Michael A Grimm zu "Die Maiwald" im Interview

Michael A. Grimm: „Wer nicht gelernt hat, gut miteinander zu streiten, der wird immer Schwierigkeiten haben“

An Michael A. Grimm kommt man eigentlich kaum vorbei. Denn der umtriebige Schauspieler ist seit Jahren aus der deutschen Filmlandschaft eigentlich nicht wegzudenken. Aktuell spielt er in „Die Maiwald“ den Bügermeister von Maria Alm und Bruder der titelgebenden Johanna Maiwald (gespielt von Doris Schretzmeyer), der mit seinem Ego und seiner Ehe kämpft.

Im Interview geht es aber nicht ums Kämpfen, eher ums Streiten, Geschwisterbeziehungen und (a)soziale Netzwerke.

Michael, Bürgermeister von Maria Alm,  wäre das ein neuer Karriereweg für dich?

Michael A. Grimm: Ich habe mich sehr gefreut, dass mich das Dorf so schnell willkommen geheißen hat. Ich bin kein ‚Method Actor‘, der sich da wahnsinnig lange in ein Thema reinbegibt, ich habe dafür auch zu viel zu tun. Aber ich wollte den Ort natürlich kennenlernen.

Ich habe auch schon in vielen Ecken Österreichs gedreht, war privat dort oder habe auch Theater auf verschiedenen Bühnen gespielt. Und trotzdem kannte ich den Pinzgau bisher fast gar nicht. Der war eines der wenigen unbeschriebenen Blätter Österreichs für mich. Die Menschen dort waren alle sehr offen und freundlich, ich durfte mit einigen von ihnen ins Gespräch kommen, oft sehr engagierte, interessante Leute, sodass ich sehr schnell Einblicke in die Geschicke des Dorfes bekommen habe. Ich empfand das ein oder andere Gespräch am Tresen durchaus als inspirierend und bereichernd. Aber Bürgermeister dort werde ich wohl nicht. (lacht)

Michael A Grimm zu "Die Maiwald" im Interview
© ZDF / ANDRE KOWALSKI.

Ich muss zugeben, dass ich mit deiner Figur schon ein bisschen gehadert habe. Warum benimmt er sich so? Statt mit seiner Frau offen übers Fremdgehen zu sprechen, obwohl sie dafür bereit ist, macht der total zu.

Ich glaube gerade Männer benehmen sich ja öfter mal so, und das gehört doch dann auch gezeigt. Und Männer haben durchaus auch des Öfteren Schwierigkeiten mit dieser Art von Streit und Diskussion. Dieses irrationale Verhalten, das meine Figur da zeigt, ist schon immer mal wieder ein Thema, auch bei anderen Figuren, die ich spiele. Jeder Mediator wird auch bestätigen, dass Menschen eben manchmal komisch reagieren, nicht einsichtig sind, dass sie, auch wenn da eine ist, keine Symmetrie erkennen wollen. Mich hat das sehr gereizt, das zu spielen, gerade auch mit dieser Dreiecksbeziehung zwischen Bruder, Schwester und Schwägerin bzw. Ehefrau.

Es ist aber so, dass wir in dieser Serie, in diesem Setting, nicht zu viele große Probleme aufmachen können. Bei uns geht’s in der Hauptsache um kranke Kühe oder Katzen. Was es dann spannend macht, ist das Zwischenmenschliche drumherum. Wie gehen die Figuren miteinander um? Diese Art von Spannung und vielleicht auch oberflächlichem Konflikt wird ja sehr häufig erzählt. Deswegen ist es doch interessant, dass mal nicht nach Schema F ablaufen zu lassen.

Michael A Grimm zu "Die Maiwald" im Interview
© ZDF / Lukas-Frederik Pfaff

Was genau hat dich daran so gereizt?

