Vermutlich habt ihr alle schon mal was von Jan Weiler gelesen. Nicht nur, dass er als Autor extrem erfolgreich Bücher veröffentlicht und damit immer wieder auf der Spiegel-Bestsellerliste landet, er hat als Journalist auch lange Jahre die Süddeutsche Zeitung mitgeprägt und auch da natürlich viel gelesene Artikel veröffentlicht. Und wenn Lesen (bisher) nicht euer Ding ist: Einige von Jan Weilers Romanen wurde bereits verfilmt, aktuell läuft „Die Ältern“ im Kino.
Meine Kinder kratzen altersmäßig gerade an der Pubertät, warum also nicht mit einem Autor darüber ins Gespräch kommen? Jan hat sich zum Glück sehr viel Zeit genommen, so dass wir nicht nur über die Pubertät, sondern auch fehlende Resilienz, Verwunderung über unsere Gesellschaft und kreativen Widerstand sprechen konnten.
Wie groß ist die Sorge deines Umfelds, als Material in einem deiner Bücher zu landen?
Jan Weiler: Gering, denn alle wissen, dass ich das weitgehend von ihnen wegfiktionalisiere. Es wird nie etwas drinstehen, was sie bloßstellt, das möchte ich nicht. Weder bei meinen Kindern, bei meiner Familie noch bei den Menschen, die vielleicht nur am Rand auftauchen.
Es ist eher so, dass mir Menschen gern mal etwas erzählen und sagen: Na, passt das nicht für dich? Vielleicht kannst du das gebrauchen. Es gibt also eher die Neigung, mich mit Geschichten zu bestücken, als sie von mir fernzuhalten. [Er lacht]
Das zeigt aber auch, dass Menschen dich sehr gern lesen.
Durchaus. Aber ich muss auch gestehen, dass die Menschen aus meinem Umfeld jetzt nicht ständig alles von mir lesen. Mein Freundeskreis und mir nahestehende Menschen interessieren sich erfreulicherweise für ganz andere Dinge an mir als für mein Schreiben. Für die bin ich nach 40, 50 Jahren jemand ganz anderes. Wenn ich so drüber nachdenke, gibt es vielleicht überhaupt nur drei Freunde, die lesen, was ich schreibe. Es spielt in meinem Umfeld einfach keine Rolle.
Und vielleicht ist es auch noch mal wichtig zu sagen, weil ich da immer wieder mal Nachrichten bekomme: Auch die Figur des Erzählers ist eine fiktionale. Das bin nicht eins zu eins ich. Der Erzähler in diesen Kolumnen ist sehr viel mainstreamiger, als ich es bin. Der einfache Grund dafür ist, dass ich glaube, dass ich viel weniger Leute mit meinem Schreiben abhole, wenn der Erzähler näher an mir dran wäre. Ich höre zum Beispiel sehr gern Indie Music und Punkrock. Das spiegelt sich aber nicht in den Kolumnen wider. Oder ob ich Hunde oder Katzen lieber mag. Ich will da einfach niemanden verlieren, weil ich mich positioniere. Und es ist ja für die Kolumnen auch nicht wichtig.

Ist das eigentlich ein gewachsenes Problem, dass Menschen nicht mehr so gut zwischen dem literarischen und dem echten Ich unterscheiden können?
Das ist ein gewachsenes Problem. Es gibt so viele Künstler, die auf der Bühne polarisieren, und die Leute schaffen es nicht, das als Rollenprosa zu begreifen. Den Menschen fehlt jede Resilienz gegen die Dinge, die nicht in ihr Bewertungsschema passen. Sie können das nicht aushalten, drehen durch, wenn jemand sich nicht verhält, wie ihre Matrix das vorgibt. Ich erlebe das auf so vielen Ebenen, und es macht mir große Sorgen. Denn wenn Erwachsene das nicht mehr können, wie sollen Kinder das lernen? Eltern rennen heute wegen jeder Scheiße in die Schule, um sich da am besten gleich bei der Schulleitung völlig unbootmäßig zu beschweren. Das vermittelt Kindern natürlich eine gewisse Haltung. Die lernen, dass das vollkommen in Ordnung ist. Aber das ist es nicht. Man wird nicht gleich traumatisiert, nur weil man in der Schule mal einen Anpfiff bekommt.
Kinder müssen auch lernen, integer zu sein. Sonst haben wir am Ende lauter Leute, die Polizisten anbrüllen, weil sie mal zwei Meter hinter die Absperrung gehen sollen, wie ich das so oft beim Scrollen auf Instagram sehe. Solche Leute schreien dann „Polizeistaat“ und spucken anderen ins Gesicht. Was ist das für ein merkwürdiges Verhalten? Die Leute halten überhaupt nichts mehr aus, die haben Nerven wie Nudeln.
