Ich hatte das Glück, Franziska Weisz schon zu ihrer Rolle „Miriam“ in „Tage, die es nie gab“ zu interviewen. Meistens spricht man sich dann erst Jahre später fürs nächste Projekt, was oft wirklich schade ist, denn es gibt ja noch so viel mehr zu bereden. Und in dem Fall hatte ich wirklich Glück, weil die Schauspielerin einem zweiten Interview direkt zugestimmt hat. Grund war ihre Rolle „Doro“ in „Mordufer“, einer neuen Freitagabend-Krimiserie im ZDF. Und natürlich haben wir über die neue Ermittlerin gesprochen, aber auch wieder über Feminismus, Frauenfreundschaften und Suchergebnisse, die wirklich spannend sind.
Deine Doro kommt nach 15 Jahren zurück in den Dienst, und es fühlt sich für alle an, als sei sie nie weg gewesen. Wie kann das eigentlich sein?
Franziska Weisz: Du bist die Erste, die das anmerkt. Ich glaube aber, dass sich in ihrer Welt, in dem Präsidium selbst, gar nicht so viel verändert hat. Sie trifft ihren Chef und die Kollegen ja auch alle in der Stadt. Überlingen ist ja nicht riesig. Die Kinder spielen miteinander Fußball, alle sind miteinander bekannt. Doro ist also immer im Kontakt geblieben. Ihre Idee war auch nie, so lange weg zu sein. Sie hat sich entschieden, ein Kind zu bekommen, dann kam ein zweites und sie dachte sicherlich, dass sie in vier Jahren wieder da sein wird.
Sie hat sich ganz sicher immer die Unterlagen geholt, Kontakt aufgenommen und wurde immer wieder ausgebremst. Dann waren die Kinder endlich auf dem Gymnasium angekommen und dann musste sie ihre Mutter pflegen, die todkrank war. Ich bin mir sicher, dass Doro immer wieder zurück in den Beruf wollte, es ist ja auch ihr absoluter Traumberuf. Es hat nur etwas länger gedauert als ursprünglich geplant. Aber sie hat sich so sehr darauf gefreut, sie hat sicher in ihrer Freizeit Gesetzesnovellen gelesen, hat sich schlau gemacht, Zeitungsartikel über Polizeieinsätze gelesen. Im Herzen war Doro ganz sicher immer dabei.

Und wie hat sie Schritt mit der Technik gehalten? Denn da sind 15 Jahre ja eine Ewigkeit.
Wir zeigen ja, dass Doro manchmal mit Kleinigkeiten Schwierigkeiten hat. Während Chiara einfach drauflostippt, muss sie den Knopf zum Einschalten erst finden. Aber wir sind auch nicht bei „Der letzte Bulle“. Ich habe die Arbeit mit Henning Baum geliebt, wir haben uns wahnsinnig gut verstanden. Der war wirklich ganz raus, ist dann aufgewacht und musste alles neu lernen. So ist das bei Doro ja nun nicht. Im Zweifel ist sie durch ihre Kinder ja auch am Puls der Zeit.
Was magst du an deiner Doro?
Dass sie beim Reden auch mal den Bauch raushängen lässt. Ich habe ja schon die ein oder andere Kommissarin gespielt und habe, als das Angebot kam, darüber nachgedacht, ob ich das wirklich wieder machen möchte. Ich fand dann das Projekt und gerade auch die Konstellation mit der jüngeren Chefin ganz spannend. Und dann gab es so viele Themen im Drehbuch, die mich angesprochen haben.
Doro hat einen uneitlen Umgang mit ihrem Körper. Sie hat da eine Selbstverständlichkeit, die ich nur von männlichen Kollegen kenne und um die ich sie oft beneide. Ich habe schon öfter gehört, dass die sich am Vorabend vor dem Dreh extra gehen lassen, um dann die Szene am nächsten Tag besser spielen zu können. Ich kann das nicht, bei mir kommt dann schon immer eine gewisse Eitelkeit dazu. Ich möchte natürlich authentisch spielen, aber ich möchte dabei nicht aussehen wie der letzte Uhu.
Mit dem Älterwerden merke ich natürlich, dass mich das mehr umtreibt. Ich spiele viel mit meinem Gesicht, mit der Mimik. Und da muss ich gleichzeitig immer drauf achten, dass es noch hübsch aussieht, dass nicht zu viele Sorgenfalten sichtbar werden. Doro zu spielen hat mich sehr befreit, weil es bei ihr keine Rolle spielt.
Ich muss zugeben, dass Doros Kleidungsstil überhaupt nichts mit meinem persönlichen Geschmack zu tun hat. Die Miriam in „Tage, die es nicht gab“, fand ich super angezogen, das entspricht viel mehr mir. Doro trägt lauter Dinge, die ich tendenziell etwas unvorteilhaft finde, aber genau das hat mich gereizt. Ich wollte mich bewusst in diese Situation begeben, weil ich mich authentisch fühlen wollte. Und da ist das Aussehen egal.

