Mit Sönke Wortmann wollte ich schon ganz lange unbedingt mal sprechen. Denn die deutsche Filmlandschaft ist ohne ihn ja kaum vorstellbar. Ich muss gestehen, einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen werden wohl für immer die „Namen“- Filme von ihm haben. Deswegen freue ich mich, dass der Regisseur einen möglichen vierten Teil selbst zum Thema gemacht hat.
Aber darum soll es ja in erster Linie gar nicht gehen, sondern viel mehr um den neusten Film vom Regisseur, „Die Ältern“. (Lose) basierend auf dem Buch von Jan Weiler steht hier das Abnabeln eines Elternteils von seinen Kindern und auch die Trennung zwischen Eheleuten im Fokus. Und gleichzeitig auch die Suche nach den eigenen Träumen. Denn der Hauptdarsteller hat (für mich) irritierend kleine Pläne für sein Leben. Da geht doch noch mehr, oder? Schaut mal „Die Ältern“ und schreibt mir dann, wie ihr das empfunden habt. Und, wenn ihr Lust habt, schreibt mir auch gern von euren Träumen. Denn was der Film ja auch zeigt: Wir haben doch alle gar nicht so viel Zeit auf dieser Erde. Nutzen wir sie doch für das, was uns wirklich gut tut und mit Freude oder Sinn erfüllt.
Was hat dich an den Büchern von Jan Weiler so angesprochen, dass du gesagt hast: Den Film will ich gern machen!
Sönke Wortmann: Das war schon eine kleine Reise. Mir gefallen seine Bücher meistens sehr gut, weil er es schafft, Alltagssituationen humorvoll zu erzählen. Und er kann Dialoge schreiben wie kaum jemand anderes.
Dazu kommt, dass wir bei „Eingeschlossene Gesellschaft“ schon mal zusammengearbeitet haben. Kurz danach erschien seine Glossensammlung „Die Ältern“, und da habe ich gedacht, dass ich das schon gern verfilmen will. Aber es hat dann sehr lange gedauert, bis das alles filmreif war. Denn für einen Film brauchen wir einen roten Faden. Den in diese Momentaufnahmen von Jan Weiler reinzubekommen, das war etwas schwieriger, als ich dachte.
Letztlich hat es vier Jahre gedauert, bis es dann so weit war. Als ich Jan den Rohschnitt vor einigen Monaten gezeigt habe, war er in Tränen aufgelöst. Ich glaube, er war wirklich sehr bewegt, weil er gesagt hat, dass es bei ihm genauso war, wie man es jetzt auf der Leinwand sehen kann. Das ist doch ein schönes Kompliment.

Mir steht er noch bevor, aber der Film hat mir schon gezeigt, dass wir Eltern uns mit dem Abschied von den Kindern beschäftigen müssen. Mich hat die Szene, in der die Hauptfigur bettelt, man möge noch ein letztes Mal zusammen in den Urlaub fahren, schon sehr gekriegt. Was glaubst du, wie kann man sich gut auf den Abschied vorbereiten?
Indem man nicht das macht, was die Hauptfigur bei uns macht. Also bitte nicht klammern, denn Veränderungen gehören zum Leben dazu. Man selbst muss sich verändern. Ich muss mich verändern, du musst dich verändern, und die Kinder verändern sich eben auch. Ständig ist da eine Veränderung. Man muss Kinder erst liebevoll umarmen und dann loslassen. Kinder gehören uns nicht. Die können nicht mit 40 immer noch bei uns zu Hause wohnen.
Ein Abschied kann schmerzvoll sein. Aber auch sehr schön.
Man sollte sich die schönen Dinge vergegenwärtigen. Die viele Freizeit, die ich dazugewonnen habe, seit meine Kinder aus dem Haus sind, die ist herrlich. Ich kann überall hinfahren, ohne zu fragen oder Absprachen zu treffen. Ich habe nicht mehr die Verantwortung, wie ich sie hatte, als die Kinder noch zu Hause gewohnt haben.
Man muss sich vielleicht auch neue Aufgaben suchen. Und nicht vergessen, offen zu sein für die Veränderung. Klammern hilft niemandem.

