sie das nicht immer kann. Das merkt man ja auch, zum Beispiel wenn sie über Clickbait spricht.

Du hast es gerade schon angesprochen und ich fände das ein starkes Signal, wenn durch euren Film mehr Frauen sich den Raum nehmen und eine Kur beantragen. Gleichzeitig vereinsamen immer mehr Menschen. Wie können wir diesen Solidaritäts- und Gemeinschaftsgedanken besser transportieren?

Das ist eine schwierige Frage, über die ich auch schon viel nachgedacht habe. Wie bewältigen zum Beispiel hilfsbedürftige ältere Menschen ihren Alltag, wenn sie keine Angehörigen haben? Wenn da niemand ist, der sie einlädt, mal eine Veranstaltung oder einen Stammtisch zu besuchen und sich mit anderen auszutauschen. Sie müssen nicht nur wissen, dass es sowas gibt, sondern sich dann auch trauen, da hinzugehen. Es gibt ja durchaus Angebote:

Ein Bekannter von mir arbeitet ehrenamtlich für Hospizdienste. Er besucht einmal pro Woche für eine Stunde ältere Menschen zu Hause und unterhält sich mit ihnen. So etwas ist ganz toll und wichtig.

Meine Mutter hat früher im Altersheim vorgelesen, und es gibt auch sonst viele ehrenamtliche Helfer und Stammtische zu verschiedenen Themen, für Krankheiten oder auch Frauentreffs, ganz verschiedene Netzwerke. Einsamkeit betrifft aber nicht nur Ältere, sondern auch die Jüngeren. Das Problem ist, all die zu erreichen, die kaum Freunde haben, die vielleicht auch super schüchtern sind. Ich glaube, allein schafft man das vielleicht gar nicht. Deshalb bewundere ich Menschen, die sich in unserer Leistungsgesellschaft uneigennützig sozial engagieren. Wir wissen darüber oft viel zu wenig.

Silke Bodenbender zu "Fast perfekte Frauen" im Interview
© ZDF/Sandra Hoever

Manchmal weiß man selbst ja auch gar nicht, welche Hilfe man wirklich braucht. Man merkt, dass etwas nicht in Ordnung ist, dass man sich Unterstützung wünscht. Und dann kommen Fragen, wie einem denn geholfen werden kann. Aber das heißt ja nicht, dass man da eine Antwort drauf hat.

Das stimmt. Oft denken wir auch, dass wir da allein durch müssen, dass das eben so ist. Dann hilft es, wenn einen jemand an die Hand nimmt, von außen deine Belastung sieht und dich unterstützt, den Weg zu gehen. Es ist nicht immer leicht, um Hilfe zu bitten, und manchmal können wir es selbst nicht. Dann brauchen wir Menschen, die es bemerken, und da kommen wir zurück zu der Leistungsgesellschaft: Wir sind teilweise so beschäftigt, dass wir vielleicht auch übersehen, achtsam mit unserem Umfeld umzugehen. Es ist total schwierig.

Die Pflanzen-Szene hat mich nachhaltig beschäftigt: Doris schenkt Leisha eine Pflanze und sagt sinngemäß, sie solle sie einfach verkümmern lassen. Bei mir hat dieses Bild dazu geführt, dass ich hinterfragt habe, wie viele sinnbildliche Pflanzen ich eigentlich am Leben erhalte, weil sie mir irgendwer mal hingehalten hat.

Das ist ein schönes Bild, stimmt. Wieso hinterfragt man das eigentlich nicht öfter? Weil es schwer ist loszulassen und sich auf die Dinge zu konzentrieren, die einem wirklich wichtig sind? Weil man etwas erhalten will, obwohl man selbst gar nicht mehr dafür empfindet? Weil man Angst hat, vor Veränderung und davor, sich zu zeigen, wie man ist? Dabei merken wir doch, wenn wir darüber reden, sind wir meistens nicht allein mit unseren Gedanken. Andere kennen das auch.

„Fast perfekte Frauen“ läuft am 3. April um 20:15 Uhr im ZDF. Ihr könnt den Film jederzeit im Web & App vom ZDF anschauen.


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