Ich verstehe den Gedankengang, muss aber gleichzeitig sagen: Du bist eine sehr attraktive Frau und Doro ist nicht weniger attraktiv, nur weil sie ihr T-Shirt in die Hose steckt. Hast du dir die Folgen schon angesehen?
Danke, dass du das sagst. Ich habe die Folgen noch nicht gesehen, das ist tatsächlich mein besonderer Nervenkitzel, die live im Fernsehen um 20:15 Uhr anzuschauen, wie die Zuschauer eben auch. Ich kann mich eigentlich nicht gut angucken. Ich bin, wann immer ich zu sehen bin, dann ziemlich kritisch mit mir selbst. Denn wenn ich es sehe, dann kann ich es ja nicht mehr beeinflussen. Das geht nur während der Dreharbeiten.
Ich schaue mir also die meisten Sachen von mir einmal an, um zu wissen, welche Arbeit ich abgeliefert habe und auch, um für die nächsten Projekte etwas mitzunehmen.
Ich mochte die Beziehung von Chiara und Doro sehr gern. Weil die nicht von Konkurrenz geprägt ist, obwohl sie das leicht könnte, sondern von beiderseitigem Interesse. Trotz unterschiedlicher Lebensentwürfe sind beide offen füreinander.
Ich bin da auch wirklich erleichtert. In der ersten Drehbuchfassung war die Beziehung noch etwas konfliktbeladener. Und von Castingrunde zu Castingrunde, in der unsere Konstellation auf Harmonie abgeklopft wurde, hat sich herauskristallisiert, dass dieser Umgang miteinander zu uns am besten passt.
Ich möchte da unbedingt den Mut der Macher dieser Serie erwähnen, die eben gesagt haben, dass man zwischenmenschliche Spannung nicht durch einen Konflikt erzählen muss, damit es interessant bleibt. Ich finde diese Angst vor Langeweile durch Harmonie sehr bedauerlich. Was erzählt das denn über unsere Gesellschaft, wenn man sich nur über Konflikte definieren kann? Wenn man, weil man ein Frauenteam sieht, erstmal sofort mit Zickenkrieg rechnet?
Ich habe dieses wortlose Verständnis untereinander immer nur mit Frauen. Wir haben einfach eine komplett andere Sicht auf gewisse Dinge als Männer in der gleichen Situation. Ich will das gar nicht gegeneinander ausspielen, aber es ist einfach etwas ganz anderes. Und ich finde das toll, dass wir in der Serie zeigen, dass wir das interessant halten und erzählen können, ohne, dass die Frauen sich anzicken. Denn Streit zwischen Frauen zu erzählen, ist absolut uninteressant.
Mit diesem Vorurteil haben wir im wahren Leben doch schon ständig zu kämpfen. Ich lebe meine Freundschaften nicht so, ich will auch meine Arbeitsbeziehungen nicht so leben, dass ich glaube, es könnte nur eine Frau was reißen. Das ist so gestrig. Es gibt mehr als eine tolle Frau und die dürfen auch nebeneinander existieren. Mit jeder neuen Rolle, jedem neuen Medium, das das aufgreift, trampeln wir neue Pfade zu einer anderen Wahrheit.

Wie schon gesagt, Chiara und Doro leben sehr unterschiedliche Leben und akzeptieren das gegenseitig. Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft das mehr übernimmt und statt Kritik einfach akzeptiert, dass wir Frauen alle unterschiedlich sind.
Das ist doch auch die Realität. Wir Frauen können sehr gut miteinander harmonieren, auch wenn wir ganz unterschiedlich sind. Wir bringen von Natur aus schon so viele Gemeinsamkeiten mit.
Jeder Mensch hat Unsicherheiten. Und statt zu versuchen, unsere Stärken zu matchen, sollten wir in unseren Schwächen ehrlich miteinander sein. Das würde doch auch den Druck gleich rausnehmen, wenn das Gegenüber sagt, was gerade nicht so gut läuft. Da kann man sich auf eine völlig neue Weise connecten, und zwar nicht, indem man die Starke spielt, sondern indem man die Karten auf den Tisch legt und zeigt, wer man ist.
Natürlich sind wir alle unterschiedlich, aber viele Themen, die uns betreffen, sind ja auch universell. Und das ist doch ein großes Pfund, das wir mehr nutzen sollten.

Wenn man dich googelt, dann kommen da Fragen zu: Ehemann, Kinder und Tatort. Ich finde, dass dir das überhaupt nicht gerecht wird. Was würdest du wollen, dass da steht?
Wow, das ist eine tolle Frage. Da muss ich kurz drüber nachdenken.
Umweltschutz, das muss mit weitem Abstand ganz nach oben. Und dann noch Gerechtigkeit. Und Authentizität.
Was wären dann die Suchergebnisse beim Thema Umweltschutz?
Dass ich ein Masterstudium in Entwicklungs- und Umweltpolitik abgeschlossen habe, dass ich Kooperationen mit dem WWF mache und mich seit über 30 Jahren fleischlos ernähre.
„Mordufer“ könnt ihr ab sofort in Web & App vom ZDF streamen. Neue Folgen gibt es freitags um 20:15 Uhr auch im ZDF zu sehen.

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