Bruder und Schwester sind natürlich ein Herz und eine Seele. Gleichzeitig gibt es da durchaus auch Rivalität und Kampf. Es gibt Treue und Untreue und dann die Liebesbeziehung zwischen dem Ehepaar, bei der die Frau gleichzeitig Schwägerin und beste Freundin der Schwester ist. Das ist doch eine schwierige Konstellation, die Problematiken aufwirft, mit denen man super arbeiten kann. Es ist kein serieller Stoff, aber er trägt doch von Folge zu Folge. Man will doch wissen, wie es bei denen weitergeht.

Ich habe auch mal in der Anwaltsserie „Falk“ einen Klienten gespielt, der auch so ein uneinsichtiger Typ war. In der Folge hat mein Nachbar sich auf seinem Balkon etwas angebaut, sodass er mir beim Saunieren zugucken konnte. Und meine Figur hat gar nicht gestört, dass er mich sehen konnte, sondern einfach, dass es nicht mehr so aussah wie früher. So ein merkwürdiger Starrsinn, den Menschen manchmal haben. Ich finde das schön, das zu zeigen, und auch, wie man damit umgehen kann.

Ich mag es durchaus, irritiert zu werden. Und gleichzeitig finde ich es schade, dass es dann doch wieder das fragile Ego des Mannes ist, das nicht damit klarkommt, dass nicht nur er einen One-Night-Stand hat.

Aber so steht es nicht im Drehbuch: Ich nehme in der Regel das an, was dort steht, und spiele damit. (lacht)

Kommen wir zu einer anderen, wichtigen Beziehung. Was macht für dich eine gute Geschwisterbeziehung aus?

Es braucht Liebe und den Zusammenhalt untereinander. Man ist aus der gleichen Generation, hat den gleichen oder zumindest einen ähnlichen Ursprung, denn z. B. auch Halbgeschwister oder angenommene Kinder sind Geschwister. Dann sind Geschwister ein echter Gewinn fürs ganze Leben. Ich mag aber keinen Zwang in Geschwisterbeziehungen, nach dem Motto „für uns oder gegen uns“.  

Diese patriarchalen – manchmal auch matriarchalen – Strukturen, die es bei Clans gibt, lehne ich ab. Sie haben nichts mit meinem Verständnis von Geschwisterbeziehungen zu tun. Familie muss nicht über allem stehen, aber wenn Geschwister sich als eine Bande verstehen, die voneinander lernen kann, dann ist das doch genau richtig.

Man kann sich Dinge von Geschwistern abschauen und sie ins eigene Leben einbeziehen, oft Felder, die einem ohne Geschwister vielleicht sogar verschlossen blieben, so etwas finde ich schön.

Rivalität in Bezug auf die Liebe der Eltern ist aber auch klassisch für Geschwisterbeziehungen, oder? Die Frage, wer von wem mehr geliebt wurde, ist doch immer ein Thema.

Das gibt es überall. Alles, was halbwegs geschwisterlich miteinander verbandelt ist, kennt diese Gedanken. Sie müssen nicht mal ausgesprochen werden. Und natürlich versucht man es als Elternteil bei den eigenen Kindern anders zu machen, dass man sagt, man liebt alle Kinder gleich. Wer sagt denn: „Du bist meine Lieblingstochter und du, mein Sohn, bist das schwarze Schaf“? So etwas möchte niemand sagen.

Man will, dass Kinder ihren Weg gehen und darin Erfüllung finden. Ich möchte als Vater nicht, dass mein Kind Dinge für mich erfüllt, das Kind soll sein eigenes Leben leben. Ich möchte kein Vater sein, der Druck aufs Kind ausübt.

Neben den Geschwistern spielen Liebesbeziehungen natürlich auch eine große Rolle im Leben. Was macht eine gute Liebesbeziehung aus?

Dass die Liebe bleibt. Auch dann, wenn das Gefühl des Verliebtseins abschwillt. Dass das, was man sich miteinander aufgebaut hat, der Umgang, den man miteinander hat, einen über vieles hinwegträgt. Wer nicht gelernt hat, gut miteinander zu streiten, der wird immer Schwierigkeiten haben. Nicht nur in Liebesbeziehungen, sondern auch in Freundschaften, ganz generell im Leben. Ein guter Streit will gelernt sein, denn immer nur Harmonie, das gibt es nicht. Wir sind alle unterschiedliche Wesen, wir haben verschiedene Meinungen, es gibt Interessenkonflikte. Das ist ganz normal.