Es ist auch alles gleich relevant, Kontexte werden abgeschafft. Als ich mal außerplanmäßig in Hanau gelandet bin, weil der ICE nach Frankfurt dort gehalten hat, weil es einen Notfall gab, sind die Leute ausfällig geworden. Da haben Ärzte gerade versucht, jemandem, der einen Herzinfarkt erlitten hat, das Leben zu retten – das war auch für alle sichtbar – und ich erlebe, wie ein Geschäftsmann auf dem Bahnsteig den Schaffner anbrüllt, dass er unverzüglich verlangt, dass der ICE nun weiterfährt, er habe einen wichtigen Termin. Der Zugbegleiter hat ganz ruhig versucht, dem zu erklären, dass da gerade jemand stirbt, und die Antwort war, dass das scheißegal sei, der Termin sei wichtig.
Da fühlen sich Leute dann in ihrer Individualität nicht gesehen, statt dankbar zu sein, dass sie da gerade nicht um ihr Leben ringen. Das ist doch ungeheuerlich. Man muss sich doch immer mal wieder fragen, ob das, was man da tut, wirklich erdgeschichtlich wichtig ist oder ob es nur um das eigene Ego geht. Machen wir denn die Welt wirklich zu einem besseren Ort? Für die meisten von uns lautet die Antwort auf die Frage wohl eher nein. Wenn die Ideologie größer wird als der Respekt vor den Mitmenschen, ist das schwierig.
Ich könnte noch ewig mit dir über dieses Unverständnis gegenüber Menschen sprechen, aber ich will es gern etwas spitzer machen. Mir steht die Pubertät meiner Kinder noch bevor, du hast das erfolgreich hinter dich gebracht …
Da bin ich mir nicht so sicher. Ich habe das Gefühl, das dauert ewig. Meine Kinder sind natürlich eigentlich schon da raus, aber manchmal gucken sie mich immer noch an, als wären sie 14. Und dann zischen sie mich an, sagen Dinge wie: „Ich hasse deine Stimme, wenn du mir etwas erklärst.“ Da habe ich gehofft, dass wir da irgendwann drüber hinwegkommen, aber aktuell sieht es noch nicht so aus.
Wie kommt man mit Humor durch diese Phase? Denn natürlich sind deine Texte voller Humor.
Ich glaube, man kommt da gar nicht nur mit Humor durch. Es ist ja auch eine Phase, in der Kinder extrem verletzend sein können. Da sprechen sie vermeintliche Wahrheiten aus, die einen wirklich sehr treffen können. Da ist bei mir Schluss mit Humor. Ich habe das den Kindern dann auch gespiegelt, habe ihnen vermittelt, dass sie solche Sachen ja auch nicht gesagt bekommen wollen.
Natürlich sollte man seine Kinder ernst nehmen. Darüber hinwegzugehen, was bei ihnen in dieser Phase abgeht, und sich einfach nur zu sagen, dass da nicht alle Synapsen verdrahtet sind, das hilft ja niemandem. Ich habe nachgefragt und ihnen auch gesagt, wenn sie mich überfordern. Man kann nicht mit allem gut umgehen. Dann haben wir Pausen voneinander vereinbart.
Was sich gut mit Humor wegmoderieren lässt, sind manche Vorlieben für sexy Vampire oder deutschen Hip-Hop. Dieses langweilige Geblubber, das konnte ich gut mit Humor nehmen. Da habe ich dann schon immer mal einen Spruch gemacht. Das finde ich auch gar nicht so schlecht, das bildet die Kinder rhetorisch. [Er lacht]
Und was ist ein No-Go in der Pubertät?
Ich muss nicht alles dufte finden, was die Kinder hören oder anziehen. Aber man darf es weder verbieten noch ihnen mies machen. Hier und da mal einen kleinen Spruch ist okay, sonst fehlt ja auch die Reibung, aber es sollte nie gemein werden.
Eltern sollten Kinder auch nicht als Projekte betrachten. Das passiert leider bei manchen, da denke ich immer: Die armen Kinder, die sich ja nicht ausgesucht haben, unter solch einem Erfolgsdruck zu stehen.
Aber erzeugen Kinder diese Reibung nicht selbst? Die meisten wollen sich ja abgrenzen.