Man darf nicht, wie es im Film heißt, wie ein Denkmal dastehen.
Ich glaube, man muss sich rechtzeitig damit beschäftigen, dass die Kinder weggehen werden. Man muss sich deswegen kein neues Hobby suchen, aber man kann das machen. Wenn jemand auf der Suche und nicht komplett talentfrei ist, hätte ich einen Tipp: Singen in einem Chor. Das ist etwas sehr Schönes und macht nachweislich glücklich.
Chöre haben auch etwas Altruistisches. Ich habe mich mit Florian David Fitz mal darüber unterhalten, und er meinte, dass man da so gut drin aufgehen kann.
Ja, genau. Schau doch auch mal, wie glücklich sie in unserem Film aussehen, wenn sie zusammen singen. Man sieht den Menschen das wirklich an. Ich habe mir auch einige Chorproben angeschaut, da war es genauso.
Welche Figur aus dem Ältern-Kosmos ist deine Lieblingsfigur?
Ich habe keine. Wenn ich eine Lieblingsfigur hätte, dann würde das die anderen Lieblingsfiguren ja ein bisschen abwerten, oder? Sie funktionieren ja auch alle in diesem Kosmos so gut, weil sie so unterschiedlich sind.
Das ist aber auch eine sehr väterliche Antwort. Wir haben alle keine Lieblingskinder.
Haben wir ja auch nicht. Ich finde, das bedingt sich auch. Nehmen wir Anna Schudt in der Rolle der Sara: Frauen merken viel eher, wenn es vorbei ist, als Männer. Die sind da ein bisschen hinterher und wundern sich, wenn die Frau auf einmal geht. Dabei ist im Nachhinein doch eigentlich immer klar, was los ist. Unserer Hauptfigur wird das erst im Laufe des Films klar. Dafür wird sie mit einer wunderschönen Vater-Sohn-Beziehung belohnt.
Im Film ist es ein Thema, und du bist nicht in den sozialen Medien aktiv, deswegen freue ich mich auf deine Antwort: Ist man freier mit Millionen Followern oder ohne Follower?
Ganz klar ohne!
Aber es streben ja so viele danach, Follower*innen und Reichweite sind eine Währung.
Alle denken, man braucht ganz viele Follower und muss andere Menschen beeinflussen. Was für ein Stress. Wenn man eine Million Follower hat und jemand anderes, der ähnliche Dinge macht, hat 1,2 Millionen, dann ist man doch sofort unzufrieden und neidisch. Das kann doch nur schiefgehen! Ich habe null Follower, und ich brauche auch keinen.

Aber wenn du heute mit Regie und Drehbuch anfangen würdest, glaubst du, dass deine Antwort die gleiche wäre? Oder müsstest du bei dem Spiel nicht trotzdem mitmachen?
Ich glaube, dann müsste ich mitmachen. Ich bin froh, dass ich es nicht machen muss. Ich habe rechtzeitig angefangen und bin lange genug dabei. Ich weiß, was ich kann und was ich nicht kann, was ich leisten kann und wo ich auch nicht mitmachen will.
Apropos wissen, was man kann: Im Film geht es auch um Sehnsüchte und Träume. Hast du welche, die du dir noch nicht erfüllt hast?
Ehrlich gesagt nein.
Was für eine schöne Antwort.
Natürlich habe ich Ideen, die meistens mit Reisen zu tun haben. Ich war zum Beispiel noch nie in Bolivien, Peru oder Chile. Diese Seite von Südamerika kenne ich gar nicht. Meine Kinder waren mit dem Backpack unterwegs, haben sich nach dem Abitur die Welt angeguckt. Da war ich schon ein bisschen neidisch, und dann dachte ich: Das kann ich ja auch machen! Ich kann ja alles tun, was sie auch können. Ich muss es nur wollen und dann auch machen. Alle meine Wünsche sind bisher in Erfüllung gegangen. Mein einziger Wunsch ist der, dass alles ungefähr genauso weitergeht wie bisher.
Immer weiter Filme drehen wird dir also nicht langweilig?
Ich mache ja nicht nur Filme, sondern auch Theater. Letztens war ich in einem Musical, und da dachte ich, dass ich das gern auch mal versuchen würde, wenn man mich lässt. Ich habe große Lust auf neue Dinge innerhalb meiner Branche. Ich will nicht immer das Gleiche machen. Nur das Projekt „Der Deckname“ steht aktuell ja nicht zur Verfügung.
Ich gebe die Hoffnung für einen neuen „Namen“-Film nicht auf. Die haben einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen, weil ich an ihnen meine eigene berufliche Reise so schön nachvollziehen kann.
Wie schön. Danke, dass du das sagst. Wir treffen uns also spätestens dann, wenn es den Decknamen geben sollte. Wir sind ja noch jung, es kann also noch viel passieren.

Ich würde gern noch wissen: Worum geht’s denn für die paar Jahre, die wir auf der Welt sind?
Im Film geht’s darum, die Veränderungen, die sich zwangsläufig einstellen, zu umarmen und mitzumachen. Darum, seinen eigenen Weg auch im letzten Drittel oder Viertel des Lebens zu gehen und das so aufregend zu finden wie vorher auch.
Dass man nicht nur den Kindern das Frühstück macht und dann aufhört, weil sie aus dem Haus sind. Man sollte sich die Sachen trauen, vor denen man vielleicht eigentlich Angst hat. Dinge angehen, die nicht ganz so leicht umzusetzen sind.
„Die Ältern“ läuft ab heute im Kino. Geht rein, schaut ihn euch an und dann erzählt mir mal, wie gut ihr euch schon mit dem Auszug eurer Kinder abgefunden / darauf vorbereitet habt. Ich finde das eine wirklich spannende Aufgabe, an die die meisten von uns im Stress des Momentes wohl nicht wirklich denken. Gut, dass Filme uns auch darauf immer mal wieder stoßen, oder?

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