Was wir brauchen, ist eine Kultur des Streitens, die nicht verletzend ist und in der man Dinge benennt, die einen stören, ohne dass der andere das nicht aushält. Und das zeichnet jede Form von guter Beziehung aus.

Michael A Grimm zu "Die Maiwald" im Interview
© ZDF / Lukas-Frederik Pfaff

Guter Punkt, aber hast du nicht auch das Gefühl, dass wir als Gesellschaft das Streiten verlernen?

Ja, absolut. Die sogenannten sozialen Medien – in meinen Augen oft asozial – tun ihr Übriges dazu, denn die Algorithmen fördern die Spalter der Gesellschaft. Diejenigen, die laut und reißerisch ihre Thesen rausschreien, werden belohnt.

Ich habe gehört, dass es ein neues Social Media aus Taiwan geben soll, das ganz anders funktioniert: Hier wird Einendes vom Algorithmus belohnt. Da würde ich auch mitgehen. Ich bin ja weder auf Insta noch auf TikTok, all das, was man in meinem Berufsstand ja vermeintlich braucht. Mir wird immer wieder gesagt, dass ich das machen soll, um Menschen zu erreichen.

Ich mache da auch gern mal für andere mit, aber ich finde das aktuelle Konzept von Social Media einfach schlecht: Jeder kann anonym seinen Mist schreiben und andere bis aufs Tiefste damit beleidigen. Solange dort die markantesten Aussagen das meiste Geld, die meiste Aufmerksamkeit bekommen, ist das keine Form, die mich interessiert.

Natürlich sehe ich, dass es im Prinzip eine gute Möglichkeit zur Kommunikation ist, denn theoretisch kann ich jeden Menschen auf der Welt erreichen. Ich versuche aber aktuell lieber, in meinem Umfeld die Kultur des guten Streitens, der guten Auseinandersetzung zu etablieren. Für mich ist das ein sehr viel sinnvollerer Gedanke.

Ich habe mit Sönke Wortmann neulich auch darüber gesprochen, der auch sagte, dass er bei Social Media nicht mitmacht. Wenn du jetzt am Anfang deiner Karriere stehen würdest, würdest du trotzdem darauf verzichten? Es ist ja inzwischen eben leider auch oft eine Währung.

Wie gesagt, das Modell des Taiwanesen finde ich schon spannend, da wäre ich vielleicht auch dabei, wenn sich das in der EU durchsetzt. Ich habe aber an sich gar kein Problem damit, Menschen zu erreichen: Ich habe Mails, ich habe Kommunikationskanäle. Ich produziere in drei GbRs verschiedene Theaterprojekte. Fast keiner meiner Kollegen ist auf Insta und wir können uns trotzdem positionieren.

Oft wird vermittelt, dass es keinen Weg an Social Media vorbei gibt, weil das alles auch so leicht ist. Aber ist es das wirklich? Ich glaube, es macht mein Leben nur oberflächlicher, nicht leichter. Ich will auch gar nicht so aus der Zeit gefallen wirken, ich finde nur das Konzept des digitalen Minimalismus ganz spannend. Ich habe das Hörbuch von Cal Newport* dazu eingesprochen, deswegen habe ich mich mehr damit beschäftigt.

Man kann digital unterwegs sein, aber man kann sich auch immer fragen, wofür man das alles nun braucht. Wen möchte man denn erreichen? Wie viele Plattformen pflegen? Ich bin Schauspieler, kein Öffentlichkeitsarbeiter, der drei Viertel seiner Zeit in die Verwaltung und Präsentation meiner Arbeit stecken will. Dann habe ich nur ein Viertel meiner Zeit für meine echte Arbeit. Das möchte ich nicht.

„Die Maiwald“ läuft seit 26. März um 20:15 im ZDF. Ihr könnt die beiden Folgen auch in Web & App vom ZDF anschauen.


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