Ja, das sind dann die, die mit 17 Jahren aufhören, Cello zu spielen – nicht, weil ihnen das Instrument keinen Spaß mehr macht, sondern weil ihnen die Eltern keinen Spaß machen. Dabei ist es natürlich schon auch wichtig, dass Eltern ihre Kinder fördern und auch mal sagen: „Reiß dich mal zusammen, es regnet, aber du kannst trotzdem zum Training. Ich fahr dich.“
Man muss eine Mitte finden, sie zu fördern und zu fordern. Dafür braucht man grundsätzlich ein Interesse an seinen Kindern. Um auf deine Frage zurückzukommen: Es ist heutzutage sauschwer, sich von seinen Eltern abzugrenzen.

Du hast gesagt, Eltern sollten sich grundsätzlich für ihre Kinder interessieren. Was ist da ein guter Weg?
Interessieren muss ja gar nicht heißen, dass man ständig versucht, deren Talent für irgendwas zu fördern. Es kann auch heißen, dass man beim Abendessen mal fragt: Was war der beste Moment des Tages? Was hat dir heute am meisten Spaß gemacht? Worüber hast du heute am meisten gelacht? Was war heute für dich blöd?
Bitte nicht immer nur nach Dingen in der Schule fragen. Ich habe meinen Sohn beim Abendessen mal gefragt, was in der Schule los war, ob er irgendwas zurückbekommen hat. Er war überaus einsilbig, und nach zweimaligem Nachfragen hat er nichts mehr gegessen und nur noch rumgesessen. Auf meine Frage, warum er nichts mehr isst, meinte er, dass er nicht mehr gerne isst, weil er jedes Mal, wenn er isst, über die Schule reden muss. Das hat sich sehr eingeprägt. Er meinte dann, dass es so wäre, wie wenn er mich jedes Mal fragen würde, ob mein Roman schon fertig sei. Was für eine prägnante Logik!
Wir haben dann vereinbart, dass beim Essen nicht mehr über Arbeit und Schule gesprochen wird, und haben das danach nie wieder gemacht. Die einzige Ausnahme: Wenn die Kinder von sich aus etwas erzählen wollten.
Mich hat dieser Moment in meiner Auffassung bestärkt, dass Eltern pädagogische Dinge am besten von ihren Kindern lernen. Sie brauchen keine Ratgeberliteratur, sie müssen sich nur mit ihren Kindern beschäftigen und schauen, wie die auf Dinge reagieren. Kein Ratgeberautor dieser Welt kann doch herausfinden, wo die Grenzen meiner Kinder liegen.
Ja gut, ich habe durchaus ein paar Ratgeber geschrieben.
Ich sage jetzt mal ein ganz schreckliches Beispiel: Als meine Tochter ganz klein war, gab es dieses Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“. Da hat man allen Ernstes gesagt, dass die Kinder eine Dreiviertelstunde heulen sollen und man sie auf keinen Fall damit belohnt, dass man reingeht und sie tröstet. Was für ein Quatsch. Und trotzdem hat eine Elterngeneration das damals gemacht. Das ist rückblickend betrachtet wirklich totaler Unsinn.
Es ist doch merkwürdig, dass man, anstatt diesem kleinen Wesen eine Situation und ein Umfeld zu schaffen, in dem es sich sicher fühlt und es vor lauter Vergnügen einfach einpennt, solche Schreckensszenarien entwirft. Man kann doch die Füßchen massieren und vor sich hin brummen und dafür sorgen, dass es dem Kind gut geht, statt darauf zu warten, dass es ihm schlecht geht und es dann vor Erschöpfung einschläft. Die Leute sollten sich also mehr mit ihrem Kind beschäftigen statt mit diesem Buch. Das Kind ist im Zweifel ein viel besserer Ratgeber als so ein Buch – womit ich nicht sagen will, dass in allen Elternratgebern dummes Zeug drinsteht.
Es gibt da bestimmt auch gute Ansätze und interessante Denkmodelle und vielleicht auch Sachen, auf die man selber gar nicht kommt. Aber das muss man immer mit der individuellen Situation abgleichen, in der sich das eigene Kind gerade befindet. Und die findet man nicht auf Seite 114 im Buch, sondern im Gesicht des eigenen Kindes.

Du hast keinen Ratgeber geschrieben, aber ich vermute trotzdem, dass Leute zu dir kommen und dich nach Tipps fragen, oder nicht?
Zu den Hochzeiten des Pubertiers kamen unheimlich oft Familien in die Lesungen. Die Kinder saßen mit verschränkten Armen und Null-Bock-Haltung da und waren am Ende sehr vergnügt und lustig. Weil sie im Laufe der Lesung kapiert haben, dass sie in den Geschichten immer gewinnen. Das ist im echten Leben ja nicht immer so.
Ich mochte auch, dass die Familien, die sich die Bücher signieren ließen, das für die ganze Familie getan haben. Und dann meinten sie, dass sie die Themen aus dem Buch auch zu Hause haben, nur nicht in lustig. Dass sie aber daran arbeiten würden, dass es lustiger wird. Das fand ich interessant, weil ich gemerkt habe, dass die Probleme oft dieselben sind, nur kriegen andere das amüsant hin und bei uns artet das so aus.
Ich bin fest davon überzeugt: Je cooler die Eltern, desto cooler sind die Kinder. Das ist doch schon bei ganz kleinen Kindern so. Wenn die Eltern jedes Mal durchdrehen, wenn da eine Brennnessel die Kinderhand berührt, dann drehen die Kinder doch nur noch mehr auf. Je ruhiger und besonnener Eltern reagieren, umso mehr sie lächeln, umso mehr können Kinder das auch.
Das ist aber alles ganz kurz vor „Entspannte Eltern haben entspannte Kinder“, ein Satz, der mich jedes Mal mit den Augen rollen lässt.
Verstehe ich, und trotzdem ist da doch etwas dran. Man muss nur die Waage finden. Wenn man als Familie vier Stunden lang im Stau steht, die Klimaanlage aus ist, die Batterie leer, es gibt nichts zu essen und zu trinken, der Vater will dringend ’ne Zigarette rauchen und die Kinder aufs Klo, niemand kann sich mehr allein beschäftigen, da ist es nur normal, dass einem die Hutschnur reißt. Das sind, ebenso wie Supermärkte, extreme Situationen.
Wenn da ein Kleinkind einen Joghurt fallen lässt, da muss man ja nicht ausrasten. Sind wir direkt wieder beim Thema Maß halten. Das ist uns, finde ich, in vielen Bereichen einfach verloren gegangen. Mein Eindruck ist auch, dass Menschen, die jetzt Kinder bekommen, unter einem viel größeren Druck stehen, perfekt sein zu müssen. Es gibt ja auch die Maxime, dass sich Eltern und Kinder auf bestimmte Arten und Weisen verhalten müssen. Da darf niemand brüllen und aus der Haut fahren, weil das alles ganz schlecht für die kindliche Entwicklung ist. Da ist doch so viel Druck drauf, dass Eltern jedes Maß verlieren.
Es gibt ja diese Diskussion um die Bundesjugendspiele, die abgeschafft werden sollen, weil die Kinder nicht fürs Leben demotiviert werden sollen. Also zum einen könnte man sie ja auch motivieren, sich mal etwas schneller zu bewegen. Oder man macht, was wir damals gemacht haben. Wir haben das Konzept mit absichtlichen Fehlleistungen ad absurdum geführt.
Wir haben versucht, beim Kugelstoßen Minuswerte zu erzielen, indem wir nach hinten geworfen haben. Oder wir haben mitbekommen, dass der zeitnehmende Lehrer beim 1000-Meter-Lauf erst nach Hause gehen durfte, wenn der Letzte durchs Ziel gelaufen ist. Wir haben also alles dafür getan, nicht an die Ziellinie zu kommen. Der Typ ist richtig wütend geworden, weil wir absichtlich nicht mitgemacht haben. Ich finde unser Herangehen da wesentlich kreativer, als diesen Schwachsinnswettbewerb zu verbieten, damit keine Kinder angeblich traumatisiert werden. Sollen sie doch zurücktraumatisieren! Kreativer Widerstand in jeder Form ist doch grandios.
Wenn ihr Jan Weiler erst neu für euch entdeckt, lohnt es sich mit „Das Beste – Mein Leben zwischen Pubertieren„* zu beginnen. Hier findet ihr eine Sammlung und einige Bonus-Episoden aus den Einzelbänden „Das Pubertier„*, „Im Reich der Pubertiere„* und „Und ewig schläft das Pubertier„*. Es gibt außerdem weitere Bände wie „Die Ältern„* oder „Älternzeit„*. Und ja, Jan Weiler ist auch der mit dem Roman „Maria, ihm schmeckts nicht„*.
Ich mag ja auch „Munk„* und „Der Markiesenmann„* sehr gern. Jan Weilers Roman „Die Ältern“ wurde fürs Kino verfilmt, die Serie „Das Pubertier“ dürfte sich (mit etwas Glück) noch in den Mediatheken des ZDF finden lassen. Und mehr von Jan Weiler findet ihr natürlich auch auf seiner Website.
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